12. August 2021

Landesverband Bayern: Reise ins Donaudelta

Als Werner Kloos, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern, mit dem großen Naturliebhaber Dietmar Gross diese Reise zusammenstellte, war die Corona-Pandemie in weiter Ferne. Die Reiseteilnehmer, Mitglieder verschiedener Kreisgruppen, ahnten noch nicht, dass sie sich knapp zwei Jahre in Geduld würden üben müssen. Umso größer war die Freude, als es dann soweit war. Wir fuhren von München mit dem Zug nach Wien und dann mit dem „Dacia Express“ nach Bukarest. „Hinter Wien fängt der Balkan an“, bemerkte jemand, als wir im Begriff waren, uns im Schlafwagen zurechtzufinden. Da wurde uns klar: Das Abenteuer beginnt! In Bukarest begrüßte uns herzlich der Ornithologe und Geologe Florin Palade von „Ibis-Tours“.
Wir erkundeten die Landeshauptstadt und bewunderten die imposanten Bauten. Vorbilder waren Paris und die österreichische Monarchie, wobei man nun immer mehr Gebäude im Brâncoveanu-Stil antrifft. Die Lindenbäume standen in voller Blüte und ihr Aroma umhüllte uns auf unserem Rundgang. Im Athenäum, dem Sitz der Staatsphilharmonie George Enescu, waren wir von der Akustik angetan. Vor dem „Haus des Volkes“, einem gigantischen Bau, welcher das Parlament, ein Museum und Tagungszentren beherbergt, hielten wir kurz inne und ließen unseren Gedanken freien Lauf. Eine Abkühlung an diesem heißen Sommertag gab es im „Hanul lui Manuc“, einer mittelalterlichen Schänke, die einst, gut gelegen auf dem Handelsweg, eine majestätische Absteige für Handelsleute und ihre Pferde und Wagen war. Im Dorfmuseum (Muzeul Naţional al Satului) bestaunten wir gut erhaltene Häuser und Holzkirchen aus verschiedenen Regionen. Am Abend hieß uns Bischofsvikar und Stadtpfarrer Dr. Daniel Zikeli in der Evangelischen Kirche in Bukarest willkommen. Nachdem er uns die interessante Geschichte der Kirche erzählt hatte, stimmten unsere Chorsänger spontan „Großer Gott, wir loben dich“ an, begleitet von Gerhild Gross an der Orgel. Wir sangen alle mit – ein leichtes Gänsehautgefühl breitete sich aus. Den nächsten Halt legten wir bei den Schlammvulkanen von Berca ein. Eine Mischung aus tonhaltiger Erde und salzhaltigem Grundwasser gelangt durch kleine Gaseruptionen an die Oberfläche und lässt so diese besondere Landschaft entstehen. Entlang nicht enden wollender Sonnenblumenfelder, wilder Wein- und Hopfenanbaugebiete und der sich laufend ändernden Vegetation fuhren wir durch die südöstlichste Provinz Rumäniens, die Dobrudscha. Hier befindet sich der Nationalpark Munţii Măcinului, berühmt durch seine pontisch-sarmatische Flora und Fauna.
Reisegruppe im Donaudelta mit Werner Kloos (2. ...
Reisegruppe im Donaudelta mit Werner Kloos (2. Reihe, links), Dietmar Gross (2. Reihe, rechts), Florin Palade (1. Reihe, rechts). Foto: Dietmar Gross
Wir erreichten das Ziel unserer Reise: das Donaudelta, das größte zusammenhängende Schilfrohrgebiet der Welt. Über 300 Vogelarten leben hier und Millionen Vögel nutzen es als Durchzugs- und Nistgebiet. Es besteht aus den Armen Chilia, Sulina und Sfântu Gheorghe sowie aus unzähligen Seitenarmen, Seen und schwimmenden Inseln. Wir bezogen das gut ausgestattete Hausboot. Mit dem Begleitboot ­erkundeten wir die Neben- und Seitenarme und die großen Süß- und Brackwasserseen, während unser schwimmendes Hotel immer wieder einen neuen Ankerplatz suchte, so dass wir die Nächte an idyllischen Plätzen inmitten der Schilf- und Wasserlandschaft verbrachten.

Tagsüber fuhren wir durch die verzweigten Kanäle, manchmal an kleinen Fischerdörfern vorbei, und lauschten dem Vogelgezwitscher. Florin und Dietmar beeindruckten uns mit ihrem Wissen über Flora und Fauna und sensibilisierten all unsere Sinne dafür. Wir entdeckten Blaukehlchen oben im Schilf, während sich die Rohrdommel tief unten versteckte. Der Pirol sang fröhlich, während der Kuckuck schrie. Purpurreiher, Wiedehopf, Nebelkrähe, Blauracken flogen an uns vorbei. Ein anderes Mal trafen wir Kormorane, sitzend auf abgestorbenen Ästen, um ihre ausgebreiteten Flügel in der Sonne zu trocknen. Wir beobachteten mit unseren Ferngläsern verschiedene Reiherarten, Fasane, Moorenten, Stelzenläufer, Bienenfresser, Kraniche, Rothalsgänse und Seeadler, um nur einige wenige zu erwähnen. Galeriewälder aus Eschen, Pappeln, Baum- und Strauchweiden umsäumen die Flussarme und Kanäle. Auf den Seen schwimmen See- und Teichrosen, Krebsschere und Wassernuss bieten Fröschen Schutz. Im Kanal Mila 36 ändert sich die Landschaft drastisch, plötzlich sind beide Ufer zum Greifen nah, das Schilf streifte oft unser Boot. Entlang des Vogelparadieses Musura-Bucht gelangten wir ins pittoreske Dorf der ukrainisch-lipowenischen Minderheiten, Letea. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Vereinzelt stehen blau angemalte, aus Lehm und Schilf gebaute Häuser, dazwischen unzählige, frei laufende Wildpferde. Wir durchquerten den Urwald von Letea, vorbei an Eschen und Eichen, Wildbirnen und Weißpappeln. Lianen und Schlingpflanzen ziehen sich immer wieder an den Bäumen hoch, man hat den Eindruck, in einem tropischen Wald zu wandern. Wir erreichten eine Landschaft wie ein Mosaik: Dünen mit Sandflächen und Waldstreifen.

Schwimmende Schilfrohrinseln, auch „Plaur“ genannt, verändern zusehends das Bild des Deltas. Die in vielen Größen vorkommenden Gebilde bestehen aus ineinander verflochtenen Rhizomen von Schilf und Binsen, die sich vom Boden abgelöst haben und nun über die Wasseroberfläche gleiten. Bei Überschwemmung bieten sie Tieren Unterschlupf. Auf einem „Plaur“ wachsen auch Farne, Minze, Zwergweiden und Kletterpflanzen.

Auf unserer Reise passierten wir Mila Null, die die Mündung der Donau ins Schwarze Meer markiert. Beeindruckend, wenn man überlegt, was für einen langen Weg die Donau bis dorthin zurücklegt. Wir fuhren auf der alten Donau flussabwärts, erreichten den östlichsten Punkt der Europäischen Union, kamen an zwei Leuchttürmen vorbei und noch vieles mehr. Einer der Höhepunkte war der Sonnenaufgang auf dem „Trei Iezere“-See. Wir waren früh unterwegs und glitten lautlos übers Wasser, die meisten Vögel schliefen noch. Mitten auf dem See, zwischen tausenden See- und Teichrosen, hielt unser Boot. Plötzlich tauchte die Sonne aus dem Wasser am Horizont vor uns auf. Nach diesem Erlebnis frühstückten wir auf unserem Hausboot in traumhafter Kulisse, umringt von Pelikanen und Schwänen. Im Donaudelta gibt es die größten Brutkolonien von Rosapelikanen und die zweitgrößten des Krauskopfpelikans in Europa. Bald hieß es Abschied nehmen von diesem besonderen Fleckchen Erde und von den Menschen, die uns so liebevoll auf dem Hausboot verwöhnt hatten.

Unser Weg führte zur Ruine der genuesisch-byzantinischen Festung Enisala, die hoch über der Donau thront und die einzig verbliebene mittelalterliche Festung der Dobrudscha ist. Von hier hat man einen atemberaubenden Blick auf die Lagunenlandschaft am Schwarzen Meer. Beeindruckt waren wir auch von der archäologischen Stätte von Histria.

Nach diesen spannenden, ereignisreichen Tagen im Donaudelta ließen wir den Urlaub an der Schwarzmeerküste in Mamaia ausklingen. Wir hatten noch die Möglichkeit, Konstanza zu erkunden und eine Rundfahrt entlang der Schwarzmeerküste zu unternehmen, verbunden mit der Besichtigung von Adamclisi mit dem Denkmal des „Tropaeum Traiani“.

Vielen Dank an Dietmar Gross und Florin Palade für diese besondere Reise, die uns einzigartige Einblicke in dieses Naturparadies gewährt hat. Wir haben den „Intensivkurs“ in Fauna und Flora sehr genossen. Danke an Werner Kloos! Und ein letzter großer Dank an Renate Kloos, die alle Fäden im Hintergrund zusammenhielt. Schön war’s!

Ingeborg Binder

Schlagwörter: Bayern, Landesverband, Reise, Werner Kloos, Donaudelta

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