10. Juli 2024

Die Schönheit Siebenbürgens in Fotos dokumentiert

Martin Eichler, Fotograf, Verleger und Träger des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2023, wird am heutigen 10. Juli siebzig Jahre alt.
Martin Eichler beim Fotografieren der ...
Martin Eichler beim Fotografieren der freigelegten Fresken in der Kirche von Eibesdorf, 2018. Foto: Friederike Eichler
Ein siebenbürgischer Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Blauer Himmel, Sonne, nur ein leichtes Insektensummen in den ruhigen Mittagsstunden. Im Garten wachsen in der guten Erde kräftige Pflanzen aller Art heran. Nichts scheint das behäbige Dorfleben in einem abgelegenen Seitental des oberen Harbachtals unterbrechen zu wollen. Aber da ist ein Motorengeräusch – ein Fahrzeug. Keines der drei, die es im Dorf gibt. Fremde! Deutsche! Und die gehen natürlich erst einmal ins evangelische Pfarrhaus. Die Pfarrfrau freut sich, dass sie den Gästen einen guten Kaninchenbraten anbieten kann, denn nach zwei Wochen mit Gemüsegerichten aller Art sollte an diesem Tag endlich mal wieder Fleisch auf den Tisch. Und dann die Enttäuschung – sie seien Vegetarier. Und so lernten wir uns Ende der 1980er Jahre in Jakobsdorf kennen. Martin Eichler wollte die Kirchenburg fotografieren. Stunden später begannen wir uns zu sorgen, wo er denn bliebe. Und so lernten wir vom ersten Tag an auch seine gründliche Art kennen, den Ehrgeiz, jedes einzelne Detail an dem fotografierten Objekt hervorzuheben, die optimalen Lichtverhältnisse zu finden oder notfalls selber zu schaffen, den ultimativen Blickwinkel zu finden, die ungewöhnlichste Perspektive. Und Martin kam immer wieder, mal alleine, mal mit Friederike. Wir verfolgten fasziniert seine Arbeiten, die Grabungsdokumentation in der Dobrudscha, der Katalog für das Museum in Konstanza (Constanţa), die Werbefotos für das Hermannstädter „Waldwirtshaus“, heute ein Hilton-Hotel, die Dokumentationsarbeit für die Katholische Kirche im Banat, die Reisen durch andere Länder …

Auch die Reisen durch die sächsischen Dörfer von A bis Zett lieferten nicht nur die in den Kalendern bewunderten Bilder von diversen Kirchenburgen, sondern dienten auch der Bestandsaufnahme. Pfarrhaus, Schule, Feuerwehr, Mühle – was immer einmal von der sächsischen Gemeinde erbaut worden war, wurde minutiös festgehalten. Oft wurden daraus richtig knifflige Quizabende, an denen wir gefordert waren, herauszufinden, was denn wo sei.

Wer aber ist denn Martin Eichler? Geboren wurde er am 10. Juli 1954 im mecklenburgischen Bützow. Er wuchs in Ludwigslust auf, wo sein Vater Pfarrer war. Als Sohn eines zudem sehr engagierten evangelischen Pfarrers war ihm in der damaligen DDR seine Wunschausbildung verwehrt. Also studierte er in Rostock Theologie, wusste aber andererseits aus seinem Elternhaus, wie schwierig der geistliche Dienst in einer sozialistischen Diktatur sein kann. Nachdem er 1982 zusammen mit seiner Frau Friederike in die Bundesrepublik ausreisen konnte, machte er seinen Traum wahr, das Hobby zum Beruf und studierte in Darmstadt Kommunikationsdesign. Schon vorher waren jedoch Fotos von ihm gedruckt erschienen, und zwar 1980 in dem Standardwerk des Hermannstädter Architekten Hermann Fabini „Kirchenburgen in Siebenbürgen“.

Es darf nicht vergessen werden, dass Martin Eichler auch offizieller Luthernachkomme ist und sich viele Jahre lang in dem Familienverband der Nachkommen Martin Luthers, der Lutheriden-Vereinigung e.V., eingebracht hat. Für ihn sind Luthers Grundsätze von der bedingungslosen Gnade Gottes und von einem Leben allein aus der Schrift und dem Glauben wichtig, denn sie machen Mut, selbstständig über die Dinge nachzudenken, sich eine Meinung zu bilden und dann auch zu dieser zu stehen.

Doch zurück zum Fotografen Martin Eichler. Rumänien und dann die Region Siebenbürgen lernte Martin 1973 als 19-Jähriger kennen, als er wie so viele andere junge Leute aus Ostdeutschland per Anhalter nach Bulgarien fuhr. Schnell entdeckten sie, dass es im Durchreiseland Rumänien Deutsche gab und man sich in Siebenbürgen mit wenig Geld von Dorf zu Dorf durchhangeln konnte. Viele lebenslange Freundschaften gehen auf jene Zeit zurück.

Ab 1988 kam er als ausgebildeter Fotograf regelmäßig wieder, um all das, was er schon gesehen hatte, und noch viel mehr, zu dokumentieren. Die Anfänge lagen in der Dobrudscha, wo Ausgrabungen aus der Römerzeit gemacht wurden. Da zeigte sich schon seine große Stärke, die zum Schwerpunkt der fotografischen Arbeit wurde – Aufnahmen von Bauwerken, Museumsobjekten, Landschaften.
Friedhof von Holzmengen – ein Blütenmeer in den ...
Friedhof von Holzmengen – ein Blütenmeer in den 1970er Jahren. Foto: Martin Eichler
1985 wagte es Martin Eichler, mit der tatkräftigen Unterstützung seiner Frau Friederike einen eigenen Verlag zu gründen, den Bilderdienst Siebenbürgen, noch heute aktiv unter dem Motto „Wir zeigen die schönen Seiten Siebenbürgens“. 1986 kam dann der erste Kalender mit dem Titel „Bilder aus Siebenbürgen“ heraus. Das war anfangs nicht so einfach wie gedacht. Die Zielgruppe, die Siebenbürger, kannten Martin noch nicht und die Verkaufszahlen hielten sich in Grenzen. Aber er lernte dazu, baute sich ein Netzwerk auf, lernte zuweilen auch auf die Vorstellungen der Kunden einzugehen. Allmählich wurde er bekannt und ist heute der Siebenbürgen-Fotograf schlechthin, obwohl seine fotografische Arbeit noch viel mehr umfasst. Ab 1993 folgen zahlreiche Ausstellungen, zum Teil in prominenten Räumlichkeiten in Deutschland wie auch in Rumänien.

„Seit 2004 gibt es neben dem Klassiker ,Bilder aus Siebenbürgen‘ immer mal wieder neue Kalenderprojekte. So zum Beispiel drei Jahrgänge ,Kirchenräume‘ mit großformatigen Innenansichten siebenbürgisch-sächsischer Kirchen. Dann kam der Postkartenkalender dazu, der gleichzeitig auch ein Namenstagskalender ist und wegen seines schmalen Formats beliebt ist, wenn mal nicht so viel Platz für einen Wandkalender ist“, sagt Martin Eichler in einem Interview in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 18 vom 10. November 2020, Seite 11.

Eine besondere Augenweide sind die großformatigen Landschaftskalender, die seit fast 15 Jahren ebenfalls alljährlich erscheinen. Seit einigen Jahren greift er dabei auch auf Bilder anderer Fotografen zurück, da ihm seine schwere Krankheit nicht mehr erlaubt, allzu kräftezehrende Reisen zu unternehmen. Auch gibt es einen Posterkalender, ganze 100 cm hoch, der auf einem Hochglanzposter die Bilder für ein ganzes Jahr in sich vereint.

Wenn man über ein so umfangreiches Bilderarchiv verfügt, bieten sich immer neue thematische Zusammenstellungen an. So kam 2013 der Kalender „Am Rande des Heiligen“ zustande, der die unbeachteten Details aus verschiedenen Kirchen in den Mittelpunkt stellt: einen alten gusseisernen Kirchenofen, das Uhrwerk einer Turmuhr, einen alten Opferstock und Ähnliches. Im Jahr darauf folgte einer meiner Lieblingskalender, wenn man das bei der großen Auswahl sagen kann, und zwar jener zum Thema „Alte Technik“.

Auch Auftragsarbeiten sind für einen Selbständigen natürlich willkommen. Dementsprechend erstellte Martin Eichler für die Evangelische Kirche A.B. in Siebenbürgen Kalender mit den Themen Kulturgut, Jahr der Bildung, Jahr der Diakonie, Reformation. Für die Evangelische Akademie Siebenbürgen machte er wiederum Werbefotos für Flyer, die Webseite der Institution u.a., aber natürlich auch Werbekalender für gut zahlende Kunden wie Automobile Bavaria oder MAN.

Die Qualität seiner Kalender ist so hervorragend, dass man die einzelnen Blätter als Bilder rahmen kann. Ich habe schon manches verschenkt und bin immer auf Begeisterung gestoßen.

In den Buchbestand jedes Siebenbürgen-Liebhabers gehören die umfangreichen, von Martin Rill herausgegebenen Bildbände wie „Hermannstadt und das Alte Land“ oder „Das Burzenland“, zu denen Martin Eichler als Fotograf seine Bilder beigesteuert hat. Diese Bildbände sind nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine Dokumentation aus der Zeit, als die siebenbürgischen Dörfer noch ziemlich intakt und sächsisch geprägt waren. Viele Bilder sind Zeitdokumente, da sich inzwischen das Aussehen der Dörfer zuweilen radikal verändert hat.

Auf seinen zahlreichen Fahrten durch Rumänien fielen ihm die am Straßenrand errichteten Gedenkkreuze für Unfallopfer auf. Rumänien hat leider immer noch eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Verkehrstoten. So kam es zu der Ausstellung „Straßen der Trauer. Kreuze am Straßenrand – Eine Ausstellung zum Innehalten“, die genau das wollte, was der Titel besagt, zum Innehalten anregen.

Als es 2008 in Bistritz zu einem verheerenden Brand der Stadtpfarrkirche kam, war Martin in Rumänien und schnell vor Ort. Die trotz des traurigen Sujets hochkünstlerische Bildertrilogie „Brandopfer“ zeigt die seltsamen Strukturen des geschmolzenen Metalls der Glocken und kupfernen Dachrinnen im Inneren des Kirchturms. Manche halten es für Aufnahmen eines Brokatstoffs, – Schönheit lässt sich auch in der Zerstörung erkennen. Zumindest, wenn der Fotograf Martin Eichler heißt.

Obwohl ihm seine chronische Krankheit oft zu schaffen machte, ließ er sich nicht beirren, wagte sogar eine zweimonatige Reise allein durch Kasachstan. Nicht zu vergessen die privaten Offroad-Ausfahrten mit siebenbürgischen Freunden, die immer Spaß machten und manche besondere Fotomotive hergaben, auch wenn man einander öfter mal aus einem Schlammloch ziehen musste.

Das alles hätte Martin Eichler nicht schaffen können, hätte ihm seine Frau Friederike nicht den Rücken freigehalten und ihn bedingungslos in seiner Arbeit unterstützt.

Zum runden Geburtstag wünschen wir dem Jubilar alles erdenklich Gute!

Sunhild und Dietrich Galter

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Martin Eichler, Fotograf

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