28. Dezember 2014

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Neuer Sammelband über deutsch-rumänische Übersetzungen

Im Italienischen gibt es den wortspielerischen Spruch: „traduttore-tradittore“ und so wird diesem ehrbaren und bis heute immer noch in Deutschland ungeschützten Beruf des Übersetzers der Verrat am Original vorgeworfen. Dieser sei gleich dreifach, so Ștefan Augustin Doinaș, zitiert von Nora Căpăţănă, ein Verrat am einzigartigen Klang, einer am literarischen Ausdruck, d.h. entweder an der Sinnwiedergabe oder aber an der ästhetischen Qualität des Originals und ein letzter bezüglich des Verhältnisses des Originaltextes zum Geist seiner Zeit. Doch andersherum gefragt, wo wäre die Literatur heute ohne Übersetzungen? Und zwar fast alle Literaturen?
Beispiele geglückter Übersetzungen, Überlegungen zur Theorie des Übersetzens oder Lebenswege berühmter oder aber vergessener Übersetzer versammelt nun der Band: „Schriftsteller versus Übersetzer. Begegnungen im deutsch-rumänischen Kulturfeld“, herausgegeben von Maria Sass, Doris Sava und Stefan Sienerth. Der nicht ganz billige gebundene Band ist im Peter Lang Verlag erschienen. Er ist ein Ergebnis, so das Vorwort der Herausgeber, der langjährigen Zusammenarbeit des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Germanistiklehrstuhl der Hermannstädter Universität „Lucian Blaga“.

Das Buch umfasst drei Teile, nach theoretischen Überlegungen Beispiele von Übersetzern als Vermittler von Literatur und Kunst und schließlich eine Vorstellung der Multiplikatoren der rumänischen Literatur im deutschsprachigen Raum.

In den theoretischen Überlegungen zur Übersetzung erachtet Jürgen Lehmann die Interpretation als einen unentbehrlichen Bestandteil der Übersetzung und betont, dass es niemals eine vollständige Übereinstimmung zwischen Übersetzung und Original geben kann. Die Übersetzung pendele stets zwischen dem Fremdartigen und der Angleichung. Paul Celan zum Beispiel habe seinen Übersetzungen den gleichen Rang wie seinen Dichtungen zugesprochen. Polemisch bezieht sich hingegen Lăcrămioara Popa auf die Unübersetzbarkeit der Poesie, sie zitiert Oskar Pastior, dass Übersetzen das falsche Wort sei, für eine Sache, die es gar nicht gebe. Sie kommt aber mit Elsbeth Wolffheim zu dem Schluss, dass, auch wenn es die absolute Übersetzung nicht gebe, es trotzdem „Entsprechungen“ gebe. Die Gedichte – Original und Übersetzung – könnten, so Werner Ross zitiert von Popa, wie Geschwister aussehen. Ernst Wichner thematisiert in seinem Beitrag gar die Vorstellung von einer transnationalen jüdischen Literatur zwischen 1880 und 1940, die in den verschiedenen osteuropäischen Sprachen (rumänisch, polnisch, ungarisch) oder auch auf deutsch geschrieben worden sei, sich auf Max Blecher, Alexandru Vona, Franz Kafka oder Bruno Schulz beziehend.

Im zweiten Teil führt Horst Schuller weitläufige Porträts von deutschen Übersetzern rumänischer Volksdichtung auf im Hinblick auf die Erstellung eines Lexikons. Und auch im Weiteren wird an Übersetzerpersönlichkeiten erinnert. Stefan Sienerth referiert über die Lebensgeschichte der fast vergessenen Übersetzerin Hermine Pilder-Klein, Maria Sass beschäftigt sich mit den Übersetzungen von Ştefan Octavian Iosif. Analysiert werden nicht nur die Übersetzungen von George Topîrceanu, Lucian Blaga oder die Kurzprosa von Ștefan M. Găbrian, sondern auch die Sitzungsprotokolle des Hermannstädter Magistrats.

Sehr ausführlich befasst sich Peter Motzan mit der rumänischen Gegenwartsliteratur in dem „langlebigsten Literaturperiodikum einer deutschen Minderheit“, der Zeitschrift Neue Literatur, die zunächst als das Banater Schrifttum in Temeswar gegründet wurde. Im dritten Teil werden Joachim Wittstock und seine Übersetzerin Nora Iuga, Franz Hodjak mit seinen vielfältigen Übersetzungen, Radu Vancu und schließlich Filip Florian vorgestellt. Ausklang ist dessen Text Toate bufniţele in der Übersetzung von Georg Aescht (Alle Eulen).

Und so ist in diesem Sammelband von der Theorie ausgehend auch die mannigfaltige Praxis der rumänisch-deutschen Übersetzung zu finden. Nach älteren Beispielen reicht sie bis in ganz aktuelle Übersetzungsvorhaben hinein, die stets interessante Begegnungen zwischen zwei Persönlichkeiten darstellen – eigentlich doch viel eher Brüder als Verräter.

Edith Ottschofski


Maria Sass, Doris Sava, Stefan Sienerth: Schriftsteller versus Übersetzer. Begegnungen im deutsch-rumänischen Kulturfeld, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Masin, 2013, 256 Seiten, 54,95 Euro, ISBN 978-3-631-64231-3
Schriftsteller versus Übersetz
Schriftsteller versus Übersetzer: Begegnungen im deutsch-rumänischen Kulturfeld

Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften
Gebundene Ausgabe
EUR 56,95
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Schlagwörter: Buch, rumänische Literatur, Übersetzungen

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