12. November 2009

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Landeskonsistorium nimmt Stellung zu Herta Müllers Kritik

Zu der von Herta Müller bei der Verleihung des Franz-Werfel-Menschrechtspreises am 1. November 2009 in der Frankfurter Paulskirche formulierten Kritik an der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (diese Zeitung berichtete) nimmt die Kanzlei des Landeskonsistoriums in Hermannstadt wie folgt Stellung.
Anfang März 1989 erreichten uns Nachrichten über ein geplantes Podium „Forum Rumänien“ am West-Berliner Kirchentag im Juni; ferner dass zur Podiumsdiskussion u. a. das Schriftstellerehepaar Herta Müller und Richard Wagner eingeladen sei. Diese angesagte Podiumsdiskussion hat zu der Befürchtung Anlass gegeben, dass es zu (berechtigten) Anfeindungen gegen die rumänische Staatsführung komme werde. Man vergegenwärtige sich den Zeitpunkt: 1989! Es war die Zeit des Ceauşescu-Regimes, wo im Land blanke Not herrschte und Zensur und Repressalien unerträgliche Formen angenommen hatten. Aus der jahrzehntelangen Erfahrung mit der kommunistischen Diktatur war abzusehen, dass es durch diese Veranstaltung zu noch restriktiveren Maßnahmen staatlicherseits kommen würde und der Evangelischen Kirche in Rumänien (EKR) nicht wieder gutzumachender Schaden erwachsen werde. Nach eingehender Beratung des Präsidiums des Landeskonsistoriums, seiner Kanzlei und des Theologischen Instituts am 16. März 1989 wurde an Landesbischof D. Joachim Heubach, Beauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) für die Zusammenarbeit mit unserer Kirche, die Bitte ausgesprochen, dahingehend zu wirken, dass der Kirchentag den Beschluss zur Abhaltung eines Forums Rumänien überprüfen möge und – wenn dieses nicht rückgängig gemacht werden kann – die Vertreter der EKD und der EKR an diesem Forum nicht teilnehmen sollten. Daraufhin haben die Vertreter der EKD im Verständnis für die Gefährdungen unserer Kirche von der Teilnahme am „Forum Rumänien“ tatsächlich abgesehen. Unseren Delegierten ist die Auslandsreise zum Kirchentag staatlicherseits nicht genehmigt worden.

In dem Bericht zum gesamten Vorgang im Zusammenhang mit dem Kirchentag, den Bischof D. Albert Klein in der Sitzung des Landeskonsistoriums vom 11. Juli 1989 vorgelegt hat, heißt es wörtlich: „Dazu kann ich nur sagen, dass wir uns hier im Haus aufgrund der uns zugekommenen Berichte völlig unbeeinflusst von irgendeiner anderen Stelle zu der Durchsage entschlossen haben, um einen vorhersehbaren Schaden für unsere Kirche abzuwenden.“ Dieses Handeln in eigener Verantwortung galt auch, um die Risiken in der partnerschaftlichen Beziehung zur Ev. Kirche in Deutschland gering zu halten. Ob Herta Müller und Richard Wagner nachträglich ausgeladen worden sind, ist uns nicht bekannt, ebenso nicht, ob Herta Müller ihre Teilnahme am Kirchentag abgesagt hat. Bekannt allerdings ist, dass Herta Müller damals in der Berliner Tageszeitung und im „Menschenrechtskomitee für Rumänien“ ihre Beschwerden und Anklagen – auch unsere Kirche betreffend – öffentlich gemacht hat, einschließlich auch unserer am 16. März telefonisch geäußerten Bitte an den Beauftragten der EKD. Dabei handelt es sich um das Umschreiben unserer telefonischen Durchsage an Landesbischof D. Joachim Heubach, der daraufhin den Vertreter der EKD und den 23. Ev. Kirchentag in Kenntnis gesetzt hat. Schon kurz nach dem Kirchentag war demzufolge unsere telefonische Durchgabe allgemein bekannt. Darum ist die „neuliche Zuspielung eines Tonbandmitschnitts“, von der Herta Müller in ihrer Rede am 1. November spricht, irrelevant und irreführend.

Das vornehmste Gebot unserer Kirche zur Zeit der 45 Jahre kommunistischer Diktatur und ihr vordringlicher Auftrag war, die ihr anvertrauten Gläubigen heil an Leib und Seele durch die Zeit von Willkür und Gottlosigkeit zu geleiten. Die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien hat in der ersten Stunde begonnen, als in Hermannstadt Ende Dezember noch geschossen wurde und ein Schuldbekenntnis veröffentlicht worden ist. Sie ist in unterschiedlicher Weise fortgesetzt worden. Unsere Kirche steht einer Weiterführung dieser Aufgabe offen gegenüber.

Bischof D.Dr. Christoph Klein
Hauptanwalt Friedrich Gunesch

Lesen Sie dazu auch den Bericht:

Herta Müller mit Franz-Werfel-Menschenrechtspreis ausgezeichnet

Schlagwörter: Kirche und Heimat, Herta Müller

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