17. September 2002

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Meilenstein in der Geschichte von Wolkendorf

Feierlich eingeweiht wurde jüngst in Wolkendorf eine aus Streitfort stammende historische Orgel. Das im Jahre 1787 von Johannes Prause gebaute Tasteninstrument war in der Ortschaft am Unterlauf des Kleinen Homorod aus dem Repser Land mangels evangelischer Gemeindeglieder in den letzten Jahren vom Verfall bedroht. Daher regte Klaus Daniel, Bezirksdechant von Kronstadt und gleichzeitig Pfarrer von Wolkendorf, vor zwei Jahren eine Rettungsaktion für diese Orgel an.
Wolkendorf im Burzenland hat im Laufe seiner bewegten Geschichte zahlreiche Höhepunkte und Krisen erlebt und überlebt. Nach dem folgenschwersten Einschnitt, ausgelöst durch den zweiten Weltkrieg, gab es nun einen Lichtblick, der wieder Hoffnung gibt für eine zukunftsorientierte Gemeinschaft. Solange in Siebenbürgen noch Menschen mit dem Weitblick eines Klaus Daniel wirken, lebt die Hoffnung, dass in unserer achthundertjährigen Geschichte das letzte Kapitel noch nicht geschrieben ist. Ein Kreis verantwortungsbewusster Menschen hat sich die Sicherung des kulturellen Fortbestandes, zwar auf bescheidener Basis, zur Aufgabe gestellt.

Einer von ihnen ist unser allseits (auch von den Rumänen) geachtete Dechant Pfarrer Klaus Daniel, der für den Bezirk Kronstadt zuständig ist und sich darüber hinaus auch in der landeskirchlichen Leitung in Hermannstadt engagiert. Überdies ist Pfarrer Daniel Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Ein Mann also, auf dessen Schultern viel Verantwortung lastet. Umso höher ist es zu bewerten, dass er seiner eigenen Gemeinde noch so viel Zeit widmet und Entscheidendes bewirkt. Zuletzt rettete er die Streitforter Prause-Orgel für Wolkendorf. So konnte ein wertvolles Kulturgut vor dem Verfall bewahrt werden. Ein sichtbares Zeichen für den Überlebenswillen dieser früher armen, kleinen Gemeinde am Rande des Burzenlandes, und eine enorme Leistung.
Die Streitforter Orgel wurde kürzlich restauriert und in der evangelischen Kirche in Wolkendorf eingeweiht.
Die Streitforter Orgel wurde kürzlich restauriert und in der evangelischen Kirche in Wolkendorf eingeweiht.


Die Planung lag allein in der Hand von Klaus Daniel. Die notwendigen Mittel konnten durch glückliche Umstände und viele Benefizveranstaltungen beschafft werden. Ausschlaggebend war, dass es in Siebenbürgen noch einen Orgelbauer vom Range eines Hermann Binder gibt. Die Platzierung der Orgel erfolgte an der nördlichen Seite des Schiffes. Klaus Daniel erläutert: “Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist die verantwortungsvolle Verwaltung der Kunst- und Kulturgüter unserer Kirche. Dazu gehören die historischen Orgeln. In den kleinen, in Auflösung begriffenen Gemeinden sind wertvolle Orgeln dem Verfall preisgegeben. Die Rettung einer solchen Orgel ist nur möglich, wenn sie abgebaut, restauriert und in einer Kirche aufgestellt wird, in der noch regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Hier handelt es sich um eine bedeutende Orgel aus Streitfort bei Reps. Die Kirche in Wolkendorf hat sich als würdiger Standort dafür angeboten, da die Gemeinde in der Prause-Tradition steht. Ihre erste, auch heute noch spielbare (wohl umgebaute) Orgel ist ebenfalls von Johannes Prause 1781 erbaut worden.“

Diese Orgel wurde 1935 von der Firma Einschenk aus Kronstadt an ihren heutigen Standort versetzt und restauriert, ist aber inzwischen in wesentlichen Teilen wurmstichig und nur mit großem Kostenaufwand zu restaurieren. Wann dies erfolgen kann, steht noch nicht fest.
Blick auf die evangelische Kirche Wolkendorf
Blick auf die evangelische Kirche Wolkendorf

Bedingt durch den neuen Standort der Orgel waren umfangreiche Umbauten und Restaurierungen in der Kirche erforderlich. Im Zuge dessen wurde die Kirche von außen mustergültig renoviert. Auch der Friedhof ist gepflegt und mit vielen Blumen ausgeschmückt. Unübersehbar die schöne Wegpflasterung beim Haupteingang. Auch Bischof D. Dr. Christoph Klein, der zur Einweihung der wiederhergestellten Prause-Orgel am Sonntag, dem 28. Juli, gekommen war, hat dies lobend bemerkt.

Ein Reisebus, besetzt mit Wolkendorfern aus Immendingen, Tuttlingen, Augsburg, München, Hamburg und Österreich, war rechtzeitig zur Einweihung angereist. Wir wurden herzlich empfangen, bewirtet und sehr gut untergebracht. Das große Fest in Wolkendorf konnte also beginnen. Rund 250 Festgäste hatten sich eingefunden. Die Kirche war voll wie in guten Zeiten. Aus allen Nachbarorten waren Abordnungen gekommen. Als Ehrengast erschien auch der Vorsitzende des Siebenbürgernforums, Dr. Paul Jügen Porr, dessen Vater Wolkendorfer war.

Die Orgel stand an diesem Tage im Mittelpunkt des Geschehens, sowohl während des Gottesdienstes mit der Einweihungshandlung und der Festpredigt, die Landesbischof D. Dr. Christoph Klein hielt, als auch später, am Nachmittag, als zur musikalischen Vesper weitere Gäste eintrafen. Neben Tamas Szöcs spielten an der eingeweihten Orgel auch Professor Eckart Schlandt sowie der Zeidner Organist Klaus Untch. Darbietungen des von Martha Lutsch geleiteten Jugendchores wechselten ab mit Solo-Orgelspiel oder Gesang bzw. Flöte mit Orgelbegleitung. Selbst die Geschenke, die die Wolkendorfer durch Pfarrer Daniel als Zeichen des Dankes und der Erinnerung an diesen Festtag jenen überreichten, die der Orgel zu neuem Leben verholfen hatten, standen mit der Königin der Instrumente in Verbindung: Orgelpfeifen und Darstellungen von Engeln, die bekanntlich oft Orgeln schmücken.

Nach der Predigt folgten Dankes- und Grußworte aus Deutschland und Österreich. Mit einem Blick auf die Tafel der Gefallenen und Deportierten haben wir auch derer gedacht, denen es nicht mehr gegönnt war, diesen Tag mitzuerleben (in diesen Tagen war der 59. Jahrestag des letzten großen Aufgebotes 1943). Denkwürdige, bewegende Stunden, die in die Annalen von Wolkendorf eingehen werden.

Die Gastgeber hatten für alle Teilnehmer ein Festessen vorbereitet, das im Kirchhof unter einem Festzelt aufgetischt wurde. Was hier an Vorbereitung geleistet wurde, kann der Außenstehende nur ahnen. Die Aufstellung des großen Festzeltes für etwa 260 Gäste, das Grillen von Fleisch und Mititei, das Backen von Baumstriezel und das Bedienen der Gäste waren außergewöhnliche Leistungen. Für gute Stimmung sorgte die mit reichem Applaus begrüßte Burzenländer Blaskapelle. Sie hat mit ihren Darbietungen wesentlich zum Gelingen des Festes beigetragen.

Unser Dank gilt der Leitung des evangelischen Erholungsheimes unter Ute Daniel. Wir wurden vorbildlich und familiär betreut. Man kann dieses Haus für Reisende nach Siebenbürgen nur wärmstens empfehlen.

Richard Gober


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2002, Seite 24)

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