13. Mai 2016

Aufschlussreicher Studienband über Mechanismen der Securitate bei ihren repressiven Aktivitäten in Siebenbürgen

Ein wichtiges Buch, das bereits 2014 erschien, ist in dieser Zeitung noch nicht vorgestellt worden. Es handelt sich um den von Joachim von Puttkamer, Stefan Sienerth und Ulrich A. Wien bei Böhlau herausgegebenen Studienband „Die Securitate in Siebenbürgen“. Er enthält in schriftlich ausgearbeiteter Form Vorträge, die im September 2010 in Jena während der Jahrestagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) gehalten wurden. Die international besetzte Tagung mit Referaten über Methoden und Mechanismen der ehemaligen rumänischen Geheimpolizei „Securitate“ bei ihren repressiven Aktivitäten in Siebenbürgen war in Zusammenarbeit mit dem Münchner Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) und der Jenenser Friedrich-Schiller-Universität veranstaltet worden.
Anders als im Band „Vexierspiegel Securitate“, der in dieser Zeitung bereits rezensiert wurde (Siebenbürgische Zeitung Online vom 12. März 2016) und in seinem Hauptteil subjektiv eingefärbte Erfahrungsberichte zumeist aus Opferperspektive, stellenweise transponiert ins kreativ Erzählerische, versammelt, sind die hier dokumentierten Wortmeldungen, mit Ausnahme einer einzigen, eher bemüht um sachliche Distanziertheit. Ihnen liegen, mit einer Unzahl von Fußnoten dokumentiert, umfangreiche Quellen- und Literaturrecherchen zugrunde, die den wissenschaftlichen Diskurs anreichern.

Grenzen und Schwierigkeiten der Recherche

Allerdings stießen und stoßen solche Recherchen in Bukarest an Grenzen. Das dort vom „Consiliul Naţional pentru Studierea Archivelor Securităţii“ (CNSAS) verwaltete und der Forschung zugängliche Aktenmaterial ist lückenhaft, wie Martin Jung, zur Zeit der Tagung Doktorand an der Jenenser Universität, ausführt. Das liegt an der Geschichte der Archivalien. In den Wochen und Monaten nach dem Sturz Ceauşescus und der Auflösung seines Geheimdienstes (30. Dezember 1989) war die Lage der Securitate-Archive „in vielfacher Hinsicht extrem verworren und undurchsichtig“ (S. 101). Sie wurden zunächst vom „Serviciul Român de Informaţii“ (SRI), der Folgeorganisation des Geheimdienstes, übernommen, dem zunächst in der Mehrzahl ehemalige Mitarbeiter der „Securitate“ angehörten. Teile der Akten wurden erwiesenermaßen vernichtet und nur einige wenige der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nach mehrjährigen Diskussionen und kontroversen Parlamentsdebatten wurde im Dezember 1999 das später zusätzlich novellierte Gesetz zur Gründung des CNSAS nach dem Vorbild der bundesdeutschen Gauck-Behörde verabschiedet, in das jedoch, anders als hierzulande, der ungehinderten Offenlegung ab ovo ein Hindernis eingebaut wurde. Danach bleiben Akten, die „die nationale Sicherheit“ tangieren, bei dem SRI unter Verschluss. Über die Anwendung dieser schwammigen, weil nicht klar definierten Bestimmung haben SRI und CNSAS gemeinsam zu entscheiden, bei Uneinigkeit entscheidet als eine Art Schiedsrichter der „Hohe Verteidigungsrat des Landes“, dem neben dem Staatspräsidenten und den wichtigsten Regierungsmitgliedern auch die Chefs der beiden Geheimdienste, des Inneren (SRI) und des Äußeren (SIE), angehören. So kommt es, dass Opfer und auch Wissenschaftler nach Recherchen im CNSAS-Archiv nicht selten die Unauffindbarkeit einzelner Akten oder ganzer Bestände anzumelden haben.
Spielte laut Studienband „Die Securitate in ...
Spielte laut Studienband „Die Securitate in Siebenbürgen“ eine unheilvolle Rolle als IM-Mitarbeiter (Deckname „Gunther“, auch „Florescu“) im deutschen Umfeld Siebenbürgens: Dr. Carl Göllner (Mitte), hier auf einer Tagung der Südosteuropagesellschaft 1966 in Salzburg. Links der deutsche Pressekorrespondent in Bukarest Georg Mergl, rechts der ehemalige Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung Hans Hartl. Foto: Bildarchiv Konrad Klein
Eine weitere Schwierigkeit stellt sich allgemein bei der Auswertung von Geheimdienstakten ein, die in den Archiven der einstigen „sozialistischen Bruderländer“ gehortet wurden. Über ihre Beobachtungen diesbezüglich beim Umgang mit Stasi-Akten referiert Katharina Lenski, ehemalige Leiterin des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte in Jena, und merkt richtig an: In den Akten werde ein Denken verschriftet, „das sich einer ideologisch gepanzerten Sprache bediente“ (S. 119), in der „Wahrheit nicht zu finden“ (S. 120) sei. Opferbezogen ginge es darin nicht um Menschen, sondern um „Objekte“, um „Feind-Objekte“ (S.125), was die Realität weitestgehend entstelle.

Feindbilder

Dass diese „gepanzerte Sprache“ grenzüberschreitend die gleiche war, belegen die Untersuchungen zur Zusammenarbeit von Stasi und ­Securitate, die Georg Herbstritt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gauck-Behörde, angestellt hat. In einem Aufsatz, den der Berliner Wissenschaftler bereits 2009 in der Münchner Zeitschrift „Spiegelungen“ des IKGS veröffentlicht hatte, zitierte er aus einem Papier der Stasi über angeblich staatsfeindliche Aktivitäten einer Gruppe von Klausenburger Germanisten. Die inkrimatorischen Schuldzuweisungen im Dokument finden sich nahezu wortgleich in Spitzelberichten, die im Archiv der Securitate abgelegt wurden, und das, obwohl im Jahre 1972, als sie entstanden, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Diensten praktisch eingestellt worden war, da Rumänien aus der „ehernen Einheit der Bruderländer“ in den späten 1960er Jahre ausgeschert war. Vorher freilich war die Zusammenarbeit recht eng gewesen und reichte, wie Herbstritt nachweist, vom Informationsaustausch betreffend etwa den Kronstädter Schriftstellerprozess bis hin zu einem gemeinsam geplanten und durchgeführten Menschenraub mit Hilfe der Stasi-Informantin Helene Michel aus Petersdorf bei Mühlbach. Grundlage dafür waren die gleichen ideologisch eingefärbten Feindbilder, die sich die Dienste schufen, nicht zuletzt um ihre Existenz als „Schild und Schwert der Partei“ zu rechtfertigen.

Zu diesen Feindbildern gehörte vorrangig der „Klassenfeind“, der, im Inneren oder im Ausland angesiedelt, „Widerstand“ leiste gegen den „Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ und den es „auszuschalten“ galt. Allerdings hat es, wie der Bukarester Politikwissenschaftler Dragoș Petrescu, Direktor des CNSAS, ausführt, einen solchen Widerstand in Rumänien gar nicht gegeben, außer in den Endvierziger und 1950er Jahren, als bewaffnete Kämpfer, die so genannten „Partisanen“, in den Bergen „radikale Dissidenz“ (S. 12) betrieben, bis ihr Widerstand Anfang der 1960er Jahre endgültig gebrochen wurde. Was heute in Rumänien für die Jahrzehnte nachher gerne als „Widerstand durch Kultur“ ins Feld geführt wird, sei, so der Politologe, im eigentlichen Sinne keiner gewesen, da ihm Strukturen und Artikulationsmittel, anders als etwa in der ehemaligen CSSR, in Polen oder Ungarn, fehlten, viele seiner Vertreter sich zwar ihre „Berufsehre“ zu bewahren verstanden, sich aber auch gleichzeitig mit dem Regime ganz gut zu arrangieren wussten und sogar dessen Preisträger wurden.

Glaubensgemeinschaften im Fokus

Ähnlich stellt sich die Lage der rumänischen Orthodoxie dar, worüber der Schweizer Ostkirchenhistoriker Gerd Stricker referiert. Obwohl Religion als systemfeindlich galt und die Orthodoxie in den ersten Jahrzehnten nach 1948 Repressalien ausgesetzt war (Neuorganisation der Bistümer, Zwangsvereinigung der griechisch-katholischen mit der orthodoxen Kirche, Schließung der meisten Klöster), hat sie, die einen traditionellen Patriotismus pflegte, sich leichter getan gerade mit dem späteren Nationalkommunismus Ceauşescus. Die Zahl der IM in den Reihen der Priesterschaft war verhältnismäßig groß, die Huldigungsadressen an den „genialen Denker und außergewöhnlichen Staatsmann“ (S. 57 f) zahlreich. Auch heute noch betreibt diese Kirche, so Stricker, die Aufdeckung ihrer recht umfänglichen Kollaboration mit der Securitate nur zögerlich.

Für diese war die „Unterdrückung religiöser Bekenntnisse“ (S. 253) überhaupt ein besonderes Anliegen, wie Corneliu Pintilescu, Dozent an der Hermannstädter Universität, in seinem Aufsatz feststellt. Anhand von drei Beispielen aus dem Aktenfundus des Klausenburger Militärgerichts, und zwar der Verfahren gegen den griechisch-katholischen Priester Gheorghe Neamţu (1948), gegen einen Angehörigen der „Zeugen Jehovas“ (1955) und den Kronstädter evangelischen Stadtpfarrer Konrad Möckel im Schwarze-Kirche-Prozess (1958), legt der Historiker dar, wie Sicherheitsdienst, Staatsanwaltschaft und Militärgericht die Realität manipulierten. Da die Landesverfassung die Gewissensfreiheit garantierte, wurden kirchliche Aktivitäten und Glaubensäußerungen in staatsfeindliche Delikte wie „Volksverhetzung“, „konterrevolutionäre Tätigkeit“, „Landesverrat“ oder „Spionage“ umgeprägt, d.h. „in einem juristisch abgesicherten Diskurs gesetzlich sanktioniert“ (S. 253), indem „ideologische Fertigteile aus dem bürokratischen Sprachgebrauch der Securitate“ (S. 268) Verwendung fanden.

Minderheiten als potenzielle Staatsfeinde

Äußerst aktiv war der Geheimdienst mit einem ganzen Netz von Informanten am ungarischen Protestantisch-Theologischen Institut in Klausenburg, wie Dezsö Buzogány, Kirchengeschichtler an dieser Lehranstalt, berichtet. Hier hatte es die Securitate vor allem auf die holländischen Gaststudenten und auf Besucher aus dem Ausland abgesehen, die ab 1970, nachdem sich das Land in Richtung Westen etwas geöffnet hatte, mehrfach am Institut hospitierten. Der Hauptverdacht: Nationalismus und Irredentismus.

Natürlich stand die ungarische Minderheit, mit annähernd 1,5 Millionen die größte in Rumänien, besonders im Fokus des Staatssicherheitsdienstes, obwohl zunächst sehr viele ihrer Vertreter nach 1948 mit dem neuen kommunistischen Regime zusammenarbeiteten. So stellt Stefano Bottoni, Juniorprofessor an der Universität Bologna, in seinem Referat fest, dass bis in die späten 1960er Jahre zahlreiche ungarische Minderheitler im repressiven Apparat des Staates aktiv waren. In der so genannten „Ungarischen Autonomen Region“ beispielsweise stellten 1956 die Beamten ungarischer Herkunft 71 Prozent des operativen Securitatepersonals und 62 Prozent in der Milizbeamten dar (siehe S. 197). Erst als nach 1965 die Rumänische Kommunistische Partei ihren Schwenk vom Internationalismus zum Nationalismus vollzog, wurde die ungarische Minderheit umfänglich zum Objekt der Beobachtung und Verfolgung durch die Securitate.

Anders die deutsche Minderheit, die gleich nach dem Umsturz vom 23. August 1944 als Ganzes ins Feind-Schema gezwängt wurde, so der Zeithistoriker Virgiliu Ţărău, Professor an der Klausenburger Universität. Das war zunächst Ausfluss internationaler politischer und rechtlicher Vereinbarungen und Normativakte. Ab 1948 wurde die Gesetzgebung dann Schritt für Schritt ideologisch angepasst und blieb es, vervielfältigt bezogen auf alle Lebensbereiche, bis 1989. So kommt es, dass trotz wechselnder politischer Wetterlage „die Einschätzung der deutschen Minderheit durch die Securitate als einer potenziell nationalistischen Gruppierung“ (S. 182) ein Kontinuum in der „politischen Religion“ (S. 173) der Securitate darstellt.

Noch in den 1970er Jahren, ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende, beackert der Sicherheitsdienst das Problemfeld „Deutsche Nationalisten“ zum Zweck der „Vorbeugung nationalistisch-faschistischer und irredentistischer Aktionen von Seiten gewisser Elemente aus den Reihen der Bevölkerung deutscher Nationalität“ (S. 137), worauf Silviu B. Moldovan, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des CNSAS, hinweist. In dem Problemfeld befasst sich die Securitate auch mit dem massenhaft auftretenden Wunsch der Rumäniendeutschen zur Auswanderung und führt diesen ausschließlich auf „eine intensive Tätigkeit der Anstachelung und Beeinflussung“ durch „reaktionäre Kreise im Ausland“, vornehmlich durch die „Organisationen der deutschen Emigration“ (S. 140) zurück, indem sie die wahren Gründe der Ausreisewelle verschweigt.

Bei der Observierung und Verfolgung innerhalb des „Problemfelds“, dass sich ab 1978, ­worauf Hannelore Baier, Journalistin in Hermannstadt, hinweist, verschärft „Deutsche faschistische (Hervorhebung H.S.) Nationalisten“ nennt, setzte der Geheimdienst einen beachtlichen Apparat ein, um beispielsweise allein im Kreis Kronstadt 1985 insgesamt 6360 Personen informativ zu beobachten oder operativ zu verfolgen. Als einige Jahre vorher, im August 1977, der AKSL seine Jahrestagung in Hermannstadt abhielt, wurden sieben Informanten speziell auf die Teilnehmer angesetzt und mehrfach „spionageabwehrtechnische Maßnahmen“ (verdeckte Gepäckdurchsuchungen, Wanzen in Hotelzimmern, Tagungsstätten, potenziellen Besucherräumen etc.) eingeleitet.

Literatur im Fadenkreuz der Observation

Eingehend widmete sich die Tagung in Jena der besonderen Aufmerksamkeit, die vom Geheimdienst der Literaturszene geschenkt wurde. Nicht nur rumänische Schriftsteller, die es wagten, das Thema der Repression durch die Securitate aufzugreifen, und über die Wolfgang Dahmen, Rumänist und Professor an der Jenenser Universität, und Gundel Große, zum Zeitpunkt der Tagung Doktorandin ebendort, referieren, sondern speziell auch rumäniendeutsche Autoren waren ständig im Visier des Dienstes. Aus entsprechenden Maßnahmenplänen, zitiert ausführlich und detailliert Liviu Burlacu, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des CNSAS, u.a. auch im Zusammenhang mit der „Aktionsgruppe Banat“. Dem selben Kontext gehört auch der Erfahrungsbericht an, den Anton Sterbling, Soziologe und Hochschullehrer in Rothenburg/Oberlausitz, zeichnet.

Eine vergleichende Untersuchung von Erzählungen der Nobelpreisträgerin Herta Müller ­einerseits und ihrer Securitate-Akte „Cristina“ andererseits liefert im Studienband die Literaturwissenschaftlerin Cristina Petrescu von der Bukarester Universität. Angelegt wurde die Akte „Cristina“ als Reaktion auf Müllers Debütband „Niederungen“, nachdem der als „Voicu“ geführte IM Franz Schleich, Redakteur der „Neuen Banater Zeitung“, dem Sicherheitsdienst in einer „Rezension“ des Bandes, der Autorin „unangebrachte“ politische Äußerungen vorgeworfen hatte. Danach werden in dem Dossier Unterlagen versammelt, mit denen systematisch „Beobachtungen zu Delikten umgeprägt“ (S. 349) wurden. Sie dienten ausschließlich „den Zwecken der Institution“ (S. 353) und keineswegs der wahrheitsgemäßen Rekonstruktion des Lebens und Schreibens der Autorin. Denn Herta Müllers Haltung dem Regime gegenüber war, wie sie in ihren Texten aufscheint und „wie sie selbst sie definiert hat, keine Dissidenz“, keine „ausdrückliche öffentliche Kritik“. Dennoch „hat die Securitate sie mit größtem Eifer verfolgt“, denn „ihre Schuld bestand darin, dass sie zu schreiben versuchte, was sie glaubte, und nicht nur das, was nach den von der Diktatur auferlegten Normen genehm war“ (S. 368).

Mit der Akribie seriösester Recherche zeichnet im Band Stefan Sienerth, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und Direktor des Münchner IKGS, die Laufbahn des Bukarester Literaturhistorikers Heinz Stănesu als Informant des Sicherheitsdienstes nach, der bis zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1978 nahezu zwei Jahrzehnte lang die deutsche Literaturszene Rumäniens für die Securitate beobachtet und dem Geheimdienst „zielstrebig, leidenschaftlich (und) übereifrig“ (S. 306) Spitzelberichte geliefert hat, die mit ihren Halbwahrheiten, Unterstellungen und böswilligen Umdeutungen von Fakten und Meinungsäußerungen zum Teil katastrophale, im Falle des jungen Lyrikers Georg Hoprich sogar todbringende Folgen gezeitigt haben.

Der gleiche Informant war entscheidend ­daran beteiligt, dass die Klausenburger Germanistik beim Geheimdienst ins „Fadenkreuz der Verleumdung“ (S. 374) geriet, wie nach Akteneinsicht Michael Markel, ehemaliger Leiter des dortigen Lehrstuhls, in seinem Aufsatz belegen kann. Mitbeteiligt an dem Kesseltreiben waren neben Stănescu und anderen IM noch Nikolaus Berwanger, der wohl den Anstoß gab, dazu der Bukarester Germanist Viktor Theiß und der Hermannstädter Historiker Carl Göllner. Aufgrund von deren Berichten und Einschätzungen erfand die Securitate 1972 eine „Klausenburger Gruppe“, der neben Markel seine Kollegen Peter Motzan und Brigitte Tontsch, der Autor und Verlagslektor Franz Hodjak und der Journalist Bernd Kolf, später auch Georg Aescht zugeordnet wurden und der die Securitate und ihre Informanten „nationalistisch-faschistisches“, „antimarxistisches“ und „antiparteiliches“ Ideengut, sogar „Irredentismus“ andichteten. Dabei hat es die „Gruppe“ als solche nie gegeben, und die am Lehrstuhl tätigen Germanisten Markel, Motzan und Tontsch, taten nichts weiter, als in literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen und speziell ihren Studenten „ein unvoreingenommenes Denken und ein ästhetisch gegründetes Literaturverständnis“ (S. 377) zu vermitteln, ganz im Gegensatz zu den rigiden Normen des damals in Rumänien allerdings schon längst obsoleten „sozialistischen Realismus“, denen die Informanten und ihre Auftraggeber sich freilich nach wie vor verpflichtet fühlten. Strafrechtliche Folgen hatte die ganze Aktion glücklicherweise nicht, doch die „staatsfeindlichen“ Akteure der „Gruppe“ blieben, sofern sie das Land nicht inzwischen verlassen hatten, bis zum bitteren Ende des Regimes unter verschärfter Beobachtung.

Der Studienband „Die Securitate in Siebenbürgen“ gehört mit seiner unbestechlichen Detailtreue und seinen durchgehend sachlich fundierten Einschätzungen zweifellos zu den interessantesten und lesenswertesten Büchern, die im deutschen Sprachraum über die repressiven Methoden und Aktionen des rumänischen kommunistischen Sicherheitsdienstes erschienen sind.

Hannes Schuster

Die Securitate in Siebenbürgen. Hrsg. Joachim von Puttkamer, Stefan Sienerth und Ulrich A. Wien. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2014 (Siebenbürgisches Archiv, Band 43). 432 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-412-22253-6
Die Securitate in Siebenbürgen
Joachim (Hrsg.) von Puttkamer
Die Securitate in Siebenbürgen (Siebenbürgisches Archiv, Band 43)

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Schlagwörter: Rezension, Securitate, Vergangenheitsbewältigung, Literaturgeschichte

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