23. Januar 2005

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"Gesang der Fischer": Erinnerungen an das Donaudelta

Der in Neubeuern bei Rosenheim lebende Arzt, Wissenschaftler, Maler, Zeichner und Kunstsammler Dr. Dr. Walter Roth - bisher durch zahlreiche Fachpublikationen auch im internationalen Forschungsbereich bekannt und geschätzt - legt nun zum ersten Mal ein Buch vor, das ihn als spannenden Erzähler und aufmerksamen Beobachter ausweist. Es sind Erinnerungen und Erlebnisse aus seiner Zeit als junger Arzt, als er nach dem Studium in Temeswar ein Jahr im Donaudelta verbrachte.
In einem Prolog, der die 28 chronologisch und thematisch gegliederten Kapitel einleitet, schreibt der Autor, dass er sich von Oktober 1957 bis Oktober 1958 in dieser faszinierenden und wenig bekannten Gegend aufgehalten hat; die Begebenheiten, von denen erzählt wird, liegen „bald ein halbes Jahrhundert zurück, und inzwischen haben sich unsere Welt und auch jene ferne Landschaft im Donaudelta und am Schwarzen Meer sehr verändert“.

So bietet Roths Buch, das sich leicht und angenehm liest, eine ungewöhnliche Lektüre, denn der Autor berichtet nicht nur von Ereignissen, die er „Jahrzehnte hindurch in Gedächtnis und Erinnerung bewahrt hat“, sondern öffnet dem Leser auch Einsichten in seltsame archaische Kulturen und in eine Landschaft, wo Rumänen, Lipowener, Haholen – zwei slawische Volksstämme –, Türken, Tataren, Juden, Griechen und Zigeuner beisammen leben. Und unter ihnen gab es ein Jahr lang auch einen Siebenbürger Sachsen, Walter Roth, der in Hermannstadt geboren wurde und seine Kindheit in Kleinscheuern verbracht hatte. Aus dieser eigenartigen Welt am Rande Europas erzählt nun der Autor vom Beginn seiner verantwortungsvollen Karriere als Arzt, aber auch über heitere „Parties im ‚Haus der Geburt’“, einen „Einsatz im Securitate-Krankenhaus“ und wie eine ganze LPG-Belegschaft reihum, vom Direktor bis zum Nachtwächter, von einer flotten Traktoristin mit Tripper infiziert wurde.

Wie in einem Tagebuch wird schlicht und wahrheitsgetreu, manchmal mit pikanten Details, eine Fülle von Ereignissen und Erlebnissen geschildert, die von harten Arbeitstagen, Liebesaffären und Abtreibungen bis hin zu den gefährlichen „Kunstflügen“ eines betrunkenen Piloten reichen. Zwischendurch erlebt der Erzähler manche leidenschaftliche Stunden und Tage, etwa mit der „schönsten Rumänin des ganzen Landes“, Anamaria, die ihn zuerst wegen einer kleinen Nagelinfektion und in Begleitung ihrer wachsamen Tante, einer Haholin, im „Dispensar“ aufsucht. Obwohl diese Anamaria – „ihr schwarzes Haar war leicht gewellt und ihr Gesicht porzellanweiß und von einmaliger Schönheit“ – erst seit kurzem mit einem sowjetischen Offizier verheiratet war, wurde sie zeitweilig die Geliebte des damals 25-jährigen Arztes. Die aufregende Affäre endet in der kleinen Hafenstadt Sulina, wo die beiden „in einer heruntergekommenen Villa, mit echten Biedermeier-Möbeln“ sich für eine Nacht privat einmieten. Als sich am nächsten Tag das Passagierschiff mit Anamaria langsam entfernt, empfindet der Erzähler plötzlich Mitleid mit dem ahnungslosen Ehemann und meint, „dass eine so schöne Frau niemals nur einem Mann allein gehören würde“. So versucht er, sich über den schmerzlichen Abschied hinweg zu trösten.

Das ungewöhnliche, grafisch ansprechend gestaltete Buch – 309 Seiten, mit Abbildungen im Text – erschien kurz vor Jahresende im Hermannstädter Hora Verlag. Auf dem farbigen Umschlag (Entwurf: Chris Balthes) ist eine lipowenische Dorfansicht zu sehen – nach einem Bild, das der Autor in jenem Jahr gemalt hat, dort, wie der bekannte rumänische Schriftsteller Jean Barth einst schrieb, „wo der alte Danubius Wasser und Namen ans Meer verliert“.

Das lesenswerte Buch von Walter Roth, "Gesang der Fischer. Als Arzt im Donaudelta" (Hora Verlag, Hermannstadt, 2004, ISBN 973-8226-32-5, Preis: 12 Euro (einschließlich Porto) kann beim Buchversand Südost Brigitte Rill, Seebergsteige 4, D-74235 Erlenbach, Telefon: (0 71 32) 9 51 16 12, oder zwischen Montag und Freitag, von 8-12 Uhr unter der Rufnummer (0 80 31) 35 44 68 bestellt werden.

Claus Stephani

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