15. März 2001

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Tourismus der besonderen Art im Internet angepriesen

In Miklosvar, unweit von Kronstadt, hat Tibor Graf Kalnoky ein altes Schloss zu einem Ferienparadies umfunktioniert und bietet auch Touren zu sächsischen Kirchenburgen an. Die Homepage des Nachkommen ungarischer Adligen ist unter www.transylvaniancastle.com zu erreichen.
"Unsere Familie ist nach Siebenbürgen zurückgekehrt und renoviert nun wieder ihren alten Besitz in Miklosvar/Miclosoara. Schauen Sie doch einmal bei uns herein, möglicherweise wäre da eine Story für die Zeitung", schrieb uns mit freundlichen Grüßen Tibor Graf Kalnoky. Wer Graf Kalnoky ist, wussten wir nicht, wo Miklosvar liegt, war uns gleichfalls unbekannt, und eine Reise ins Unbekannte gerade in dieser Jahreszeit anzutreten, lag uns ebenfalls nicht besonders nahe. Trotzdem waren wir neugierig, wollten gerne mal vorbeischauen - nicht nur wegen der Story. Allein der Graf hatte uns aufgefordert, nicht vorbeizuschauen, sondern hereinzuschauen. Vorsichtshalber hatte er denn auch seine Internet-Adresse angegeben, lediglich ein Mausklick genügte, und schon konnten wir in die mittlerweile eingerichtete Webseite des Grafen Einsicht nehmen. Wer dann noch einen gut ausgerüsteten PC hat, kann gleich auch auf der Landkarte am Bildschirm die Reise nach Miklosvar antreten.

Auf besagter Homepage gibt es dazu einige Tipps: Miklosvar liegt drei Autostunden vom internationalen Flughafen Otopeni, Bukarest, entfernt. In zwei Stunden kann man aus der rumänischen Hauptstadt und per Inter-City Kronstadt erreichen, und von da wird man auf Wunsch mit einem "Land Rover" von den Gastgebern abgeholt. Auf die ähnliche Tour ist zudem per Zug - allerdings in etwa zehn Stunden - aus der ungarischen Hauptstadt Budapest eine Reise ebenfalls nach Kronstadt möglich.
Angel- wie Ausgangspunkt also auch für uns und unsere virtuelle Reise in das Szeklerland war mithin die Stadt am Fuße der Zinne, und von hier wies uns erneut der Computer den Weg nach Mikolsvar entlang der Landstraße DN 60 über Rothbach und Nussbach bis zum Ziel. In 55 Minuten, meinte der PC, könne man diese 46 Kilometer lange Strecke per PKW schaffen und dort einkehren, wo einst eine der ältesten Familien Siebenbürgens zu Hause war. "Denn schon 1252 erhielt unser Ahne Vincze als königliche Schenkung dies Anwesen in und rund um Miklosvar", klärte uns Graf Tibor Kalnoky auf.
Allein auch dies Gespräch fand nicht face to face, also von Angesicht zu Angesicht statt, erneut ermöglichte die moderne Technik den Dialog, den wir dann zusätzlich mit Infos und Bildern von der Homepage anreicherten.
So also machten wir uns ein Bild von dem, was hier unter "Wohnen und Essen" für Touristen bereits vorhanden ist: Gästezimmer mit Nasszellen nebst Kanonenöfen, Wohn- und Essdiele mit Kachelöfen, Weinkeller mit Kamin und natürlich eine Küche, die spezifische Speisen meist aus hauseigenen Rohstoffen auftischt und dazu noch ofenfrisches Brot. Alles verleiht, wie die Werbung verspricht, eine echt "transylvanische Atmosphäre", weitgehend im Stil der Renaissance und legendärer Darstellungen jener Zeit.
Auch die Legende um Graf Dracula ist hier beispielsweise über eine Reise nach Törzburg in das Touristenangebot eingebunden, und wer die Sage vom Rattenfänger aus Hameln kennt, kann nahe von Miklosvar die Almescher Höhle durchstreifen und den letzten Wegteil der im Mutterland vermissten Kinder nachvollziehen, die für das kleine Volk der Siebenbürger Sachsen dann im Karpatenland der Anfang gewesen sein sollen. Übrigens handelt es sich hierbei um eines der wichtigsten Höhlensysteme Siebenbürgens mit einer Ausdehnung von rund sieben Kilometern. "Höhlenforscher brauchen mehrere Tage, um bis in alle Tiefen dieses Systems vorzudringen. Wir, mit unseren Gästen, erkunden gewöhnlich an nur einem Tag die zugänglicheren und spektakulärsten Gänge mit ihren Fledermauskolonien," meint der Graf.
Und wer eine andere Alternative bevorzugt, Ferien auf dem Bauernhof genießen will, findet hier auch das: "Wir zeigen den Gästen, wie man eine Kuh melkt, wie man mit einem Pferdegespann die Felder pflügt oder ohne Traktor Kartoffeln, Mais und Rüben erntet, mitunter aber auch wie man Kühe, Schafe Pferde und Zeigen auf der Weide hütet, das Heu mäht und es danach in die Scheune fährt."
In der gleichen Werbung werden überdies angeführt und angeboten: Pferdekarren, Kutschen, Schlitten, Reiten, Wandern, Pilzesammeln, Rudern, Angeln oder Jagen. Tagsüber kann man dann noch Vogelbeobachtungen und demnächst auch Vogelberingungen vornehmen, wenn man auf eine Bärenpirsch verzichtet, und nachts "garantiert die Abgeschiedenheit und Höhenlage unseres Dorfes mit Blick auf einen glasklaren Sternenhimmel" genießen. Ein Teleskop "Meade Explorer 4500" steht neugierigen Astronomen jetzt schon zur Verfügung, ab diesem Sommer kommt dann noch ein computergesteuertes Profi-Teleskop "Meade LX 200" hinzu.
Selbst an Eltern mit Kindern wurde hier gedacht: Altersspezifisches Mobiliar, ein Spielplatz und sogar ein Kindermädchen sorgen für Abwechslung für die Kleinen und demnach für den sorglosen Aufenthalt der Großen. Kleine Gruppen können ferner hier Seminare oder andere Besprechungen abhalten und wie alle übrigen Gäste dann eben mit "großen Überraschungen" rechnen.
Denn eine Überraschung ist sie allemal für Touristen, diese wohl älteste dokumentierte Ortschaft der Region, 1211 nämlich als Grenzfestung des Königreichs Ungarn zum Gebiet des Deutschen Ritterordens im Burzenland errichtet. Und das heutige Schloss des Grafen Kalnoky wurde bereits im 16. Jahrhundert als Jagdschloss von der Familie gebaut, zahlreiche Renaissance-Elemente an Einfassungen von Türen, Fenstern und Toren zeugen heute noch davon. 24 Generationen haben hier seither das Erbe der Vorfahren bewahrt, Tibor will es aber nun auch anderen zugänglich machen. "Die Aufgabe des Wiederaufbaus wurde mir von meinem Vater anvertraut, da ich keine Erinnerungen an die Vergangenheit habe und so unbelastet in die Zukunft schauen kann. Meinem Vater fiel es schließlich schwerer, aus Zerstörung und Ruinen wieder Hoffnung zu schöpfen", gesteht Tibor Kalnoky und beleuchtet kurz die Story dieser 25. und vorerst letzten Generation des Szekler Grafengeschlechts.
Wie die meisten Aristokraten musste auch sein Vater noch während des Zweiten Weltkriegs die Heimat verlassen. Als Soldat der US-Army zog er in den Krieg gegen Japan und Korea, danach erst lernte er die Mutter von Tibor - "eine Deutsche aus Oberschlesien" - kennen und kehrte mit ihr gemeinsam wieder nach Europa zurück. So ist Tibor größtenteils in Frankreich aufgewachsen, Deutsch allerdings wurde trotzdem zu seiner Muttersprache, und in Deutschland hat er auch studiert.
Nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs ist er zunächst einmal nach Ungarn "heimgekehrt, um Ungarisch zu lernen", 1997 schlug er dann den Weg nach Siebenbürgen ein, "um das Erbe meiner Vorfahren anzutreten". Onkel Alexander hatte schließlich eine Burg in Mähren (Tschechien) wieder in Besitz genommen, Onkel Alois ein Schloss in Oberungarn (heute Slowakei).
Tibor jedoch zog es nach Miklosvar, denn auch seine Frau ist eine gebürtige Szeklerin, und seine drei Kinder (sechs und vier Jahre bzw. einige Monate alt) sind mittlerweile wie auch die Eltern rumänische Staatsbürger.
Als solche konnten sie denn auch einfacher ihren alten Besitz wieder einfordern, selbst wenn das so einfach wiederum nicht war. Bloß ein Teil wurde ihnen per Gerichtsentscheid zurückgegeben, "einen Teil haben wir zurückgekauft und einen weiteren auf lange Sicht vom Staat gepachtet". Alles befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Nacheinander nämlich war das einst ansehnliche Schloss von Funktionären der kommunistischen Partei, dann von der staatlichen Kooperative und letztlich von der gesamten Gemeinde als Kultur- und Hochzeitssaal mißbraucht worden. "Und unter Kultur verstand man offenbar damals, Wände und Türen einzureißen, Fenster auszuheben, Volksbühnen aufzuziehen, kurz: alles zu zerstören", bedauert heute Tibor, der unterdessen von Restaurateuren sorgfältig alte Wanddekorationen aus dem 17. Jahrhundert im Schloss wieder aufdecken, jedoch die Gruft in der Schlosskapelle mit den Gebeinen der Vorfahren aus Sicherheitsgründen vermauern ließ.
Darum auch möchte er nicht gerne daran erinnert werden, wieviel Geld er hier mittlerweile investiert hat und wieviel noch notwendig ist, um das zu erreichen, worauf er bereits jetzt schon setzt: „Qulitäts-Tourismus der besonderen Art", wie er meint. Zu den Besonderheiten seines Angebots mitten im Szeklerland stehen ja auch Touren zu sächsischen Kirchenburgen. "Und die lange und traurige Geschichte der Sachsen in Siebenbürgen wird Ihnen", so heißt es auf der Webseite, "am besten von der Handvoll Sachsen selbst erzählt, die in ihren angestammten Dörfern noch verblieben ist." So führt die eine Rundreise durch Landschaften des einstigen Königsbodens an der Festung von Reps vorbei nach Deutsch-Weißkirch und Schäßburg und von hier zurück über Keisd und Hamruden. Im Burzenland hingegen besucht man die Törzburg und Rosenau, ferner die Wehrkirchen von Tartlau und Honigberg.
Wer es allerdings so nicht will, der kann es eben auf unsere Tour vorerst versuchen: Unter www.transylvaniancastle.com gelangt man in das hier beschriebene Ferienparadies, und mit ein wenig Phantasie kann man für wenige Minuten eben Urlaub machen, genießen jedoch sollte man ihn ausgiebig dann doch im siebenbürgischen Miklosvar des einst ungarischen Grafengeschlechts und nahe jener Orte, wo die Legenden um Graf Dracula oder um den Rattenfänger von Hameln gleich den Mineralquellen buchstäblich aus dem Boden schießen und jene Multikulturalität vermitteln, die dieser Region neben ihrer landschaftlichen Vielfältigkeit eigen war und ist.

Martin Ohnweiler

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