14. April 2004

Engagiert für die Gemeinschaft: Dankwart Reissenberger

Dankwart Reissenberger, Ehrenvorsitzender der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, starb am 21. März 2004 in Euskirchen im Alter von 82 Jahren (diese Zeitung berichtete). Die Trauerfeier fand am 29. März in der Pfarrkirche St. Pankratius und die Beerdigung anschließend auf dem Waldfriedhof in Lommersum statt. Dem Vater, Journalisten, Amtsträger der Landsmannschaft, der schillernden Persönlichkeit in ihren vielseitigen Facetten gedenken im Folgenden mehrere Wegbegleiter und Freunde.
"Fidem genusque servabo" - "meinem Glauben und Herkommen will ich treu bleiben! " Diesem Leitspruch Samuel von Brukenthals, Gubernator von Siebenbürgen zur Zeit Maria Theresias, folgte Dankwart Reissenberger, indem er neben seinen familiären und beruflichen Verpflichtungen auch ehrenamtliche Aufgaben als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen und auch als Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen übernahm.

Dankwart Reissenberger mit Familienangehörigen beim Besuch des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim am 3. August 2003.
Dankwart Reissenberger mit Familienangehörigen beim Besuch des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim am 3. August 2003.

Sein Amt als Bundesvorsitzender, das er kurz vor der Wende in Ost- und Südosteuropa antrat, war ausgefüllt mit der Bewältigung plötzlich entstandener neuer Probleme: Die Unterstützung der Menschen in der veränderten Situation in Siebenbürgen, das Lösen der mit der verstärkten Zuwanderung verbundenen Problemstellungen, Sicherung und Schutz des in Siebenbürgen in über 800 Jahren begründeten deutschen Kulturgutes, Vermittlung zwischen staatlichen, politischen, kirchlichen und sozialen Stellen in Deutschland und Rumänien. Dankwart Reissenberger gelang es auch dank der Unterstützung seiner Kollegen, für viele Landsleute die Aufnahme in Deutschland zu ermöglichen, zwischen deutschen und rumänischen Politikern und Verantwortlichen des öffentlichen Lebens Brücken zu bauen und so auch über den landsmannschaftlichen Rahmen hinaus hilfreich zu wirken. Die Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Österreich, Kanada, USA und Siebenbürgen, Hilfskomitee, Evangelische Kirche A.B. in Rumänien und die Elena Mureşanu Stiftung in Hermannstadt, haben Dankwart Reissenberger zu danken.

Zeit seines Lebens hat sich Dankwart Reissenberger eingemischt. Wie er schon Ende der achtziger Jahre sagte, habe er in seinen jugendlichen Lehrjahren auch systemunkritische Artikel verfasst, von denen er sich distanzierte. Er bat, sein gesamtes Lebenswerk, sein über 40-jähriges publizistisches Wirken zu betrachten. Reissenberger war selbstkritisch und offen Andersdenkenden gegenüber. Nach der Wende ging er auf die Heimatkirche zu, brach Verhärtungen auf und baute Ressentiments ab. Diesem Engagement fühlen wir uns auch heute noch verpflichtet. Alle auch aus der damaligen Erlebnisgeneration haben die Chance, mit dazu beizutragen, künftigen Katastrophen vorzubeugen und ein in Frieden und Freiheit zusammenwachsendes Europa aufzubauen.

Für uns wird Dankwart Reissenberger unvergesslich bleiben. Er hat sich durch seinen landsmannschaftlichen Einsatz bleibende Verdienste um das Weiterbestehen unserer siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg erworben. Mit den Versen des siebenbürgischen Dichters Wolf von Aichelburg nehmen wir in Trauer Abschied:

Wenn wir gerecht gemessen sind,
ist 's, wo wir ganz uns hingegeben.

Volker Dürr

Wegbereiter für eine neue Orientierung

Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien hat durch sein Sterben am 21. März 2004 einen treuen Freund verloren. Dankbar gedenken wir der Stunden, in denen uns Dankwart Reissenberger begegnet ist, empfangen und begleitet hat, sowie der Gespräche mit ihm, in denen er jedesmal mit uns unsere Lage beraten, viel Verständnis für die Besonderheiten und Nöte unserer Kirche gezeigt und Hilfe zugesagt hat.

Als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen war er nach der Wende in Rumänien ein Wegbereiter für eine neue Orientierung und eine Annäherung zur siebenbürgischen Heimatkirche und darüber hinaus auch zur politischen Vertretung der deutschen Gemeinschaft in Rumänien.

Dankbar gedenken wir auch des Engagements, mit dem er weit reichende politische und sozial-diakonische Anliegen unserer Kirche und Gemeinschaft an die zuständigen höchsten Stellen in der Bundesrepublik Deutschland weitergeleitet und bei ihnen vertreten hat. Dabei hat er immer noch Zeit und Kraft gefunden, in der Direkthilfe an Kranken, Alleinstehenden und anderen Menschen in Not über das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen und über die Elena-Mureşanu Stiftung aktiv mitzuarbeiten.

Unser Herr Jesus Christus lasse Dankwart Reissenberger in Frieden ruhen und sehen, was er geglaubt hat.

Bischof D. Dr. Christoph Klein


"Unser Mann in Bonn"

Als 61-Jähriger ließ sich Dankwart Reissenberger nochmals in die landsmannschaftliche Pflicht für seine Landsleute nehmen: Er wurde 1983 und 1986 für jeweils drei Jahre zum Stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. In gutem Zusammenwirken mit seinem Berufskollegen Hans Hartl, der als stellvertretender Bundesvorsitzender auch das Amt des Heimatpolitischen Sprechers ausübte, und dem Bundesvorsitzenden Dr. Wolfgang Bonfert hat er bei der Bewältigung schwieriger heimatpolitischer Probleme (Schmiergeldunwesen, Ablöseforderungen für Ausreisende, Lehrerentlassungen, Versorgungsschwierigkeiten, Ausreisebehinderungen, Landesplangesetz, Erschwerung von Hilfssendungen nach Rumänien) als „unser Mann in Bonn“ mitgewirkt und vor allem die Kontakte zu den Politikern in Bonn wie auch die Information über unsere Anliegen und Nöte dem politischen Bonn vermittelt. Ihm ist zu verdanken, dass die landsmannschaftlichen Vertreter beispielsweise kurz vor dem Staatsbesuch von Ceausescu im Oktober 1984 in Bonn ihre Anliegen und Vorstellungen im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt, im Bundesinnenministerium und beim Bundespräsidenten vortragen und besprechen konnten.

Reissenberger hat auch viel zu dem während dieser Zeit besonders engen und kooperativen Verhältnis zu den Landsmannschaften der Banater und Sathmarer Schwaben beigetragen, was auch zur zeitweisen Wiederbelebung des „Rates der Südostdeutschen“ unter seiner Präsidentschaft führte. Im Bund der Vertriebenen (BdV) hat er die Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1986 bis 1988 als Vizepräsident vertreten.

Nach dem Sturz Ceausescus und seines Regimes Ende Dezember 1989 berief der Bundesvorsitzende Reissenberger am 6. Januar 1990 eine außerordentliche Sitzung des Bundesvorstandes ein, um Informationen zu sichten und erforderliches Handeln einzuleiten. Nur wenige Tage danach begleitete er zusammen mit den Vorsitzenden der anderen rumäniendeutschen Landsmannschaften Bundesaußenminister Genscher auf seiner Reise nach Bukarest zu Gesprächen mit der neuen rumänischen Regierung nach Hermannstadt und Temeschburg. Der Besuch brachte einen ersten Eindruck von den zu bewältigenden Aufgaben: Unterstützung der Menschen in ihrer neuen Situation in Siebenbürgen. Lösung der Fragen der verstärkten Zuwanderungsdranges, Sicherung und Schutz des in Siebenbürgen in über 800 Jahren begründeten deutschen Kulturgutes, Kontaktaufnahme und Kontaktvermittlung mit staatlichen, politischen, kirchlichen und sozialorientierten Stellen in Rumänien.

Dr. Wolfgang Bonfert

Der siebenbürgische Vater

Eine Terz nach unten, sodann - eine Quint höher- zwei lange Töne: Unser ‚Familienpfiff’ die Melodie des Siebenbürgenlieds rief uns Kinder vom Spielplatz zum Abendessen oder half während des Waldspaziergangs bei der Ortung. Wurde aus dem Dickicht „...Land des Segens“, zurückgepfiffen, waren wir noch nicht verloren.

„Mutti, warum pfeifst du denn auch das Siebenbürgenlied?“ „Ich kann doch nicht Preußens Gloria singen“, lautete die Antwort der selbstbewussten Königsbergerin, die sich lächelnd auch schon mal selbst als ‚detsch Zadern’ titulierte, wenn sich siebenbürgische Freunde allzu selbstgefällig ihrer Einzigartigkeit versicherten. Mit Humor nahm sie ihren vielseitig begabten, temperamentvollen, gelegentlich auch kauzigen Mann. Selbst zeitlebens aktive, sehr sprachsichere Redakteurin, erkannte sie ihm das größere journalistische Talent zu, „seiner bildhaften Formuliergabe, seinem Vermögen, zielgenaue Analysen verständlich zu artikulieren“ nach Worten seines engen Freundes und einstigen Redaktionsvolontärs Hans (Johnny) Klein, dem späteren Bundesminister und Bundestagsvizepräsidenten.

Mit diesem Talent förderte und forderte der Vater auch uns fünf Kinder, der Schärfe des Arguments brach er mit (Selbst-)Ironie die verletzende Spitze. Da erstand vor Augen und Ohren auch seine buntgemischte Balkanwelt: ‚hier sind keine Purligare, nimm die Hand aus der Jeb, zur wilden Groß’. Ein bisschen Kucheldeutsch, aber auch lebendige Geschichten über diese tatkräftige Volksgruppe der Siebenbürger, nicht zuletzt auch die couragierten Transmigranten und Landler wie Johann Reissenberger, - dessen genauere Lebensumstände Dankwart R. erforschen konnte,- gehören zum Familienerbe. Auf Reisen nach Siebenbürgen zeigte er uns die Häuser und Stätten seiner Kindheit: die einstige Honterus-Druckerei, deren Direktor sein Vater war, die Brukenthal-Schule, die Hermannstädter Stadtpfarrkirche, in der seine Mutter, die Sängerin Adele Reissenberger-Umling manches Mal gesungen hatte, ihr Grab, an dem schon der elfjährige Danki stand. In den letzten Jahren entwickelte er manchmal die Idee, für die ‚Großfamilie Reissenberger’ wieder ein Haus in Siebenbürgen zu kaufen, auf dass sie – zumindest in Ferienzeiten - verbunden bleibe mit seinem Heimatland...

Zur Stunde seines Begräbnisses war er verbunden mit dem ‚Land des Segens’. Erde vom Königsboden deckt sein Grab, in Hermannstadt läuteten die Kirchenglocken.

Geschwister Reissenberger

Der Wahrheit und Klarheit verpflichtet

Der Journalist Dankwart Reissenberger gehörte in die erste Reihe der Bonner Hauptstadtkorrespondenten, schon als Vertreter der Kölnischen und der Bonner Rundschau und später als Studiochef des Süddeutschen Rundfunks. Richtig angefangen hatte er den Beruf im schwäbischen Heidenheim bei der Heidenheimer Zeitung, wo er schließlich zum Chef vom Dienst avancierte und u.a. Volontäre ausbildete, die später bundesweite Bedeutung erlangte, wie z.B. den Schriftsteller Peter Härtling, der in seiner jüngst erschienenen Autobiografie Dankwart Reissenberger als den Ausbilder beschreibt, der ihn entscheidend beeinflusst hat. Und Hans Klein, der später als Pressechef der Münchner Olympiade 1972 Karriere machte, im Bundeskabinett Kohl/Genscher Bundesminister wurde und schließlich als einer der Vizepräsidenten des Bundestages amtierte. Johnny Klein hat Dankwarts Starthilfe nie vergessen.

Dankwarts Freund aus Jugendtagen in Hermannstadt, unser langjähriger Vorsitzender der Bundespressekonferenz, Harald O. Hermann, hatte seinen Landsmann 1957 als Zeitungsjournalisten nach Bonn geholt, und er machte sich bald einen Namen. Dankwart Reissenberger war eine Persönlichkeit von starker Ausstrahlung und Anziehungskraft, der keine Schwierigkeiten hatte, von Politikern aller Couleur, ob Kanzler, Minister oder Präsidenten, Interviews zu bekommen, auch weil in seinen Fragen zum Ausdruck kam, dass er stets gut unterrichtet, fachlich kompetent und fair im Umgang war. Seine Interviews wurden immer wieder zitiert. Obwohl er einen klaren politischen Standort einnahm, ließ er sich als Journalist parteipolitisch nicht einbinden, sondern er blieb als unabhängiger Berichterstatter seinen Lesern und Hörern der Wahrheit und Klarheit verpflichtet. Bei uns Kollegen war „Danki“ – wie seine Freunde ihn nannten – nicht nur geachtet, sondern wegen seiner Kollegialität und Loyalität auch beliebt. Seine Lebenserfahrung, politisch, beruflich und menschlich, wie auch seine Gelassenheit in schwierigen Situationen, haben wir stets bewundert.

Danki war auch ein begnadeter Erzähler. Seine Geschichten aus seiner siebenbürgischen Heimat – historisch und anekdotisch – haben uns immer wieder fasziniert und uns, auch wegen seiner sonoren Stimme und seiner akzentuierten Sprache, in seinen Bann gezogen. Für mich und meine Kollegen personifizierte er auch die Jahrhunderte alte siebenbürgische Geschichte.

Reinhard Appel

Mann des zupackenden Handelns

Dankwart Reissenbergers Wirken als Verbandsvorsitzender fiel in die Zeit der Wende, die der Landsmannschaft und ihren Spitzenfunktionären vielfach Reaktionsfähigkeit, kurzfristige Entscheidungen und pragmatisches Agieren abforderte. Dabei stellte sich rasch heraus, dass Reissenberger, obwohl von Haus aus Journalist, dem als eigentliches Handwerkzeug die Sprache diente, keineswegs ein Mann nur der schönen oder auch gewichtigen Worte, sondern durchaus einer des zupackenden Handelns war. So etwa 1991, als bereits im Vorfeld des so genannten Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes restriktive Maßnahmen der bundesdeutschen Behörden die Einreise von Aussiedlern mit einem Schlage schier unmöglich machte. Tausende und Abertausende von siebenbürgischen Landsleuten waren davon betroffen: entweder sie saßen im Herkunftsgebiet auf ihren schon gepackten Koffern oder warteten bereits in den Auffanglagern in Deutschland auf die Aufnahme, die ihnen nun plötzlich verweigert wurde. Für sie alle erwirkte Reissenberger bei der Bundesregierung über Hans Dietrich Genscher, den damaligen Außenminister, eine pauschale Härtefallregelung, so dass ihrer Anerkennung als Spätaussiedler nichts mehr im Wege stand.

Auch an einem weiteren, entscheidenden Vorgang war Reissenberger maßgeblich beteiligt: Er war es, der in Zusammenarbeit mit Kurt Franchy, dem Vorsitzenden des Hilfskomitees, am 29. Oktober des gleichen Jahres eine wahrhaft „historische“ Zusammenkunft der Verbandsspitze mit Bischof Christoph Klein und den damaligen fünf Dechanten der Heimatkirche in München veranlasste, auf der die langjährigen Spannungen und Missstimmungen zwischen Kirchenführung und Landsmannschaft, an denen Letztere nicht unschuldig war, bereinigt wurden und in einer öffentlichen Erklärung das seither gedeihliche Zusammenwirken im Dienste sowohl der ausgesiedelten als auch der im Herkunftsgebiet verbleibenden Landsleute vereinbart wurde.

Satzungsgemäß ist der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft gleichzeitig Herausgeber der Siebenbürgischen Zeitung, deren Chefredakteur in den Amtsjahren Reissenbergers der Schreiber dieser Zeilen war. Dabei hat er die Erfahrung einer vorbildlich professionellen Zusammenarbeit machen dürfen. Als langjähriger, äußerst erfolgreicher Zeitungs- und Rundfunkjournalist brachte Reissenberger dabei nicht nur das nötige Verständnis für die Mühen des Metiers mit, er wusste auch die Arbeitsergebnisse zu schätzen, vor allem aber gewährte er seinem Redakteur, der über zwei Jahrzehnte lang in Siebenbürgen unter der Fuchtel von Zensur und Selbstzensur hatte schreiben müssen, uneingeschränkte Freiheit in Meinungsäußerung und Blattgestaltung. Nie hat Reissenberger auch nur versucht, eigene Ansichten dem Macher des Blattes aufzuzwingen, stets war er bei Meinungsunterschieden bereit und fähig zum sachlichen Austausch von Argumenten. Für das wahrhaft kollegiale Vertrauen, das er trotz des Alters- und Erfahrungsunterschieds in jenen Jahren hat walten lassen, sei ihm ein übriges Mal, auch nach seinem Hinscheiden, vorbehaltlose Anerkennung und wärmster Dank gesagt.

Hannes Schuster

Zeichen der Versöhnung gesetzt

Als Vorsitzender des Hilfskomitees hatte ich Gelegenheit, öfter mit dem Heimgegangenen an einem Konferenztisch zu sitzen. Zunächst alle Jahre, in denen er Bundesvorsitzender unserer Landsmannschaft war, und später, als ich als Geschäftsführer der Elena Mureşanu Stiftung die Geschäfte des Stifters, Dr. Ernst Weisenfeld, und seines Stellvertreters Dankwart Reissenberger verwalten durfte. Der Heimgegangene war inmitten guter bürgerlicher und evangelisch-lutherischer Tradition herangewachsen. Frömmelei lag ihm fern, aber einen tiefen Glauben an unseren Herrn und Erlöser konnte ich immer aus seinen Worten und gelegentlichen Bemerkungen heraushören.

Es lag ihm fern, sich in die Wortgefechte oberflächlicher Ankläger und der Verteidiger der Haltung unserer Heimatkirche vor dem Zusammenbruch des Ostblocks einzumischen. Er ergriff wenige Tage nach der Wende in Hermannstadt die Gelegenheit, um Zeichen der Versöhnung zu setzen und deutliche Worte der Verständigung zu sprechen. Das Hilfskomitee ist dankbar, dazu beigetragen zu haben, dass in den Räumen der Landsmannschaft in München ein Dokument der Zusammenarbeit zwischen Heimatkirche und Landsmannschaft mit seiner Unterschrift entstehen konnte. Dankwart Reissenberger stand unerschütterlich zu seiner evangelischen Kirche, und wenn er auch bezeugte, in der Rheinischen Kirche zu Hause zu sein, so stellte er an mich wiederholt die Frage, ob es nicht möglich sei eine Kirche der Siebenbürger Sachsen in Deutschland zu gründen. Vielleicht meinte er es auch nur scherzhaft, sie könnte „Honteruskirche“ heißen. Der Gedanke an eine eigene Kirche war keine Abgrenzung zu der Kirche, in der er lebte, es war eher der Wunsch seinem siebenbürgisch-sächsischen Volk eine zusätzliche Bindung und eine Plattform des Fortbestandes in der Zukunft zu geben. Seine Persönlichkeit ist ein wichtiges Glied der siebenbürgisch-sächsischen Volks- und Kirchenzugehörigkeit. In dieser unerschütterten Identität von Landsmann und evangelischem Christ ist er nun heimgegangen. Die Choräle „Wer nur den lieben Gott lässt walten...“ und „Lobe den Herren...“ sowie die Sopranarie aus der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach „Aus Liebe will mein Heiland sterben“, die sich Dankwart Reissenberger zu seiner Beerdigungsfeier gewünscht hatte, sind Zeugnisse seines Gottvertrauens über den Tod hinaus.

Kurt Franchy


Offen für die in der Heimat Verbliebenen

Wir lernten ihn 1941 kennen, meine Frau und ich, kurz vor dem Ostfeldzug, in Bukarest, wo er sich beim unabhängigen „Bukarester Tageblatt“ seine „ersten journalistischen Sporen verdiente“. Dann trafen wir uns erst nach 1970 wieder als Journalisten bei internationalen Begegnungen, er als Bonner, ich als Pariser Korrespondent. Nachdem ich ab 1980 als ARD-Rentner noch freiberuflich in Bonn tätig war, trafen wir uns häufiger. Aber erst als ich 1990, nach dem Tod meiner Frau, daran ging, einen Teil des einstigen Pariser Besitzes in eine Stiftung zu verwandeln „zur Jugendförderung und Altenpflege bei den Deutschen in Rumänien“, hatten wir gemeinsame Interessen. Er fand es verständlich, dass ich der Stiftung den rumänischen Namen meiner Frau, Elena Mureşanu, gab, weil er um ihre Anhänglichkeit an Bistritz wusste, wo sie nach dem sehr frühen Tod des Vaters in der Familie der deutschen Mutter und mit zwei deutschen Großmüttern aufgewachsen war. Sie hatte sich schon lange an Paketaktionen von Willi Schiel beteiligt. Was für ihn zählte, war ihre Heimattreue. Am meisten verband ihn mit dem Geschäftsführer Pfarrer Kurt Franchy und mir die Überzeugung, dass die Sorge um das Schicksal der in der Heimat Verbliebenen ebenso wichtig war wie Traditionspflege in der neuen Heimat. Zehn Jahre blieb er mein immer hilfsbereiter und engagierter Stellvertreter, dann blieb uns noch sein guter, unparteiischer Rat.

Dr. Ernst Weisenfeld

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 6 vom 15. April 2004, Seite 1 - 4)

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