18. Januar 2004

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Theatermagier Ioan C. Toma wurde 50

Nun hat’s auch ihn erwischt: Am 12. Dezember wurde der aus Kronstadt stammende Regisseur Ioan Cristian Toma 50. Für den sportlichen Mann mit dem blonden Schnauzer kein Grund zur Panik. Dazu wäre Kissy, wie ihn seine siebenbürgischen Freunde nennen, sowieso viel zu beschäftigt. Was wunder bei einem nicht nur in Deutschland gefragten Theaterregisseur.
Auch 2003 war so ein bewegtes Jahr. Kaum hatte Toma in München Jarrys geniales Anarchostück "König Ubu" auf die Bühne gebracht (Februar), als auch schon seine Inszenierung von Albees Klassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf? " an dem für seine Experimentierfreude bekannten Theater Phönix in Linz startete (März). Im Juli zauberte er Goethes sprachlich runderneuertes Jugendstück "Satyros" als freches Soul-Musical aus dem Hut. Was ihn natürlich nicht lange ruhen ließ, denn bereits am 22. Oktober hatte an der Münchner Lach- und Schießgesellschaft die unter seiner Leitung einstudierte Solo-Performance des Schauspielers und Musikers Heinz-Josef Braun " Heinz & die Frauen" Premiere (dem Programm waren bereits zwei erfolgreiche "Heinz"-Solos vorangegangen).




50 und kein bisschen leiser: Der Theaterregisseur Ioan Toma (rechts) am Premierenabend des Satyros-Musicals. Neben ihm Texter Karl Heinz Hummel (Mitte) und Komponist Christian von der Au (links). Foto: Konrad Klein.
50 und kein bisschen leiser: Der Theaterregisseur Ioan Toma (rechts) am Premierenabend des Satyros-Musicals. Neben ihm Texter Karl Heinz Hummel (Mitte) und Komponist Christian von der Au (links). Foto: Konrad Klein.


Ein Workaholic ist Toma trotzdem nicht, nur viel herumgekommen ist er. Inszeniert hat er in den letzten 25 Jahren im süddeutschen Raum, aber auch in der Schweiz und in Österreich. Als er 1979 am Stadttheater in Bern begann, musste er gleich mehrere Jobs übernehmen: Schauspiel, Regieassistenz, Dramaturgie und Regie. 1981 wechselte er ans Stadttheater nach Essen, wo er bis 1984 blieb. Im gleichen Jahr gründete Toma in München das "Theater im Würfel", so benannt nach einem von ihm entworfenen Bühnenbild für die Dramatisierung von Gogols Novelle "Tagebuch eins Wahnsinnigen": ein Stahlrohrkubus, in dem sich der Kranke nach und nach mit einem Seil einspinnt. Die geniale Metapher mit ihrer geradezu archetypischen Bildhaftigkeit wirkt immer noch so unverbraucht, dass Toma im Sommer 2004 den Stahlwürfel aus Anlass einer Ausstellung über Phantastischen Realismus im Linzer Landesmuseum guten Gewissens wieder aufstellen wird. Nur dass sich diesmal das groteske Geschehen im Kubus vor einem Francis-Bacon-Bild abspielen wird.

Unvergessen auch zwei weitere von Toma inszenierte Theater-im-Würfel-Aufführungen in München - einmal mehr zur Sinn- und Hoffnungslosigkeit menschlicher Existenz: die beklemmenden Einakter "Striptease" und "Eine wundersame Nacht" des polnischen Dramatikers Slawomir Mrozek und ein vom Regisseur für die Bühne bearbeiteter Kafka-Text ("Beschreibung eines Kampfes").

1988 erhielt Toma eine Berufung als Hausregisseur an das Linzer Landestheater. Bis zu seinem Weggang 1992 brachte er rund 20 viel beachtete Inszenierungen auf die Bühne. 1992 bis 1995 war er als Oberspielleiter am Stadttheater in St. Gallen tätig. Gern denkt er da beispielsweise an ein Calderón-Projekt zurück, für das er den seit den 70-er Jahren verehrten Banater Nikolaus Wolcz als Gastregisseur ans Theater geholt hatte (während Tomas Studentenzeit war Wolcz Assistent am Bukarester Theaterinstitut). 1996 entschloss sich Toma, als freier Regisseur zu arbeiten: „Seit damals tue ich nur noch, was mir Spaß macht. Eigentlich habe ich“, fügt er mit dem ihm eigenen schelmischen Lächeln hinzu, "immer nur das getan. " Ein Satz, den man ihm glatt abnimmt, denn der Mann mit den ausgeprägten Lachfalten und den lustigen Augen ist eigentlich immer gut drauf.

Wahrscheinlich muss einer ein Glückskind sein, um das sagen zu können. Glück habe er gehabt, dass er in eine intellektuell höchst anregende Familie hineingeboren wurde (auch wenn ihn sein Stiefvater, der von seinen Schülern fast kultisch verehrte Geschichtslehrer Walter Schuller, schon früh mit launiger Gelassenheit als "nicht erziehbar" bezeichnete - offensichtliche Bestätigung dafür, dass hier einer nach dem Lustprinzip lebte). Glück sei es auch gewesen, als seine Mutter 1969 als Dramaturgin ans Hermannstädter Deutsche Staatstheater berufen wurde. Und Glück war es sicher auch, am Brukenthalgymnasium Hans Wiesenmayer als Deutschlehrer zu haben.

So richtig ins Schwärmen gerät Toma freilich erst, wenn er von seiner Bukarester Studienzeit 1972 bis 1976 erzählt. Ein wahrer Luxus sei es gewesen, was sich damals der rumänische Staat mit dem Institut für Theater- und Filmkunst I.L. Caragiale geleistet habe. Dem Schauspielstudium an der heute aufgelösten deutschen Abteilung des Instituts folgten noch einige Semester Theaterregie. Hier, in diesem Biotop unangepasster Lehrer, innovativer Regisseure und hochmotivierter Studenten habe er das meiste gelernt und darüber hinaus eine schöne Zeit gehabt. Es waren freilich auch die Jahre, in denen ihm klar wurde, dass er im Lande Ceausescus seine Theaterträume nicht werde leben können. Ende 1976 übersiedelte er mit seiner Familie nach Deutschland.

"Poesie interessiert mich mehr als Politik"

Doch Politik auf der Bühne interessiert Toma nicht. Das wurde beispielsweise bei seinen mehrfach variierten "König-Ubu"-Inszenierungen deutlich. Keine davon zeigt den zepterschwingenden Balkanmärchenkönig C. – etwa so wie in Silviu Purcaretes auch im Westen gezeigten "Ubu Rex". Zeitgenössisches und Sozialkritik sind für Toma nur in ihrer überzeitlichen Dimension interessant. Warum also den mythisch-surrealen Rüpel-König Ubu auf Ceausescu-Format schrumpfen? "Poesie interessierte mich schon immer mehr als Politik. "

Was natürlich nicht heißt, dass Toma mit Gegenwartsbezügen geizt – solange sie erhellend wirken. In seinem "philosophischen Kriminalstück" Die Akte Sokrates muss sich gar ein alter Grieche um Kopf und Kragen fragen. Natürlich nicht irgendeiner, sondern der schlaue Mäeutiker Sokrates. Und ist’s nicht hochaktuell, wenn es zuletzt nicht die Täter erwischt, sondern den wie TV-Kommissar Colombo im zerdrückten Trench herumlaufenden Wahrheitssucher Sokrates?

Inszenierungen sollten möglichst viel Raum für die assoziative Phantasie der Zuschauer lassen. Große Bedeutung komme daher auch dem Visuellen zu: "Am meisten reizt es mich, ein Bild zu finden für eine Geschichte. Ich gehe immer von Bildern aus. Der Rest der Umsetzung ergibt sich dann fast von selbst. " Was natürlich eine Untertreibung ist, denn wäre der ingeniöse Bild-Erfinder Toma nicht auch ein guter Handwerker, würde das beste Bild nicht viel taugen.

Insbesondere Linz hat der Freiberufler Toma die Treue gehalten, nicht zuletzt wegen der hier uraufgeführten Jugendstücke seiner Tochter. Eigentlich ist Linz so etwas wie seine dritte Heimat geworden, in die er immer wieder gerne zurückkehrt. Als er 1997 am Linzer Theater des Kindes Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" auf die Bühne brachte, lobte die Presse die Inszenierung in höchsten Tönen: Sie strotze vor "theatermagischem Einfallsreichtum" und Toma sei ein "wahrer Zauberer". Seine Theater- und Stilmittel führten zurück "an die Wurzeln des Spiels". Bedauernd resümierten die Oberösterreichischen Nachrichten: "Sinnliche Poesie, Phantasie, Verrücktheit – sie sind seit Tomas Abgang im Linzer Landestheater dort selbst weitgehend verdorrt. "

Stücke, bei denen Tabubruch, (Selbst-)Zerstörung und blutiger Ernst dominieren (siehe Sarah Kane & Co.) sind seine Sache nicht. Zumindest würde er sie nicht so erzählen, wie es zum Beispiel seine rumäniendeutsche Kollegin Christina Paulhofer tut. Was natürlich nicht heißt, dass er als Regisseur vor einer wohldosierten Blasphemie zurückschrecken würde – etwa wenn er ein Liebespaar auf dem Querbalken eines Kruzifixes Kopulationsbewegungen andeuten lässt ("Satyros").

Es spricht für Toma, dass er sich nicht zu schade ist, auch mit einer Laienspielbühne zu arbeiten. Gut in Erinnerung ist manchen noch seine temporeiche Inszenierung von Niccolò Macchiavellis Renaissance-Komödie „Mandragola“ im Säulenhof des Landsberger Heilig-Geist-Spitals mit der Laientruppe landsberger bühne e. V. (1998). Shakespeares "Widerspenstige Zähmung" hatte er mit der rührigen Truppe bereits vorher auf die Bühne gebracht. Mit seiner Hilfestellung beim Inszenieren will der „Zugroaste“ Toma zum guten Miteinander in seiner neuen Heimat Fuchstal bei Landsberg beitragen, wo sich der Theatermacher mit seinen Eltern in einem alten Bauernhaus niedergelassen hat.

Als sehr produktiv erwies sich auch die Zusammenarbeit mit dem Autor Karl Heinz Hummel, der in Kabarett, Kindertheater und Musical gleichermaßen zu Hause ist. Mit Hummel und Christian von der Au (Musik) schuf Toma das Erfolgsmusical "Ritter Unkenstein" nach Texten von Karl Valentin – ein witziger Musikmix aus Rocky Horror Picture Show, Puccini und bayerischer Volksmusik. Das Musikspektakel mit seinen schrägen Songs gehört mittlerweile zum festen Repertoire des Münchner Valentintheaters (Aufführungstermine unter www.valentintheater.de).

Tomas ganzer Stolz gilt seiner 1983 geborenen Tochter Luise, die nicht nur das Theatertalent vom Vater, sondern auch die schriftstellerische Begabung ihrer Großmutter Bettina Schuller geerbt hat. Allein ihr zusammen mit K.H. Hummel geschriebenes Stück "Der magische Mausklick" (2000) wurde am Linzer Theater des Kindes fast 300 mal aufgeführt. Mit rund 200 Aufführungen fast ebenso erfolgreich war das ebenfalls hier gespielte, natürlich auch vom Vater inszenierte Musical "Münchhausen. Das wahre Rap-Musical". Als Luise Toma den Text dazu schrieb, war sie gerade 18 geworden. Was ihr "cooler" Herr Papa freilich zum Anlass nahm, einen Schlussstrich unter seinen mehrjährigen Ausflug ins Kindertheater zu ziehen. Nicht, dass gutes Kinder- und Jugendtheater keine Herausforderung sei, doch jetzt sei es wieder an der Zeit, sich dem "großen" Theater zuzuwenden. Die Arbeit an einem Shakespeare-Projekt kam da wie gerufen. Man darf gespannt sein, welche "Bilder" Toma diesmal finden wird, um die Seelen-Abgründe von zwei so unterschiedlichen Mördern wie Richard III. und Macbeth auszuleuchten.

Wer in München wohnt, kann sich in der Lach- und Schießgesellschaft im Februar jeweils sonntags um 20.00 Uhr mit "Heinz & die Frauen" amüsieren – übrigens der gleiche Allrounder Heinz-Josef Braun, der seinerzeit Gogols "Wahnsinnigen" gegeben hatte. Ab 23. Januar darf auch wieder bei "Ritter Unkenstein" im Hofbräukeller gelacht werden, ganz nach dem Motto des Hauses: "Gehen auch Sie zum Lachen in den Keller". Und weil wir hier im tiefsten Bayern sind, wollen wir mit einem Wunsch schließen, den auch der große Lateiner Franz Josef Strauß selig nicht besser hätte formulieren können: Ad multos annos, lieber Kissy!

Konrad Klein

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 1 vom 20. Januar 2004, Seite 6)

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