20. Oktober 2002

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Bedeutender Naturforscher Siebenbürgens

Als vielseitige Forscherpersönlichkeit gehört Heinrich Wachner (1877-1960), dessen Geburtstag sich heuer zum 125. Mal jährt, zu den bedeutendsten siebenbürgisch-sächsischen Naturwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts.
Nach Abschluss seines Studiums wirkte er als Geographie- und Naturkundelehrer an deutschen Schulen in Siebenbürgen und verfasste als solcher zwölf Schulbücher für den Unterricht an diesen Schulen. Als Geländeforscher hat Wachner grundlegende Beiträge zur Geologie von Bistritz, Schäßburg, dem Siebenbürgischen Becken und dem Burzenland sowie zur Geographie Siebenbürgens veröffentlicht.

Durch seine wissenschaftlichen Arbeiten, von denen ein Teil in ausländischen Fachzeitschriften erschienen ist, war Wachner auch über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Als besondere Glanzleistung unter seinen Veröffentlichungen gilt sein 1934 erschienenes "Kronstädter Heimat- und Wanderbuch", das nach seiner Veröffentlichung von berufener Stelle als beste Gebietsmonographie Rumäniens erklärt wurde.

Heinrich Wachner, einer der bedeutendsten siebenbürgisch-sächsischen Naturforscher.
Heinrich Wachner, einer der bedeutendsten siebenbürgisch-sächsischen Naturforscher.

Als Sohn des Finanzbeamten Joseph Wachner wurde Heinrich Wachner am 3. Oktober 1877 in Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureş) geboren. Mit 15 Jahren Vollwaise, lebte er fortan im Haus seiner Tante in Bistritz, die ihm auch sein Studium ermöglichte. Von 1896 bis 1900 studierte Wachner in Berlin, Marburg und Klausenburg Naturwissenschaften mit den Schwerpunkten Geologie und Geographie. Im Herbst 1900 begann Wachner seine Tätigkeit als Lehrer für Geographie und Naturkunde in Hermannstadt (1900 - 1902). Die folgenden drei Jahre wirkte er am Bistritzer Gymnasium. Von 1905 bis 1919 war er Mittelschullehrer am Mädchenseminar in Schäßburg und von 1919 - 1946 unterrichtete er Geographie und Naturkunde am Honterusgymnasium in Kronstadt.

In Bistritz begann Wachner wöchentlich Studiengänge und Lehrausflüge mit Schülern in die Umgebung der Stadt und die nahen Gebirge durchzuführen. Die dabei gemachten Beobachtungen hielt er in Notizbüchern schriftlich und zeichnerisch fest und verwendete diese Unterlagen später in seinen Veröffentlichungen. Die in der Umgebung von Bistritz und im Nösnerland gesammelten Forschungsergebnisse dienten ihm 1924 zur Abfassung seiner "Geologie des Nord-Ost-Randes von Siebenbürgen". In Schäßburg setzte Wachner seine Geländestudien fort. Im Jahr 1908 beispielsweise waren es 107 Studiengänge sowie Wanderungen mit Schülergruppen und Schulklassen in die nähere Umgebung der Stadt. Als aktives Mitglied der Schäßburger Sektion des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissenschaften zu Hermannstadt sammelte Wachner gezielt Datenmaterial für ein Schäßburger Heimatbuch.

Durch seinen Weggang 1919 nach Kronstadt blieb dieses Vorhaben unvollendet. Auch der Druck einer Höhenschichtenkarte mit den Flurnamen der Schäßburger Gemarkung, die Wachner in den Jahren 1908 - 1910 fertig gestellt hatte, scheiterte damals an den fehlenden Mitteln. Seine in Schäßburg gemachten geologischen Beobachtungen hat Wachner 1911 in seiner Arbeit "Beitrag zur Geologie der Umgebung von Segesvár" in Budapest veröffentlicht. In dem von Bergen umgebenen Kronstadt setzte Wachner seine naturwissenschaftliche Forschungstätigkeit unvermindert fort und begann auch hier Datenmaterial zu sammeln und zu publizieren. 1926 erschien von ihm ein Beitrag über den St. Annensee, 1929 "Die Nebennutzung des Waldes" im V/l. Band der Monographie "Das Burzenland" oder 1930 "Geographische und geologische Beobachtungen am Bucegi Gebirge".

Inzwischen hatte sich Wachner die Umgebung von Kronstadt und das Burzenland erwandert und viele Naturbeobachtungen, in die er stets auch die Pflanzen- und Tierwelt einbezog, gesammelt. Als im November 1932 die Hochschulprofessoren Vâlsan und Mehedinţi auf dem Kongress der Geographielehrer in Bukarest die Teilnehmer aufriefen, Wanderführer für ihre Wohngebiete zu erarbeiten und diesen mitteilten, dass im Geographieunterricht auf Heimatkunde besonderes Gewicht zu legen sei, entschloss sich Wachner dazu, das von ihm für den Kronstädter Raum gesammelte Datenmaterial für die Erstellung eines Lehrbuches für Kronstadt und das Burzenland zu verwenden. Als Ergebnis seiner Bemühungen erschien 1934 sein "Kronstädter Heimat- und Wanderbuch" (322 Seiten, 166 Abbildungen und Fotos und mehrere Tabellen). Wie der Titel belegt, hat Wachner in diesem Buch beiden oben genannten Anforderungen entsprochen. Auf dem folgenden Landeskongress der Geographielehrer Rumäniens 1936 wurde dieses Werk von berufener Seite als vorbildliche Gebietsmonographie Rumäniens bezeichnet. Im Vorwort dieses Lehrbuches schreibt Wachner: "Ich habe dieses Werk in erster Reihe für meine Schüler geschrieben. Es soll ihnen ein treuer, kenntnisreicher Freund und Berater sein, der ihnen die rechten Wege weist und sie zum Schauen und Beobachten anleitet".Wachner war sich dessen bewusst, dass sein "Heimat- und Wanderbuch" kein abgeschlossenes Werk darstellt, sondern ergänzungsbedürftig ist. Somit setzte er seine Geländeforschungen fort und begann Ergänzungen und Berichtigungen zum Text seines Buches zu sammeln. Für diesen Zweck ließ er sich ein Handexemplar so binden, dass auf jedes bedruckte ein leeres Blatt folgt, auf welches er die jeweiligen Ergänzungen und Korrekturen eintragen konnte. Bereits 1938 veröffentlichte Wachner erste Ergänzungen zu diesem Wanderbuch als "Beiträge zur Heimatkunde des Burzenlandes" im 3. Jahrgang der "Mitteilungen des Burzenländer Sächsischen Museums" in Kronstadt. Auch danach hat Wachner laufend Ergänzungen und Korrekturen in sein Handexemplar eingetragen. Seine letzte Eintragung stammt aus dem Juni 1950. Leider war es Wachner in den Jahren danach nicht mehr möglich, diese Ergänzungen zu veröffentlichen. Die 1994 in Kronstadt erschienene neue Ausgabe vom "Kronstädter Heimat- und Wanderbuch" ist lediglich ein nicht überarbeiteter Nachdruck.

Schon aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass Wachners Wirken weit über den Rahmen der eigentlichen Schularbeit hinausging. Diesbezüglich erwähnenswert ist, dass Wachner als Mitglied der Kommission für Erdgasgewinnung die Erdgasvorkommen bei Agnetheln entdeckte. Von ihm stammt die genaueste geologische Karte vom südlichen Teil des Geisterwaldes (Muntii Persani) und eine Karte des Fogarascher Beckens. Überdies bemerkenswert sind Wachners Verdienste um die Erforschung der Pflanzenwelt Siebenbürgens. 1921 entdeckte er am Kuschmaner Stein (Kelemen-Gebirge / Muntii Calimani) das Moosglöckchen (Linnaea borealis) als neue Pflanzenart für Siebenbürgen. Auf den Kalkschutthalden des Großen Königsteins fand er 1933 das für Rumänien sehr seltene Alpen-Leinkraut, das bis dahin nur aus dem Butschetsch Gebirge bekannt war. Für das Burzenland erstmalig von ihm festgestellte Pflanzenarten sind das Gemeine Heideröschen, die Sumpf-Schafgarbe und die Sibirische Schwertlilie. Auch heute lesenswert ist sein Beitrag "Das Blumenjahr Kronstadts" (1943).

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst (1946) war Wachner schriftstellerisch tätig. In diesem Jahr verfasste er seine "Geologie des Nösnerlandes", die, zur Veröffentlichung nach Klausenburg geschickt, leider unveröffentlicht blieb. Das Manuskript dieser Arbeit befindet sich heute im Bistritz-Nassoder Kreismuseum.

Im Mai 1952 wurde Wachner mit seiner Familie aus seinem Haus in Kronstadt nach Rakosch zwangsevakuiert. Dieses geschah, obwohl er als Familienoberhaupt bereits 75 Jahre alt war. In Rakosch mussten sie unter schlechten Wohn- und Existenzbedingungen leben. Heinrich Wachner war aufgrund seines hohen Alters wenigstens von der Arbeit im Steinbruch befreit. Auch in Rakosch führte er Naturbeobachtungen durch und vervollständigte sein Wissen über den geologischen Aufbau dieses Gebietes, über den er schon 1914 von Schäßburg aus Untersuchungen durchgeführt hatte. 1958 durfte Familie Wachner Rakosch wieder verlassen und übersiedelte nach Wolkendorf, weil Kronstadt für Zwangsevakuierte gesperrt war.

Im Herbst 1957 begann ich meinen Briefwechsel mit Wachner. Ich bat ihn um Vorschläge für schützenswerte Gebiete der Region Kronstadt und um verschiedene fachliche Auskünfte. In seinen Briefen teilte er mir wertvolle Ratschläge für meine berufliche Laufbahn am Forstinstitut in Kronstadt mit, wo ich damals arbeitete. In seinem Brief vom 9. Juli 1958 empfahl er mir, meine Tätigkeit am Forstinstitut unbedingt fortzusetzen, weil ich hier bessere Voraussetzungen für meine weitere fachliche Qualifizierung hätte. In diesem Zusammenhang schrieb er mir über seinen Werdegang: "Auch ich hätte viel mehr leisten können, wenn ich schon 1920 von der Honterusschule zum "Institutul Geologic" in Bukarest hinübergewechselt hätte, als sich mir dazu Gelegenheit bot". - Ob dann allerdings die Kronstädter von Wachner das von ihnen so geschätzte "Kronstädter Heimat und Wanderbuch" erhalten hätten, ist fraglich.

Zwei Jahre nach seiner Übersiedlung von Rakosch nach Wolkendorf starb Wachner am 16. März 1960. Heinrich Wachner hat etwa 55 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, zwölf Schulbücher geschrieben und zahlreiche kleinere Abhandlungen, Reiseberichte und Buchbesprechungen verfasst und in einheimischen und ausländischen Zeitschriften mitgeteilt. Zu seinen geographischen Beiträgen von internationaler Bedeutung gehören sein Text über Rumänien im Großen Brockhaus (Leipzig 1926), seine Wirtschaftsgeographie von Rumänien (Wien 1926) und vor allem seine "Monographie Rumäniens", die er 1933 für das Jahrbuch der geographischen Wissenschaft geschrieben hat und die von der Berliner Akademie mit der Leibniz-Medaille und von der Rumänischen Akademie mit dem Gheorghe-Lazar-Preis ausgezeichnet wurde.

Ebenfalls prämiiert wurde seine Monographie "Die Ciuc, samt Toplitza- und Miereschenge" (1929). Seine geologisch-geographischen Arbeiten über verschiedene Teile des Siebenbürgischen Beckens sind bis heute grundlegende Informationsquellen geblieben. Mehrere größere Abhandlungen Wachners, die er als Manuskripte hinterließ, sind bis heute unveröffentlicht.

Dr. Heinz Heltmann


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 16 vom 15. Oktober 2002, Seite 7)

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