29. Dezember 2005

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Ausgewählte Ortssagen von Schäßburg

Es gibt zahlreiche Sagentypen: Natursagen, historische Sagen, vormythische Sagen, Heldensagen, Wandersagen etc. Die Ortssagen werden wegen ihrer Lokalisierbarkeit so genannt. Siebenbürgische Sagen sammelte und publizierte 1857 Friedrich Müller und lieferte damit ein Gegenstück zu Haltrichs Märchensammlung, die ein Jahr vorher erschienen war (1856). Lesen Sie im Folgenden eine kleine Sammlung Schäßburger Ortssagen, die teils bereits veröffentlicht wurden, teils nur in mündlichem Umlauf sind bzw. waren.
Der Ortsname Schäßburg

Eine Gründungssage, wie sie z.B. über den Königsboden besteht, gibt es für Schäßburg nicht. Der Ursprung des Namens Schäßburg ist historisch nicht genau beschreibbar, also sagenhaft. Wurde der Name aus der Urheimat "mitgebracht"? Gibt es doch im Raum Aachen-Limburg eine Ortschaft, die Schäßberg heißt. Schespurch kommt aus dem Ungarischen Segesvár (was "Hintere Burg", "Burg auf dem hinteren Berg" oder "Burg auf dem Berghinterteil" bedeutet). Oder ist Schäßburg bloß die "Burg von Schaas", also die Schaasburg? Es gibt eine Sage, nach der Schäßburg von Schaas aus gegründet wurde, also eine "Burg von Schaas" ist. Castrum Sex ist kein ursprünglicher Name aus der Römerzeit, sondern bloß eine Übersetzung von "Sechsburg". Ptolemäus führt eine Stadt mit dem Namen Sandova (Sandau) an, die hier einst gestanden haben soll.

Der Dachstuhl der Bergkirche

Bevor die Bergkirche im 15. Jahrhundert gebaut wurde, standen auf dem Schulberg prächtige alte Eichen. Diese mussten nun dem Bau weichen. Es heißt, aus den dicken Eichenstämmen seien die Balken zum Bau des Dachstuhls entstanden. Sie tragen auch heute nach Jahrhunderten das Dach der altehrwürdigen Bergkirche.

Die Rudolfshöhe

Der Aussichtspunkt Rudolfshöhe bietet einen wunderschönen Ausblick von der Breite ins Tal auf Schäßburg. Der sagenhaften Überlieferung nach soll sich hier ein Offizier Namens Rudolf aus Liebeskummer erschossen haben. Prof. H. Höhr nahm die Umbenennung in Lönshöhe vor, doch konnte sich dieser Name gegen den sagenhaften nicht durchsetzen.

Unterirdische Gänge

Dieses romantische Thema gehört zu den meisten Ortssagen. Auch in Schäßburg soll es solche unterirdischen Gänge gegeben haben, die aus Kellern von Häusern der Unterstadt hinauf in die Burg führten und Fluchtwege bildeten. Die Sage erwähnt einen Gang, der vom Goldschmiedeturm bis zur Steilau geführt haben soll (Kurutzenloch). Spuren all dieser Gänge wurden jedoch nie entdeckt.

Brunnen in der Leichengasse

Unterhalb der Schülertreppe in der Leichengasse (später Schulgasse) gab es einen Brunnen mit sehr gutem Wasser, den viele Burgeinwohner benutzten. Das Brunnenhäuschen ist auf alten Abbildungen der Schulgasse zu sehen. Da der Brunnen unter dem Friedhof lag, der sich damals neben der Schülertreppe befand (heute Heldenhain), hieß es, die Schäßburger tränken ihre "filtrierten Großväter". Hier handelt es sich um eine Anekdote, nicht um eine eigentliche Sage.
Historische Ansicht des Brunnens in der Leichengasse, mit Schülertreppe und Bergkirche.
Historische Ansicht des Brunnens in der Leichengasse, mit Schülertreppe und Bergkirche.

Harem im Schuller von Rosenthal-Haus

Schuller von Rosenthal war in jungen Jahren als Geisel in der Türkei aufgewachsen und von dort mit orientalischen Gebräuchen nach Schäßburg zurückgekehrt. Später Bürgermeister, hatte er Falschmünzerei getrieben und auch andere Rechtswidrigkeiten begangen. Sein Haus auf dem Markt mit dem Wappen über dem Toreingang "Per aspera ad rosas" hat auch ein niedriges Zwischenstockwerk. Hier soll Schuller von Rosenthal angeblich nach orientalischem Vorbild einen Harem unterhalten haben. Rosenthal wurde für alle seine Verbrechen zum Tode verurteilt und am Platz unterhalb der Schülertreppe enthauptet.

Das zerstörte Bajendorf

In einem Seitental von Schäßburg, das Bajendorf heißt und wo ein begüterter Schäßburger einen Meierhof besaß, soll ein stattliches Dorf dieses Namens gestanden haben, das beim Mongolensturm (1240) zerstört wurde und nachher nicht wieder aufgebaut wurde.

Die Studentenhöhle im Schustergraben

Es ist keine natürliche Höhle, sondern wurde wahrscheinlich von Gymnasiasten ("Studenten") gegraben. Sie soll oft als Zufluchtsort von Sonderlingen oder Übeltätern gedient haben. Angeblich hatte auch der Schäßburger Gauner Majorkowitsch eine Zeit lang hier sein Ver- steck, nachdem er im Kürschnerturm aufgespürt worden war, seiner Verhaftung aber entgehen konnte.

Primitive Akkumulation

Während der Revolution von 1848/1949 marschierte die Schäßburger Bürgergarde nach Elisabethstadt, das von Aufständischen besetzt war, und an einem einzigen Tag wurde die Stadt belagert, erobert und geplündert, und die braven Mannen kehrten ohne eigene Verluste und mit Beute nach Hause zurück. Unter den Plünderern befand sich auch ein armer Weber mit Namen Zimmermann. Als er in das Haus eines begüterten armenischen Kaufmanns eindrang, saß dort eine Frau jammernd vor Schmerz auf einem Nachttopf. Zimmermann versetzte ihr einen Fußtritt und bemächtigte sich der Goldmünzen, mit denen der Topf gefüllt war. Damit soll er später den Grundstein für die Zimmermannische Tuchfabrik gelegt haben.

Das Dracula-Haus auf der Burg

Es steht gegenüber der Klosterkirche und dem Haus mit den venezianischen Fenstern, an der Ecke zum Pfarrgässchen. Hier hat angeblich der wallachische Fürst Vlad Dracul, Vater von Vlad Tepes (Dracula), im Exil eine Zeit lang gewohnt. Eine Gedenktafel am Haus und viel Touristenrummel erinnern daran. Allerdings kann Vlad Dracul nur in einem Haus, das bestenfalls an dieser Stelle gestanden hat, gewohnt haben, denn das heutige Haus ist später erbaut worden. Und dass Vlad Tepes hier überhaupt geboren worden sein soll, ist nur sagenhaft überliefert, historisch jedoch nicht abgesichert.
Historische Ansicht des Dracula-Hauses.
Historische Ansicht des Dracula-Hauses.

Das Türmchen auf der Steilau

Als eine türkische Streitmacht vor Schäßburg erschien, feuerte ein beherzter Meister aus dem Goldschmiedeturm eine Kanonenkugel ab und tötete den Pascha und seinen Elefanten. Er wurde an Ort und Stelle auf seinem Elefanten sitzend und in vollem Kriegsschmuck begraben. Das Türmchen ist sein Grabmal. Soweit die Sage. Zu der Zeit war es technisch nicht möglich, mit einer Kanone so weit zu schießen. Auch Knochenüberreste unter dem Denkmal wurden nie gefunden. Das Türmchen war eine Mundatssäule oder ein Zeichen der städtischen Immunität, so wie die vier Ecktürmchen des Stundturmes (Blut-, Marktgericht). Das Steilautürmchen war aller Wahrscheinlichkeit nach ein der Heiligen Anna oder Katharina geweihter Bildstock. Es besteht der Brauch, das Türmchen zu fragen: "Kathrenchen, wat host tea het gekocht?" Und es antwortet - "Näst".

Gruselett - Ein Nachwort

Bei der Durchsicht der Schäßburger Ortssagen fällt das Fehlen unheimlicher Gespenster- und Geistersagen auf, also eines Sagentyps, der sonst einen nicht unwesentlichen Anteil am Sagengut ausmacht. So kam mir der Gedanke, eine solche Sage zu erfinden. Es soll gleichzeitig ein Experiment sein, denn es ist anzunehmen, dass diese "Sage" bald erzählt und weitererzählt wird, wobei ihr künstlicher Ursprung in Vergessenheit gerät. Es bietet sich das Schicksal des enthaupteten Falschmünzers und betrügerischen Bürgermeisters Schuller von Rosenthal für eine solche Sagenbearbeitung an.

Schuller von Rosenthal ist ein Untoter. Er geht um. In mondhellen Nächten kann man ihm auf der Burg in der Leichengasse oder auf der Schülertreppe begegnen. Er bewegt sich geräuschlos und gemessenen Schrittes vorwärts, unter dem Arm trägt er seinen blutigen Kopf. Erschrocken Flüchtenden wirft er seinen höhnisch und schrill lachenden Kopf nach und verschwindet dann wie ein Nebelfleck. Ich bin ihm einmal auf einem späten Heimweg begegnet, doch konnte ich mich glücklicherweise noch rechtzeitig in ein Haustor flüchten.

Walter Roth

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 20 vom 15. Dezember 2005, Seite 10)

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