15. November 2001

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Keno Verseck

Das heutige E-Mail-Interview haben wir mit dem Journalisten und Buchautor Keno Verseck geführt.
Ihrer Homepage www.keno-verseck.de haben wir entnommen, dass Sie 1967 in Rostock geboren und 1984 aus der ehemaligen DDR ausgereist sind. Sie sind als Journalist tätig. In ihren Reportagen und Artikel beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit Osteuropa und vor allem mit Rumänien. Wie kommt es, dass Sie sich gerade auf das Karpatenland spezialisiert haben?

Ich war als Kind und Jugendlicher Anfang der achtziger Jahre mehrmals in Rumänien. Mich hat damals lange Zeit die Frage beschäftigt, warum dieses Land so extrem ist, warum Ceausescu dieses Land in einen Abgrund geführt hat. Rumänien hat eine negative Faszination auf mich ausgeübt. Nach 1989 wollte ich die Chance, die Veränderungen in Osteuropa direkt zu verfolgen, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Rumänien hat mich dabei am meisten interessiert, auch wegen meiner Eindrücke als Kind und Jugendlicher. Im Laufe der Jahre habe ich dann in Rumänien Antworten auf meine früheren Fragen gefunden.

Kürzlich wurde ihr Buch "Rumänien" aus der Länderreihe des Beck-Verlages in einer TV-Reportage im HR3 empfohlen. Können Sie uns dieses Buch kurz vorstellen?

Das Buch ist eine Landeskunde und eine Art "Einführung in Sachen Rumänien", ein Buch für alle, die mehr über das Land erfahren wollen als aus einem Reiseführer, die aber nicht ein Dutzend wissenschaftliche Publikationen in der Uni wälzen möchten, um sich einen Überblick zu verschaffen. Das ist so, als ob ich keine Lust hatte, stundenlang zu kochen und mir ein Fertiggericht bestelle. Ich hoffe, mein "Fertiggericht" schmeckt nicht wie eine Dosensuppe von Aldi. Kürzlich ist die zweite, aktualisierte Auflage des Buches erschienen. Ich habe versucht, Rumäniens politische und kulturelle Geschichte darzustellen. Kritisch, entmythisierend, ohne dabei auf die Rumänen herabzublicken, aber auch ohne auf die leider so modische Verständnisdrüse zu drücken. Wer nach Rumänien fährt und beispielsweise sieht, dass in siebenbürgischen Städten die Parkbänke in den rumänischen Nationalfarben gestrichen sind, sich das aber nicht erklären kann, der wird, so hoffe ich jedenfalls, in diesem Buch eine etwas Tiefergehende Antwort finden.

Können Sie uns Ihre Homepage www.keno-verseck.de kurz vorstellen?

Die Webseite hat meine Schwester gestaltet, die ich hier nebenbei als ausgezeichnete Web-Designerin empfehlen kann. Auf meiner Seite befinden sich einige Rumänien-Reportagen, Kolumnen, einige Hinweise zu meinem Buch sowie ein kurzer Lebenslauf von mir. Das Beste an der Seite finde ich, wie gesagt, das Design, welches meine Schwester entworfen hat.

Kommt positives Feedback auf Ihre Inhalte im Internet ?

Ja, ab und zu bekomme ich lustige E-Mails, deren Inhalt meistens so lautet: Hi, hab gerade deine Artikel und dein Buch gelesen, fand ich total gut, bin gerade in so und so, wo bist du? Wenn du auch gerade in so und so bist, lass uns doch mal einen Kaffee trinken. Mich haben auch schon alte Freunde und Bekannte über meine Webseite wieder gefunden.

Ihre Berichte und Reportagen erscheinen in Zeitungen wie z.B. TAZ. Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Journalisten aus?

Ein guter Journalist ist im klassischen Sinne der, der die schlechte Nachricht zuerst bringt. In diesem Sinne bin ich kein klassischer und folglich auch kein guter Journalist. Schon in meinen DDR-Schulzeugnissen stand jedes Jahr, dass ich ständig unpünktlich bin. Mich interessieren beim Journalismus am meisten Reportagen. Geschichten über Menschen in ungewöhnlichen oder auch gewöhnlichen Situationen: Wie verhalten sie sich, was sind die Beweggründe für ihr Verhalten? Im Grunde geht es um die Frage: Was steckt dahinter? Also um Neugier. Ich würde sagen, ich bin ein neugieriger Mensch. Ansonsten habe ich einige private Grundsätze: Ich benutze in einem Artikel nicht die Wörter "man", "ich", und im Allgemeinen versuche ich, Sprachklischees und komplizierte Sätze zu vermeiden. Leute kaufen eine Zeitung nicht, weil sie erwarten, darin Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" zu finden, sondern weil sie erfahren wollen, was gerade so passiert. Ich sehe mich in diesem Sinne als Dienstleister an den Lesern, indirekt oder direkt bezahlen die Leute mich ja. Sie haben das Recht auf eine glasklare Sprache.

Bedeutet Journalismus für Sie auch eine gewisse Macht auf die Leser auszuüben? Ist das vielleicht auch mit ein Faktor, der Sie bewogen hat, Journalist zu werden?

Vor meiner Antwort muss ich vorausschicken, dass Macht im Sinne einer rational, logisch und ethisch nicht begründeten Autorität nach meiner Ansicht kein Mittel sozialer, politischer oder sonst welcher Interaktion sein darf, wobei das natürlich der nicht vollkommen zu verwirklichende Idealfall ist. Diesen Grundsatz habe ich von dem russischen Anarchisten Michail Bakunin (ich versuche, mich daran zu halten, eher schlecht als recht). Die Antwort auf die Frage: Das Wort und die Macht darüber zu bestimmen, was ein Wort bedeutet und was nicht, ist m.E. die größte Macht, die es gibt. Deshalb sollte jeder, der mit Worten um sich wirft, wie eben Journalisten, sehr, sehr vorsichtig sein, wohin er wirft, jedes Wort bedenken und im Zweifelsfall lieber ein schwächeres Adjektiv wählen. Es gibt Journalisten, die gezielt für Politiker schreiben, die etwas beeinflussen wollen, durch das, was sie schreiben. Mich hat diese Art von Journalismus nie gereizt. In politischen Artikeln schreibe ich, was ich denke, und ich denke dabei nicht, dass die Leser genau das denken sollen, was ich schreibe. Bei Reportagen ist es so: Ich sehe, aha, das und das ist eine interessante Geschichte, die hat noch niemand aufgeschrieben, also schreibe ich sie auf.

Wie nutzen Sie das Internet für Ihre Arbeit? Wie surfen Sie durchs Netz?

Ohne das Internet sähe ich ganz schön alt aus, weniger, was Rumänien betrifft, eher was die Wissenschaft anbetrifft, denn ich schreibe auch Wissenschaftsartikel, hauptsächlich über Astronomie und Physik. Ohne das Internet hätte ich gar nicht die Möglichkeit, mir immer einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand auf verschiedenen Gebieten zu verschaffen, und es wäre auch viel schwieriger, Kontakte mit Forschern zu bekommen oder zu halten. Das Internet ist ja u.a. entstanden, weil Wissenschaftler, Physiker und Mathematiker, schneller miteinander kommunizieren wollten. Deshalb waren sie die ersten, die ihre Forschungsarbeiten ins Netz gestellt haben. Meistens sind sie ja auch Computerexperten. In der Mathematik, Physik und Astrophysik gibt es praktisch nichts, was nicht sofort im Netz steht. Was Rumänien angeht, so lese ich jeden Tag die rumänischen und ungarischen Tageszeitungen.

Verraten Sie uns einige Ihrer Surftipps?

Eigentlich surfe ich nicht viel, ich habe meine täglichen Seiten, auf denen ich die Nachrichten lese. Vieles bekomme ich über mailing lists, was eine sehr praktische Einrichtung ist. Manchmal suche ich etwas. Aber eher selten. Geheimtipps habe ich insofern keine.

Vielen Dank für das Gespräch.

Link: KENO VERSECK TAZ
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Schlagwörter: Interview, Medien

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