19. Januar 2001

Wirtschaftliche Zusammenarbeit wird intensiv fortgesetzt

Deutschland bereitet Rumänien mit erheblichen Mitteln für die Mitgliedschaft in die Europäische Union vor. Das Wirtschafts- und Beschäftigungsförderungsprogramm Rumänien (WBF) setzt seit dem 1. Januar das Ende 2000 abgeschlossene Projekt Integrierter Beratungsdienst für die Wirtschaft in Rumänien (IBD) fort und engagiert sich zunehmend in Siebenbürgen. Ziel des neuen Programms ist es, Rumänien auf die Mitgliedschaft in die EU im wirtschaftlichen Bereich, insbesondere der kleinen- und mittelständischen Unternehmen (KMU), vorzubereiten. Das Programm läuft über die Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und wird vom Bundesentwicklungsministerium finanziert.
Die Europäische Kommission hatte im letzten Herbst festgestellt, dass Rumänien keine funktionierende Marktwirtschaft hat. Das negative Urteil hat den Münchner Diplom-Kaufmann Wolfgang Limbert, der seit sechs Jahren im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums in Bukarest tätig ist und sich mittlerweile mit dem Land identifiziert, stark getroffen. Andererseits sei die Bewertung berechtigt, sagte Limbert im Gespräch mit der Siebenbürgischen Zeitung. Rumänien stehe im Vergleich zu anderen Kandidaten bei vielen Kriterien an letzter Stelle, etwa was die Inflation oder das Wirtschaftswachstum betrifft. Es sei bedauerlich, dass Rumänien in den vergangenen Jahren viele Chancen vertan habe, um seine Wirtschaft besser zu entwickeln. Die letzte Regierung habe in vielen Bereichen schlecht gearbeitet, Minister und Gesetze permanent geändert, die Bürokratie und Korruption hingegen nicht in den Griff bekommen. Positiv sei, dass sich die neue Regierung unter Premier Adrian Nastase auf die Förderung der kleinen und mittelständischen Unternehmen konzentrieren wolle. Bedenklich findet Limbert jedoch die Aufblähung des Staatsapparates von 17 auf 27 Ministerien und die Zurückgabe der zu privatisierenden Objekte an die einzelnen Ministerien. Die Erfahrungen der deutschen Treuhand und anderer Länder habe gezeigt, dass die Privatisierung dadurch verzögert werden und die Korruption in den einzelnen Ministerien zunehmen könnte.
Rumänien nimmt eine besondere Stelle in der deutschen wirtschaftlichen- und Entwicklungszusammenarbeit ein. Das wird im Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), im Stabilitätspakt für Südosteuropa und im Engagement der Bundesländer, vor allem Nordrhein-Westfalens, Bayerns und Baden-Württembergs, deutlich. Seit 1990 sind weit mehr als eine Milliarde Mark aus Deutschland nach Rumänien geflossen, wenn man dabei auch den Anteil von 30 Prozent berücksichtigt, den Deutschland an die Europäische Union leistet.
Unabhängige Berater der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) stellten im September 2000 nach einer umfassenden Projektanalyse fest, dass der Integrierte Beratungsdienst für die Wirtschaft in Rumänien (IBD) entsprechend der Zielsetzung - Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit rumänischer klein- und mittelständischer Unternehmen (KMU), insbesondere im Bereich der privaten und der zu privatisierenden Wirtschaft - erfolgreich war. Das Projekt wurde in den vergangenen sechs Jahren von sukzessive vier auf sieben Sektoren erweitert: Bekleidungs- und Schuhindustrie als wichtigster Sektor; Schuh- und Lederindustrie; Holz- und Möbelindustrie; Nahrungsmittelindustrie, speziell der Weinsektor; Investitionsgütersektor, Metallverarbeitung, Maschinenbau, Elektroindustrie; Softwareindustrie; Tourismus. Das neue Programm wird diese Aktivitäten fortführen und ergänzen, erklärt Limbert, der sechs Jahre lang IBD-Koordinator war und nun das neue Programm leitet. Die Arbeit erfolge weiterhin auf drei Ebenen: erstens auf der Ebene der Unternehmen (Mikroebene), zweitens sollen die Strukturen für die Wirtschaft, dazu gehören die Industrie- und Handelskammern sowie die Fachverbände, ausgebaut und drittens die Regierungsberatung in den Bereichen Wirtschafts- und Investitionsförderung (Makroebene) fortgeführt werden. Der IBD hatte in den vergangenen Jahren Befragungen zum Thema Wirtschaftsstandort und -klima durchgeführt und die Ergebnisse als konkrete Vorschläge der Bukarester Regierung unterbreitet, um den Investitionsstandort Rumänien attraktiver zu machen. In diesem Bereich gebe es nach Ansicht Limberts einen "großen Nachholbedarf", so dass dieses Thema ebenso wie die Privatisierungsunterstützung künftig eine wichtige Rolle spielen werde. Dabei werde das Prinzip der wirtschaftlichen Zusammenarbeit angewendet, d.h. die Dinge werden nicht von deutscher Seite festgelegt, sondern der WBF gehe immer auf den Bedarf der Partner ein.
Seit Anfang dieses Jahres wird das IBD-Projekt in bestimmten Bestandteilen wie der Export- und Investitionsförderung mit den dazugehörenden Messeprogrammen, Delegationsreisen, Herausgabe von Branchenkatalogen usw. weitergeführt sowie durch zusätzliche Projektbestandteile und durch Servicefunktionen für andere Projekte der GTZ und des BMZ erweitert. Das neue Programm heißt, ähnlich wie in Bulgarien, "Wirtschafts- und Beschäftigungsförderprogramm" und konzentriert sich auf die Unterstützung der Fachverbände und IHKs. Ein Business Development Center soll bei der IHK Rumäniens in Bukarest eingerichtet werden, wobei die größte Messegesellschaft in Rumänien, Romexpo, die ebenfalls zur IHK gehört, mit einbezogen wird. Zudem wird der Aufbau regionaler Strukturen unterstützt. Die Wirtschaftsförderung konzentriert sich auf Hermannstadt und Temeswar.
Speziell in Hermannstadt wird der Tourismus weiter ausgebaut. Im letzten Jahr wurde mit deutscher Hilfe ein Tourismusverband in Hermannstadt gegründet und in Zusammenarbeit mit Bürgermeister Johannis ein Tourismusbüro eröffnet.
Technologiezentren werde man in Temeswar, Klausenburg, Jassy und Bukarest aufbauen, ein Projekt, das auf Anregung des Delegiertenbüros der Deutschen Wirtschaft in Bukarest in das neue Programm aufgenommen wurde. Neu sind auch Projekte im Holzbereich in enger Vernetzung mit dem GTZ-Projekt der regionalen Förderung im Westgebirge, wo das Holz nicht nur gefällt, sondern die Wertschöpfung durch Trocknung und weitere Bearbeitungsprozesse erhöht werden soll. Ein weiteres Vorhaben ist die Produktivitätserhöhung im Bereich der Textil- und Bekleidungsindustrie, wo dank der IBD-Aktivitäten der vergangenen Jahre Rumänien bereits an erster Stelle im Lohnbereich Zulieferung nach Deutschland liegt.
Im Weinsektor wird als neues GTZ-Projekt eine Erzeugergemeinschaft in der Region Buzau angestrebt, und zwar in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Winzergenossenschaft im Breisach und dem Deutschen Weininstitut Würzburg. Die Weinexporte Rumäniens nach Deutschland haben sich seit 1995, seitdem der IBD in diesem Sektor tätig ist, verdoppelt, die Zahl der Importeure ist von zwei auf 20 gestiegen. Nachdem im vergangenen Jahr eine Weinbruderschaft ins Leben gerufen wurde, will das WBF auch eine rumänische Weinfördergesellschaft nach dem Vorbild des Deutschen Weininstituts oder der CMA gründen, um dadurch Exporte, Messen, Veranstaltungen, Anzeigen professioneller gestalten zu können.
Ein entscheidender Bereich zur Unterstützung und europäischen Angleichung der rumänischen Wirtschaft sind nach Ansicht Limberts die Messeförderaktivitäten des IBD, die auch vom WBF fortgesetzt werden. Sie seien einmalig und würden von keinem anderen bi- oder multinationalen Programm in Rumänien durchgeführt. In diesem Jahr fördert das WBF zwölf Beteiligungen rumänischer Firmen an internationalen Fachmessen in Deutschland, vier davon gemeinsam mit dem rumänischen Industrie- und Handelsministerium.
Die Investitionsförderung wird durch Wirtschaftstagungen in Deutschland und Rumänien, Kontaktbörsen, Delegationsreisen in Zusammenarbeit mit IHKs und Fachverbänden fortgesetzt. Einen Wirtschaftskongress führt das WBF in diesem Jahr gemeinsam mit dem Ost-West-Zentrum (OWZ), der Wirtschaftsfördergesellschaft des Freistaates Bayern, in Klausenburg oder Kronstadt durch.
Einige Termine der vom WBF organisierten Wirtschaftstagungen stehen schon fest: Am 5. Februar 2001 findet eine Rumänien-Tagung auf der CPD, der größten Oberbekleidungsmesse, in Düsseldorf statt. Eine Tagung in München, auf der hochrangige Regierungsmitglieder das neue Wirtschaftsprogramm Rumäniens präsentieren und deutsche Investoren über ihre Erfahrungen berichten, ist für den 21. März geplant. Auf der Hannover Messe, am 25. April, ist die bereits sechste deutsch-rumänische Wirtschaftstagung (TCM Saal 3B) vorgesehen. Vom 10.-15. Juni führt der VDMA eine Delegationsreise nach Rumänien und Bulgarien durch. Zudem sind Wirtschaftstagungen in Hamburg (April/Mai), zusammen mit dem Honorargeneralkonsulat, in Köln (Mai/Juni), gemeinsam mit der IHK Klausenburg, und eine Wirtschaftstagung in Würzburg zum Thema Investitionsgüter und Produktionsbereich, gemeinsam mit dem Deutsch-Rumänischen Wirtschaftskreis, geplant.
Gleich drei Branchenkataloge hat der IBD im letzten Jahr herausgegeben: "Wein- und Tourismusregionen in Rumänien" mit 60 führenden Kellereien Rumäniens, ein gutes Nachschlagewerk für Weinfreunde, interessierte Händlern und Investoren; einen Schuh- und Lederindustrie mit 2000 Unternehmensprofilen und einem aktualisierten Katalog der Schweißindustrie, eines wichtigen Zulieferbereiches für den Metallbereich und die Automobilindustrie. Die Verzeichnisse können über das Büro in Eschborn bestellt werden, das auch weitere Auskünfte für deutschen Interessenten erteilt. Im Januar 2001 ist ein umfassender Katalog der Holz- und Möbelindustrie mit rund 300 Unternehmensprofilen geplant. Zur Systems-Messe 2001 in München gibt das WBF einen Branchenkatalog der rumänischen Software-/IT-Industrie heraus, organisiert einen Stand mit rumänischen Softwarefirmen und -experten sowie eine Rumänien-Tagung.
Einen besonderen Stellenwert in den GTZ-Aktivitäten nimmt Siebenbürgen ein. Die Region werde sehr stark in Delegationsreisen deutscher Investoren mit einbezogen, betont Limbert. Im Weinsektor sollen insbesondere Kellereien aus Siebenbürgen in eine Vetriebsgesellschaft integriert werden, die Weine nach Deutschland vermittelt. Weitere Aktivitäten in Siebenbürgen bestehen in der Vernetzung der Projekte, etwa des Altstadtsanierungsprojektes, der Tourismusentwicklung und des Bereiches Wirtschaftsförderung in Hermannstadt. Das erwähnte Altstadtsanierungsprojekt habe eine umfassende Analyse der zu sanierenden Bereiche durchgeführt und plane Ausbildungsmaßnahmen für Handwerksbetriebe wie Schreinereien, Maurer, Stukkateure, die sich mit Sanierungen beschäftigen. Limbert zeigte sich besonders erfreut, dass die Siebenbürgisch-Sächsische Stiftung unter Hans-Christian Habermann, dem Sohn des Stiftungsgründers, beispielhafte Aktivitäten durchführt, Sanierungsaccessoires (Bänke, Laternen), die zu einem historischen Stadtbild gehören, mitfinanzieren wird und sich auch sonst beachtlich für die Restaurierung sächsischer Kirchenburgen engagiert.
Aber auch andere Regionen Siebenbürgens wie Kronstadt und Klausenburg will die GTZ touristisch angehen. Dort arbeitet die Gesellschaft bereits mit zum Teil privaten Institutionen zusammen, einerseits weil die eigenen Mittel begrenzt sind und andererseits, um das in Hermannstadt gewonnene Know-how auch auf andere Regionen Siebenbürgens zu übertragen, die dadurch gleichfalls in den Genuss der deutschen Wirtschafts- und Tourismusförderung gelangen.

Siegbert Bruss




Weitere Informationen: Wirtschafts- und Beschäftigungsförderungsprogramm Rumänien (WBF / IBD), Koordinator Wolfgang Limbert, Complexul Expozitional Romexpo, Pavilionul 34 / A 8, Blvd. Marasti Nr. 65-67, RO-71331 Bukarest, Telefon: (00 40) 1-2 24 37 53, 2 24 17 52, 2 24 17 53, 2 24 07 55, Fax: (00 40) 1-2 24 32 73, E-Mail: ibd@softnet.ro.
WBF/IBD, c/o Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), Herr Georg Christodorescu, Dag-Hammarskjöld-Weg 1-5, 65760 Eschborn, Telefon: (0 61 96) 79 31 37, 79 31 36, Fax: (0 61 96) 79 74 26, E-Mail: george.cristodorescu@gtz.de.

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