10. Februar 2020

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Nachlassverwalterin mit kritischem Blick: Zum Tod von Annemarie Röder

Im Alter von nur 60 Jahren verstarb am 15. Dezember 2019 völlig unerwartet die langjährige stellvertretende Leiterin des Hauses der Heimat des Landes Baden-Württemberg, Dr. Annemarie Röder. In Neuarad, damals schon Stadtteil von Arad im nördlichen Banat, wurde sie als Annemarie Dörner am 5. Februar 1959 geboren. Den Schulbesuch im Heimatort setzte sie ab 1976 am Arader Ion-Slavici-Lyzeum fort.
Zur Behandlung eines Wirbelsäulenleidens konnte sie mit ihrer Mutter 1979 in die Bundesrepublik Deutschland kommen. Die beiden kehrten nicht mehr zurück und ließen sich in Heilbronn nieder. Nach dem Abitur am Stuttgarter Zeppelin-Gymnasium ging sie für ein Studium der Ethnologie, Soziologie und Romanistik an die Freie Universität Berlin, das sie 1984 mit dem Magister Artium abschloss. Bereits in Heilbronn hatte sie Helmut Röder kennengelernt, der von der Stasi in der DDR inhaftiert und von der Bundesregierung freigekauft in den Westen kam. Er begleitete sie nach Berlin. Die beiden heirateten 1980, die gemeinsame Tochter Natalie wurde 1981 geboren.

Ihr beruflicher Weg führte sie zunächst als Volontärin an das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim (1986), ins Stadtarchiv Heilbronn (1986-1987) sowie die Arbeitsgemeinschaft für ostdeutsche Museen und Sammlungen in Gundelsheim (1988-90). Seit Januar 1991 leitete sie das Sachgebiet Museumsbetreuung und -beratung sowie Beratung von Verbänden und Bibliotheken im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg in Stuttgart. In dieser Eigenschaft leistete sie auch wertvolle Vorarbeit (bis hin zum Ankauf von Exponaten) für das damals in Gründung begriffene Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm. Mit Fachkompetenz widmete sie sich stets auch der wissenschaftlichen Betrachtung des Brauchtums der Banater Schwaben. Sie nahm an den Kulturtagungen der Landsmannschaft teil, meldete sich kritisch zu Wort und trat auch dem 1985 gegründeten Arbeitskreis junger Banater Akademiker (BanatJA) bei. Sie promovierte 1997 an der Universität Tübingen. In ihrer Dissertation „Deutsche, Schwaben, Donauschwaben. Ethnisierungsprozesse einer deutschen Minderheit in Südosteuropa“, die 1998 als Band 78 der Schriftenreihe der Kommission für Deutsche und Osteuropäische Volkskunde in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde erschien, setzte sie sich kritisch mit der Frage auseinander, wie die Donauschwaben als ethnische Gruppe entstanden sind und wie sich ihr Selbstverständnis im interethnischen Umfeld entwickelte.Annemarie Röder. Foto: Carsten Eichenberger ...Annemarie Röder. Foto: Carsten Eichenberger Seit 1997 war sie im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg stellvertretende Leiterin und für alle eine beliebte und geschätzte Kollegin. Im Laufe von über zwanzig Jahren prägte sie die Kultureinrichtung wie kaum jemand sonst. Sie erarbeitete zahlreiche Ausstellungen, dazu Kataloge und Bücher. Thema waren meist die historischen Beziehungen Südwestdeutschlands zu Gebieten wie Schlesien, Russland oder Rumänien. Besonders hervorzuheben ist die zweisprachige Ausstellung „,Dan hier ist beser zu leben als in dem Schwaben Land‘ – Vom deutschen Südwesten in das Banat und nach Siebenbürgen = Pentru că aici este mai bine de trăit decât în Ţara Şvabilor. Din sudvestul Germaniei în Banat şi Transilvania“ mit zahlreichen Präsentationen in Orten Süddeutschlands (2001) und Rumäniens (2002) sowie die Stuttgarter Ausstellungen „Karl Ludwig von Zanth. Der Erbauer der Wilhelma in seiner Zeit“ (2012) und „Flucht vor der Reformation. Täufer, Schwenckfelder und Pietisten zwischen dem deutschen Südwesten und dem östlichen Europa“ (2016). Zuletzt arbeitete sie an einer Ausstellung über den aus Czernowitz stammenden, 1970 verstorbenen Lyriker Paul Celan.

Aspekte des alltäglichen Austauschs und Zusammenlebens, der gelebten Interethnik, standen oft im Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Bezeichnend dafür ist die zuletzt von ihr geplante Ausstellung zur Kaffeehauskultur Ost- und Südosteuropas. Die Tagungsbeiträge des vorangegangenen Symposions hatte sie bereits für den Druck fertig gemacht. Wie ein Vermächtnis von ihr erschien der Band „KaffeeHausGeschichten“ nun kurz nach ihrem Tod als ein Zeichen der völkerverbindenden Kraft eines orientalischen Getränks. Alle, die mit ihr zusammengearbeitet haben, schätzten ihre professionelle und unaufgeregte Art, an die Themen heranzugehen und bei allem Respekt auch ungewöhnliche Sichtweisen zu vertreten. Bei Veranstaltungen der Landsmannschaft war sie stets ein gern gesehener Gast, eine geschätzte Referentin oder Partnerin bei gemeinsamen Projekten. In der Gemeinschaft der „Nachlassverwalter“ unserer Kultur und Geschichte hinterlässt sie eine große Lücke. Der trauernden Familie gilt unsere Anteilnahme.

Carsten Eichenberger und Halrun Reinholz

Schlagwörter: Nachruf, Wissenschaftlerin, Haus der Heimat, Stuttgart, Banaterin

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