8. November 2009

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Tagung in Eisenstadt: "Das Dorf in den Literaturen Südosteuropas"

Die Kommission für Geschichte und Kultur der Deutschen in Südosteuropa, das Burgenländische Landesarchiv und das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München veranstalteten die internationale Tagung „Das Dorf in den Literaturen Südosteuropas (19. - 20. Jahrhundert)“, die zwischen dem 24. und 26. September 2009 im burgenländischen Eisenstadt stattfand.
„Ich halte mich mit beiden Händen an einem Ast fest und sehe die Kirche des Nachbardorfes, auf deren dritter Treppe sich ein Marienkäfer den rechten Flügel putzt.“ So endet Herta Müllers Erzählung „Dorfchronik“, die Gegenstand der Analyse in einem – der Tagung vorangestellten – Nachwuchsseminar war. Inwieweit kann das Dorf als Entstehungskosmos einer literarischen Welt dienen? Wo sind die Übertragbarkeiten, wie lassen sich dörfliche Mechanismen literarisch oder historisch beschreiben? Was ist prototypisch, und wie nahe lässt es sich heranfahren an die Eigenheiten des Dorfes? Wo liegen seine Grenzen? An diesen Fragen orientierten sich sowohl das von Prof. h. c. Dr. Peter Motzan (München) geleitete Nachwuchsseminar, in dessen Rahmen vier Themen zur Kultur des ländlichen Raums vorgetragen wurden, als auch die internationale Fachtagung.

„Spätestens seit dem 19. und verstärkt im 20. Jahrhundert ist in den europäischen Literaturen über das Dorf und vom Dorf geschrieben worden. National- und Regionalliteraturen, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler haben jeweils ‚ihr Dorf‘ entworfen, im Volksstück, Bauernroman, in der Dorfgeschichte bzw. im wissenschaftlichen Diskurs. Auf der Tagung soll gefragt werden, wie solche Entwürfe von Dorf im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert in Südosteuropa gestaltet wurden“, betonte in der Einführung Prof. Dr. Harald Heppner (Graz), der die Veranstaltung in seiner Eigenschaft als Kommissionsvorsitzender eröffnete. Wie attraktiv eine solche Fragestellung ist, zeigte die bunte Zusammensetzung der Teilnehmer, aber auch die durchaus unterschiedliche Schwerpunktsetzung, mit der von Seiten der Vortragenden auf das Tagungsthema reagiert wurde.

Bereits der erste Vortrag, gehalten von Prof. Dr. Konrad Köstlin (Wien), der unter dem Titel „Das Dorf als Muster“ über den Wandel in der Wahrnehmung und der Bedeutungsbelegung des Dorfes sprach, rief eine lebhafte Diskussion hervor, die vom Engagement der Teilnehmer zeugte. Es wurde versucht, sich der Frage zu nähern, inwieweit und unter welchen Umständen sich im Kontext des Dorfes von einer „notgedrungen bewahrten Ordnung“ sprechen lässt. Indikatoren des dörflichen Lebens wie Bräuche, Gewänder, der Kirchgang, oder einfach der Gebrauch spezifischer Werkzeuge, können jener Debatte nützlich sein, ob das Dorf als Traditions- und Kulturträger die unentbehrliche Substanz einer Gesellschaft ausmacht oder, in seinem Gegenteil, als Warnsignal für deren kulturelles Erstarren zu verstehen ist.

Diese Diskurse untersuchten Dr. Gerhard Baumgartner (Eisenstadt) und Dr. Jakob Perschy (Eisenstadt) in der burgenländischen Literatur und Kulturpolitik des 20. Jahrhunderts.

Die Bezüge zu Ungarn stellte Prof. Dr. Dénes Némedi (Budapest) mit Anschauungen der ungarischen „népiek“ („Volkstümler“) über das Dorf und die Deutschen her. Daran schlossen sich Überlegungen des Referenten an, ob mit der jeweiligen sprachlichen Bindung eine signifikante politische oder ideologische Tendenz einher ging. Dr. Juliane Brandt (München) und Dr. Eszter Probst (Szeged) ergänzten das Themenfeld durch ihre Vorträge „Das Dorf und seine Deutschen in literarischen Programmschriften“ am Beispiel von Imre Kovács „Stumme[r] Revolution“ beziehungsweise „Dörfer der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur“.

Prof. Dr. Mira Miladinović Zalaznik (Laibach) und Dr. Wolfgang Kessler (Herne) behandelten die Darstellung des Dorfes im südslavischen Kontaktraum anhand der Werke Friedrich von Gagerns und der deutschsprachigen Kalenderliteratur Jugoslawiens in der Zwischenkriegszeit.

Dr. Gerald Volkmer (München) schlug den Bogen zum rumänischen Kulturraum, indem er sich mit dem „Bild der Landbevölkerung in den rumänischen Geschichtsschulbüchern nach 1945“ auseinander setzte. Er legte dar, dass die im wahrsten Wortsinn geschulte Wahrnehmung der ländlichen Bevölkerung in Rumänien eben nur zum Teil mit den historischen Realitäten übereinstimmen konnte. Interessant wurde der Diskurs gerade nach dem Systemwechsel von 1989, als sich die Wahrnehmung der Vergangenheit zwangsläufig ändern musste. Volkmer problematisierte Stationen der Revidierung und Beibehaltung des nationalen Geschichtsbildes und dessen Entwicklung bis in die heutige Zeit hinein.

Auf Kontinuitäten und Veränderungen im literarischen Verständnis des Dorfes ging Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth (München) ein und beschrieb generationsspezifische Sichtweisen dem siebenbürgisch-sächsischen Dorf gegenüber. Mit Blick auf die Schriftstellerdynastie Oskar, Erwin und Joachim Wittstock stellte er dar, wie dörfliche Muster gestaltet, modifiziert und weitergegeben werden, aber auch, wie wichtig die jeweilige Perspektive dabei ist, betrachtet man das Dorf beispielsweise aus einem städtischen Wohnhaus heraus.

Dr. Olivia Spiridon (Tübingen) beleuchtete in einer Längsschnittuntersuchung die „Darstellung von Akkumulationsprozessen in Dorfgeschichten aus Siebenbürgen und dem Banat“. Sie untersuchte u.a. das stufenweise Herausbilden anti-dörflicher Identitäten, die in der politischen Zäsur von 1945 ihren Anfang nahmen, in den 1970er Jahren aber weitaus stärkere Tendenzen ausbildeten.

Eduard Schneider (München) schloss in seinem Referat über „banatschwäbische Dorfgeschichten in der deutschsprachigen Presse Temeswars“ daran an und vollzog somit aus der Perspektive des Zeitungswesens eine Positionsbestimmung und Beschreibbarkeit des Dorfes nach.

In seinen „Anmerkungen zu Hans Liebhardts siebenbürgischen Dorfgeschichten“ interpretierte Prof. h.c. Dr. Peter Motzan (München) diese als ironisch-melancholischen „Versöhnungsdiskurs“, in dem die Gegensätze zwischen kommunistischem Herrschaftssystem und identitätsbewahrender Minderheitenexistenz am Beispiel der „Karriere“ eines armen Bauernjungen gleichsam aufgehoben werden.

Nicht zuletzt der banatschwäbische Schriftsteller Johann Lippet (Sandhausen) rundete das Tagungsgeschehen ab. In einer gemeinsamen Lesung mit der burgenländischen Schriftstellerin Südtiroler Herkunft, Helene Flöss zeichnete er in seinem Roman „Migrant auf Lebzeit“ ebenjene Problematik des Verlassens und der sich verschiebenden Wiedererkennung des Dorfes. In seinem Roman heißt es: „Jemand ging durch ein Dorf, indem er jeden Stock und Stein kannte, aber diejenigen, die ihm vielleicht aus den Höfen nachschauten, wussten das nicht und hielten ihn für einen Fremden.“ Und wenig später entdeckt er in seinem Protagonisten das dörfliche Mittensymbol – etwas anders als Herta Müller in ihrer „Dorfchronik“ – wieder: „Die Kirche war außen renoviert, das Kreuz auf der Kirchturmspitze stand schief.“

Eine solche, perspektivisch unterschiedliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Dorf“ war Garant für das Gelingen der Tagung. Betrachtungen, die mal historisch, mal soziologisch, mal literarisch ausgerichtet waren, verschafften Zugänge zum ländlichen Raum, die sich auf dem dörflichen Marktplatz doch immer wieder trafen.

Joachim Schneider

Schlagwörter: IKGS, Germanistik, Literaturgeschichte

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