17. Juli 2017

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Ein Bayer, der die Siebenbürger Sachsen sehr schätzt. Interview mit Martin Reuter

Etwas mehr Struktur, Disziplin und damit Sicherheit hat Prof. Dr.-Ing. Martin Reuter, stellvertretender Vorsitzender und Ausbildungsreferent, in der Sektion Karpaten des Deutschen Alpenvereins (DAV) eingeführt. „Wer die Siebenbürger Sachsen kennt, weiß, dass dieses kein leichtes Unterfangen ist“, sagt er lachend. Warum er als „Nichtsachse“ so gerne in der Sektion Karpaten ist, wieso Ausbildungen in Lawinenkenntnis, Erster Hilfe am Berg und Sicherheit bei Skitouren wichtig sind, warum er Tourenleitertreffen eingeführt hat und wieso die Siebenbürger Sachsen ihm ans Herz gewachsen sind, erzählt Martin Reuter in folgendem Interview mit Heidrun Negura.
Martin, du bist in Deggendorf geboren, lebst in Bad Tölz, arbeitest in Rosenheim, bist also ein echter Bayer und kein Siebenbürger Sachse. Trotzdem bist du nicht in den lokalen Sektionen des Deutschen Alpenvereins geblieben, sondern in der Sektion Karpaten sesshaft geworden. Wie hat alles angefangen?
1982, mit 16 Jahren, bin ich zusammen mit Schulfreunden Mitglied im Deutschen Alpenverein DAV geworden. Hier habe ich alle Spielarten des Bergsteigens ausprobiert und gelernt. Als Schüler sind wir von München aus oft mit dem Fahrrad in die Berge gefahren und haben dort, entweder im Zelt oder in den DAV-Hütten, übernachtet. Das waren sehr günstige und spannende Ausflüge. Zur Sektion Karpaten bin ich 2005 über die Alpingruppe Adonis gestoßen, als ich Reinhold Kraus und die lustigen Jungs kennenlernte. Martin Reuter auf dem Punta Gnifetti, 4553 m, im ...Martin Reuter auf dem Punta Gnifetti, 4553 m, im Monte-Rosa-Massiv, Walliser Alpen 2016 Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Auf meiner ersten Skitour mit Siebenbürger Sachsen zur Weidener Hütte gab es ein prägendes Erlebnis. Früh am Morgen, es war Zeit zum Aufstehen, ich hätte mich gerne nochmal im Schlafsack umgedreht, da streckte mir jemand eine Flasche entgegen mit der Aufforderung: „Guten Morgen, du musst dir noch die Zähne putzen!“ Ja, da geht es zünftig zu, da wollte ich bleiben. Das sei übrigens ein Hirtenbrauch aus den Karpaten, erklärte man mir. Keine Angst, es wiederholte sich nur noch sehr selten.

Was hat dich am meisten begeistert und bewogen, in die Sektion Karpaten einzutreten?
Die Unkompliziertheit der Menschen, der lustige, familiäre Haufen sehr bodenständiger und herzlicher Bergliebhaber. Ich bin sofort herzlich aufgenommen worden und konnte immer so sein, wie ich bin. Ich habe gute Freunde im Verein gefunden und bewundere den Zusammenhalt der Siebenbürger Sachsen. Inzwischen kenne und liebe ich viele siebenbürgische Spezialitäten: Mici, Vinete, gefülltes Kraut, die köstlichen Bratwürste und, nicht zu vergessen, Speck und Grieben mit roter Zwiebel. Nach mancher Tour konnte ich das alles genießen, dazu die köstliche Vișinată und die siebenbürgische Fröhlichkeit!

Du hast sofort nach deinem Eintritt Ehrenämter in der Sektion übernommen und vieles neu eingeführt. Wie hat sich das entwickelt und was hast du in der Sektion initiiert?
Einige Jahre habe ich sehr viele Touren organisiert und Schulungen durchgeführt. In einem Jahr hatte ich sogar mit Abstand die meisten Touren aller Organisatoren. Mein erstes großes Ziel war es, etwas mehr Struktur, Disziplin und damit Sicherheit in die Veranstaltungen zu bringen. Wer die Siebenbürger Sachsen kennt, kann sich vorstellen, dass das am Anfang nicht ganz einfach war … -)

Zweites Ziel war es, Ausbildungen anzubieten, um durch Förderung persönlichen Könnens und Wissens, die Sicherheit der Teilnehmer zu steigern. Zuerst habe ich selbst Ausbildungen angeboten. Ganz oben auf der Liste: Lawinen Verschütteten Suche (LVS). Diese Ausbildung hat sich zum Dauermagneten entwickelt und findet jährlich im Dezember statt, heute tatkräftig unterstützt von weiteren „Schneeprofis“ wie Hans Istok, Klaus Gündisch, Hans Werner, Klaus Simonis etc. Um Lawinenabgänge zu vermeiden, gibt es weitere Kurse zum Thema Lawinenkunde oder Ausbildungen wie „Skitouren für Anfänger“.

Drittes Ziel war das Einführen der Tourenleitertreffen, um das Thema Ausbildung noch weiter auszuweiten und zu planen. Derzeit finden sie regelmäßig statt. Viele Ausbildungsthemen werden hier entwickelt. Nach und nach wurde ein umfängliches Sommer- und Winterausbildungsprogramm aufgebaut, in dem alle Bergdisziplinen vertreten sind. Heute ist das Tourenleitertreffen, neben dem Thema Ausbildungen, eine Austauschplattform aller Tourenleiter und derer, die es werden wollen.

Gibt es noch eine Initiative, die du gestartet hast und die heute Tradition hat?
Eine meiner weiteren Initiativen, war die „Erste-Hilfe-Initiative“. Ich habe mit der Bergwacht Bayern, Erste-Hilfe-Kurse für die Tourenleiter der Sektion Karpaten angeboten, die beim DAV als Fortbildung anerkannt wurden. Jeder Tourenleiter sollte über aktuelle Erste-Hilfe Fähigkeiten verfügen. Dann haben wir alle Tourenleiter auf Kosten der Sektion mit Erste-Hilfe Sets ausgestattet. Erste-Hilfe-Kurse werden derzeit für jedermann angeboten.

Da kannst du ja richtig stolz auf deine Initiativen sein. Werden sie alle weitergeführt?
Auf das Thema „Ausbildung in der Sektion“ bin ich tatsächlich ein wenig stolz. Inzwischen gibt es etliche ehrenamtliche Ausbilder, die die Kurse auf hohem Niveau und mit großem persönlichem Engagement durchführen. Dadurch haben sich die Ausbildungen zu einem Magneten für neue Mitglieder entwickelt. Zumal die allermeisten unserer Kurse, im Gegensatz zu den meisten anderen DAV Sektionen, bisher kostenlos angeboten werden!

Wie sieht deine ehrenamtliche Tätigkeit heute in der Sektion aus?
Als Mitglied im Vorstand bringe ich mich in der Gestaltung des Vereins ein. Als Ausbildungsreferent der Sektion Karpaten verfolge ich weiterhin die oben genannten Punkte. Ich bin Ansprechpartner für Sektionsmitglieder, koordiniere die Anmeldungen für die Ausbildungen beim Deutschen Alpenverein. D.h. wenn sich jemand zum Trainer oder Fachübungsleiter ausbilden lassen möchte, sollte sie/er sich vorher bei mir melden. Meine Aufgabe ist die Beratung der Interessenten, aber auch der „Verwaltungskram“ dazu.

Du bist in deinem Alltag sehr eingespannt, als selbstständiger Unternehmer und Professor für Produktentwicklung und Projektmanagement an der Rosenheimer Hochschule und innerhalb deiner Familie mit Frau und Kind. Was bringt dir der zusätzliche Bergsport?
Die Sektion Karpaten bietet mir einen unkomplizierten Rahmen für Naturerlebnis, Bergsport, gute Freunde und damit die Möglichkeit zur Entspannung vom getakteten Alltag.

Hast du eine Zukunftsvision für die Sektion Karpaten?
Da bin ich gerade etwas gespalten. Denn ich habe daran mitgewirkt, dass der Verein sich erheblich verändert und vergrößert hat. Als ich dazu kam, gab es ca. 180 Mitglieder. Der engere Kreis kannte sich persönlich sehr gut und es waren echte Freunde. Heute kann es passieren, dass man auf Tour geht und kaum einen Teilnehmer kennt, bei inzwischen mehr als 500 Mitgliedern, eigentlich einem sehr positiven Ergebnis, kein Wunder.

Mein größter Wunsch ist es, dass die Sektion Karpaten auch mit mehr Mitgliedern in der Zukunft, sich ihren ganz speziellen familiären Charme, mit dem verbindenden Element „Siebenbürger Sachsen“ erhalten kann. Davon lebt der Verein. Obwohl ich kein Siebenbürger Sachse bin und noch nicht in den Karpaten war, was ich aber sicherlich noch nachholen werde, habe ich die Siebenbürger und ihre Eigenheiten sehr schätzen gelernt!

Vielen Dank für deine vielen ehrenamtlichen Initiativen in der Sektion Karpaten und deinen großartigen Einsatz als Bayer für die Siebenbürger Sachsen. Darüber freuen wir uns sehr und wünschen dir weiterhin viel Erfolg für alle deine Pläne!

Steckbrief

Prof. Dr.-Ing. Martin Reuter – 50 Jahre, in fester Partnerschaft, ein Kind
Beruf: Unternehmer in der Firma „plan&projekt“ und Professor für Produktentwicklung und Projektmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, Rosenheim
Geboren in Deggendorf, Niederbayern, wohnhaft in Bad Tölz
Hobbys: Bergsteigen, Mountainbike, Hochseesegeln
Lieblingstour: Monte Cevedale, GR 20 auf Korsika, u.v.a.
Lieblingsmotto: „Chance trifft auf Vorbereitung“
Eindruck: „leider meistens zu grimmig – aber das schaut nur so aus!“ (Zitat Martin)

Schlagwörter: Verbandsleben, Bergsteigen, Sektion Karpaten des DAV

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