9. Februar 2018

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Walteronkels Irrwege. Eine Arbeitsprobe aus der Schreibwerkstatt 2017 in Stuttgart

Eigentlich wollte er nur Haferflocken kaufen. Er ist seit über drei Stunden noch immer nicht zurück. In einer fremden Stadt, kein Handy, keine Telefonnummer dabei. Und dabei ist Backnang gar nicht so groß. Walteronkel hat sich verlaufen.
Eigentlich heißt er Walter Windt. Doch für uns ist er einfach der Walteronkel. Jetzt ist er aus Siebenbürgen zu Besuch bei seiner Schwester Gudrun. Auf der Suche nach dem Lidl in der Sulzbacher Straße findet er den Aldi neben den Stadtwerken. Eine kleine Verwechslung - statt rechts ist er links abgebogen. Unsicher, wo er jetzt ist, geht er weiter und entdeckt das Reformhaus neben der Murr. Dort findet er seine gesunden Haferflocken. „Wie komme ich von hier zum Turm?“, fragt er einen Passanten. Der Richtung folgend, kommt er, den Berg hoch, beim Stiftsturm an. „Das kann nicht stimmen. Ich bin aber bei einem falschen Turm gelandet“, denkt er sich.

Er wählt nicht immer den kürzesten Weg im Leben. So wie damals, als er als Einziger wieder zurück nach Siebenbürgen ist. Per Anhalter – vor 27 Jahren. Damals, kurz nach der Wende, war die Familie von Keisd nach Stuttgart ausgereist. Seine Frau und seine Tochter haben hier eine neue Heimat gefunden, sie fühlen sich zuhause. Aber für ihn war das nichts. Er ging zurück in die Heimat, nach Keisd, und lebt dort seither allein. „Ich konnte ja mein Hab und Gut nicht im Stich lassen“, sagt er. Das will er immer noch nicht, auch jetzt, mit 82 Jahren.

Hier, in Backnang, hat er die Orientierung verloren, aber er ist gut zu Fuß. Ein paar Kilometer mehr machen ihm nichts aus. Er ist es gewohnt, daheim über die Felder zu laufen. Seine Lebenserfahrung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er strahlt eine unendliche Ruhe aus. Geduldig wartend, genießt er den schönen Anblick der vielen Fachwerkhäuser. Er lebt im Hier und Jetzt. Endlich kommt ihm eine Frau entgegen. Er spricht sie an: „Ich wollte eigentlich zum Wasserturm. Ich habe einen Mann unten an der Murr nach der Richtung zum Turm gefragt. Der hat mich hierher geschickt“. „Das ist ja die völlig falsche Richtung. Kommen Sie mit. Ich begleite sie ein Stück“, sagt die Frau. „Das muss nicht sein. Ich finde es schon.“ Doch die Frau lässt nicht nach. Sie kommen zusammen den Berg runter bis zum Biegel. Die Frau verabschiedet sich und zeigt ihm die Richtung: geradeaus über die Kreuzung. „Sulzbacher Straße“, liest er, „das könnte richtig sein.“ Vertrauensvoll folgt er der Straße. Neugierig schaut er sich die Gegend und die vorbeigehenden Menschen an. Er ist ein guter Beobachter. Ihn interessiert alles, was ihm begegnet.

So kommt er in der nächsten Straßenkreuzung an. „Hier müsste ich nach rechts hoch gehen“, denkt er sich. Etwas unsicher wartet er auf den nächsten Fußgänger. „Wie komm ich bitte zum Wasserturm?“, fragt Walteronkel und bekommt die Richtung nach links gezeigt.

„Das glaube ich nicht“, denkt er sich und wartet auf den nächsten Passanten. Doch auch dieser zeigt nach links. Irritiert bleibt er weitere 15 Minuten in der Kreuzung stehen. Eine Frau hat es eilig. Er spricht sie an. Ohne ein Wort zu sagen, zeigt sie nach links. Jetzt traut sich Walteronkel, den Weg nach links zu nehmen. Und tatsächlich kommt er beim Wasserturm an. Fast geschafft. Aber noch nicht ganz: „In welchem dieser vielen Häuser wohnt Gudrun?“, fragt er sich. Weder Straße noch Hausnummer kennt er. „Den Fußweg hier bin ich zehnmal rauf und runter. Ich war mir nicht mehr sicher, wo Gudrun wohnt. Dann dachte ich, hier irgendwo wohnt meine Nichte. Wenn ich ihr Haus finde, ist Gudrun nicht weit.“ Daheim in seiner Gemeinde wäre das viel einfacher gewesen. Dort kennt jeder jeden. Hier ist es anders. Er kennt keinen. Von Tür zu Tür die Namensschilder lesend, findet er endlich, was er gesucht hat. Kurz darauf überrascht er Gudrun über die Terrassentür. Ein Beweis mehr, dass das hier nichts für ihn ist, denkt er. Er wird nach Hause zurückgehen. Diesmal nicht per Anhalter, sondern mit dem Bus.

Waltraud Hermann

Schlagwörter: Backnang, Besuch, Schreibkurs, Stuttgart

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