6. November 2013

"Siebenbürgen in Konflikten, Krisen und Kriegen"

Dreißig Jungakademiker nahmen an der 28. Internationalen Siebenbürgischen Akademiewoche vom 25. August bis 1. September in Michelsberg teil. Das Thema der von Studium Transylvanicum und dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München organisierten Veranstaltung lautete „Umstrittener Karpatenbogen: Siebenbürgen in Konflikten, Krisen und Kriegen“. Den Teilnehmern aus Rumänien, Ungarn, Frankreich, Luxemburg, Schweden, Deutschland und Öster­reich wurde ein sehr abwechslungsreiches Programm geboten mit 17 Vorträgen, vielen Ausflügen in Siebenbürgen und der Möglichkeit, mit verschiedenen Ortsgrößen zusammenzutreffen. Das Spektrum der Vorträge umfasste historische, kunsthistorische, archäologische, literaturwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche und religionswissenschaftliche Annäherungen an das Jahresthema.
Der Präsident der Universität Erfurt, Prof. Dr. Kai Brodersen, eröffnete die Akademiewoche mit einer „Einführung in die antike Geschichte Siebenbürgens“ und sich daran anschließender Quellenarbeit, in deren Rahmen die verschiedenen Motive für die Ansiedlung zahlreicher Bevölkerungsgruppen und das sich wandelnde Interesse Roms am Karpatenbogen herausgear-­ bei­tet wurden. Fabian Germerodt, Karoline Koch und Anja Zimmermann aus Erfurt überzeugten mit ihrem Vortrag über die Trajanssäule und der Analyse weiterer historiographischer Zeugnisse, indem sie Darstellungsarten einer schwer greifbaren Epoche sehr anschaulich für die und gemeinsam mit den Teilnehmern analysierten.

Die Vortragenden aus dem Bereich der Alten Geschichte bereicherten die Akademiewoche in besonderer Weise, indem sie die Ursprünge der Region verdeutlichten und somit die Basis für die nachfolgenden Vorträge legten. Während Andor Nagy (Eger) die Krisensituationen menschlichen Lebens anhand von siebenbürgisch-sächsischen Nachrufen analysierte, beschäftigte sich Andra Drăghiciu (Budapest) mit Konflikten der siebenbürgisch-sächsischen Jugend mit der kommunistischen Geheimpolizei. Der am Brukenthal-Lyzeum in Hermannstadt unterrichtende Ale-­ xander Frohn stellte anhand einer Analyse deutscher Zeitungen die Einseitigkeit der Berichterstattung bezüglich des Rumänienbildes in Deutschland heraus. Einen Einblick in den Facettenreichtum von siebenbürgischer Ethnizität auf Mikroebene und die damit verbundenen Konflikte gab Enikő Dácz (Budapest), indem sie ungarische, rumänische und siebenbürgisch-sächsische Zeitungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts analysierte. Von einer übergeordneten Ebene betrachtete Anne Delouis (Orléans) das Thema „Konflikte“, indem sie sich der Grenzziehung im Banat und in Siebenbürgen auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 widmete, während Philippe Blasen (Iaşi) die Relevanz der ostgalizischen Gegend Pokutien (heute Ukraine) für Rumänien näher beleuchtete. Silvia Petzoldts (Erfurt) literaturwissenschaftliche Analyse nahm sich des Themas „Konflikt und Gewalt im Spiegel der Literatur“ anhand des Lebensberichtes von Alaine Polcz‘ „Frau an der Front“ an.

Konfessionelle Konflikte, namentlich die Auseinandersetzungen zwischen ungarischen und sächsischen Lutheranern im Burzenland, beleuchtete Emese Veres (Budapest). Timo Hagen (Florenz) stellte am Beispiel der neologen aschkenasischen Synagoge in Kronstadt, die 1900/1901 erbaut wurde, das Konfliktpotential zwischen Minderheiten dar. Gegen Ende der Tagung erarbeitete Rӑzvan Roşu (Sathmar) eine multiperspektivische Herangehensweise zum Thema „Die Motzen-Siedler aus Neue Marne und die Adelsfamilie Dégenfeld“. Alois Kommer (Neumarkt/Mieresch) sowie Petra Rezac (München) gingen auf die Bedeutung der Kirche beziehungsweise der Religion für die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft ein. Im abschließenden Vortrag von Florian Kührer-Wielach (München) wurde die Geschichte Siebenbürgens aus einer konfliktgeschichtlichen Perspektive zusammengefasst. Nicht zuletzt war es auch eine besondere Ehre, dass sich zu dem Kreis der Akademiewoche zeitweise Dorothea Koch-Möckel, Prof. Dr. Andreas Möckel und Prof. Dr. Paul Philippi gesellten, um an den Vorträgen und den sich daran anschließenden Diskussionen aktiv teilhaben zu können. Nicht zuletzt bot sich den Teilnehmern dabei auch die Möglichkeit, ein persönliches Gespräch mit ihnen zu führen.
Die Teilnehmer der 28. Akademiewoche vor dem ...
Die Teilnehmer der 28. Akademiewoche vor dem „Zerbrochenen Turm“ während einer Exkursion zum Roten-Turm-Pass im Alttal. Foto: Thomas Şindilariu
Die Vortragsreihe wurde abgerundet durch die Erkundungen in Sarmizegetusa, dem ehemaligen militärischen Hauptstützpunkt der Römer in der Provinz Dakien, sowie die Besichtigung der Kirche von Densuş, die aus den Steinen des römischen Stützpunktes erbaut wurde. Durch diese Sehenswürdigkeiten sowie die Fundamente eines Amphitheaters und eines Tempels bei Mintia führte Prof. Dr. Kai Brodersen die Gruppe mit viel Engagement und Detailgenauigkeit: So wurden sowohl auf dem Terrain von Sarmizegetusa als auch in der Kirche von Densuş verschiedene Inschriften gemeinsam gelesen und ausführlich erläutert. Durch die Kirchenburg von Heltau führte Stadtpfarrer László Zoran Kézdi, während die Führungen in der Burg von Michelsberg sowie auf dem Roten-Turm-Pass auch in diesem Jahr Robin Gullbrandsson (Floby) übernahm.

Einen weiteren Glanzpunkt der Woche stellte der Besuch bei Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner und seinem Bruder Kurtfelix Schlattner in Rothberg dar: Unter der Leitung von Michaela Nowotnick aus Berlin, die gegenwärtig ihre Dissertation zum literarischen Werk Schlattners verfasst, wurde durch einen Nachmittag voller Reflexionen über Vergangenheit, Schuld und nicht zuletzt Vergebung geführt. Dabei wurde anhand der Lesung Schlattners und im Gespräch mit dessen Bruder spürbar, wie kommunistische Regime auf die unter ihnen lebenden Individuen einwirken und zu welchen inneren Konflikten und Drucksituationen sie die Individuen führen. Ebenso wurde spürbar, dass diese Zwangslagen bis heute im gesellschaftlichen Diskurs Rumäniens nachwirken.

Eine andere Art und Weise, sich mit Konflikten in Siebenbürgen zu beschäftigen, war die Stadtführung durch Hermannstadt, die unter der Leitung von Joachim Wittstock stattfand. Nach einer Einführung vor dem Teutsch-Haus, die aus jedem Jahrhundert einen „besonderen“ Konflikt der Stadtgeschichte herausgriff, machte sich die Gruppe wacker bei strömendem Regen auf den Weg, um Erinnerungsstätten der Revolution von 1989 zu erkunden.

Was bleibt nun nach einer so „konfliktreichen“ Woche, die für die Teilnehmer so viel Anlass zu Diskussionen und damit verbundene Denkanstöße bereithielt? – Zum einen sind es wohl Bekanntschaften, die geschlossen wurden, persönliche Gespräche und Gemeinsamkeiten, die entdeckt werden konnten und die sicherlich in naher Zukunft auch noch vertieft werden. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe mit Teilnehmern aus vielen europäischen Ländern – in diesem Jahr kamen sie aus Rumänien, Ungarn, Frankreich, Luxemburg, Schweden, Deutschland und Österreich – spiegelt in gewisser Weise auch die Heterogenität wider, mit der die Region Siebenbürgen immer verbunden war und noch bis zum heutigen Tag verbunden ist. Es war nicht zuletzt auch das Sprachengemisch, das hier aufeinanderprallte, das die Begegnung in Michelsberg zu etwas sehr Besonderem machte. Zum anderen wurde bei dieser Begegnung auch deutlich, wie sehr das gemeinsame Interesse an einem Thema und einer Region zusammenschweißen und Neues entstehen lassen kann. Es gibt immer noch junge Menschen, für die diese Region von Bedeutung ist, die sie besuchen und erkunden, die sie in sich tragen. Für einige Teilnehmer wird diese Begegnung auch eine Reise zu sich selbst gewesen sein. In diesen Zusammenhang fügt sich ein Ausspruch, den die Gruppe bei ihrem Besuch von Eginald Schlattner mit auf den Weg bekam, nur zu gut ein: „Wenn man sich seiner Vergangenheit nicht stellt, stellt sie eines Tages den Menschen.“ Sich der Vergangenheit stellen, sie, wenn auch nur für einen Moment, in der Gemeinschaft aufleben zu lassen und der Geschichte damit ein Schnippchen zu schlagen, das ist auf dieser Internationalen Siebenbürgischen Akademiewoche mehr als gelungen.

Aurelia Brecht

Schlagwörter: Studium Transylvanicum, Akademiewoche, Michelsberg

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