4. Januar 2017

Werner Söllners neuer Lyrikband: "Die paar gepackten Buchstaben"

Es ist still geworden um Werner Söllner seit seinem Geständnis 2009, Informationen an die Securitate weitergegeben zu haben. Und jetzt wird es wieder etwas lauter – in einem anderen Sinn: Sein neuer Gedichtband mit dem makaber-wohlklingenden Namen „Knochenmusik“ ist eine Aufforderung zum Nachdenken über die Zeit, in der wir leben, und darüber, wie wir es tun.
Schonungslos selbstironisch, schmerzhaft leicht und manchmal entwaffnend derb ist das lyrische Ich in Werner Söllners neuem Gedichtband. Er ist in der Edition Faust in Frankfurt am Main erschienen und stellt fast so etwas wie ein Vermächtnis dar. So beginnt das Buch mit dem Gedicht „Hinterlassenschaft“, in dem es um den Verlust des Vaters geht. Sein Dahinscheiden materialisiert sich in den paar Sachen, die von ihm übrig geblieben sind, nur sein Herz geht über in den Sohn. Schmerzvoll ist auch das nächstfolgende Gedicht „Mutters Mund“, in dem das lyrische Ich sich als wohlfeiles Wort denunziert und als „Ein alter / Sack voll Rotz und Wasser, wartend“ (8), entlarvt. Der Tod wird dabei vom Leben umarmt und mutiert zum Kind, in den Armen des Sohnes.

Es sind wundervolle Gedichte in diesem Buch, nachdenkliche, gereimte; Gedichte mit wohlgesetzten Wörtern, bedacht und voller Galgenhumor. Gedichte eines lyrischen Ichs, das bei klarem Verstand die Gräuel dieser Welt dennoch irgendwie in Worte fassen kann. Da schreibt jemand, der das Heuchlerische auf der Insel der Gerechten, des Friedens und des Wohlstands, auf der wir leben, anprangert. Dort, wo wir den Krieg, die Armut und die Obdachlosigkeit zwar vermerken, aber ignorieren: „Nichts ist hier zu hören/ vom Krieg, unsere Insel ist groß/ genug für die Schreie/ der Verwundeten“ (43). Doch glaubt sich dieser beobachtende „gleichgültig kaffeetrinkende Gott“ (44) keinen Deut besser.

Da ist ein Ich „das an den anderen, den vielen/ anderen Rollen zerbricht“ (27) und mit sich selber ins Gericht geht. Jemand, der, wenn er sich selber begegnet, spöttisch lacht, der Irrtümer eingesteht und darüber nachdenkt, ohne sie im Einzelnen zu benennen: „Weißt du, alles, was ich/ falsch gemacht habe, war falsch,/ weil ich es richtig machen/ wollte“ (51). Jemand, der sich im Wort fremd fühlt: „Ich dachte an das Wort/ ich von außen“ (49), und dennoch Vertrauen hat ins Wort: „Bring mir doch/ bitte ein Glas mit, ein Glas/ Wasser. Oder ein Wort, vielleicht/ noch ein Wort“ (50). Da ist jemand, der die altersfleckige dünne Haut an sich bemerkt, und dass wir nur Gäste sind im gemieteten Paradies, der die Knochenmusik überm grauen Wasser hört , der halb Wasser atmet, halb Stein trinkt, der in der Liebe sowohl Rettung als auch Unheil sieht, mit anderen Worten jemand, der sich selber fremd geworden und dessen Herz kahlgeschoren ist.

In „Zweite Natur“ zieht das lyrische Ich eine sachliche Bilanz: „Im gemieteten Paradies nenn ich/ nichts Nennenswertes mein eigen, (…) nur die paar gepackten/ Buchstaben, auf denen ich sitze“ (45). Dann kommt dennoch von irgendwoher eine Stimme und sagt: „Es ist Zeit, …, erfinde“ (21). Und so fügen sich die Wörter zusammen, stehen nebeneinander, greifen ineinander wie bei einer kunstvollen Maschinerie, in „Monsieur Malheur“ und verzaubern mit einer verstörenden Leichtigkeit: „Den Schlag ins Genick,/ der uns ein bisschen verfehlt,/ das Holz und den Strick/ bis zum Anfang erzählt“ (37), so dass man am Ende leider lachen muss. Und so pflanzt auch das lyrische Ich „ein Bäumchen ins Heute“ (38), darin lässt es sich leben.

Eva Demski betont in ihrem schönen Nachwort, dass Werner Söllner nach seiner öffentlichen Krise jetzt wieder schreibt: „Was denn sonst“ (64). In ihrer Illusionslosigkeit lebensbejahend und spöttisch im Schmerz – Werner Söllners „Knochenmusik“ lässt sich wärmstens empfehlen.

Edith Ottschofski



Werner Söllner: „Knochenmusik“. Gedichte. Mit einem Nachwort von Eva Demski, Edition Faust, Frankfurt am Main, 2015, 92 Seiten, gebunden, 18,00 Euro, ISBN 978-3-945400-19-7

Schlagwörter: Rezension, Gedichtband

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