16. August 2013

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"Allein in der Revolte": Carl Gibsons Buch über das Leben in Rumänien nach 1944

Carl Gibson hat ein neues Buch über das Leben in Rumänien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebracht. Es ist lesenswert und auch empfehlenswert, denn es bietet mehr als Titel ("Allein in der Revolte") und Untertitel („Eine Jugend im Banat“) ankünden. Der Leser muss jedoch in Kauf nehmen, sich über 400 Seiten durchzuarbeiten und manche weitschweifige, langatmige und weitläufige Absätze zu akzeptieren.
Das Buch, vom Autor als „Lebenswerk“ und Zeitzeugnis bezeichnet, ist weitgehend chronologisch – am Anfang steht der einschneidende 23. August in Rumänien – gegliedert, mit zahlreichen Rückblenden über Vater oder Großeltern, „Ausflügen“ und Exkursen. Es ist eine detaillierte Offenlegung aus eigener, eigenwilliger und besonderer Sicht über das Leben in Rumänien bis zum Zusammenbruch der Diktatur im Dezember 1989, besonders über das Leben der deutschen Minderheit unter den besonderen Gegebenheiten in diesem Land. Viele Absätze des politisch gedachten und ausgerichteten Bandes sind polemisch angelegt, wo der Leser dann doch gern auch etwas über die Quellen von Behauptungen erfahren würde. Wiederholt finden sich Pauschalschelten, so über die deutschen Lehrer in Sackelhausen, wo der Autor (geboren 1959) aufgewachsen ist und die Volksschule besucht hat, über Altersgenossen, die keinen Sinn für „höhere Werte“ hatten, über „servile“ rumäniendeutsche Journalisten, Dichterlinge etc.

Die vielfach bekannte öffentliche Auseinandersetzung mit dem literarischen Leben im Banat zu seiner Jugendzeit wird auch in diesem Buch weitergeführt. Sie ist leider mit dem behaftet, was er anderen vorwirft, vor allem gewollte oder unabsichtliche Ungenauigkeit. Der Leser mit Insiderwissen muss beispielsweise unterstellen, dass der kritische Autor Gibson das Erstlingsbuch seines Schriftsteller-Landsmannes Gerhard Ortinau weder damals noch heute gelesen hat, denn die zitierte Kurzgeschichte (angeblich aus dem Jahre 1980) über die Geburt von Ortinau 1953 im Bărăgan, ist schon in dem Bändchen „verteidigung des kugelblitzes“ im damaligen Dacia Verlag Klausenburg, S. 47), 1975 erschienen in der Redaktion von Franz Hodjak und versehen mit einem Vorwort von Gerhardt Csejka. Fraglich ist damit in Zusammenhang auch die angebliche Zensor-Rolle von Bert Millitz aus Bukarest. In diesem Kontext ist die breite Auseinandersetzung mit dem „strammen Antifaschisten“ und KP-Funktionär Nikolaus Berwanger zu erwähnen, dem Carl Gibson eine Rolle zueignet, die dieser nie hatte: eine „tragende Säule des Systems“ gewesen zu sein. Sein Urteil wird inzwischen widerlegt von der umfassenden Securitate-Akte wie auch von den jüngsten Einschätzungen rumänischer Wissenschaftler. Die ausführliche Darlegung eines Jahrhunderts rumäniendeutscher Geschichte (mit „intuitiver Nähe zu den Siebenbürger“, S. 281) im weitesten Sinne des Wortes ist verwoben mit der eigenen, der Familien- und Dorfgeschichte. Den zahlreichen treffenden Zeitbildern zu Ereignissen und Erinnerungen an solche sind immer wieder eigene Überlegungen beigefügt, und dazu werden viele berechtigte Fragen gestellt, auf die Antworten noch ausstehen. In dem breiten Kontext mit vielen Hinweisen auf sein vorausgegangenes Buch „Symphonie der Freiheit“ unterlaufen dem Historiker Gibson peinliche Fehler, so wenn er über ein „k.u.k. Reich der Kaiserin Maria Theresia“ schreibt (S. 30) oder die nachhaltige Deportation in die Sowjetunion im Januar 1945 auf das Jahr 1946 verlegt.

Die interessante Sicht des „Andersdenkenden“ (Selbstbezeichnung des Autors) bringt in die Erinnerungsliteratur zu dem Thema viele neue Aspekte ein und gut dargelegte Erkenntnisse („Die Fremde begann vor der Haustür“ oder für einen bestimmten Moment die Feststellung „Nicht wir waren dort zu Hause, die anderen waren es“ plötzlich). Als junger Mensch zu keinen Kompromissen bereit, ist es nun für einen selbstbewussten Autor erstaunlich, dass er hier im Buch freiwillig die neue „politisch korrekte“ Beamten- und Politikerterminologie voll aufgenommen hat, nicht nur Temeschburg, sondern auch das „Deutschstämmige“. Andererseits verwendet er weiter das für die jüngere Generation missverständliche „kolonisiert“ in Verbindung mit Siebenbürgen. Ein längeres Nachwort zu Konzeption und Genese des Buches beschließt das Werk und lässt auch hier viele Fragen offen.

Luzian Geier



Carl Gibson, „Allein in der Revolte. Eine Jugend im Banat“, J. H. Röll Verlag, Dettelbach, 409 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-89754-430-7, zu beziehen beim Verlag oder über Amazon.

Schlagwörter: Buchpräsentation, Gibson

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