20. Juni 2001

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Kurtfritz Handel: Gleichgewicht in Gestalt und Sinnhinsicht

Der Bildhauer Kurtfritz Handel hat während des diesjährigen Heimattages im Refektorium des Dinkelsbühler Evangelischen Gemeindehauses St. Paul eine repräsentative Sammlung seiner Skulpturen und dazugehörige Skizzen ausgestellt. Zur Eröffnung am Pfingstsamstag führte in das Schaffen des Künstlers die Germanistin Karin Servatius-Speck, stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft, mit viel Sachkenntnis und Kunstverstand ein. Die wichtigsten Passagen ihres gelungenen Annäherungsversuchs an das Werk des 59-jährigen Bildhauers, der heute in Nürtingen lebt, werden hier abgedruckt.
Bei einer großen Ausstellung in Luxemburg hatten die Exponate Kurtfritz Handels die Weite eines Schlossgartens als Wirkungsbereich, und es ist gut, dass sie hier aus dem geschlossenen Raum des Refektoriums in den Innenhof hinauswachsen können, denn eigentlich brauchen sie blauen Himmel und die strahlende Sonne des Südens und viel Weite, in die ihre geballte Dynamik hinausschwingen soll.
Oder nein, sie benötigen sie nicht, denn sie tragen sie in sich, die Eindrücke vieler Reisen, auf denen Handel seit seiner Aussiedlung aus Hermannstadt 1985 Landschaften und Zivilisationen bis in den fernen Orient erkundete, lernte, in den Skizzenblock bannte. Aus seinem Skizzenmaterial sind hier einige Zeichnungen, die Dokumentation für seine Plastiken wurden oder noch sein werden, zum ersten Mal ausgestellt.

Kurtfritz Handel mit der Kleinplastik Sein Herz suchend (1986). Foto: Konrad Klein
Kurtfritz Handel mit der Kleinplastik "Sein Herz suchend" (1986). Foto: Konrad Klein
Aus Bronze sind seine Plastiken, im Wachsausschmelzverfahren hergestellt, in der größten Kunstgießerei Deutschlands, bei Göppingen, wo der Künstler als Bildhauer arbeitet, wo er zum Beispiel als Auftragsarbeit das neue „Bambi“ entworfen und hergestellt hat. Aber er arbeitet auch mit Stein und Holz, man kennt im siebenbürgischen Lebensraum sehr wohl seine Restaurierungsarbeiten an der Schwarzen Kirche (das Standbild des Bauknechts, Marias), die Brukenthal-Gedenktafel in Hermannstadt, den feinen Kopf in Bronze des Stephan Ludwig Roth in Mediasch oder den Turrepitz ebenda. Noch viel mehr könnte man an Werken im öffentlichen Raum nennen, die in Siebenbürgen und Deutschland stehen, aber man müsste dann auch von der stillen Arbeit des Kunstpädagogen sprechen, der unspektakulär so vielen Schülergenerationen von seinem Wissen mitgeteilt hat, gerade in Siebenbürgen die Jugendlichen zum Beispiel sächsische Kacheln nach wertvollen Originalen fertigen ließ, Kulturgut weitergab.
Er ist auch in Deutschland als Kunst-Lehrender tätig, und er ist gleichzeitig gediegener Handwerker, „ein Künstler muss das Handwerk beherrschen, um höchsten Ansprüchen zu genügen“, sagt er. Und wenn man diese Endprodukte eines langen Arbeitsprozesses betrachten, wir man sowohl das feinste Detail als sinnvoll entdecken – es ist das, was die Plastiken Kurtfritz Handels auch liebenswert macht -, man wird aber auch die Ausgewogenheit sehen, fast spüren, mit der ein spannungsvolles Gleichgewicht geschaffen wird: einmal das physisch austarierte des Kunstobjekts im Raum (Landschaften aus schwerer Bronze, die zu schweben scheinen), dann das Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung in der Gesamtkomposition, eine Bewegung, die über das Kunstwerk hinausschwingt, so etwa die Reihe der rasenden Radfahrer oder das meisterlich suggerierte, langsame sich Neigen der Türme von San Marco und der Pfeiler des versinkenden Venedig. Und nicht zuletzt ist da das Gleichgewicht zwischen Form und Inhalt. Nichts ist zufällig in diesen austarierten Kompositionen, die in ihrem Inhalt verdichtete Metapher sind: offensichtlich erkennbar, wie zum Beispiel die mythenumwobenen Symbole der nicht weniger geheimnisvollen Etrusker, zum „Urnentanz“ arrangiert, oder die verschlüsselten Aussagen zwischen der Plastik und ihrem Titel, wie bei der Büste einer gebockelten Siebenbürger Sächsin, wobei die Plastik „Maske im Festschmuck“ heißt – ein Deutungsfeld tut sich auf: ist die Maske Symbol für die starre Moral einer jahrhundertealten Ethik? Oder ist dies gar ein Sinnbild des großen Abschieds vom Festschmuck unserer Gemeinschaft, unserer Tracht, eine Totenmaske? Gleich daneben steht die beeindruckende Plastik vom „Abschied des Vaters“, dem Kurtfritz Handel hier eine Stele errichtet oder einen Altar des liebewollen Gedenkens? Mit den Symbolen des Abendmahls, über den Tod hinaus christlich tröstend, ausgestattet.
Das Gleichgewicht zwischen Realität und Reduzierung, gar Fragmentarisierung im Kunstwerk ist ein weiteres Anliegen bei der Formgebung der Plastiken. Und dieses Gleichgewicht, das man auch Stilisierung nennt, gelingt dem Künstler im Wesentlichen. „Je wahrer ein Werk ist, desto mehr Stil hat es“, hat Alberto Giacometti gesagt.
Kurtfritz Handel: Porträt des Schriftstellers Georg Scherg; Bronze, 1998. Foto: Konrad Klein
Kurtfritz Handel: Porträt des Schriftstellers Georg Scherg; Bronze, 1998. Foto: Konrad Klein


In den Porträts, den Büsten, wird ein weiteres Gleichgewicht künstlerisch ausgelotet. Mit menschenkennendem Blick erkundet der Porträtierende die Persönlichkeit hinter der Fassade, lässt sich fast liebevoll auf das menschliche Gegenüber ein, und im Blickpunkt das Wesentliche, gelingt ihm die künstlerische Synthese im Charakter-Kopf, wortwörtlich.
Reduzierung auf das Wesentliche ist das Anliegen des Künstlers. Bei Kurtfritz Handel beginnt das Wesentliche der künstlerischen Ausführung mit der Linie des Zeichners. Die Linienführung ist vorrangig prägend für seine Plastiken. Betrachtet man die Studien in Tusche zur Plastik „Mistral“, so ist diese die strikte räumliche Ausführung der Zeichnung. Die scherenschnittartige Kontur des Radfahrerpulks, die Pinien- und Kiefernwälder, die Kühe und Schafherden seiner Plastiken, sie werden immer bewusst mit dem Schwerpunkt Kontur als abgrenzendes Element zum Raum geformt. Das narrative Element kommt dann durch das räumliche Arrangement hinzu. Schlichte Kontur und räumlich ausgewogenes Arrangement sind die zurzeit prägenden Stilelemente dieses Künstlers. Keine symbolische Überfrachtung in der Komposition. Dazu die Schlichtheit der Motive: Tier und Baum.
Albert Camus hat geschrieben: „Wäre ich ein Baum unter Bäumen, so hätte das Leben einen Sinn, ich hätte Teil an der Welt.“ Die Psychoanalyse lotet die Beschäftigung des Menschen mit dem Baum als stellvertretend für das Verhältnis des Individuums zur Welt aus. Wir wollen und dürfen hier nicht pseudopsychologisch deuten. Aber fest steht, dass in der Thematik der jüngeren Arbeiten Handels seit seinem Aufenthalt in Luxemburg ein archaisches Element auftaucht, das so etwas wie Besinnung auf die Wurzeln suggeriert, leicht zu erkennen, da das Kunstwerk ja bekanntlich ein stofflich gewordenes Stück geistiger Realität ist. Ich meine, hier eine Aussage des Malers Jean Dubuffet zitieren zu dürfen: „Das Abendland hat für den Baum und den Fluss nur Geringschätzung. Ihnen zu gleichen, verabscheut es. Der Archaische dagegen liebt und bewundert den Baum und den Fluss. Er möchte ihnen gerne gleichen. Er glaubt an eine wirkliche Wesensverwandtschaft von Mensch, Baum und Fluss. Er empfindet sehr stark den Zusammenhang aller Dinge und vor allem den zwischen dem Menschen und der übrigen Welt.“
Wenn Künstler auf geheimnisvolle Weise das Wesen der Dinge mit ihrer Intuition ausmachen und berühren können, so ist Kurtfritz Handel da, wo große Schlichtheit prägt, das heißt, entsprechende Stilisierung gestaltet, Künstlerisches gelungen.
Skulptur von Kurtfritz Handel: Busenweide, Bronze, 1997.
Skulptur von Kurtfritz Handel: "Busenweide", Bronze, 1997.


Ich habe mich in diese Kühe und Schafe und weite Weiden richtig vernarrt, und der imposante „Pastorale“-Turm, ein ausgewogenes Kunstobjekt, wird hoffentlich diese Schaffensphase des Künstlers noch lange mit seinem stillen Lächeln begleiten. Dort, ganz hinten in dieser Ausstellung, steht eine kleine Plastik aus den achtziger Jahren: Der Mann sucht sein Herz unter reichen Gewändern – in gähnender Leere. Es ist meine Lieblingsplastik.

Karin Servatius-Speck


(Siebenbürgische Zeitung, Folge 10 vom 20. Juni 2001, Seite 9)

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