17. Juni 2012

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Erinnern als Notwendigkeit

Ein bemerkenswert langer Fackelzug bewegte sich am Pfingstsonntagabend durch die Straßen Dinkelsbühls hin zur Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in der Lindenallee der Alten Promenade. Dort hielt die Vorsitzende des Kreisverbandes Nürnberg, Inge Alzner, die traditionelle Rede an der den Opfern von Krieg, Verfolgung, Flucht und Vertreibung geweihten Gedenkstätte. „Was können wir tun, damit auch junge Menschen sich mit dem Thema ‚Erinnern und Gedenken’ auseinandersetzen?“, fragte Alzner eingangs ihrer in die Zukunft blickenden Ansprache, die im Folgenden ungekürzt wiedergegeben wird.
Liebe Landsleute, liebe Freunde und Gäste von nah und fern, ist es ausreichend, wenn junge Menschen uns am heutigen Tag mit leuchtenden Fackeln zur Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen hier in Dinkelsbühl begleiten? Wie kann und wird die Nachfolgegeneration das Erbe und die Geschichte, die wir ihnen hinterlassen, aufarbeiten? Was können wir tun, damit auch junge Menschen sich mit dem Thema „Erinnern und Gedenken“ auseinandersetzen? Wer diese Allee mit leuchtenden Fackeln am heutigen Pfingstsonntag betritt und am Ende der Alten Promenade vor der Gedenkstätte innehält, wird unwillkürlich still. Hier an dieser Gedenkstätte kann man lesen: „Gedenke der deutschen Söhne und Töchter Siebenbürgens, die in zwei Weltkriegen und schweren Nachkriegsjahren ihr Leben ließen, im Norden, Osten, Süden, Westen, hinter Stacheldraht, auf der Flucht, in der Heimat.“ Heimattag 2012: Die Vorsitzende des ...Heimattag 2012: Die Vorsitzende des Kreisverbandes Nürnberg, Inge Alzner, bei ihrer Rede an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl. Foto: Christian Schoger Wir alle, die wir heute und hier dieser unserer Vorgänger gedenken, verneigen uns in Ehrfurcht vor diesen Menschen. Wir, die wir uns an der Aufgabe des Erinnerns und Gedenkens beteiligen, werden nachdenklich und lassen unseren Gedanken freien Lauf. Reicht das Gedenken an die in den Kriegen und Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts zu Tode gekommenen Söhne und Töchter Siebenbürgens? Wohl nicht. Wir wollen im Angesicht der mahnenden Gedenkstätte auch einen Blick nach vorn wagen.

All die Ungewissheiten einer Betrachtung der Zukunft kennend, lohnt es sich, auch Fragen unseres Nachlasses und unserer Nachlassverwalter aufzuwerfen. Das Motto unseres diesjährigen Heimattages „Erbe erhalten – Zukunft gestalten“ aufnehmend, kann hier gesagt werden: Unser Erbe ist vielfältig. Materiell und ideell haben wir sowohl in Siebenbürgen als auch außerhalb Siebenbürgens inzwischen viel geleistet. Obwohl die gewaltigen Prüfungen des 20. Jahrhunderts unsere traditionellen siebenbürgisch-sächsischen Strukturen grundlegend verändert haben, sehen wir uns einerseits in der Pflicht, andererseits noch in der Lage, vieles von unserem Erbe zu erhalten. Was ist von uns Siebenbürger Sachsen künftig noch zu erwarten? Was erwarten wir selber von uns? Sind wir noch produktiv genug?

Wir sind zukunftsfähig

Horst Göbbel hat heute in seinem Vortrag „Gestaltungskraft der Siebenbürger Sachsen heute“ unter anderem betont, es läge an unserer Generation selbst, ob wir künftig noch produktiv wären. Wir besäßen noch deutliche Gestaltungskraft: siehe das Heimattreffen der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, das ganz im Zeichen des Gedenkens, des Feierns und Erlebens steht; siehe die vielen Jugendlichen in Tracht – ebenfalls ein deutliches Bekenntnis zu unserer siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft; siehe die zahlreichen erfolgreichen Projekte zur Bewahrung siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes in Siebenbürgen und hier in Deutschland. Mit ihnen können wir auch im Sinne der hier an dieser Gedenkstätte Geehrten Zukunft gestalten. Wir sind zukunftsfähig, weil die althergebrachten Werte, die Tugenden, das Völkerverbindende, der Glaube, das Friedensstiftende aus Siebenbürgen – trotz Krise und mancher Verzweiflung – zukunftsfähig sind und bleiben.

Wir wirken nach unserer Aussiedlung in vielen Bereichen des sozialen und kulturellen Lebens aktiv mit und beteiligen uns rege an dem gesellschaftlichen Leben der Städte und Gemeinden unserer neuen Heimat. Wir und unsere Kinder, wir sind hier ausbildungsmäßig, beruflich, sozialpolitisch, kulturell auf der Höhe der Zeit und haben insgesamt ein starkes historisches Bewusstsein. Unser Erbe ist uns nicht gleichgültig. Wir sehen es als wertvollen Teil des erhaltenswerten europäischen Kulturerbes. Indem wir uns mit unseren Partnern in Siebenbürgen oder hier in Deutschland dessen annehmen, gestalten wir Zukunft mit.

Zurück zu den anfangs gestellten drei Fragen: Ist es ausreichend, wenn junge Menschen uns am heutigen Tag mit leuchtenden Fackeln zur Gedenkstätte begleiten? – Da werden mir wohl alle Anwesenden zustimmen: Nein, es reicht nicht, und es sieht ja so aus, dass junge Menschen auch zur Wachablöse bereit sind. In unseren Kreisverbänden, in Heimatortsgemeinschaften, hier in Dinkelsbühl. Sie gestalten, unterstützen, organisieren und setzen sich mit unserer Kultur, unserem Glauben und unserer Identität auseinander. Sie erleben mit uns viele Augenblicke der Freude, Begegnungen, Konzerten und Ausstellungen, Momente der Freude, des Wiedersehens und doch auch immer wieder Momente des Erinnerns. Das freut uns.

Wie kann und wird die Nachfolgegeneration das Erbe und die Geschichte, die wir ihnen hinterlassen, aufarbeiten? – Sicherlich in ihrem Sinne und mit Bezug auf das künftige Gemeinschaftsdenken der Siebenbürger Sachsen. Wir sind hoffnungsvoll, dass die Nachfolgegeneration anpacken wird, denn es geht letztlich um ihre eigene Zukunft. Wie oft hört man nicht den Satz: „Wer nicht weiß, woher er kommt, der weiß auch nicht, wohin er geht!“

Was können wir tun, damit auch junge Menschen, sich mit dem Thema „Erinnern und Gedenken“ auseinandersetzen? – Zuerst und vor allem, nicht nachlassen in allen möglichen Bemühungen und Aktivitäten, die wir derzeit gemeinsam jung und alt für unser Erbe ebenso wie für das Wachhalten und Weiterentwickeln unseres siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaftsgefühls unternehmen. Und dies sind nicht wenige: konkret z. B. Renovierung von Kirchenburgen in Siebenbürgen, Förderung von Studien, Abschlussarbeiten an Gymnasien und Hochschulen zu siebenbürgisch-sächsischen Themen, Brauchtums-Seminare, örtliche Museen, gemeinsames Feiern von Festen, Jubiläen, Gottesdiensten etc.

Gemeinsam zurück und nach vorn blicken

Meines Erachtens treten diese Fragen in unser Bewusstsein, denen eine unvergleichlich hohe Bedeutung zukommt – jetzt und für alle Zeit. Jede Generation entwickelt ihre eigenen Sichtweisen auf die Geschichte und stellt deshalb jeweils neue Fragen an die Vergangenheit. Aus diesem Grund sind die Darstellung und Erforschung von Geschichte und Kultur niemals abgeschlossen, unabhängig davon, wie groß der Zeitraum ist, der sie von der Gegenwart trennt. Die Geschichte sollte die Erinnerung an die Toten, deren Gräber über viele Länder verstreut sind, wahren, in Gedenkbüchern die Namen der Verstorbenen für die Zukunft erhalten und räumlich weit voneinander getrennten Menschen Symbol einer gemeinsamen Heimat des Herzens sein.

Meine Damen und Herren, eine letzte Frage noch: Gedenken ohne nach vorne zu blicken, dürfen wir das? Eine Frage, die aus meiner Sicht wieder mit einem klaren Nein beantwortet werden kann. Gemeinsam müssen wir zurück und nach vorn blicken, denn Gedenken hat nur Zukunft, wenn die nachwachsende Generation den Stab der Erinnerung aufnimmt und weiterleitet. Es ist unsere Aufgabe, diesen Teil unserer Geschichte mit großem Ernst und großer Verantwortung an unsere Jugend weiterzugeben.

Ein herzlicher Dank geht somit besonders auch an die Stadt Dinkelsbühl, auch an Sie, Herr Oberbürgermeister Dr. Hammer. Diese Stadt bietet uns Siebenbürger Sachsen seit mehr als sechs Jahrzehnten die Chance und Gelegenheit, unserer Vorgänger zu gedenken und den Heimattag als großes Fest der Begegnung der Generationen zu begehen. Unser Verband ist froh und dankbar, eine Gedenkstätte zu haben, zu der wir immer wieder zurückkehren können, um der deutschen Söhne und Töchter Siebenbürgens zu gedenken – auch in Zukunft. In der Zukunft, die wir täglich mitgestalten.

Schlagwörter: Heimattag 2012, Gedenkstätte, Dinkelsbühl

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