1. November 2013

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„Schallarchiv“ wissenschaftlich aufbereitet/Arbeitstagung zum Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD)

Die siebenbürgisch-sächsischen Mundartaufnahmen, die seit 2007 in unregelmäßigen Abständen auf www.siebenbuerger.de veröffentlicht werden, sind den meisten Nutzern der verbandseigenen Homepage und auch den Besitzern der Märchen-CD „Et wor emol ...“, die 2008 vom Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland herausgegeben wurde, bekannt. In den 1990er Jahren wurden die damals ca. 30 Jahre alten Tonbandaufnahmen im Auftrag des Gundelsheimer Siebenbürgen-Instituts vom Institut für Deutsche Sprache Mannheim auf Audio-CDs überspielt. Von diesen Audiodateien erfuhr im Jahr 2004 Robert Sonnleitner, einer der vier Webmaster von Siebenbuerger.de, durch Zufall im Diskussionsforum der Verbandshomepage, besorgte sie sich aus Gundelsheim, wandelte sie in mp3-Dateien um und stellte sie mit Hilfe seines Webmasterkollegen Gunther Krauss, der eine Datenbank dafür programmierte, ab Ende 2007 online. Ihr Ziel: Bewahrung der soziolinguistisch und ethnographisch wertvollen Aufnahmen und – vor allem – Anstoß eines wissenschaftlichen Projekts. Über das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) und seinen damaligen Direktor Stefan Sienerth wurde das Projekt realisiert. Dank Förderungen durch das IKGS und den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) konnte im März 2009 die Internetplattform www.asd.gwi.uni-muenchen.de eingerichtet werden – der Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD) war geboren. Was daraus geworden ist, klärte die Arbeitstagung am 7. und 8. Oktober in München.
Zur Tagung hatte sich im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) ein kleiner Kreis an Sprach- und Literaturwissenschaftlern sowie Historikern zusammengefunden, um die neuesten Entwicklungen des wissenschaftlichen Projekts ASD zu besprechen, Hintergründe zu erfahren und sich auszutauschen. Grete Klaster-Ungureanu (München) ging in ihrem einführenden Vortrag auf die Entstehung des ASD-Korpus ein. Die Mundartaufnahmen entstanden ca. zwischen 1960 und 1975 sowohl für das Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch als auch zu phonologischen, syntaktischen und soziolinguistischen Forschungszwecken; beteiligt waren die Universitäten Bukarest, Hermannstadt und Klausenburg. Unter der anfänglichen Auflage, jeweils sechs Personen unterschiedlichen Alters und Berufs ca. zehn Minuten lang aufzunehmen, zogen die Forscher (unter ihnen Heinrich Mantsch und Ruth Kisch, später war u. a. auch Hanni Markel beteiligt, die heute mit Bernddieter Schobel die Rubrik Sachsesch Wält in dieser Zeitung betreut) durch nahezu alle siebenbürgischen Orte und fragten die Sprecher nach Kochrezepten, Bräuchen und Feiern, Arbeitsabläufen, Sagen etc. Kinder ließ man bekannte Märchen nicht nur in Mundart, sondern auch auf Deutsch erzählen, um das ortstypische Schuldeutsch untersuchen zu können. 1975 wurde das groß angelegte Projekt wegen Geld- und Interessemangel eingestellt, die Tonbänder wurden (nicht immer fachgerecht) eingelagert und vergessen. Tagungsteilnehmer Dr. Konrad Gündisch, seit 1. Oktober kommissarischer Direktor des IKGS, berichtete, einige Bänder, von denen er einen Teil selbst unter widrigen Umständen nach Deutschland gebracht hatte, hätten neben einem glühend heißen Kachelofen gelegen.

Die informatische Seite des ASD beleuchteten Emma Mages und Stephan Lücke von der IT-Gruppe Geisteswissenschaften der LMU München. 361 Stunden Aufnahmen in 2212 Dateien aus 199 Ortschaften mussten für die Datenbank aufbereitet werden. Mages und Lücke zeigten auf, welche Möglichkeiten der Datenanalyse sich bieten, und verwiesen unter anderem auf die Verknüpfung mit der Ortschaftenseite von Siebenbuerger.de, die Informationen zu Land und Leuten bietet. Der komplette Vortrag ist auf der ASD-Homepage unter dem Stichwort „Dokumente“ einzusehen.

Heide Ewerth (Augsburg) stellte die Wenkersätze vor, eine Methode zur Dialekterforschung, die auf den deutschen Linguisten Georg Wenker (1852-1911) zurückgeht. Wenker begründete den „Sprachatlas des Deutschen Reiches“, auch als „Wenkeratlas“ bezeichnet, und entwickelte bis 1880 die insgesamt 40 nach ihm benannten Sätze, die bis heute genutzt werden, um Dialekterhebungen durchzuführen. Auch die siebenbürgischen Sprecher der dem ASD zu Grunde liegenden Aufnahmen wurden gebeten, die Wenkersätze zu sprechen; sie sind ein heute zwar ambivalent bewertetes, aber dennoch wichtiges Instrument der Dialektologie, das über den ASD zur Erforschung der siebenbürgischen Mundart genutzt werden kann.

Horst Schuller (Heidelberg), Johannes Sift (Erlangen/Augsburg) und Thomas Krefeld (München) belegten mit ihren Vorträgen, welche Forschungsfelder man durch den ASD erschließen kann. Schuller referierte über „Formelhaftes Sprechen im siebenbürgischen Hochzeitszeremoniell“, Sift über sein Dissertationsthema „Untersuchungen zur Morphosyntax des Siebenbürgisch-Sächsischen“ und Krefeld über „Rumänisc­he Elemente im Material des ASD“. Ethnographie, Dialektsyntax und fremdsprachige Einflüsse (neben Rumänisch ist auch Ungarisch im ASD vertreten) stehen beispielhaft für viele Themen, über die anhand der Datenbank geforscht werden kann. Die Vorträge machten ebenso deren zahlreiche technische Möglichkeiten deutlich.

Hermann Scheuringer (Regensburg) und Lucian Ţurcaş (Jassy) machten die Tagungsteilnehmer mit zwei weiteren deutschen Dialekten aus dem ehemaligen Habsburgerreich vertraut. Der Dialektologe Scheuringer sprach über das Thema „Deutsch-deutscher Sprachkontakt in Oberwischau und das südosteuropäische Ausgleichsdeutsch“, der Doktorand Ţurcaş über „Deutsch-­ sprachige Überreste in der Südbukowina“. In Oberwischau begann die Ansiedlung von Deutschen um 1775 mit deutschsprachigen Siedlern aus Mokra und Zipsern aus dem damals ober­ungarischen Raum; auf Grundlage der gemeinsamen katholischen Religion entwickelte sich auch ein gemeinsamer Dialekt. Als Bezeichnung für diese deutsche Bevölkerungsgruppe setzte sich der Name Zipser Sachsen durch. In der Südbukowina, die von 1774 bis 1918 mit Deutsch als Amtssprache unter österreichischer Herrschaft stand, trafen sogar drei verschiedene Gruppen aufeinander, wie Ţurcaş ausführte: Schwaben, Zipser und Deutschböhmen bildeten hier ein deutschsprachiges Konglomerat. Nur noch wenige Überreste sind heute zu finden, wie er bei eigenen dialektalen Erhebungen 2012 und 2013 feststellen konnte.

Stefan Sienerth (München) stellte Leben und Werk von Fritz Holzträger vor. Der 1888 in Bis­tritz geborene Lexikograph arbeitete von 1934 bis 1959 hauptamtlich am Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch und bewahrte in der Kriegs- und Nachkriegszeit das Wörterbucharchiv vor Zerstörung. Sein Nachlass liegt seit 2003 im IKGS; weiteres Material befindet sich in Gundelsheim, u.a. das von ihm erstellte Manuskript zum Buchstaben G, das nie veröffentlicht wurde, weil Holzträger eine Umstellung der Ordnung in Wortsippen realisiert hatte, die nicht zu den vorangegangenen Bänden passte.

Die Tagung in München bot reichlich Diskussionsstoff, die Zeit zum Austausch wurde intensiv genutzt. Anfang 2014 soll die Arbeit an der ASD-Datenbank beendet sein, berichtete Thomas Krefeld, neben Stephan Lücke und Stefan Sienerth Leiter des Projekts. Eine besondere Mitteilung hatte Konrad Gündisch zu machen. In der Sitzung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats am 27. September 2013, in der er zu dessen neuem Vorsitzenden gewählt wurde (SbZ Online vom 13. Oktober 2013), beschlossen die Anwesenden (darunter der Bundesvorsitzende Dr. Bernd Fabritius), die Aufnahme der siebenbürgisch-sächsischen Mundart ins Weltkulturerbe der UNESCO in Angriff zu nehmen. Ein ehrgeiziges Vorhaben, zu dem das Projekt Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte (ASD) seinen Beitrag leisten wird.

Doris Roth

Schlagwörter: Mundart, Internet, Linguistik, Tagung, München

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