1. Juli 2003

Peter Jacobi auf Spurensuche in den Dimensionen von Zeit und Vergänglichkeit

„Das Werk dieses Transylvanian Saxon ... schreibt in der Geschichte unserer siebenbürgisch-sächsischen Kunst ein neues Blatt", so Karin Servatius-Speck, Stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen und intime Kennerin der Arbeiten von Peter Jacobi, auf den sie am Pfingstsonntag in Dinkelsbühl im Zuge der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2003 die Laudatio hielt. Die viel beachtete Ansprache wird im Folgenden ungekürzt wiedergegeben.
Das Kunstwerk ist die eine, die sichtbare Seite eines Erlebnisganzen - die andere Seite, der Zustand seines Schöpfers, die dazugehörigen Umstände, aus denen es entstand, bleiben uns, den Außenstehenden, verschlossen. Der bildende Künstler Peter Jacobi hat in diesem Sinne einmal geschrieben: „Meine Arbeiten sind das Artikulieren der Empfindungen, Erfahrungen und Konzepte, so dass Spannung zwischen dem nicht Artikulierten und dem Ausgesprochenen entsteht.“

Peter Jacobi: Modulare Säule (Detail), 1999/2001, Bronze, 350 x 22 x 24 cm. Foto: Peter Jacobi.
Peter Jacobi: Modulare Säule (Detail), 1999/2001, Bronze, 350 x 22 x 24 cm. Foto: Peter Jacobi

Wer wagt es, ein Kunstwerk auf die Haltung und Intention seines Schöpfers hin transparent zu machen oder gar Umkehrschlüsse zu ziehen, ohne sich in eine schwierige, labile Balance zu begeben, in der man sich im Wort vergreifen oder in die private Intimsphäre eingreifen könnte? Aber da gibt es zum Glück relativ stabilisierende Eckpunkte: Bei Peter Jacobi die nachvollziehbaren Daten eines in sechs Jahrzehnten außergewöhnlich bewegten Lebens. Es gibt die Statements des Künstlers und Kunst Lehrenden, und es gibt seine bleibende schöpferische Geste, eigenwillig und erfolgreich, wandlungsfähig in unterschiedlichen Lebensabschnitten: mal dank gleitender Metamorphose, mal die alte Form entrümpelnd mit neuer konzeptioneller Geste, aber immer ehrlich - und erfolgreich.

Wir stehen heute mehr denn je in einer dissonanten Welt, im Gewirre innerer Gegensätze. Auch das Kunstgeschehen hat kein homogenes Gepräge. "Der Künstler", sagte Emil Praetorius, "ist heute wie nie zuvor auf sich gestellt", auf der Suche. Wohl dem, der um den starken Rückhalt einer Gemeinschaft noch weiß, ihre Prägung in sich trägt - oder die Sehnsucht, integriert zu sein, auch in voller Verantwortung. So wie der Künstler und Professor Jacobi. In seinem imposanten Wohnhaus/Fabrik/Atelier "Im Steinernen Kreuz" bei Pforzheim entdeckt man dort, wo eine Nische für den Ablauf des Alltäglichen eingerichtet ist, wie verhaltene Zeugen stabiler Tradition, ein paar kupferbraune, langsam verbleichende Familienfotos: Großeltern, Eltern. Vielleicht sind sie aber vielmehr verhaltene Zeugen einer Sehnsucht danach, denn die Jahre, wie Peter sie als Kind und Heranwachsender erlebte, waren mehr als bewegt und unstet: Sehr oft hat die siebenbürgisch-sächsische Familie ihren Wohnort gewechselt: auf der Flucht vor den Bomben des 2. Weltkriegs, aus beruflichen Gründen des Vaters, der in der aufkommenden Ölindustrie arbeitete. 1935 wurde Peter Jacobi in Ploieşti geboren, erlebte die Kindheit in Bukarest, wechselte elfmal die Schulen, bis er u. a. mit den heute ebenfalls verdienstvollen und herausragenden Siebenbürger Sachsen Christoph Klein und Joachim Szaunig das erste deutsche Abitur in der Nachkriegszeit am Gheorghe-Lazăr-Lyzeum in Hermannstadt bestand.

Peter Jacobi bei seiner Danksagung für den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2003. Foto: Josef Balazs
Peter Jacobi bei seiner Danksagung für den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2003. Foto: Josef Balazs

Als Heranwachsender hatte Peter Jacobi sein Interesse für Kunst entdeckt. 1955 ging er an die Bukarester Kunstakademie, um Bildhauerei zu studieren. Den Kunstlehrer verschlug es 1961 bis 1967 nach Craiova. Bis zu seinem Wegzug nach Deutschland (1970) arbeitete er als freier Künstler. Bald nach seiner Ankunft erhielt er 1971 eine Professur an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim. 27 Jahre sollte er hier wirken, fünf Jahre auch als Dekan, neben renommierten Kollegen wie dem Bildhauer Professor Jürgen Brodwolf und dem heutigen Präsidenten der Kunstakademie München, Prof. Ben Willikens.

Seine Klasse hieß "Skulptur und angrenzende Gebiete", ein weites Feld, auf dem sich der praktizierende Künstler als Vermittler seiner Erfahrung betätigte, als Hochschullehrer über die Moderne des 20. Jahrhunderts dozierte, vor allem aber als Mentor seine Studenten sehr umsichtig auf den Weg der Entdeckung ihrer Möglichkeiten, ihrer Persönlichkeit mit ihrer künstlerischen Begabung und deren Ausdruckskraft, begleitete.

Lassen Sie uns den Versuch wagen, den Weg des Künstlers Jacobi selbst an wichtigen Stationen oder Themenkreisen seines Werkes nachzuzeichnen. Jede Art von Wirklichkeitsverarbeitung und -bewältigung geschieht in Bildern. In der Literatur ist es das Bild der Dichtersprache, in der darstellenden Kunst spricht das Bild an sich uns an. Das ABC der Sprache der bildenden Kunst war dem Heranwachsenden einfühlsam von seiner Kunstlehrerin an der Volkshochschule in Hermannstadt, Frieda Binder, beigebracht worden. Seinen eigenen Weg der Mitteilung in jener poststalinistischen Zeit Rumäniens sollte der junge Künstler aus Ablehnung und Verneinung entwickeln, aus Abneigung gegen die pathetische Schönfärberei und plakative Glätte der Kunst des sozialistischen Realismus, der sich alle seine Lehrer an der Kunstakademie verschrieben hatten, die sich hinter dem Eisernen Vorhang duckten, jenseits dessen westliche „Dekadenz“ lauerte. In dieser Verweigerungshaltung fanden Studenten zusammen; sie bildeten sich gleichsam autodidaktisch und entwickelten ihre adäquaten Strategien des Ausdrucks, der Mitteilung. In dieser Kunstszene trafen Peter und Ritzi Jacobi einander. Als Künstlerehepaar sollten sie mit gemeinsamen Projekten vor allem nach der Ausreise in den Westen (bis 1980) international Beachtung finden und Auszeichnungen erhalten: So waren Einzelausstellungen von Ritzi bzw. Peter in Venedig auf der Biennale, Zürich - Museum Bellerive, Chicago- Museum of Contemporary Art, Los Angeles - The County Museum of Art, Stockholm - Liljevalchs Konsthall, Paris - Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris, Sao Paulo - Biennale, Baden-Baden – Staatliche Kunsthalle, Mannheim – Städtische Kunsthalle, Oronsko – The Museum of Polish Sculpture, Bratislava – Month of Photography, Bukarest – Rumänische Nationalgalerie zu sehen.

Cézannes berühmtes Wort, man müsse durch die Natur zum Louvre kommen und durch den Louvre zur Natur, fand hier in Abwandlung Bestätigung. Aus Protest gegen die Unnatur der manipulierten Kunst hatten sie die Grundform der Mitteilung gefunden, in der Besinnung auf das Material. Das Material an sich wurde Form und Inhalt gleichermaßen: Es entstanden textile Reliefs als Verbund aus sprödem Ziegenhaar, Holz und Metall, Collagen im Widerspruch zu den monumentalen Tapisserien mit sozialistischer Thematik oder zu den historisierenden Fresken der Machthaber.

Aber jeder der beiden Künstler entwickelte sein individuelles Programm: Peter Jacobi stellte im harten Marmor „weiche Motive“, wie z.B. antropomorph erscheinende Faltungen dar. Die Auseinandersetzung mit dem der Vergänglichkeit trotzenden Material vervollkommnete seine künstlerische Sprache, die in der schlichten, klaren Form und durch Reduktion größtmögliche Suggestivität und Intensivierung erfahren sollte.

Wer seine Sprache gefunden hat, dem wird Befragung zum Movens werden. Und was bewegt uns endliche Menschen mehr, als unsere Fragen an „die allmächtige Zeit, deine Herrin und meine“ – wie Goethe schrieb.

Auf den Spuren der Zeit, auf Spurensuche, so das künstlerische Hauptmotiv, der Antrieb zum bildnerischen Tun Jacobis, nicht nur aus der Spannung der Frage an sich heraus gewählt, sondern auch aus dem Gefühl und dem Bewusstsein des aus der sicheren Chronik Entlassenen, eines Menschen, der auf der Suche nach alten und neuen Wurzeln ist.

Angekommen in Deutschland, geht Jacobi auf Spurensuche im wörtlichen Sinn, und er trifft auf die Zeugen jüngerer deutscher Vergangenheit: die Trümmerberge am Rand der großen Städte, die Höckerlinie des Westwalls, Bunker, tote Gleise. Es geht dem Künstler darum, sie dem langsam übergrünenden Vergessen zu entreißen. Der einzige Sieger über das Vergehen der Zeit ist das Gedächtnis. Mit diesem gilt es sich zu verbünden gegen das Vergessen. In unverrückbarem Beweismaterial der Fotografie hält er die Zeugen fest, in konzeptueller Fotografie, in Schlichtheit zu vielschichtiger Aussage belichtet. Die Aussage soll so komplex und suggestiv wie möglich sein, dazu werden die Bilder durch Kolorieren, Übermalen, später durch Überarbeitung mit dem Computer schöpferisch vergeistigt und bereichert.

Nicht lange und der Künstler findet das Vokabular seiner eigenen Sprache der Mahnung. Eine Reihe von Memorials entsteht: Konstrukte, Installationen, Säulen wie Obelisken, sie stehen auf öffentlichen Plätzen, bundesweit, Mahnmale in Stein und Stahl gegen das Vergessen. Im neuesten geplanten Projekt von Jacobi wird grandios dimensionierte Natur mit einbezogen: Der Trümmerberg bei Pforzheim wird künstlerisch so besetzt, dass er bei Tag und Nacht, aber auch durch die Jahreszeiten suggestiv und Aufmerksamkeit heischend an das sinnlose Sterben der 18 000 Zivilisten durch britische Bomber gemahnen soll.

Auf Spurensuche der Erinnerung reist Jacobi nach Rumänien. Hier hat ihn ein künstlerisches Ensemble nie losgelassen: “Die unendliche Säule“, „Der Tisch des Schweigens“, „Das Tor des Kusses“ von Constantin Brâncuşi in Târgu Jiu als Kriegerdenkmal für die Gefallenen des 1. Weltkriegs konzipiert und unverrückbar aufgestellt. Es fasziniert ihn vor allem die Säule der Unendlichkeit, die schon der amerikanische Künstler Robert Morris 1966 als „die erste minimalistische monumentale Skulptur der Moderne“ bezeichnete. Jacobi schreibt dazu: „Wenn man an der Säule hochschaut, wird die Reihe der Module zur Stufenfolge, die ins Universum führt, wie eine Antenne ist die Säule nun, die mit dem Unendlichen kommuniziert.“

Die Unendlichkeit, ist sie nicht die Schwester der Zeit? Mithin das Größte? In künstlerischer Gestaltung kann man am wahrhaftigsten und suggestivsten Aussagen treffen, wenn die Form eine höchstmögliche Reduktion auf das Essentielle erfährt. Die rautenförmigen, glanzglatten Flächen der modularen Säule von Brâncuşi zeigen größte Geschlossenheit und werden umso offener für den Bezug mit dem Betrachter. Ihre Klarheit birgt das größte Potential von zu entdeckendem Geheimnis.

Jacobi variiert die ursprüngliche Säule Brâncuşis, indem er die Module durchbricht und spiralförmig so auftürmt, dass, wie beim Freiburger Münsterturm, der Himmel durch sie hindurchgeht und sie sich scheinbar noch weiter in die Unendlichkeit hineinschrauben. Unendlichkeit einfangen, an Endlichkeit gemahnend. Zu Trägern eines Pavillons angeordnet, erweitert die Säulenthematik ihr ambivalentes Spiel, indem mit den Trägern sowohl ein Gedenkraum für Tote als auch, als Variante, ein Raum für bukolische Freuden geschaffen werden kann.

Auch bei einer Reihe von Jacobis Installationen lässt sich sehr gut ein beeindruckender Spannungsbogen von solcher Ambivalenz festmachen: konstruktive Geometrie und Nüchternheit auf der einen, ein Hang zum Fassbarmachen des Geheimnisvollsten im Ewigen wurzelnden andererseits. Immer schon arbeitet Jacobi gerne mit Metapher, Symbol, allegorischem Arrangement; der Titel, dazu oft schon ein Text an sich, schafft die Doppelbödigkeit der Mitteilung, die zuerst scheinbar so nüchtern daherkommt.

Wie ein Jäger und Sammler trägt Jacobi alte Fotografien (mehrere Tausend hat er im Archiv) zusammen, die Motive querbeet. Das Kriterium: Ästhetik. Und sie müssen aus dem Lebensraum der alten Heimat stammen. Auf die Frage nach dem "Weshalb" antwortet er: Um zu beweisen, dass auch in jenem abgelegenen Winkel Europas zeitgleich mit Westlichem Äquivalentes existierte. Zu meinen, dass man hier den vom biografischen Geschehen Gebeutelten und Entwurzelten zu packen bekäme, ist viel zu simpel.

Eines der Themen seiner Sammlung sind Ablichtungen von Damen der Mittel- und Oberschicht im rumänischen, urban abgewandelten Trachtengewand, mit Vorliebe die berühmten deutschstämmigen Königinnen Rumäniens, aber er begegnet ihnen mit freundlicher Gelassenheit, gar Ironie, von ihrer Trivialität gerührt. Seine Distanz zum Objekt kommentiert er vor allem durch den im Computer geschaffenen Bildrahmen, der einerseits verfremdet oder cool interpretiert, andererseits die gesamte Thematik, dank des Hinweises auf die beiden Zeitebenen zwischen Fotografie und Rahmen, wieder in Jacobis größtes Thema einbezieht: Zeit und Vergänglichkeit.

„Palimpsest“ hieß die letzte große Ausstellung von Peter Jacobi, letztes Jahr, die sein Lebenswerk zeigte. Das Wort bedeutet altes Pergament, nach Weglöschen des alten Textes neu beschrieben. Ein Schwerpunkt der Ausstellung waren überarbeitete Fotografien, auch solche von Grabmalen, vor allem von Künstlern aus dem gleichen Herkunftsraum, auf den Friedhöfen Europas verstreut bestattet. Mahnmale der Vergänglichkeit. Die Ausstellung fand in Bukarest in der Nationalgalerie Rumäniens statt.

Wer hätte es gedacht, vor 33 Jahren, als Peter Jacobi das Land für immer verließ, dass dort Seiten der Geschichte neu beschrieben würden. Das Werk dieses „Transylvanian Saxon“, wie er sich bei allen internationalen Events vorstellt, sei es als ausstellender Künstler, sei es als Vortragender, schreibt in der Geschichte unserer siebenbürgisch-sächsischen Kunst ein neues Blatt; weil die Originalsprache der echten Kunst universell ist, wird es weltweit mit Anerkennung gelesen. Dafür vor allem erhält Peter Jacobi heute den Kulturpreis der Siebenbürger Sachsen 2003.

Karin Servatius-Speck

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