24. August 2003

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In Erika Messners Attersee-Villa sind Klimt-Verehrer wie Sommerfrischler willkommen

Als das 2. Programm des ORF am 2. Februar dieses Jahres anlässlich einer Ausstellung von Gustav Klimts Landschaftsbildern im Wiener Oberen Belvedere die 45-Minuten-Dokumentation "Gustav Klimt. Die Landschaften. Eine Spurensuche" ausstrahlte, kam darin auch die gebürtige Kronstädterin Erika Messner zu Wort. Sie lebt während der Sommermonate in der Villa Paulick am Attersee, vielen auch als "Klimtvilla" bekannt. Seit dem TV-Film ist ihr der Rummel um das berühmte Haus fast über den Kopf gewachsen.
In wallendem Reformkleid schreitet Erika Messner, 75, zum Bootssteg hinab. Zwischen dem Blätterwerk der Birken und Ahornbäume schimmern ein Rundtürmchen und die Kamintürme eines verwinkelten Holzgiebeldaches hindurch. Nein, es ist kein verwunschenes Märchenschloss, das sich da zwischen Rosensträuchern und Hortensien versteckt. Es ist die Villa Paulick, und mit ihr verbinden sich über 30 ereignisreiche Jahre im Leben von Frau Messner.

Am selben Bootshaus, an dem sie jetzt ins Wasser steigt, legte bereits Wiens führender Jugendstilmaler Gustav Klimt an, wenn er zu seiner Lebensgefährtin Emilie Flöge mit dem Ruderboot zu Besuch kam ? wenn er nicht gerade selbst ein ?Seebad? in der am gegenüberliegenden Ufer Villa Oleander nahm oder einen der bunten Bauerngärten aus der Nachbarschaft malte. Sogar der kunstvolle Giebel des Bootshauses, Schwäne, die zwischen Wasserpflanzen dahingleiten, ist noch original. Ein überdimensionaler Scherenschnitt aus einer anderen Zeit.
Emilie Flöge (links) im selbst entworfenen Reformkleid mit ihrem Lebensgefährten Gustav Klimt (Mitte). Rechts Emilies Bruder Hermann Flöge mit der kleinen Gertrude im Ruderboot vor dem Garten der Villa Paulick. Das Bild wurde 1909 von Klimts Künstlerkollegen Richard Teschner aufgenommen.
Emilie Flöge (links) im selbst entworfenen Reformkleid mit ihrem Lebensgefährten Gustav Klimt (Mitte). Rechts Emilies Bruder Hermann Flöge mit der kleinen Gertrude im Ruderboot vor dem Garten der Villa Paulick. Das Bild wurde 1909 von Klimts Künstlerkollegen Richard Teschner aufgenommen.

Keine Frage, die Villa des k.u.k. Hoftischlermeisters Friedrich Paulick (1824-1904) ist kein Haus wie viele andere. Als Paulick 1876 zwei Architekten mit dem Bau beauftragte, mussten diese auch den Vorstellungen und kunsthandwerklichen Schöpfungen des prominenten Bauherrn Rechnung tragen. Allen voran dem Paradestück des Hauses, einer vergoldeten Neorenaissance-Kassettendecke, die bereits den Pavillon des Kaisers auf der Weltausstellung von 1873 geschmückt hatte.
Blick in den Salon der ?Klimtvilla? mit seiner berühmten Kassettendecke von 1873. Foto: Konrad Klein
Blick in den Salon der ?Klimtvilla? mit seiner berühmten Kassettendecke von 1873. Foto: Konrad Klein

Ihre Goldornamente bringen ein fast magisches Licht in die feierliche Dunkelheit des Salons. Das 1877 fertig gestellte Gebäude mit all seinen Türmen, Erkern, Veranden, Galerien und höchst unterschiedlichen Räumen (darunter das von Emilie Flöge benutzte ?Loggiazimmer?, das gemütlich-rustikale Zimmer ?Mein Nest?, das ?Turmzimmer?, in der gerne der Maler Ch. L. Attersee absteigt, oder das ?Atelierzimmer?, so benannt nach dem Jugendstilkünstler Richard Teschner, der hier die Sommermonate verbrachte) erinnert, zumindest auf den ersten Blick, an das um die gleiche Zeit erbaute Schloss Pelesch, die Sommerresidenz des rumänischen Königpaars.

Und als solche war die Villa auch gedacht. Sie war entstanden zu einer Zeit, als die vornehme Wiener Gesellschaft gerade den ?Urlaubswert? der bäuerlich geprägten Ortschaften rund um den Attersee entdeckt hatte (Aristokratie und Hochadel hielten sich während des Sommermonate überwiegend in Bad Ischl und in den Gebieten um den Traunsee auf). Was aber hat das mit Erika Messner zu tun?

Erika ?Eri? Messners Biographie, übrigens eine Cousine des Schriftstellers Arnold Hauser (?Der fragwürdige Bericht des Jakob Bühlmann?), würde sich kaum von den vielen anderen ihrer sächsischen Altersgenossinnen unterscheiden, hätte ihr, genauer: ihrem Mann, nicht eines Tages die sprichwörtliche Märchenfee begegnet. Doch eins nach dem anderen.

Nach einer glücklichen Kindheit und Jugendzeit in Kronstadt wurde sie zum Arbeitsdienst nach Russland deportiert. 1947 kam sie nach Frankfurt an der Oder, von wo es sie nach Linz verschlug. 1950 ließ sie sich mit ihrem Mann im oberösterreichischen Wels nieder, das damals natürlich auch unter den schweren Nachkriegsjahren zu leiden hatte. Als er während dieser Zeit eines Tages Kartoffeln ausfuhr, bat ihn eine Frau, ihm ein paar davon zu verkaufen. Er meinte, das könne er gar nicht, weil sie nicht ihm gehörten. Einige davon wolle er ihr aber gerne schenken. Die Frau war Gertrude Flöge, und es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. (Die 1971 verstorbene Gertrude war die Tochter von Emilies Bruder Hermann Flöge, der mit Therese Paulick, einer Tochter des k.u.k. Hoftischlermeisters Friedrich Paulick, verheiratet war. Der Ehe entstammten keine weiteren Kinder, so dass die Villa an Trude überging.)

Und warum sollten Märchen nicht auch mal wahr werden? Als die Hausbesitzerin ihr Ende kommen spürte, bestimmte sie das Ehepaar Messner zum alleinigen Erben ihres Sommersitzes (ihre eigentliche Wohnung befand sich in Wien). Damit hatte sie die Frage der Nachfolge zum Wohle von Haus und Beschenkten entschieden. Was die solcherart Bedachten anfangs gar nicht so sahen, mussten sie doch eine Unmenge an Zeit und Geld in das reparaturbedürftige Anwesen investieren. Doch die Mühe hat sich gelohnt, auch wenn die Villa ein Fulltimejob geblieben ist. Dafür ist sie nun endgültig aus ihrem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf erwacht.

Klimt und Rumänien


Nur wenig bekannt ist, dass Klimt auch für die junge rumänische Monarchie tätig war. 1883, noch bevor er es zum gefeierten Jugendstilmaler gebracht hatte, hatte ihn Carmen Sylva zusammen mit seinem Wiener Studienkollegen Franz Matsch und seinem ebenfalls als Maler wirkenden Bruder Ernst Klimt nach Sinaia geholt, wo er im Schloss Pelesch Ahnenbilder (nach Stichvorlagen) und die Deckendekoration für den Theatersaal zu malen hatte. Anschließend bereiste er die ?transsylvanischen Alpen? (G. Frodl, Klimt, S. 156).

1985 fertigte er für das Bukarester Nationaltheater Entwürfe zu den ?Allegorien der Musik?. Geheimnisvoll bleibt, warum er im Dezember 1917, also nur wenige Wochen vor seinem frühen Tod am 6. Februar 1918, nach Rumänien reisen wollte. Unwahrscheinlich, doch immerhin denkbar ist, dass der Besuch mit Emilie Flöges intensiver Beschäftigung mit slawischer und rumänischer Textilkunst zusammenhängt. Insbesondere die rumänischen Stickereien und die Verwendung farbenreicher Stoffe ? einschließlich die ?Neuentdeckung? des Wickelrocks ? zeigen, dass die Haute-Couture-Modeschöpferin Emilie Flöge (1874-1952) den ?Ethnolook? der Hippiezeit bereits vorweggenommen hatte (Frodl, S. 82). Leider ist ein großer Teil ihrer Trachtensammlung in den letzten Kriegstagen verbrannt.

Gut möglich hingegen, dass sich Emilie Flöge von den zahlreichen siebenbürgisch-sächsischen Stickereien anregen ließ, die zur Ausstattung der Villa Paulick gehörten. Erika Messner staunte nicht schlecht, als sie nach der Übernahme der Villa einen ganzen Wäscheschrank voll sächsischer Textilien entdeckte. Der Überlieferung nach hatten sie noch Friedrich Paulick oder Klimt selbst einem Zigeuner auf einem Wiener Trödelmarkt abgekauft. 1984 wurden die aus der Zeit von 1739(!) bis um 1876 stammenden Stücke im Burgmuseum der Stadt Wels als ?Gestickte Schätze aus Siebenbürgen? erstmals ausgestellt. Wie sich herausstellte, zeigen viele davon Muster, die noch in keiner Mappe aufgezeichnet sind.
Erika Messner beim Durchblättern der Gästebücher. Darin finden sich so unterschiedliche Namen wie jener von Oskar Kokoschka und Dr. Viktor Eisenmenger (Leibarzt von Kaiser Franz Joseph), aber auch jener von ?Sachsenbischof? D. Dr. Christoph Klein. Foto: Konrad Klein
Erika Messner beim Durchblättern der Gästebücher. Darin finden sich so unterschiedliche Namen wie jener von Oskar Kokoschka und Dr. Viktor Eisenmenger (Leibarzt von Kaiser Franz Joseph), aber auch jener von ?Sachsenbischof? D. Dr. Christoph Klein. Foto: Konrad Klein

Wie die Kunsthistoriker mittlerweile herausgefunden haben, hat Klimt an die 50 Ölbilder während seiner Sommeraufenthalte am Attersee gemalt. Mehrere seiner schönsten Landschafts- und Seeansichten sind auf dem Bootssteg der Villa Paulick entstanden. Der Künstler hatte die Motive mit Opernglas und Fernrohr herangeholt und zu Landschaftsbildern voll vibrierender Farbigkeit verarbeitet (Schloss Kammer am Attersee I, II, III u. IV, Insel im Atterseeu.a).

1916 waren Klimt und Emilie Flöge zum letzten Mal am Attersee. Der Weltkrieg hatte auch die verschlafensten Winkel der Monarchie erreicht. ?Nieder mit dem Feind! Allerherzlichste Grüße, GUSTAV?, schließt Klimt eine Postkarte am 27.6.1915 an seine in der Villa Paulick auf Sommerfrische weilenden Lebens- und Schaffensgefährtin Emilie Flöge. Dass er um die gleiche Zeit mit weiteren Frauen, die ihm Modell standen ? von der armen Wäscherin bis zur reichen jüdischen Fabrikantenfrau ? erotische Beziehungen unterhielt, steht auf einem anderen Blatt. Als er 1918 starb, meldeten 12 Mütter mit 14 Kindern Erbansprüche an.

Auch in der Klimtvilla ist die Zeit nicht stehen geblieben, auch wenn sie hier dank Erika Messner etwas anders und vielleicht auch etwas siebenbürgischer verrinnt. Bereits Legende sind die auch kulinarisch begleiteten Hauskonzerte (trotz der 100 Euro leider gleich ausverkauft). Wer es man mit einer Sommerfrische wie zu Kaisers Zeiten versuchen will, muss sich frühzeitig anmelden. Telefon und Fernseher wird er hier freilich vergeblich suchen, was merkwürdigerweise auch für die Lichtschalter gilt (ein Umstand, der die Frankfurter Allgemeine zur launigen Überschrift ?Schon am Tag ist es nicht einfach, die Lichtschalter zu finden?, inspirierte). Auch das WC und die in einem Schrank auf dem Flur untergebrachte Dusche muss mit den Etagenbewohnern geteilt werden.

Spätestens beim Kosten der hausgemachten Frühstückskonfitüre oder beim Blättern in den kostbaren Fotoalben und Gästebüchern hat man das aber schon wieder vergessen. Sehenswert auch die in allen Räumen hängenden Originalgraphiken. Das Spektrum reicht von Rudolf von Alt bis zu dem bereits erwähnten, mit einer Paulick-Tochter verheirateten Graphikers und Marionettenentwerfers Richard Teschner.

Die Stadt Seewalchen bot Frau Messner bereits 120 Millionen Schilling (= fast 9 Millionen Euro) für die Klimtvilla samt ?Inhalt?. Sie lehnte dankend ab, auch wenn sie manchmal, wie sie gesteht, den Namen Klimt nicht mehr hören kann: ?Manche, die herkommen, sind richtig klimtnarrisch. Jetzt aber muss ich mich beeilen, in einer Stunde ist der Bus mit den Japanern da.?

Villa Paulick, A-4863 Seewalchen am Attersee, Promenade 12, Telefon (aus Deutschland): 00 43/76 62 24 12.

Konrad Klein, Gauting


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