28. Januar 2011

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Zum 150. Geburtstag des Dirigenten und Komponisten Hermann Kirchner

Am 23. Januar 1861 wurde Hermann Kirchner im thüringischen Wölfis geboren. Als er, dreiunddreißigjährig, als Musikdirektor nach Mediasch berufen wurde, begann eine außergewöhnliche, Völker verbindende Karriere als Dirigent und Komponist. Wenn wir heute seiner gedenken, verbinden wir damit den Wunsch, das Interesse an seinem beinahe vergessenen Oeuvre neu zu beleben.
„Siebenbürgen muss man als Musiker, als Sänger erleben. So vielgestaltig wie seine Landschaft und so originell wie seine Siedlungen, so vielgestaltig und so originell ist seine Musik. Dort singt der ‚Sachse’ seine alten Weisen, dort spielt der braune Zigeuner seine Fidel und sein Cimbal, dort tanzt der Ungar seinen Csardas nach dem leidenschaftlichen Rhythmus, dort träumt der Rumäne beim Klang seiner balkan-slavischen Melodien. Ein schier unerschöpflicher musikalischer Bronnen ist dieses ‚Land des Segens.‘ Und in dieses Land zog es unseren Papa, als er, ein sehr gesuchter und bekannter Konzert- und Oratorientenor, in Berlin lebte.“ So beginnen die noch unveröffentlichten Erinnerungen von Margarete Müller, Kirchners älteste Tochter, an ihren Vater. Dieser notierte dazu in seiner 1925 verfassten autobiographischen Skizze: „Am 1. September 1893 fuhr ich von Berlin aus dem Süden zu, um in Mediasch, einer deutschen Stadt Siebenbürgens, einen neuen Wirkungskreis zu finden.“ Dass er dies in einem Blatt namens „Am Holderstrauch“ schrieb, das in Leipzig erschien, hatte eine vielschichtige Symbolkraft. Die 1896 entstandene Weise zu Carl Römers Gedicht hat Kirchner bei uns Siebenbürger Sachsen unvergessen, ja unvergesslich gemacht. Für die jungen Leipziger, die im Kriegssommer 1917 als „reichsdeutsche Ferienkinder“ zwei Monate lang in Hermannstadt, Mediasch, Schäßburg oder Agnetheln sächsische Gastfreundschaft genossen hatten, stand jenes Lied, das sie am innigsten an Siebenbürgen erinnerte, schlichtweg stellvertretend für unser Volk, und so gaben sie der Hauspostille ihres „Siebenbürger Sachsenfahrt-Bundes“ jenen Namen. Über die Reise des Liedes mit seinen schlichten Bildern und der eingängigen Melodie um die Welt ist viel geschrieben worden. Gleich mehrere Völker, vom Südosten Europas bis ins ferne Japan, betrachteten es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als ihr eigenes Volkslied. Man will nicht daran glauben, dass allein Zufälle für seine rasche Verbreitung in der vormedialen Zeit sorgten – es muss vielmehr an Kirchners Musik liegen, an einer Melodie, die Völker zu berühren und zu vereinen vermochte in einer Zeit, in der die Mächtigen der Welt mal wieder zum Krieg rüsteten.

Hermann Kirchner, 1899, Archiv W. Römer ...Hermann Kirchner, 1899, Archiv W. Römer Welcher Mediascher ihn angeworben hat und wieso die Wahl gerade auf Kirchner fiel, ist nicht überliefert. Am Kokelstrand wird der einnehmende Mann „mit seinen leuchtend blauen Augen lächelnd, im hellgrauen Anzug mit einer Rose im Knopfloch, einer weißseidenen Künstlerschleife und auf seinen blonden Locken einen Künstlerhut“ (Margarete Müller) schnell heimisch. Den Musiker bewegte der Wunsch, in einer neuen Umgebung entscheidende Impulse zum Komponieren zu bekommen. Die vielen in kurzer Zeit entstandenen Kompositionen beweisen, dass es so gekommen ist. Von 1893 bis 1900 hat er 19 Lieder zu Gedichten in sächsischer Mundart komponiert. Seine Lieder, für die begeisterte Dichter die Verse einem Aufruf Kirchners folgend eigens geschrieben hatten, nannte er programmatisch „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder“. Nur wenige wissen heute noch, dass die Melodien so beliebter Lieder wie „Der grän Jäjer“, „Af deser Ierd doh äs e Lanond“, „De Breokt vun Urbijen“ oder „Himetstroa“ („Zeisken huet se klinzich Näst“) von ihm komponiert wurden. Dass sie in kürzester Zeit zu echten Volksliedern wurden und bis heute im Repertoire sächsischer Chöre unverzichtbar sind, lag wohl daran, dass „der hochstrebende, hochbegabte Mann das Neue mit außerordentlicher Empfänglichkeit aufnahm, (...) die eigenartige Schönheit unserer Landschaft, das bunte Völkergemisch, unser Volkstum in seiner besonderen Art. (...) Er hatte seine Freude an der ursprünglichen Kraft unserer Bauern“, wie sein Freund Carl Römer anmerkt. Gleichsam triumphal feierte man ihn für seine erste Oper, „Der Herr der Hann“, 1899 in Mediasch uraufgeführt. Der Thüringer hatte Musik und Libretto zu dieser ersten, dem sächsischen Dorfleben gewidmeten Oper selbst geschrieben.

Nur ungern ließen die Mediascher den hochgeachteten Musiker im Jahre 1900 nach Hermannstadt gehen. „Das Musikleben war (dort) natürlich viel großzügiger als in Mediasch,“ schreibt er rückblickend 1925, und weiter: „Vor allen Dingen standen für größere Aufführungen zwei wohlgeschulte Orchester zur Verfügung. Die Stadtkapelle und die Kapelle des 31. österreichischen Infanterie-Regiments; und außer dem vorzüglichen gemischten Chor des Musikvereins pflegten der Männerchor Hermania und der Hermannstädter Männergesangverein in rühmenswerter Weise die deutsche Sangeskunst.“ In Hermannstadt begegnet er auch der rumänischen Musik, die ihn fasziniert und inspiriert, und bald hebt er seinen Taktstock auch für den rumänischen Männergesangverein. Bemerkenswert, was er über die Aufführung seines Musikdramas „Stephania“ berichtet, dessen Handlung zur Zeit Otto III. in Rom spielt: „Im zweiten Akt kommt eine nächtliche Schlachtszene zwischen den Deutschen und Römern vor; jene wurden von Mitgliedern meines Hermannstädter Männergesangvereins dargestellt, diese vom Männerchor des ebenfalls von mir geleiteten rumänischen Musikvereins, darunter etwa fünfzig Zöglinge des griechisch-orientalischen Priesterseminars. Die beiden feindlichen Parteien drangen dabei mit solchem Ungestüm aufeinander ein, dass ich unter dem Dirigentenpult fürchtete, es könnte zu wirklichen Tätlichkeiten kommen.“ Zu den Werken dieser Zeit zählen neben der dritten Oper „Viola“ auch zahlreiche durch rumänische Volksmusik inspirierte Vokalkompositionen. Schon 1901 bringt die „Reuniunea romana de muzica“ Rezitativ und Arie aus der rumänischen Volksoper „Marioara“ zur Aufführung. Als die neugebaute orthodoxe Kathedrale in Hermannstadt am 14. Mai 1906 feierlich geweiht wird, ist auch Kirchner mit einem Musikstück vertreten: „,Reigen der Nebelweibchen‘ aus der Ballettpantomime ‚Ein Sommermärchen‘“.

Weniger erfolgreich ist Kirchner mit ungarischen Themen: Seine Oper „Banffy“, für die der spätere Gewandhausdirigent Arthur Nikisch bereits in Budapest probte, wurde aus Furcht vor „politischen Demonstrationen“ (Otto Folberth) abgesetzt. Kirchners Bemühen, die in Siebenbürgen lebenden Nationen über die Musik einander näher zu bringen, fällt hier am Vorabend des Ersten Weltkriegs der Politik zum Opfer.

Stets offen für Neues ging er 1906 nach Bukarest, um die dortige deutsche „Liedertafel“ zu dirigieren. Er war es, der erstmalig große deutsche Chorwerke in Bukarest zur Aufführung brachte. Zusätzlich übernahm er die Leitung des Chors des rumänischen Musikvereins und einer neu eingerichtete Opernklasse am dortigen Konservatorium. Auch unterrichte er Harmonie- und Kompositionslehre und leitete ein Vokalensemble und eine Orchesterklasse. Der Künstler, der sich der Gunst der Königin Carmen Sylva erfreute, dürfte in Bukarest den Höhepunkt seiner musikalischen Karriere erlebt haben. Kirchners Nachlass in Gundelsheim enthält einige Kompositionen aus dieser Zeit: „Rumänischer Tanz“, „Hora dobrogeana“, „Sommernacht in Sinaia“ und eine Romanze „Carmen Sylava“ seien beispielhaft genannt. 1910 beendete er seine „Auslandsjahre“ und ging als Lehrer nach Ratibor (Schlesien). Obwohl er auch dort mit zahlreichen Konzerten und Kompositionen in Erscheinung trat und ihm zahlreiche Ehrungen zuteil wurden, wie etwa jene eines Königlich-Preußischen Musikdirektors der Akademie der Schönen Künste Berlin, dachte er immer mit Sehnsucht an seine Zeit in Siebenbürgen und Rumänien zurück. Am 29. Dezember 1928, kurz nachdem er bei einer Jubiläumsaufführung seiner Oper „Der Herr der Hann“ ein letztes Mal im Mediascher Traubesaal dirigiert hatte und begeistert gefeiert wurde, ging sein Leben zu Ende.

Kehren wir noch einmal an den Anfang, zum „Hontertstreoch“ zurück – Kirchners Lied, das mit seiner Wanderschaft einst die Völker verband. Außer bei uns Sachsen scheint es sonst in Vergessenheit geraten zu sein. Zuerst hatten es die Rumänen unter dem Titel „Sub crengi de soc“ übernommen. Noch Ende der 1940er ist es in der Gegend von Baia Mare verbürgt. Eine Internatsschülerin, Erzsika Crişan, lehrt ihre Mitschülerinnen das Lied, eine andere, Terezia Bolchiş-Ţătaru, zitiert die erste Strophe in einer veröffentlichten Geschichte, die Melodie singt die heute achtzigjährige, in Augsburg lebende Dame, als hätte sie sie gestern erst gelernt: „Sub crengi de soc, sub crengi de soc,/ Ce înfloriră in mai,/ O pasăre cînta cu foc/ De-amor şi dulce trai.“ Der Rest der rumänischen Fassung schlummert, wie so vieles, in Archiven. Könnte 2011 nicht ein Kirchner-Jahr werden? Ist es nicht an der Zeit, Kirchners Werk und seinem musikalischen Wirken wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen, eine Monographie zu verfassen, die wenigen Partituren zu sichten, die nach dem Bombardement Breslaus noch übrig sind und heute in Gundelsheim, Regensburg und Gotha verstreut aufbewahrt werden, in Hermannstadt und Bukarest danach zu suchen und vor allem einzelne davon wieder aufzuführen?

Hansotto Drotloff

Schlagwörter: Porträt, Mundart, Komponist, Dirigent

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