25. Oktober 2023

Hellmut Seiler zum Siebzigsten: Ehrliches Spiel

„Wär ich Alter so jung geblieben / Wie ich es jung nie gewesen bin // Bliebe mir Jungsein im Alter / Erspart.“ Erspart aber bleibt es Hellmut Seiler nicht, sein Jungsein zelebriert der am 19. April 1953 in Reps Geborene nach wie vor mit forschem Wort, und man darf ihn beim Lesen genussreich beneiden – ums Wort wie ums Jungsein. Gerettet hat er sie, zunächst über ein Junglehrerdasein im rumänischen Sozialismus, das dessen Behörden ihm allerdings 1985 genauso verleidet, schließlich verwehrt haben wie sein dichterisches Trachten, dann über die klammen Jahre bis zur Aussiedlung 1988 und eine Laufbahn an einem deutschen Gymnasium, die poetisch eher nicht gewesen sein dürfte.
Der Jubilar Hellmut Seiler, im Bildhintergrund ...
Der Jubilar Hellmut Seiler, im Bildhintergrund der Friedhof in Hamruden. Foto: Éva Seiler-Iszlai
Bis zu, vor allem aber seit seiner Pensionierung 2021 wuchert er aufs Blühendste mit seinen Pfunden, doch sind es nicht allein die „geretteten“, etwa sein einst von Franz Hodjak in Klausenburg (rum. Cluj) edierter Lyrikband „die einsamkeit der stühle“ (1982); Hellmut Seiler erfindet und findet stets neue: Worte, Bücher, aber auch Betätigungen als Übersetzer und Herausgeber, Kritiker, Generalsekretär des Exil-PENs Deutschland oder Initiator und Performator des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises.

Ruhelosigkeit, immer schon sein erstes Gebot: „als ich zuhaus ankam merkte ich / dass ich unterwegs hatte sein wollen so / als vertrüge unsereins nicht mal / das trügerische gefühl / irgendwo anzukommen überhaupt“, hat er bei seinem Debüt auf der „reise Tîrgu Mureș – Reps“ für sich und „unsereins“ befunden. Befunde allerdings waren und sind Seilers Sache nicht, weiß er doch damals schon auf der „party in Pasadena“ um die Flüchtigkeit auch der eigenen Rede, denn „bald darauf / setzt die welt sich / wohlig auf ihren arsch / und starrt: meine worte / dies denken in zeilen / können ihr nichts anhaben / gehn wie durch butter“.

„Gute Butter“, wie sie in den kriegsbedingt kargen deutschen Haushalten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts apostrophiert, ja beschworen wurde, war das nun beileibe nicht. In jenem Land, wo die Eltern kaum Milch für ihre Kinder hatten, gab es nur ungenießbar bittersaure „butter“, angerührt von der Securitate mit „zwischen Akribie und Schlampigkeit“ irrlichterndem Bemühen. Selbst sechs Monate nachdem Seiler ihren Schergen und Abhörgeräten nach Deutschland entkommen war, dokumentierte sie in „technisch-operativen Materialien“ jeden Ton in der Wohnung in Neumarkt am Mieresch (Târgu Mureş), die er längst verlassen hat. Diesen Treppenwitz vaterländischer Heldengeschichte hat er zwar erst 2009 bei der Einsicht in seine Überwachungsakte entdeckt und erzählt, doch damals wie jetzt hat Seiler den Zumutungen jener wie dieser Welt, „der“ Welt halt, etwas entgegenzusetzen: das Spiel.

Solches nun war und ist gemeinhin nicht Art und Kunst der Siebenbürger Sachsen und schon gar nicht „ihrer“ Dichter. Das minderheitliche Inseldasein hat ihnen und ihrer Literatur das Siegel bedächtiger Nachdenklichkeit, schwermütigen Tiefsinns aufgeprägt – dem Hellmut Seiler sich verweigert. Sein Metier ist der Hintersinn, und den in den Text zu locken, ja zu schmuggeln, scheut er keine sprachakrobatischen Tricks. Was mitunter wie freche Gaukelei anmutet, ist allerdings ein kunstreiches Produkt, an dessen Ursprung ein ausnehmend waches Sprachempfinden steht. Und dieses eignet ja vielen seiner von Geburt „auslanddeutschen“ Kollegen, was sogar „binnendeutschen“ Literaten aufgegangen ist: „Es sind lauter Doktoren, die darüber befinden, / was ich schreibe oder bin: / man könnte glatt meinen, / ich sei krank und ihr Patient“, spaßt der Poet, selbst Germanist.

Dabei ist es ihm stets so ernst wie nur einem, der unter dem Motto „Sieg des Hinterns über den Geist!“ eingesteht: „Ohne mich / wäre es nicht nur einer weniger, // sondern gar keine[r]: es gäbe niemand, / dies festzustellen.“ Drum gilt es festzustellen, festzuhalten, ja sich festzuklammern, und das auf lockerstmögliche, doch nur vermeintlich lockere Weise: „Oft genug, wenn ich nicht weiß / was ich lesen soll, um mich / – nach all den Zeitverlusten – / nicht auch noch selbst zu verlieren // schwenke ich um und schreibe / mir etwas her.“

Das aber mit Lust. Bei Hellmut Seiler strahlt sie aus jeder Zeile, die Strahlkraft jedoch wächst just dann, wenn er sich die Beschwingtheit seiner Versfüße versagt, wenn er Düsternissen offen, erschrocken gegenübertritt: Da „werden wir“ mit leise „Fliegendem Atem“, so der Titel des Textes, „zu schweren, dunklen Flugschatten / die mit unwirklich seltenem Schwingen / lautlos über Gassen, verwilderte Gärten / und aushauchenden Wäldern schweifen – // bevor sie uns einholen, / die Gespenster / der Vergangenheit.“ Hier treten sie nackt hervor, die Gespenster, „meine in gänsehaut eingepackten / empfindungen“.

Es ist ein ehrliches Spiel, das Hellmut Seiler mit seinen und aller Empfindungen treibt. Gerne spielt man mit.

Georg Aescht

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Hellmut Seiler

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