5. Juli 2002

Erste Begegnung in Mediasch 2002

Weit über 500 Mediascherinnen und Mediascher waren anlässlich des ersten Mediascher Treffens vom 24. bis 28. Mai aus dem westlichen Ausland angereist und erlebten in ihrer Heimatstadt an der großen Kokel Mediasch in Mediasch, "in vivo", wie es Werner Müller, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Mediasch, in seinem "sächsischen Willkommensgruß" in der voll besetzten Margarethen-Kirche formulierte.
Einerseits stand das Treffen unter dem Zeichen des Wiedersehens mit Familienangehörigen, Freunden, Bekannten, Nachbarn sowie ehemaligen Arbeitskollegen an Orten der Erinnerung, andererseits war es Ausdruck des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Heimatverbundenheit.
Mediascher Rathausplatz während der Begegnung. Foto: Günther Schuster
Mediascher Rathausplatz während der Begegnung. Foto: Günther Schuster

Die Gastgeber, das Ortsforum, die evangelische Kirche und das Mediascher Bürgermeisteramt, hatten sich intensiv auf das Großereignis vorbereitet. Bereits am Pfingstwochenende trafen die ersten Teilnehmer in Mediasch ein, am Donnerstag dann die Busse der organisierten Reise. Der offizielle Teil der Begegnung begann am Freitag mit der Begrüßung der Gäste und Teilnehmer in der Margarethen-Kirche. Pfarrer Ralf Schultz lud in seiner Begrüßungsansprache die Teilnehmer ein, sich nicht nur der Vergangenheit zu widmen, sondern die kommenden Tage auch für eine Begegnung mit der Gegenwart, mit den Menschen, die in Mediasch leben, mit der Stadt, wie sie sich heute zeigt, mit der Kirchengemeinde, wie sie heute ist, zu nutzen.

Forumsvorsitzender Werner Müller, Hauptorganisator und Koordinator dieser Begegnung, unterstrich die Wichtigkeit solcher Heimattreffen. Diese seien notwendig, um durch viele persönliche Kontakte das die Mediascher Sachsen verbindende Band, ihr Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Heimatverbundenheit aufrecht zu erhalten. Das Treffen solle Gelegenheit bieten, über die gemeinsame Zukunft nachzudenken und diese so zu gestalten, dass sie sich nicht "auseinander lebten".

Wolfgang Lehrer, Vorsitzender der Heimatgemeinschaft (HG) Mediasch e.V., freute sich, dass so viele der Einladung ihrer in Mediasch verbliebenen Landsleuten gefolgt seien. Somit hätten sie ihre Verbundenheit zur Heimatstadt bekundet. Ihnen gebühre Anerkennung dafür, dass sie die Stellung hielten und somit auch weiterhin enorme geschichtliche Verantwortung trügen.
Kranzniederlegung auf dem Mediascher Friedhof. Foto: Günther Schuster
Kranzniederlegung auf dem Mediascher Friedhof. Foto: Günther Schuster

Im Anschluss gab es Gelegenheit, an einer organisierten Führung durch das Kirchenkastell teilzunehmen und das neu eingerichtete Museum im Gefängnis unter dem alten Rathhaus zu besichtigen. Hier führten engagierte Schüler der deutschen Hermann-Oberth-Schule durch die Räumlichkeiten und boten den Gästen im Garten zwischen den Ringmauern des Kastells neben Getränken und "Selbstgebackenem" echten "Gefängniskaffee" an.

Um die Mittagszeit hieß der Mediascher Bürgermeister, Teodor Plopeanu, im überfüllten Plenarsaal des Rathauses die aus dem westlichen Ausland angereisten Gäste in seinem und im Namen der Stadt "zu Hause" willkommen. Nach seiner kurzen Ansprache verlieh er Katrin Bornmüller aus Wittlich die Ehrenbürgerschaft der Stadt Mediasch und dankte für ihren engagierten und selbstlosen Einsatz in der Unterstützung Bedürftiger und karitativer Organisationen vor Ort.

Auf dem Rathausplatz luden Biertische zum Verweilen ein. Bei traditionellen "Mici", "Gratar" und Bier kamen Menschen, die sich lange nicht mehr gesehen hatten, ins Gespräch. Nach der Eröffnung einer Ausstellung zeitgenössischer Mediascher Künstler und einer Lesung sächsischer Literatur im Schuller-Haus lud die evangelische Kirche zu weiteren Begegnungen und Gesprächen, untermalt mit einem sächsischen Kulturprogramm, in das im Pfarrgarten aufgestellte Festzelt ein. Dabei trat auch eine sächsische Volkstanzgruppe aus Baden-Württemberg unter der Leitung von Hans Benning-Polder auf.

Am Abend präsentierte die Stadt dann auf einer großen Kinoleinwand, die an der Rathausfassade angebracht war, den eigens für dieses Treffen in rumänischer und deutscher Sprache gedrehten Dokumentarfilm "Mediasch, ein offenes Tor". Der Film ist über das Bürgermeisteramt (Primaria Municipiului Medias, Piaţa Corneliu Coposu 3, 3125 Medias, Telefon: 00 40-269-84 20 75, Fax: 040-269-84 11 98, E-Mail: primed@birotec.ro, Ansprechpartnerin: Frau Nistor) zu beziehen.
Der Samstag stand ganz im Zeichen der Festveranstaltung im Syndikatssaal. Im Mittelpunkt der Ansprachen stand der Begriff "Gemeinsamkeit", der laut Werner Müller nicht nur die Bürger der Stadt umfassen sollte, sondern auch jene, die jetzt irgendwo im Ausland lebten. Möglichst viele Menschen sollten gemeinsam dazu beitragen, das große Ziel der europäischen Integration zu erreichen. In diesem Sinne sei das Mediascher Treffen wichtig, um konstruktiv über die gemeinsame Zukunft zu sprechen.

HG-Vorsitzender Wolfgang Lehrer brachte in seiner Rede die Problematik des Begriffes Heimat zur Sprache. Obgleich die in ganz Europa und der Welt lebenden, ausgesiedelten Mediascher Sachsen in ihren jetzigen Heimatländern keine politische Kraft darstellten, könnten sie dennoch als Teil der Gesellschaft und der öffentlichen Meinung dazu beitragen, den Prozess der Entwicklung der Gemeinschaft aller europäischen Länder zu fördern.

Weitere Ansprachen hielten Dr. Klaus Jürgen Porr, Vorsitzender des Siebenbürgenforums, Wolfgang Wittstock, Parlamentsabgeordneter des DFDR, und Senator Dionisie Bucur. Der Mediascher Bürgermeister, Teodor Plopeanu, würdigte in seiner Ansprache die Leistungen der Mediascher Sachsen für Mediasch und stellte fest, dass dieser Landstrich durch sie und ihre für die Ewigkeit erbauten Denkmäler stets seinen sächsischen Charakter bewahren würde. Dafür und für ihre Erhaltung und Restaurierung würde die Stadt Sorge tragen.

Prof. Inge Jekeli zitierte in ihrer beeindruckenden Festrede frei nach Erich Kästner: "...man wird im Leben genötigt, immer höher zu steigen, von der Volks- über die Mittel- zur Hochschule. Ähnliche Steigerungen gibt es natürlich auch im Beruf. Ist man oben, so werden bei vielen die jetzt überflüssig gewordenen Stufen abgesägt und man kann nicht mehr zurück. Aber müsste man in seinem Leben nicht wie in einem Haus treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit dem duftenden Apfelbett und ohne das Erdgeschoss mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel. Bewahrt euch auf der obersten Stufe eure Treppe und euer Haus. Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist Mensch".

Aufgelockert wurde die Veranstaltung durch musikalische Darbietungen des Kirchenchores und des Oktetts. Sächsische, rumänische und ungarische Volkstänze gehörten ebenso dazu wie eine von den Kindern der Oberth-Schule gespielte Version des "Ein mal Eins" von Schuster Dutz. Im Anschluss an die Festveranstaltung spielten auf dem Rathausplatz die Burzenländer Blaskapelle unter der Leitung von Ernst Fleps und eine aus Hermannstadt angereiste Militärmusikkapelle.

Der Sonntag begann mit dem Festgottesdienst in der brechend vollen Margarethen-Kirche. Zelebriert wurde dieser von den Pfarrern Ralf Schultz, Dechant Guib, Imre Istvan und Rolf Kartmann von der HG Mediasch e.V. Die Festpredigt hielt Dechant Reinhard Guib. Vor Gottes Angesicht bat er am Schluss seiner Predigt alle Teilnehmer, sich die Hände als Zeichen der Versöhnung, der Verbundenheit und Gemeinschaft mit Gott und untereinander zu reichen. Die so gebildete Menschenkette hielt in Stille so lange inne bis auch die Letzte der drei Mediascher Kirchenglocken verstummte. Nach der Kirche setzte sich ein langer Zug in Richtung Friedhof in Bewegung, um vor der Friedhofkapelle der Toten zu gedenken. Es war ein stilles Gedenken, und Otto Deppner hielt an dieser Stelle die wohl ergreifendste Rede der gesamten Veranstaltung. Bürgermeister Plopeanu verabschiedete sich in einer kurzen Ansprache von den Teilnehmern und drückte dabei seine Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen aus. Die Zeremonie auf dem Friedhof endete mit einer Kranzniederlegung am Denkmal von Stephan Ludwig Roth im Schülergarten.

Am Montag konnte, wer wollte, an Ausflügen (z. B. nach Birthälm) und abends an einem Orgelkonzert von Izume Ise (Japan) in der Margarethen-Kirche teilnehmen.

Der Dienstag stand für die Besichtigungen der Firmen Medimpact(Karres) und Vitrometan zur Verfügung. Zur gleichen Zeit fand ein Gespräch am runden Tisch zwischen Vertretern des Bürgermeisteramtes, deutschen Forums, der evangelischen Kirche und HG Mediasch statt, in dem Bürgermeister Plopeanu die aktuelle Situation der Stadt erläuterte. Außerdem wurden mögliche Perspektiven der Förderung und Entwicklung in den Bereichen Tourismus und Wirtschaft erörtert. Der Bürgermeister regte die Gründung eines Vereines zur Förderung der Beziehungen zu den im Ausland lebenden Mediascher Sachsen an. Das Festprogramm fand im Festsaal des Schuller-Hauses seinen Ausklang mit einem vom Mediascher Rotary-Club organisierten Kammermusikkonzert des Barockensembles Transilvania.

Mediasch "in vivo" erlebt zu haben, war für die zu diesem Treffen von weither angereisten Teilnehmer, trotz der für viele äußerst belastenden Reisestrapazen, ein unvergessliches Ereignis. Die Mediascher und jene, die sich mit dieser Stadt verbunden fühlen, sollten stets bedenken, wie es Otto Deppner in seiner anlässlich der Totenehrung am evangelischen Friedhof in Mediasch gehaltenen Ansprache ausdrückte: "Wenn auch mancher Stein bröckelt, und wenn vieles unwiederbringlich verloren geht und verschwindet, so liegt es an uns mitzuhelfen, den sich neigenden Lauf würdig zu gestalten. Das sind wir uns aber auch denen, deren wir heute gedenken, schuldig."

Günther Schuster


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 10 vom 30. Juni 2002, Seite 20)

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