12. März 2016

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Vexierspiegel Securitate

Hat es eine rumäniendeutsche Literatur gegeben, gibt es sie gar? Es hat in Rumänien viele Deutsche gegeben, die geschrieben haben, viele tun es heute noch, in Rumänien oder sonstwo. Die Unterstellung aber, dass sie eine rumäniendeutsche Literatur geschrieben hätten, dürfte den meisten unter ihnen nur ein müdes Lächeln abringen. Kein Lächeln hingegen, auch nicht das müdeste, leuchtet einem aus dem „Vexierspiegel“ entgegen, den Gerhardt Csejka und Stefan Sienerth uns vor Augen halten. Den Spiegel hat ein Glaser verfertigt, dem es stets um Transparenz zu tun war, allerdings nur in einer Richtung, und diesem Meister war stets glasklar, dass es diese Literatur gibt. Der rumänische Nachrichtendienst Securitate wusste alles und alles besser als all die Deutschschreibenden – zumal über diese. Sie wusste mit hundertprozentiger (Staats-)Sicherheit, dass diese den rumänischen Staat und seine Sicherheit gefährdeten, allesamt und zusammen das kommunistische Gemeinwesen untergruben, in Bünden und Verbänden, einvernehmlich subversiv, hinterlistig konspirativ, und wenn die Verbindungen unerfindlich waren und so geheim, wie nur ein Geheimdienstler es sich vorstellen kann, musste man sie halt erdichten, vulgo erfinden.
Der rumänische Geheimdienst erweist sich in diesem Buch als größter Erdichter. Er hat deutsche Literatur mitgeschrieben. Er hat den Gegenstand seiner Ermittlungen zu der Bedrohung gestaltet, gegen die gespitzelt und gekämpft werden musste. Nicht im Mindesten ging es den Beamten dabei um Recherche und Dokumentation auch nur irgendeiner Wirklichkeit oder Wahrheit, nicht im Entferntesten um einen Blick in die Außen- und Innenwelt der Verdächtigten, um Erkenntnis sozialer und kultureller Zusammenhänge, um effiziente Beeinflussung oder gar methodisch stringente Manipulation. Man diente und manipulierte so vor sich hin.

Je mehr man die Erfahrungsberichte in diesem Buch dreht und wendet, desto weniger begreift man, was mit den Kubikmetern an Akten, die da produziert wurden, geschehen sollte. Was wollten die? Waren da nur Idioten am Werk? Die erschütternd infantilen Ausführungen über die Rolle des Führungsoffiziers, die Cristina Anisescu aus der Fachzeitschrift „Revista Securitatea“ zitiert, legen es nahe: Der sollte u. a. „beim IM die Liebe zum Vaterland fördern, Unnachsichtigkeit den Gesetzesverächtern gegenüber, Hingabe und Leidenschaft für die informative Tätigkeit, für die konsequente Ermittlung der Wahrheit, die Wertschätzung der Legalität festigen und sich dazu um die Pflege von Geschicklichkeit, Erfindungsreichtum und Mut kümmern“. War es diese systemtragende verblasene Dummheit? Oder war es schlicht der allgemein übliche Unterschleif an Zeit und Geld, die typisch sozialistische Kulturtechnik des Diebstahls und der Leistungsverweigerung bis zur klammheimlichen Sabotage, wie sie jeder Fabrikarbeiter beherrschte? Eine Gewissheit setzt sich fest: Es ging um die Existenzsicherung der Sicherheitsbeamten und ihres Amtes, ihres Dienstes.

Der Sicherheitsdienst hat allerdings im Bestreben, Dichtung, gemeinhin Kultur (eine gemeingefährliche Leistung!) zu verhindern, Menschen erst recht zum Dichten gebracht, er hat ihnen, die vor der Wirklichkeit verzagten, Selbstgewissheit gegeben in all dem Ungewissen der sozialistischen Realität, er hat sie gegen sich, den Dienst, auf- und zu sich, den Menschen, selbst gebracht. Eine Win-win-Situation mit lauter Verlierern. Die Paranoia eines Systems ist eine schöpferische Ressource von nachgerade pygmalionischer Unerschöpflichkeit. Wenn keiner vom anderen weiß, sind der Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt. Und all die hier ausgestellten Zeugnisse sind Dokumente des Unwissens der Mächtigen wie der Ohnmächtigen und der wuchernden Einbildung in des Wortes vielfältiger Bedeutung.

Das aber sind im Grund wohlfeile Mutmaßungen aus dem Abstand eines Vierteljahrhunderts, die provokant daherkommen und den eigentlich Betroffenen, jenen, die damals dort deutsch geschrieben haben und noch schreiben, irgendwo, ein ebenso müdes Lächeln abringen dürften. So ist dieses Buch zum anderen geballte Schicksalstracht, es ist ein Konvolut gänzlich unmythischer und gerade darum unglaublicher Geschichten vom Ritt über den Bodensee, vom Leben auf dem rutschigen und dünnen Eis sozialistischer Wirklichkeit, wobei wir die Tiefen und Untiefen darunter auch heute nicht ermessen können. Dr. Georg Herbstritt (links) mit Franz Hodjak auf ...Dr. Georg Herbstritt (links) mit Franz Hodjak auf der Münchner Tagung „Rumäniendeutsche Schriftsteller im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate“ im Dezember 2009. Hinten (mit Weste) Hellmut Seiler und Eduard Schneider. Foto: Konrad Klein Ein Blick von außen, aus dem „Bruderland“ DDR, wie ihn Georg Herbstritt eröffnet, erhellt vermeintlich finsterste Machenschaften: Am 15. Februar 1972 ergeht ein „streng geheimer“ Informationsbericht des DDR-Ministeriums für Sicherheit: „In diesem Bericht wurde mitgeteilt, dass sich in Siebenbürgen rund einhundert Intellektuelle der deutschen Minderheit zu einer ‚antikommunistischen‘, ‚nationalistischen‘ und ‚reaktionären‘ Gruppe zusammengeschlossen hätten. Ihr ‚geistiges Hauptzentrum‘ bilde die Universität in Klausenburg. Der Bericht bezeichnete die fünf jungen rumäniendeutschen Germanisten und Schriftsteller Franz Hodjak, Bernd Kolf, Michael Markel, Brigitte Tontsch und Peter Motzan als die führenden Köpfe der Gruppe und lieferte jeweils eine kurze Personenbeschreibung über sie.“

Das kann man in dem genannten Abstand eines Vierteljahrhunderts und in Kenntnis dessen, was die Genannten geleistet haben, nicht zuletzt für die rumänische Kultur, als Witz empfinden, allerdings ist zum einen das MfS des Humors gänzlich unverdächtig, zum andern stand auf den von der Securitate unterstellten und vom MfS in geheimdienstlicher Kollegialität mitgetragenen Vorwurf des „Irredentismus“ die Todesstrafe! Georg Herbstritt kommentiert lapidar: „Da werden Menschen, die sich mehr oder weniger gut kennen, zu einer organisierten Gruppe hochstilisiert, selbstverständlich wird diese Gruppe aus dem Westen inspiriert, und sie plant ein Kapitalverbrechen.“

Es ist unstatthaft, in diesem Zusammenhang von Glück zu reden, aber es ist fast ein solches, dass nicht das MfS zuständig war. Sondern „nur“ die Securitate, und die zeichnete sich nach der Erfahrung nicht nur Hellmut Seilers besonders aus: „Auffallend an ihrer Vorgehensweise ist der Widerspruch zwischen Akribie und Schlampigkeit.“ Diesen fragwürdigen Trost hatte damals allerdings niemand, auch nicht virtuell, zur Verfügung. Der Wissensstand der Betroffenen gründete auf der Überlieferung der „HÖLLE, wie sie zu Beginn des neuen, ‚sozialistischen‘ Zeitalters aktiviert worden war“ – als die „Diktatur des Proletariats“ ihrem Namen nach Kräften Unehre machte. Gerhardt Csejka bringt leidlich Klarheit in die wirren Abläufe: Zwischenzeitlich hatte man „Entstalinisierung & Demokratieaufbau“ gespielt, „zur Sicherung des Machterhalts allerdings konnte man die unvergessene Hölle jederzeit brauchen, also baute man sie ins Fundament der Securitate ein“ – in den Köpfen der Menschen gloste sie ohnehin weiter. Auf jenem Fundament wankte nun die ganze Gesellschaft, ein jeder wusste es, keiner wusste Bescheid, ob hartleibig, stiernackig oder mit weichen Knien, überdies waren derlei Attribute jederzeit austauschbar. Die weichen Knie allerdings sind und bleiben ein Alleinstellungsmerkmal sozialistischer Orthopädie.

Selbst ein allseits geachteter Czernowitzer Monolith vom Kaliber Alfred Margul-Sperbers hat nach der Einsicht von Peter Motzan „um den hohen Preis einer geradezu erschreckenden Selbstverstümmelung“ eigene Texte umgedichtet, um unter diesen wackligen Umständen in Bukarest festen Boden unter den Füßen zu bekommen. Gelungen ist ihm das nicht, allerdings ist es auch „Denen“ nicht gelungen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Überhaupt ist erstaunlich, wie wenig „Denen“ gelungen ist. Cristina Petrescu macht die verquere Dialektik am Beispiel der Aktionsgruppe Banat fest: „Wir könnten behaupten, dass gerade die traumatische Verflechtung mit der Securitate nicht nur zu einer langjährigen Kohäsion der Gruppenmitglieder beigetragen hat, sondern auch ihren Wunsch beseelte, künftigen Generationen Zeugnis von ihrer Existenz als Deutsche in Ceaușescus Rumänien abzulegen.“

Nun, an die künftigen Generationen werden sie weniger gedacht haben, jene Banater Dichter, es war vielmehr so verrückt, wie es Richard Wagner in seiner fatalistischen, auf Vergangenheit und Gegenwart, ja sogar Zukunft gerichteten Hoffnungsbereitschaft zuspitzt: „Ich blättere in der Akte und sehe, wie sie uns den Rest der Welt, das, was noch übrig ist, zur Ausgeburt machen. Ich sehe für einen kurzen Augenblick mich selbst zum Teil dieser Ausgeburt werden. / Ja, sie haben gehandelt. Sie haben uns abgehört und abgeschöpft und ihre Intrigen weiter gesponnen. Weiter und weiter. Manche der Fälschungen von damals kursieren heute noch. Sie kursieren heute wieder. Die Securitate ist ein toter Planet. Die Satelliten kreisen weiter. / Nein, ich hatte keine Chance, ich habe sie aber genutzt.“

Ihm zur Seite steht Joachim Wittstock mit der Geschichte von der ehemals auf ihn angesetzten „tov. lent. major“, der Genossin Oberleutnant, die er nach dem Sturz des Regimes als Inhaberin eines Büdchens mit Heiligenbildern und Klopapier wiederfindet und bei der er Letzteres kauft: „Ach, ich weiß, was ich weiß, und bleibe dabei: Mit einer Hexe, die uns überwacht hat, tätige ich einen banalen Handel. Meine Notdurft war nicht so groß, dass ich nicht hätte vorbeigehen können an ihrem Angebot, dennoch hielt ich und deckte mich mit Unerlässlichem ein.“ Er weiß, was er weiß. Manchmal müssen Dichter auch realiter dichten, eben die Chancen, die sie nicht gehabt haben, nutzen, und sei es nur, indem sie einen „banalen Handel“ tätigen.

Franz Hodjak, Dichter und Verleger der Dichterkollegen, hat, um ihre Bücher zu machen, gar manchen Handel getätigt und manche Händel gehabt mit allerhand Genossinnen und Genossen, selbst er aber staunt, denn ein „Staatsfeind blickt mich ungläubig aus meiner Securitate-Akte an“, weil selbst er nicht für möglich gehalten hätte, „dass mit solchem Eifer so schweres Geschütz aufgefahren wird“. Gerhardt Csejka, als Redakteur der „Neuen Literatur“ mit Kontakten zur bundesrepublikanischen Präsenz in Bukarest ebenfalls ein Ermöglicher dessen, was grad möglich war, blickt ebenfalls vom Ufer zurück auf den gefrorenen See: „Dabei war ich für die Securitate, wie ich dann aus meiner Akte erfuhr, längst schon ein ausgebuffter, gefährlicher Agent ...“ Sie haben ihn erdichtet, wie sie ihn brauchten oder hätten (miss-)brauchen können, aber eine Exegese dieser Kreation übersteigt selbst die Fähigkeiten eines ausgebufften Literaten wie Gerhardt Csejka.

Stefan Sienerth, der maßgeblich auch an der Organisation der Tagung beteiligt war, die diesem Band und vielen weiteren Auseinandersetzungen zugrunde lag, bewährt sich als Sachwalter und „Interpret“ dergestalt, dass man sich wünscht, Augenmaß und Sachlichkeit wären ansteckend. Durchaus verständlich sind dafür Erregung, Staunen, Verblüffung – aber auch Erleichterung, die man mit den Betroffenen teilt. Sie machen dieses Buch zum – siehe oben – dialektischen Vergnügen. Dem sollte aber nicht aus voyeuristischem Antrieb stattgegeben werden, sondern im Bewusstsein, dass der „tote Planet“ damals sehr lebendig war und auch danach, wenn nicht gar heute, allenfalls als „untot“ gelten kann. Helmuth Frauendorfer, Herta Müller, William Totok und Richard Wagner haben als rumäniendeutsche Westberliner die Probe aufs Exempel machen und erleben müssen, dass die Wiedergänger immer noch oder wieder gehen – und wieder kommen. Der Soziologe Anton Sterbling greift mit Fug und Recht ins Psychosomatische: „Die Begegnungen mit der Securitate, mit ihren Helfern und Helfershelfern wie auch mit anderen Organen des kommunistischen Repressionsapparates hinterließen bei mir bis heute tiefe Narben und kaum verheilte Wunden, die schmerzhaft sind, wo nunmehr Akten vorliegen, und die Phantomschmerzen verursachen, wo vermutete Akten (noch) fehlen.“ Horst Schuller ruft sich selbst zur bedachtsamen Ordnung: „Das Lesen in diesen Akten stimmt mich nicht froh, auch nicht schadenfroh.“

Johann Lippet macht aus der Unfreude den „Versuch zu einem Thriller nebst fünf Gedichten in der Interpretation eines Denunzianten“, Horst Samson gar „Ein arabisches Märchen“. Diese beiden wie sie alle probieren, mit den Mitteln der Sprache einer verflossenen Wirklichkeit und der darin wabernden Unwirklichkeit habhaft zu werden, zu schreiben gegen die Ohnmacht von damals und die – wissende – von heute. Einer, der in diesem Band nur noch als Geist präsent ist – und wie viel hätte er noch zu sagen vermocht! – hat diese Hilflosigkeit auf eine Formel gebracht in seinem „Selbstporträt“: „Ich schreib mir das Leben / her, schreib mir das Leben weg.“ Das war Rolf Bossert, man wünschte sich, er wäre es.

Georg Aescht




„Vexierspiegel Securitate. Rumäniendeutsche Autoren im Visier des kommunistischen Geheimdienstes.“ Herausgegeben von Gerhardt Csejka und Stefan Sienerth. Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München im Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2015, Band 129, 280 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2679-3

Schlagwörter: Securitate, Buchvorstellung, Geheimdienst, Aescht

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