2. Mai 2004

Rutschungshügel und Kirchenburgen

Im gesamten siebenbürgischen Berg- und Hügelland sind Hangrutschungen eine relativ häufige Erscheinung. Sie sind in Südsiebenbürgen, vor allem in der Nähe der Ortschaften Schaas, Trappold, Hundertbücheln, Keisd und bei Baaßen zu finden. Anlässlich einer Siebenbürgenreise im August 2003 wurden zusammen mit den Rutschungshügeln auch die angrenzenden Dörfer und Kirchenburgen erkundet. Ein Bericht von Bernd Schumacher.
Gemeinsam mit einem hervorragenden Kenner der örtlichen Gegebenheiten in Siebenbürgen, Ortwin Hellmann aus Kronstadt, habe ich, gebürtiger Eifeler und Gymnasiallehrer für Biologie und Geographie, fünf Tage lang Siebenbürgen zwischen Kronstadt, Hermannstadt und Klausenburg bereist und vielfältige Eindrücke gesammelt. Ziel der Reise war es, einige der in Siebenbürgen vorkommenden Rutschungshügel (siebenbürgisch-sächsisch Büchel, rumänisch Movile oder französisch Glimée) und die nahe gelegenen Kirchenburgen von Baaßen, Wölz, Denndorf und Hundertbücheln zu erkunden.

Was sind Rutschungshügel und wie sind sie entstanden? Rutschungshügel sind Erhebungen, deren Formen von zuckerhutähnlichen Gebilden bis hin zu abgerundeten Kuppen reichen. Sie können Höhen über 50 Meter und Hangneigungen bis zu 70° erreichen. Die Entstehung der Rutschungshügel reicht in die sehr regenreiche Zeit am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 9 000 Jahren zurück. Von der Kante eines höher gelegenen, geneigten Hanges rutschten wasserdurchlässige Gesteinsschichten (Sandsteine, kalkhaltige Mergel) auf wasserundurchlässigen Tonschichtunterlagen ab. Am Mittel- und Unterhang blieben sie in immer größer werdenden „Wellen“ stehen. Erstmalig wurde die Entstehung die Rutschungshügel von dem Kronstädter Gymnasialprofessor und Geographen Heinrich Wachner zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben und gedeutet.

In der Nähe des Ortes Hundertbücheln fanden wir eine ganze Reihe von Rutschungshügeln, die sich auf dem etwa elf Quadratkilometer großen Büchelnfeld wellenartig ausbreiten. In dieser Großflächigkeit können die „100 Büchel“ (Ortsname) sicherlich als einzigartige Erscheinung bezeichnet werden.



Rutschungshügel bei Trappold.
Rutschungshügel bei Trappold.


Aufgrund des kleinräumigen Wechsels von Süd- und Nordhängen, von verschiedenen Hangneigungen, von wasserundurchlässigen Mulden und wasserdurchlässigen Kuppen wechseln auch die kleinklimatischen Verhältnisse auf engstem Raum. Trocken-warme Südhänge wechseln sich mit feucht-kühlen Nordhängen und nassen Mulden am Hangfuß ab.
Die besonderen Standortverhältnisse bieten ganz unterschiedliche Lebensbedingungen für die Pflanzen- und Tierwelt. An Südhängen herrschen meist Trockenrasen mit Siebenbürgischem Salbei, Nickendem Salbei, Diptam u.a. vor. Im Kuppenbereich gehen sie in Halbtrockenrasen und am Nordhang in mäßig feuchte Wiesen und kleine Moore über. Die Blütenfülle der oft von Hand gemähten Wiesen und Mähweiden war auch Ende August noch groß und erinnerte uns an die bunten Bergwiesen der Karpaten. In den feuchten Wiesen blühten Ende August noch die gelbe Kohldistel, der intensiv rote Heilziest und rote Sumpf-Kratzdisteln.

Insgesamt konnten wir feststellen, dass auf kleinstem Raum eine faszinierend hohe biologische Vielfalt (Biodiversität) mit zahlreichen seltenen und gefährdeten Arten vorhanden ist. Die Rutschungshügel haben daher eine besondere Bedeutung als Zentren der Biodiversität für ganz Siebenbürgen. Die meisten Rutschungshügel fanden wir in abgelegenen, teilweise nicht sonderlich gut zu erreichenden Gebieten.

Einige der angrenzenden Dörfer zeigen Spuren eines schleichenden Verfalls. Das eindrücklichste Beispiel dieses Verfalls zeigte uns der völlig herunter gekommene Ort Wölz (Velţ) bei Baaßen (Bazna), dessen evangelische Kirche im Chorbereich bereits eingestürzt ist. In dem bekannten Standardwerk über Siebenbürgen, dem „Reiseführer Siebenbürgen“ von Heinz Heltmann und Gustav Servatius (1993) ist über Wölz noch zu lesen: „Auf dem Dorfplatz steht die Kirchenburg, eine turmlose spätgotische evangelische Saalkirche, die nach dem Erdbeben von 1880 neu aufgebaut worden ist… Bering nur noch zwei Meter hoch; Glockenturm war Torturm….“

Einige Häuser des Ortes sind bereits Ruinen, viele scheinen nicht mehr bewohnt zu sein, einige wurden augenscheinlich als Wochenend- oder Ferienhäuser hergerichtet. Auf den unbefestigten Straßen sahen wir selbst an einem schönen Sommerabend im August 2003 nur alte Leute, jüngere Menschen fehlten völlig. Für den 1359 erstmals erwähnten Ort wurden im „Reiseführer Siebenbürgen“ 1991 noch 987 Einwohner angegeben, was keinesfalls mehr realistisch ist.

Ähnliche Zustände konnten wir in Denndorf (Daia), Gemeinde Trappold (Apold), feststellen. Denndorf ist im „Reiseführer Siebenbürgen“ als ein Ort mit ca. 1 000 Einwohnern (1991) verzeichnet. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde die Marienkirche als spätgotische Saalkirche erbaut. Der auf der anderen Straßenseite liegende, besonders breite (12,20m Seitenlänge!) und hohe Glockenturm hat breite Risse, teilweise vom Boden bis zur Spitze des Turmes. Wie lange dauert es noch, bis der prächtige Glockenturm einstürzt und vielleicht auf die bewohnten Bauernhöfe links und rechts fällt?

Das verhältnismäßig große Bürgermeisteramt der ehemals selbständigen Gemeinde ist völlig verwahrlost, das Dach ist undicht und die Decken sind teilweise eingestürzt. Bleibt nur noch der Abriss des für die Gemeinde früher so wichtigen Gebäudes? Ist das die Zukunft der abgelegeneren Dörfer Siebenbürgens? Geisterdörfer mit vielhundertjähriger Vergangenheit wie in den italienischen Abruzzen oder manchen spanischen Gebirgen? Können denn wirklich nur besonders bemerkenswerte Kirchenburgen und Ortschaften wie Birthälm oder Baaßen dauerhaft erhalten werden? Das waren nur einige Fragen, die uns auf unserer Fahrt durch Siebenbürgen in den Sinn kamen.

Wie auch immer: Es ist sicherlich wünschenswert, dass der oben genannte „Reiseführer Siebenbürgen“ von 1993 überarbeitet und aktualisiert wird, um wenigstens das Ausmaß der Veränderungen und Zerstörungen in den Dörfern Siebenbürgens zu dokumentieren.

Siebenbürgen zeigte sich uns im August 2003 als Kulturlandschaft, die ein wertvolles Kultur- und Naturerbe besitzt, das es für künftige Generationen und auch wegen seines hohen touristischen Potenzials zu erhalten gilt. Die Evangelische Kirche A.B. Rumäniens, die vielen Heimatortsgemeinschaften, die zahlreichen Stiftungen, Vereine und sonstigen Institutionen, deren Namen an dieser Stelle nicht genannt werden können, haben sich um den Erhalt ihrer Kirchenburg bzw. ihres ehemaligen Heimatortes verdient gemacht. Um die noch weitgehend intakte Kulturlandschaft Siebenbürgens brauchte man sich bisher kaum oder keine Sorgen zu machen. Gerade die Rutschungshügel werden wahrscheinlich noch so bewirtschaftet, wie dies seit Jahrhunderten üblich gewesen ist.

Aber die Landbevölkerung Siebenbürgens wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten abnehmen. Ohne die Menschen in den Dörfern können weder die beeindruckenden Kirchenburgen bewahrt noch die arbeitsintensive landwirtschaftliche Nutzung der Rutschungshügel erhalten werden. Die über 800 Jahre alten Relikte der bäuerlichen Kulturlandschaft Siebenbürgens, die Trockenrasen mit duftendem Diptam, Nickendem Salbei und Wiesen mit dem bizarren Helm-Knabenkraut der Rutschungshügel würden dann genauso verschwinden wie die Kirchenburg von Wölz.

Gegen diese Entwicklungen gilt es Strategien zu entwickeln, die die Kulturlandschaft Siebenbürgens in ihrer Schönheit für künftige Generationen bewahren.

Bernd Schumacher

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