9. September 2011

Singuläre Stellung in der Kultur- und Wissenschaftslandschaft

Im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft München wurde kürzlich ein doppeltes Jubiläum begangen: Im Rahmen einer internationalen Tagung wurden am 29. und 30. Juli das 60-jährige Bestehen des Südostdeutschen Kulturwerks e.V. (SOKW) und der zehnte Jahrestag der Gründung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München gefeiert. Die Tagung verstand sich als Anlass zur Rückschau auf die wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen der beiden Einrichtungen, als Standortbestimmung für die Gegenwart und als Ausblick auf die künftige Dokumentation und Erforschung deutscher Kultur und Geschichte im südöstlichen Europa.
Die Jubiläumstagung bot auch Gelegenheit, den bekannten Literaturwissenschaftler und bisherigen stellvertretenden Institutsdirektor des IKGS, Prof. h.c. Dr. Peter Motzan, feierlich in den Ruhestand zu verabschieden. Wie IKGS-Direktor Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth in seinem Grußwort betonte, habe sich Peter Motzan als Hochschullehrer und Forscher herausragende Verdienste um das Institut erworben, nicht zuletzt aufgrund seines großen persönlichen Engagements.

Stefan Sienerth begrüßte die zahlreichen Gäste, darunter Sabine Deres, Ministerialrätin beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Anton Schwob, Vorsitzender des SOKW, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andrei Marga, Rektor der Universität Klausenburg (Cluj-Napoca), und Prof. Dr. Lászlo Imré Komlósi, Vizerektor der Universität Fünfkirchen (Pécs). Sabine Deres überbrachte die Glückwünsche des Staatsministers Bernd Neumann zu den Jubiläen der beiden Einrichtungen, die mit ihren überzeugenden Leistungen auch die bundesdeutsche Öffentlichkeit erreicht hätten. Auch Anton Schwob zog in seinem Grußwort eine positive Bilanz der nunmehr 60 Jahre währenden Tätigkeit des SOKW. Zugleich kündigte er die noch für dieses Jahr geplante vereinsrechtliche Auflösung des SOKW an, dessen Aufgaben bereits 2001 vom damals gegründeten IKGS übernommen wurden.

Der Literaturwissenschaftler und stellvertretende ...
Der Literaturwissenschaftler und stellvertretende Institutsleiter Peter Motzan wurde in den Ruhestand verabschiedet. Fotos: Gerald Volkmer
Andrei Marga und Lászlo Imré Komlósi blickten auf eine langjährige Zusammenarbeit ihrer Universitäten mit dem IKGS zurück. Die in Klausenburg und Fünfkirchen von der Bundesregierung eingerichteten Stiftungslehrstühle zur deutschen Kultur und Geschichte im südöstlichen Europa wurden fünf Jahre lang vom IKGS betreut. Darüber hinaus hätten die intensiven wissenschaftlichen Kooperationen auch eine fruchtbringende kulturelle Vermittlungstätigkeit des Münchener Instituts erbracht.

Die Reihe der Vorträge eröffnete Johann Adam Stupp, der als Zeitzeuge und Mitgestalter die Geschichte des SOKW und seiner „Südostdeutschen Vierteljahresblätter“ Revue passieren ließ. Stupp betonte dabei die beständigen Bemühungen der Redaktion, literarischen Innovationen eine Plattform zu bieten und zugleich den kulturwissenschaftlichen Betrieb vor politischen Vereinnahmungsversuchen zu bewahren. Über die nunmehr seit einer halben Dekade erscheinenden „Spiegelungen“, der Nachfolger der Vierteljahresblätter, sprach der Verantwortliche Redakteur Eduard Schneider, der sich Stupp im Bemühen anschloss, dem Generationenwechsel vor allem durch Bezug auf die neuere und zeitgenössische Kultur gerecht zu werden.
Jubiläumstagung in München, v. l. n. r.: Prof. ...
Jubiläumstagung in München, v. l. n. r.: Prof. Dr. Thomas Krefeld, Prof.h.c. Dr. Stefan Sienerth, Prof. Dr. Dr.h.c.mult. Anton Schwob, MinR'n Sabine Deres, Dr. Juliane Brandt.
Prof. h.c. Dr. Konrad Gündisch, stellvertretender Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg, wies in seinem Festvortrag „Ein Solitär in der Wissenschaftslandschaft? Zur Verortung des ,IKGS‘ in Wissenschaft und Gesellschaft“ auf die singuläre Stellung des Instituts in der bundesdeutschen Kultur- und Wissenschaftslandschaft hin. Diese sehe er auch und gerade im Migrationshintergrund seiner Mitarbeiter begründet. Die folgenden Beiträge von Stefan Sienerth und Peter Motzan widmeten sich der Verfolgung rumäniendeutscher Schriftsteller durch die Securitate. Sienerth referierte über „Die rumäniendeutsche Literatur im Spiegelbild und Zerrspiegel des rumänischen Sicherheitsdienstes ‚Securitate‘“ und betonte auch die Chance, durch eine Erforschung der Securitate-Akten nicht nur Informantentätigkeiten offen legen zu können, sondern auch Gerüchte über angebliche Spitzeldienste zu widerlegen. Als Beispiel führte er an, dass Oskar Pastior gemäß Aktenlage und Zeugenaussagen an der Inhaftierung des Schriftstellers Georg Hopprich – trotz anderslautender Gerüchte – nicht schuldig sei. Motzan sprach zum Thema „Ein unsicherer Kantonist. Die Securitateakte des Dichters Alfred Margul-Sperber“ und plädierte dabei für eine Wandlung des bislang recht schematischen Täter-Opfer-Modells, das durch ein deutlich nuancenreicheres Bild ersetzt werden müsse.

In einem der Literaturwissenschaft gewidmeten Panel lenkte Prof. Dr. George Guţu (Bukarest) mit dem Vortrag „Ein kurzlebiger Erneuerungsversuch. Anmerkungen zur Czernowitzer Zeitschrift ‚Wandlung‘ (1932)“ die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein äußerst interessantes, marxistisch geprägtes Periodikum jüdischer Publizisten und Schriftsteller, dessen Erscheinen durch die in „Großrumänien“ herrschende Kulturfreiheit ermöglicht worden sei. Prof. Dr. Jürgen Lehmann (Freiburg) ließ mit „Vom Land der ‚Buche‘ zum U-Topos. Landschaftsentwürfe in der Dichtung Paul Celans“ den Sprachraum in der Dichtung Paul Celans stimmhaft werden. Prof. Dr. Volker Hoffmann (München) analysierte aus der Perspektive der Genieästhetik als Leitideologie experimentelle Lyrik in seinem anregenden Vortrag „Überraschung (Unberechenbarkeit) und Provokation als poetische Maximen. Die Lyriker Franz Hodjak und Paul Wühr“.
Teilnehmer und Referenten im Internationalen ...
Teilnehmer und Referenten im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft München.
Es folgten drei Referate zur Sprachwissenschaft: Den „Status des Deutschen und der Stand seiner Erforschung in Ostmittel- und Südosteuropa“ dokumentierte Prof. Dr. Hermann Scheuringer (Regensburg), wobei er die derzeitige Situation deutschsprachiger Schulen in Rumänien als vergleichsweise äußerst positiv bewertete. Über „Sprachliche Prägungen bei Minderheitensprechern am Beispiel der deutschen Sprachminderheiten in Ostmitteleuropa“ sprach Prof. Dr. Elisabeth Knipf-Komlósi (Budapest). Als vorläufiges Ergebnis ihres Forschungsprojekts hielt sie fest, dass keine spezifisch südosteuropäische Prägung des Sprachgebrauchs in den deutschen Sprachinseln durch die jeweiligen Nachbarsprachen zu beobachten sei. Die Mechanismen der Sprachveränderung seien vielmehr dieselben wie etwa bei Deutschsprachigen in den USA. Ein äußerst vielversprechendes Projekt wurde von Prof. Dr. Thomas Krefeld und Dr. Stephan Lücke (beide München) vorgestellt: Der „Audio-Atlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte“ dokumentiert in digitaler, im Internet verfügbarer Form Tonbandaufnahmen sächsischer Sprecher aus den 1960er und 1970er Jahren, womit linguistische und historische Forschungsarbeiten ermöglicht werden sollen.

Zu „Mehrsprachigkeit und Muttersprache in der deutschen Literatur aus Südosteuropa“ referierte Prof. Dr. András Balogh (Klausenburg) anhand anschaulicher Beispiele aus insgesamt fünf Jahrhunderten südostdeutscher Literaturgeschichte. Zur umstrittenen Persönlichkeit des „Anastasius Grün als Mäzen der Krainer Kulturszene. Dargelegt an einigen Fallbeispielen“ sprach Prof. Dr. Mira Miladinovič-Zalaznik (Laibach). Sie plädierte für eine eindeutig positive Bewertung Grüns, der Wichtiges für die Entwicklung der slowenischen Kultur geleistet habe. Der Vortrag von Dr. Wolfgang Kessler (Herne) zum Thema „Im Abseits oder marginal? Die Deutschen in Jugoslawien als Thema südostdeutscher Kulturarbeit und Forschung nach 1945“ regte zu einer wichtigen Diskussion über die Schwerpunktsetzung innerhalb der IKGS-Forschungsarbeit an.

Im letzten Panel wurden laufende oder abgeschlossene Forschungsprojekte vorgestellt. Dr. Juliane Brandt, wissenschaftliche Mitarbeiterin des IKGS, präsentierte ihr aktuelles Vorhaben „Deutsche Stadtbürger im Königreich Ungarn im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft“. Dr. Mathias Beer (Tübingen) vertiefte im Vortrag „Mehrheit, Minderheit, Migration? Die europäische Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg“ Aspekte seiner neuen Monographie „Flucht und Vertreibung der Deutschen“ . Schließlich stellte Dr. Gerald Volkmer das 2011 abgeschlossene IKGS-Forschungsprojekt „Totalitarismus in multiethnischen Regionen Südosteuropas“ vor, dessen vierter und letzter ­Tagungsband das Verhältnis der südosteuropäischen Minderheiten zu den nationalkommunistischen Regimen 1964-1989 behandeln wird.

In seinem Schlusswort fasste Stefan Sienerth die Ergebnisse der Tagung zusammen und gab bekannt, dass Gerald Volkmer zum 1. August 2011 die Nachfolge Peter Motzans als stellvertretender Direktor des IKGS antreten werde. Dr. René Kegelmann wird am 1. Oktober 2011 die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters im IKGS-Forschungsbereich „Deutsche Literatur- und Sprachgeschichte“ besetzen.

Die doppelte Jubiläumskonferenz von SOKW und IKGS bot, neben einer tadellosen Organisation und einer angenehmen, zum Austausch anregenden Tagungsatmosphäre, einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. Vertreter des Bundes zeigten sich mit der bisherigen Arbeit des Instituts überaus zufrieden und versprachen, die Förderung fortzusetzen und nach Möglichkeit zu intensivieren, um das IKGS in die Lage zu versetzen, deutsche Kultur und Geschichte im südöstlichen Europa eingehend dokumentieren und erforschen zu können.

Alice Buzdugan

Schlagwörter: IKGS, Südosteuropa, Forschung, Wissenschaft, München

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Neueste Kommentare

  • 09.09.2011, 08:42 Uhr von Äschilos: Im zweiten Photo fehlt wohl der unten angeführte Herr J.A.Stupp? Dr.P. Motzan wünschen wir alles ... [weiter]

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