7. Januar 2019

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Carl Wolff – zweiter Gründer der siebenbürgisch-sächsischen Siedlung Weißkirch

Mit dem Namen Carl Wolff (1849-1929) werden gemeinhin seine Verdienste als bedeutender Volkswirtschaftler, Bankfachmann, Gründer der Raiffeisengenossenschaften und Publizist der Siebenbürger Sachsen verbunden. Weniger bekannt ist sein Wirken als zweiter Gründer der siebenbürgisch-sächsischen Siedlung Weißkirch bei Schäßburg und ihren Besonderheiten, denen der Verfasser, der Historiker Dr. Michael Kroner, in diesem Beitrag nachgeht. Seine Ausführungen basieren unter anderem auch auf Recherchen zu seinem neuesten, reich bebilderten Buch „Carl Wolff. Siebenbürgisch-sächsischer Publizist, Politiker und Volkswirtschaftler“ (Schiller Verlag, Hermannstadt-Bonn), das kürzlich erschienen ist.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Siebenbürger Sachsen einschneidende politisch-gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen zu bestehen. Nach der Auflösung ihrer mittelalterlichen Privilegien und der Selbstverwaltung des Königsbodens galt es, neue, zeitgemäße Wirtschafts-, Gemeinschafts- und Lebensformen zu finden, um ihre Existenz als Ethnie in der entstehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu sichern. Vor allem die 1885 begonnene und von Carl Wolff betriebene Gründung von Raiffeisengenossenschaften spielte dabei eine wichtige Rolle. Durch sie wurde der Kauf und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte gemeinschaftlich organisiert, der Wucher kapitalistischer Banken oder Geschäftemacher abgewehrt und gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen, Darlehen zu niedrigen Zinsen zu gewähren, um einer um sich greifenden Verarmung entgegenzuwirken. Dennoch war diese vor allem in den Weinbaugebieten nicht ganz abzuwenden, wo gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Phyloxera (Reblaus) und die Peronospera (Falscher Mehltau) die Rebstöcke vernichteten.

Durch Abwanderung versuchten nicht wenige Sachsen, sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Einige suchten Arbeit in Altrumänien, andere zog es nach Deutschland, sehr viele nach Amerika. In die USA wanderten bis 1900 etwa 20.000 (das war ein Fünfzehntel der sächsischen Bevölkerung) aus mit der ursprünglichen Absicht, dort Geld zu verdienen und mit dem Erworbenen zurückzukehren. Der größte Teil verblieb jedoch für immer in Amerika. Ihr gutes Vorankommen übte auf die Landsleute in der Heimat, die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpften, eine Sogwirkung aus. Bei dem Magyarisierungsdruck durch die ungarische Regierung und der Unterwanderung der Ortschaften durch zuziehende Rumänen entstand in Siebenbürgen die Befürchtung, der Fortbestand der Sachsen als Ethnie sei gefährdet. Ehemalige von Siebenbürger Sachsen gebaute Kirche ...Ehemalige von Siebenbürger Sachsen gebaute Kirche in Weißkirch, die nach deren Verwaisung um 1900 von der reformiert-ungarischen Kirchengemeinde übernommen wurde. In führenden sächsischen Kreisen, voran mit Carl Wolff, suchte man nach Mitteln, dagegen zu wirken. In einem Urteil über sein eigenes Leben schrieb später der 1849 in Schäßburg geborene Wolff: „Von der Jugend bis zum Alter gehört mein Sinnen und Denken, mein Streben und Arbeiten dem Volke, dem ich entstamme und nach bestem Wissen und Gewissen zu dienen beflissen war und bin.“

Die vielfach auch gemeinnützig tätigen sächsischen Banken, vor allem die „Bodenkreditanstalt“ (gegründet 1872), die „Raiffeisengenossenschaften“ (1885), die „Hermannstädter Allgemeine Sparkassa“ (1811) und die „Siebenbürger Vereinsbank“ (1891), wurden beauftragt, aktiv zu werden. So erwarb die auf Wolffs Vorschlag gegründete „Siebenbürger Vereinsbank“ den adligen Grundbesitz des aus Nürnberg stammenden Grafen von Haller in Weißkirch bei Schäßburg, um davon Parzellen an Neusiedler zu vergeben. In die ursprünglich sächsische, seit dem 16. Jahrhundert rumänisch gewordene Ortschaft mit einer großen „Ţiganie“ wurden zunächst Banater Schwaben gerufen, die aber nicht blieben.

Nach dem missglückten Kolonisationswerk mit den Schwaben startete Wolff eine neue Werbekampagne, eine „Innenkolonisation“, diesmal mit ehemaligen sächsischen Bauernuntertanen hauptsächlich aus den Komitatsgemeinden des Zwischenkokelgebiets. Persönlich begab er sich zur Werbeaktion nach Nadesch, Maniersch und Zandersch. Darüber schrieb er: „Nie hat mein Herz in solcher Erregung gepocht, wie im Sommer 1899 an einem Sonntag, als ich nach der Frühkirche in Maniersch die dortigen Bauern zur Ansiedlung in Weißkirch in längerer Rede aneiferte. Ob der sächsische Volksstamm, noch triebkräftig oder im Verdorren begriffen, kein Reis mehr anzusetzen fähig sei? Das war die bange Frage, die mich in Maniersch in innere Erregung versetzte. Der Eindruck schien nicht ungünstig zu sein. Zu Fuß wanderte ich über den Bergrücken nach Zendersch, wo ich nach dem Hauptgottesdienst an die sächsischen Bauern und Bäuerinnen eine Ansprache hielt. Der Erfolg hat meine Zuversicht in die nicht erstorbene Kolonisationskraft unserer sächsischen Bauern und Bäuerinnen gestärkt.“

Auch der Marienburger Pfarrer Michael Orendi soll in den Nachbargemeinden sächsische Bauern angeworben haben. Jedenfalls folgten die ersten schon 1899 dem Ruf Wolffs aus den von ihm besuchten Gemeinden. Der Großkokler Bote meldete am 25. März 1900, dass das Bestreben der „Siebenbürger Vereinsbank“, für das Gut in Weißkirch tüchtige sächsische Siedler zu werben, einen „erfreulichen Erfolg“ im abgelaufenen Jahr habe buchen können. Es seien aus Maniersch, Zendersch, Marienburg, Zuckmantel und Felldorf sächsische Siedler in Weißkirch ansässig geworden, darunter auch einzelne aus Amerika Heimgekehrte. Sie hätten vor Ort Gutsanteile gekauft und größtenteils dafür bereits bedeutende Anzahlungen geleistet. Von den angebotenen 100 Gutsanteilen seien bis auf 15 alle an den Mann gebracht und es bestehe Aussicht, die wenigen noch verfügbaren binnen einiger Wochen zu verkaufen.

Aus Maniersch kamen bis Ende 1900 elf Familien, aus Zendersch vier, aus Zuckmantel sieben, aus Felldorf drei und aus Marienburg ebenfalls drei. Bis 1903 folgten aus diesen Orten weitere Familien, dazu aus Groß-Alisch zwei, aus Denndorf drei, aus Dunnesdorf eine und aus Irmesch ebenfalls eine. Das ergab mit drei aus Schäßburg stammenden Familien insgesamt 38 Siedlerwesen mit 134 Seelen. Nicht alle blieben in Weißkirch, einige wanderten ab, andere kamen hinzu, so dass spätere Angaben über die Zahl der Angesiedelten schwanken.

Eigenheiten der neu gegründeten Gemeinde

Aus den Akten des Weißkicher Kirchenarchivs geht hervor, dass 1930 die evangelische Gemeinde 225 Mitglieder zählte. Sie bildeten unter den Einwohnern eine Minderheit, denn die Gesamtzahl der Weißkircher betrug nach der offiziellen Volkszählung 2 367 Personen, nach ihrer Volkszugehörigkeit 1 366 Rumänen (darunter viele Zigeuner), 461 Ungarn, 235 Sachsen, zwölf Juden und andere. Etwa 40 Großfamilien beziehungsweise Höfe bildeten bis Mitte der 1940er Jahre den Grundstock des sächsischen Bevölkerungsanteils. Statt Abwanderung war demnach durch Innenkolonisation neuer Lebensraum für die Sachsen in Siebenbürgen erschlossen worden. Weißkirch, als sächsische Gemeinde im 16. Jahrhundert untergegangen, hatte wieder sächsische Einwohner. Diese bildeten jedoch keine selbständige Neusiedlung, sondern bauten ihre Häuser am oberen Ende der Ortschaft und in zwei Gassen zwischen dem Hallerschloss und der Bahnlinie, dem „Nederscht Onjt“, wie dieser Ortsteil in der Mundart benannt wurde.

Kirchlich bildete Weißkirch eine Diasporagemeinde der evangelisch-sächsischen Kirche Siebenbürgens, die sich am 23. November 1899 unter der Leitung des Reisepredigers Ernst Bardi konstituiert und dem Konsistorium der Evangelischen Landeskirche A.B. unterstellt hatte. Als organisierte Diasporagemeinde besaß Weißkirch eine eigene Kirche und eine einklassige Volksschule mit einem einzigen Lehrer, der die Schüler aller Klassen zum Teil simultan unterrichtete und zugleich Prediger war. Für die Besoldung des Prediger-Lehrers kam das Landeskonsistorium in Hermannstadt auf. Das Reisepredigeramt hatte die Oberaufsicht über Kirche und Schule und war die höhere Vermittlungsbehörde zwischen Diasporagemeinde und Landeskonsistorium.

Die neu gegründete Kirchengemeinde hatte kein Gotteshaus und kein Schulgebäude. Sie erhielt dafür einen Speicher der Grafen von Haller, errichtet im Jahre 1813, der zu einem Gotteshaus, Schule und Predigerwohnung umgebaut wurde. Ein neues Schulgebäude mit Saal konnte die Gemeinde erst 1927 errichten. Das Gotteshaus verblieb im alten Gebäude und wurde nach der Aussiedlung der Sachsen und Auflösung der Kirchengemeinde in ein Heim für behinderte Kinder umfunktioniert.

Schwierigkeiten bei der Bildung der neuen sächsischen Dorfgemeinschaft Die aus insgesamt 17 Gemeinden stammenden Siedler kamen zunächst hauptsächlich aus den vormals untertänigen Orten des Kokelgebiets und des Kokelburger Komitats, die erst seit 1848 freie Bauern waren. Es waren zunächst Familien aus Maniersch, Zendersch, Felldorf, Zuckmantel, Marienburg und Denndorf, die meisten aus Maniersch. Weitere kamen später aus Wolkendorf, Klosdorf, Dunnesdorf, Hohndorf, Groß-Alisch, Irmesch, Holzmengen, Pruden und Schaas. Auch Schäßburger befanden sich unter ihnen. Hinzu zählen muss man noch die Familien der jeweiligen Prediger-Lehrer.

Die Kolonisten wurden zunächst in den aufgelassenen Hütten der Schwaben untergebracht, die sie erst allmählich durch gemauerte Häuser ersetzten. Die Familien übernahmen von der Hermannstädter „Vereinsbank“ ein oder zwei Bodenanteile, deren Flächen jeweils fünf oder sechs Joch betrugen. Die wenigsten der Siedler verfügten über so viel Kapital, um in Weißkirch Anteile samt Hofstelle mit Haus ohne Kreditaufnahme erwerben zu können. Kredit wurde ihnen von den sächsischen Banken zu einem Jahreszins von acht Prozent gewährt. Die meisten Familien waren somit verschuldet und haben in vielen Fällen erst nach etwa zehn Jahren ihre Schulden abtragen können. Hilfreich war ihnen dabei der örtlich gegründete Raiffeisenverein. Einige Familien gaben, von Schulden belastet, dennoch auf und verließen Weißkirch wieder, wanderten sogar in die USA aus. Sächsische Bauernfamilie aus Weißkirch bei ...Sächsische Bauernfamilie aus Weißkirch bei Schäßburg um 1910. Um 1910 scheint sich das Siedlungswerk in einer Krise befunden zu haben, was Bischof Friedrich Teutsch 1913 bewog, persönlich nach Weißkirch zu kommen, um den Kolonisten Mut und Hilfe zuzusprechen. In einem späteren Bericht des Reisepredigers Berthold Buchalla, erschienen in den Kirchlichen Blättern vom 5. Juli 1923, heißt es über diese Kirchenvisitation rückblickend, dass es beim ersten Bischofsbesuch zehn Jahre zuvor den Anschein gehabt hätte, „als ob das neue Reis, die junge Pflanze, nicht widerstandsfähig genug wäre und verderben und verkommen sollte“. Es werden auch die Ursachen genannt: „Da die Siedler meist unbemittelte Menschen waren, mussten sie das zum Betrieb notwendige Kapital aufnehmen. Der Boden, der durch langjährigen Raubbau entkräftet war, konnte auch bei sorgfältigster Bearbeitung in den ersten Jahren nur schwache Ernten abgeben, so dass die Besitzer nicht einmal ihren Haushalt aufrechterhalten, geschweige denn ihren Pflichten der Vereinsbank und den Schäßburger Geldinstituten gegenüber – die hier wacker mitgeholfen haben – gerecht werden konnten. Dazu kamen noch mancherlei Schädigungen, Seuchen, Hagelschlag und dergleichen. Verzweiflung und Kleinmut erfassten die Leute und es schien, als ob auch der zweite Kolonistenversuch mit einem Versagen enden wollte... In dieser kritischen Zeit kam der Herr Bischof und richtete die Verzagten auf, flößte Mut und Zuversicht in die schon haltlos gewordenen Herzen ein, indem er ihnen zurief: Wir alle stehen zu euch und lassen euch nicht fallen! Wie nach einer langanhaltenden Dürre ein erquickender Regen die ganze Natur neu belebt, so haben auf unsere Brüder und Schwestern in Weißkirch die Worte Sr. Hochwürden gewirkt. Das Bewusstsein der inneren Teilnahme aller Glaubens- und Volksgenossen, das Gefühl, nicht auf sich allein gelassen zu sein, und die Mithilfe der Landeskirche haben den in den Herzen schlummernden alten Kolonistengeist wieder wach werden lassen und im schweren, zähen Ringen haben sie sich durchgesetzt und behauptet.“

Der Prediger-Lehrer Georg Folberth, der 1911 die Zügel in die Hand nahm und der zusätzlich zur theologischen Ausbildung auch die Kurse einer Ackerbauschule besucht hatte, konnte den Bauern nicht nur geistigen Beistand gewähren und Schule halten, sondern auch praktische landwirtschaftliche Ratschläge geben. Damit hatte die Gemeinde einen tatkräftigen Mann gewonnen, der ihr drei Jahrzehnte sicheres Geleit gegeben und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt hat.

Zu den genannten wirtschaftlichen Bedrängnissen kamen noch Schwierigkeiten hinzu, die sich aus der unterschiedlichen Herkunft der Gemeindemitglieder ergaben. Da waren nicht nur Leute aus verschiedenen Dörfern mit unterschiedlichen Trachten, Bräuchen und Dialekten zusammen gekommen, sondern auch rechthaberische, sächsische Dickschädel, die meinten, das eine und andere besser zu wissen als die aus anderen Gemeinden stammenden Nachbarn. So mussten die kirchliche Gemeindeversammlung oder der Kirchenrat oft Streitigkeiten schlichten und sich mit Reibereien unter den Gemeindeangehörigen beschäftigen. Auch mit der Liturgie des Gottesdienstes waren einige nicht zufrieden, da sie aus ihren Herkunftsgemeinden andere Vorstellungen über den Ablauf eines Gottesdienstes mitbrachten. Der Kirchenrat sah sich angesichts solcher Differenzen veranlasst, dahingehen zu wirken, Tracht und Gemeindebräuche zu vereinheitlichen. Auf der Gemeindeversammlung am 20. Februar 1910 beispielsweise richtete der Ortspfarrer Karoli einen Appell an die Anwesenden, „den Geist des Friedens, der Liebe und der Einigung in Herzen und Häusern walten zu lassen, denselben auch auf Kirche und Schule zu übertragen. Dann dürfte die Diasporagemeinde nicht bange in die Zukunft blicken, dann werde sie immer wieder Freunde finden, die ihr helfend, fördernd und stützend zur Seite“ stünden. Auch am 9. September 1911 erging die Aufforderung an die Gemeinde, „Friede und Eintracht“ walten zu lassen.

Herkunftsbedingte Auseinandersetzungen sorgten selbst in den 1920er Jahren noch für Unruhe. Im Jahre 1922 stellte der Kirchenrat fest, dass als Folge der Abstammung aus verschiedenen Gemeinden noch immer unterschiedliche Bräuche bestanden und verschiedene Kirchentrachten getragen würden. Es sei daher notwendig, eine einheitliche Ordnung festzulegen.

Die Entstehung der ortseigenen Mundart

Die Gemeinde Weißkirch bot am Anfang ein Paradebeispiel für die Buntscheckigkeit der siebenbürgisch-sächsischen Mundarten. Zunächst gebrauchte jeder die mitgebrachte Mundart, nicht nur in der Familie, sondern auch außerhalb des Hauses. Die Sache komplizierte sich, wenn die Ehepartner nicht aus derselben Ortschaft stammten. Da wurden oft zwei Dialekte in der Familie gesprochen. Ein Schäßburger Kaufmann beispielsweise, der die Mundarten der Umgebung gut kannte und danach die Herkunft des Gesprächspartners bestimmen konnte, soll gesagt haben, die Weißkircher könne er an der Mundart nicht erkennen, da in der Ortschaft 17 verschiedene Dorfmundarten gesprochen würden.

Allmählich jedoch setzte sich die Mundart der größten Kolonistengruppe, die der Manierscher als neue Weißkircher Mundart durch. Es gibt jedoch kleine Unterschiede, das Weißkircherische klingt etwas weniger hart als seine Quelle. Eine neue Mischmundart ist nicht entstanden. In der Familie und mit Landsleuten aus der gleichen Stammesgemeinde sprach man zunächst weiterhin die mitgebrachte eigene Mundart, und das so lange die erste Kolonistengeneration lebte, zum Teil noch darüber hinaus. Einige der ersten Kolonisten haben das Weißkircherische nie richtig gelernt oder wollten es sich nicht aneignen. Erst die „echten“ Weißkircher, das heißt, die in Weißkirch geborenen, haben der neuen, eigenen Dorfmundart zum Durchbruch verholfen. Weißkirch bestätigt die allgemeine Regel, dass aus dem Nebeneinander von verschiedenen Mundarten nicht eine neue Mischmundart entsteht, sondern eine von ihnen sich durchsetzt. In Weißkirch setzte sich das Manierschische durch.

Die Weißkircher Gemeinschaft erfuhr, bedingt durch die Nähe der Stadt Schäßburg, seit Ende der 1950er Jahre weitere Zuzüge von sächsischen Zuwanderern, hauptsächlich durch angeheiratete Ehepartner und einige in der Gemeinde sich niederlassenden Familien, so dass vor der Aussiedlung in der Bundesrepublik die etwa 400 sächsischen Einwohner aus rund vierzig Gemeinden stammten. In kaum einem anderen Dorf dürfte die sächsische Einwohnerschaft nach Herkunftsorten so gemischt gewesen sein. Die eingeheirateten und hinzugekommenen „Neuwißkircher“ haben sich nur zum Teil die Dorfmundart ihrer neuen Heimatgemeinde angeeignet. Die Eingeheirateten sprechen mit ihrem Ehepartner meist den Schäßburger Dialekt oder die „hochsächsische“ Landesmundart, unter der sie sich kennengelernt haben. Dieser Sprachmodus wird heute auch von den Aussiedlern in der Bundesrepublik, soweit sie sächsisch sprechen, praktiziert. Ihre Kinder sprechen meistens nicht mehr die Mundart.

Eine weitere Besonderheit der Weißkircher: Die abstammungsgemäße Verschiedenheit wurde durch Heiraten verstärkt. Der weitaus größte Teil der Ehepartner stammt nicht aus derselben Ortschaft. Dabei war die Gründergeneration sehr kinderreich. Es gab mehrere Ehepaare mit fünf, sechs, sieben, acht und neun Kindern. Der Prediger-Lehrer Georg Folberth und seine Frau gaben mit neun Kindern ein Beispiel. Damit gehören die Weißkircher nicht zu den Siebenbürger Sachsen, bei denen anderenorts die Ein-Kind-Ehe vorherrschte.

Weißkirch war trotz seiner Besonderheiten in die geschichtliche Entwicklung der Siebenbürger Sachsen eingebunden und hat sich zum Sachsentum bekannt. Darüber gibt es eine ausführliche Ortsgeschichte, auch mit Stammbäumen, in denen alle Familien mit allen Personen erfasst sind von der Neugründung der Gemeinde um 1900 bis 1997. Die Geschichte der sächsischen Gemeinde Weißkirch ist also bis in die Gegenwart dokumentiert.

Heute gibt es in Weißkirch keine Sachsen mehr, Sie sind alle in die Bundesrepublik Deutschland ausgesiedelt, wo sie sich in einer aktiven Heimatortsgemeinschaft zusammengeschlossen haben, die jedes zweite Jahr Gemeindetreffen organisiert und dazwischen zu Bällen, Ausflügen und sonstigen Treffen einlädt, wobei die jüngere Generation die Führung übernommen hat.

Die Grafenfamilie der Haller gibt es noch. Es sind nicht die Weißkircher Haller, sondern ihre Verwandten, die nach wie vor in ihrem Schloss in Großgründlach, einem Stadtteil von Nürnberg, leben.

Michael Kroner

Schlagwörter: Weißkirch, Schäßburg, Carl Wolff, Siedlung

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