25. September 2020

Die Neugründung des Coetus an den siebenbürgisch-sächsischen Schulen (1946-1948)

Der Coetus, die im Zeitalter der Reformation gegründete Selbstverwaltung der Schüler an siebenbürgisch-sächsischen Gymnasien bzw. Mittelschulen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund einer Verordnung des rumänischen Unterrichtsministeriums neu gegründet. Den Vortrag „Die Neugründung der Coeten an den siebenbürgisch-sächsischen Schulen (1946-1948)“ hielt Hermann Schmidt, Mössingen, 2004 im Rahmen der Sektion Schulgeschichte des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, veröffentlicht erstmals in der Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 28. (99.) Jahrgang (2005), Heft 2, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien. Der 92-jährige Autor bot seinen Aufsatz der Siebenbürgischen Zeitung zum Nachdruck an, um auf die bemerkenswerten Ergebnisse seiner Recherchen hinzuweisen.
Die Beamten des SEM-Coetus im Schuljahr 1946/47: ...
Die Beamten des SEM-Coetus im Schuljahr 1946/47: Präfekt Hermann Schmidt, Sportwart Richard Auner und Primus Musikus Michael Lösch (von links) im Hof des Waisenhauses bei der Johanniskirche in Hermannstadt.

Von den Anfängen

Die plötzliche Abkehr Rumäniens von den Achsenmächten am 23. August 1944 traf die deutsche Minderheit völlig unvorbereitet. Die bis dahin für das Schulwesen im Rahmen der „Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ verantwortlichen Bediensteten hatten sich entweder mit Einheiten der deutschen Wehrmacht abgesetzt, waren abgetaucht oder saßen in Internierungslagern. Führende Männer der Landeskirche versuchten die entstandenen Lücken zu schließen. Der Unterricht an den siebenbürgischen deutschen Schulen konnte spät im Jahr und nur vorläufig begonnen werden. Daran nahmen etliche 16- und 17-jährige Schüler nicht teil, weil sie im Oktober 1944 mit anderen gleichaltrigen Jugendlichen zu Aufbauarbeiten in Chitila und Triaj bei Bukarest, in den Steinbrüchen von Jiblea, im Roten-Turm-Pass und andernorts verpflichtet worden waren. Sie kamen erst kurz vor Weihnachten wieder frei. Bevor der Unterricht nach den Weihnachtsferien wieder aufgenommen werden konnte, wurde der Terminplan durch die Internierungen vom Januar 1945 zu Makulatur. Nach Ablauf des Deportationsprozesses befanden sich in den beiden oberen Klassen der Mittelschulen nur vereinzelt einige Schülerinnen und Schüler. Die jungen Leute, die sich versteckt hatten, um der Deportation in die Sowjetunion zu entgehen, kehrten im Laufe der folgenden Monate auf die Schulbank zurück. In allen anderen Klassen stieg die Schülerzahl ab Februar allmählich wieder an.

Die Evangelische Kirche A. B. übernahm die Trägerschaft für das deutsche Schulwesen in Siebenbürgen wieder. Im Spätherbst 1946 konnte auch der Coetus an den weiterführenden Schulen wiederbelebt, neugegründet werden. Eine Verordnung des Unterrichtsministeriums eröffnete diese Möglichkeit. Es sollten Schülervereinigungen mit demokratischem Charakter gebildet werden, die unter Berücksichtigung der verschiedenen Begabungen und Interessen der Schüler selbsttätig arbeiten und handeln und sich in Selbsterziehung üben sollten. Ein etwaiger Vergleich mit Satzungen und Statuten früherer Coeten lässt sicher den Schluss zu, dass manche Ansätze dieser Bestimmungen und Zielsetzungen in Teilen jenen der früheren Coeten entsprachen. Die älteren Schüler erinnerten sich an das letzte Jahr des Coetus 1938/39, das sie als Primaner noch erlebt hatten.

Wie reagierten die betroffenen Schulen und wie ihre Studenten auf diese Verordnung?
Schon im Frühjahr 1946 regten sich an einzelnen Schulen tradierte Formen früherer Freizeitgestaltung. Der Coetus wurde bis auf zwei Ausnahmen an allen Schulen, wo er vormals existierte, neu gegründet. Die Direktionen hatten nach Bekanntwerden der ministeriellen Verfügung die Schüler zur Vollversammlung speziell für diesen Zweck einberufen. Nach Bekanntgabe der Anordnung und Erläuterung der Ziele der Schülervereinigung fand die Wahl der Chargen, der Coetusbeamten statt – nicht zwangsläufig unmittelbar im Anschluss an das früher so bezeichnete erste Offizielle Judizium, die Versammlung der Coetisten unter der Leitung der Direktion. An manchen Schulen dauerte es einige Monate, bis die Wahl vollzogen wurde. An einer unterblieb sie ganz.

Ein kurzer Rückblick zeigt, dass das Lehrerinnenseminar in Schäßburg als einzige deutsche Mittelschule in Siebenbürgen nie einen Coetus hatte. Die Schülerinnen waren in der „Schulgemeinde“, einer coetusähnlichen Vereinigung organisiert, die nach 1945 nicht wieder eingerichtet wurde. Diese Schule bleibt hier außer Betracht.

Das Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasium (Coetus „Carpathia Mediensis“ bis 1939) in Mediasch hatte nach 1946 keine Wahlen durchgeführt. Folglich bestand in der fraglichen Zeit dort kein Coetus, selbst wenn in Publikationen etwas anderes steht. Alle befragten Zeitzeugen, damals Schüler der oberen Klassen des Roth-Gymnasiums, bestätigen, dass es diese Schülervereinigung in Mediasch nicht wieder gegeben hat.

Der stellvertretende Direktor am Honterus-Gymnasium in Kronstadt, Eugen Weiss, schreibt in dem Jahresbericht „Die wichtigsten Ereignisse im Leben der Honterusschule 1945/46“: „Die demokratische Selbstführung der Schüler in Form von Schülerausschüssen wurde auch in diesem Schuljahr fortgesetzt und hat sich in vielen Fällen bewährt.“ Das mag zu jenem Zeitpunkt eine schulinterne Regelung gewesen sein. Es bestehen allerdings Zweifel an der Schlussfolgerung von Michael Kroner, dass damit „wahrscheinlich die Wiedererrichtung des Coetus gemeint“ ist. Es ist unvorstellbar, dass eine coetusähnliche Vereinigung vor Inkrafttreten der oben erwähnten Verordnung des Unterrichtsministeriums, also vor Oktober 1946, unter den damals gegebenen Umständen auch nur in Erwägung gezogen worden ist.

Am Bischof-Teutsch-Gymnasium („Chlamydaten-Coetus“) in Schäßburg kam im Schuljahr 1946/47 kein Coetus zustande. Eine Versammlung unter Vorsitz von Direktor Dr. Hollitzer im November 1946 veranlasste den Oktavaner Gerhard Schullerus im April 1947, die Wahl der Coetusbeamten im Voraus für das folgende Schuljahr 1947/48 vorzunehmen.

Die anderen Mittelschulen und ihre Coeten waren in Kronstadt das Honterus-Gymnasium mit dem „Coetus Honteri“ und das Handelslyzeum mit dem „Coetus Mercurii“, in Hermannstadt das Mädchenlyzeum mit dem „Coetus Transylvania“, das Brukenthal-Gymnasium mit dem „Coetus Brukenthalia“ und das Lehrerseminar mit dem „Coetus Seminarii“.

Gründungzeitspanne und Wahl der Coetusbeamten

Die Umsetzung der Verordnung des Unterrichtsministeriums war den Schulen offenbar freigestellt. Darauf lassen die unterschiedlichen Termine der Durchführung beziehungsweise des Verzichts schließen. Ältere Schüler, bis 1944 in der DJ organisiert, standen dem Unterfangen anfangs skeptisch gegenüber, brachten sich aber danach in den Arbeitsgruppen ein, die ihren Interessen entsprachen.

Am Beginn der Neugründung des Coetus stand die Wahl der Chargen. Die Stimmabgabe für die Coetusbeamten war für alle Schüler der erste demokratische Wahlakt. An der Brukenthalschule gab Direktor Dr. Hannerth die von der Professorenkonferenz erstellte Kandidatenliste bekannt. Die Wahl fand in einem Wahlgang (en bloc) statt. Im Laufe der Diskussion verzichteten sukzessive alle Kandidaten auf die Bewerbung. Den Verzicht deutete Dr. Hannerth „als von vornherein [...] negative Einstellung zum Amt“ und erklärte, „dass wohl kaum ein Coetist einen [solchen] Kandidaten wählen werde“. Damit dämpfte er die aufkommende Empörung. Die Wahl wurde zu Ende geführt. Nach Bekanntgabe der Ergebnisse wandte er sich aber in einer Stellungnahme zu verschiedenen Vorfällen an die Coetisten, „so dass die Rede leider zum Teil eine Strafpredigt darstellen musste“.

Publikationen

Drei Coeten schafften es trotz widrigster Umstände in diesen Nachkriegsjahren, eigene Coetus-Mitteilungsblätter beziehungsweise Coetus-Zeitungen herauszugeben. Das Gaudeamus genannte Blatt des Coetus Honteri erschien erstmals am 1. November 1946. Die Redaktion begründete eingangs die Wahl des Namens mit dem Hinweis, dass sich alle „an gemeinsamer Zusammenarbeit freuen sollen“. Sie erwartete die Mitarbeit der Coetusmitglieder mit Beiträgen „belehrenden, erbauenden oder erheiternden Inhalts“. Das Mitteilungsblatt „will zur Besserung der noch äußerst mangelhaften Kameradschaft der Klassen untereinander, sowie in den Klassen selbst den Weg weisen, will Freude durch Belehrung und Arbeit auf kulturellem, technischem, wissenschaftlichem und anderen Gebieten bereiten“. Dem Heft 8 des Gaudeamus ist als Anhang ein Inhaltsverzeichnis beigefügt, das die im Laufe eines Jahres zahlreich und mannigfaltig erschienenen Artikel und behandelten Themen auflistet.

Nach der Wiedergründung des Coetus Mercurii wurde Soll und Haben, die Coetus-Zeitschrift mit dem „unverfänglichen Namen“, wie es heißt, herausgegeben. Folgende Beiträge und Abhandlungen standen in Folge 1 vom Dezember 1946: „Zum Geleit“; Stand der Wirtschaft unseres Vaterlandes; Gedichte; Die Heimkehr; Eine Betrachtung des modernen Musiklebens; Ein Hinweis für kommende sportliche Schulwettkämpfe; Anekdoten, Humor, Allerlei. Die Beiträge enthielten Aufsätze der Mitschüler über verschiedene Themen und Informationen aus Schule und Coetusleben. Materielle Schwierigkeiten konnten nur dank der großzügigen Unterstützung früherer Unternehmer überwunden werden. Es fehlte u. a. an Papier, Schreib- und Vervielfältigungsmöglichkeiten. Der Kronstädter Buchhändler Hiemesch half aus, indem er unentgeltlich Papier und Matrizen zur Verfügung stellte. Die Redaktion arbeitete in Wohnungen einiger Schüler und die Markus-Druckerei besorgte die Vervielfältigung. Der Kronstädter Schriftsteller Altdirektor Adolf Meschendörfer stellte die Abschrift einer neuen Erzählung zur Verfügung. Zu Weihnachten 1946 erschien eine Sonderausgabe, beginnend mit dem „Weihnachtslied“ von Theodor Storm. In der Ausgabe Nr. 1, Jahrgang II, Oktober 1947, findet man u. a. Mihai Eminescus „Mai am un singur dor“ in deutscher Übersetzung. In der Reihe „Vergangenheit im Gespräch“ will man „verdiente Männer unseres sächsischen Volkes zu Wort kommen lassen“.

Im BCB, dem Brukenthal-Coetusblatt, publizierte der Coetus „Brukenthalia“ Berichte über Aufführungen und Veranstaltungen der verschiedenen Coetusgruppen und Arbeitskreise, über Vortragsreihen, ergänzt durch künstlerische, technische und literarische Beiträge sowie durch Briefkasten und Kreuzworträtsel. In geringem Maße fanden Artikel über politische Ereignisse wie z. B. zur „Sowjetisch-rumänischen Freundschaftswoche“ Eingang. Die erste Nummer erschien im März 1947. Trotz technischer Probleme, die sich aus der Verwendung unzulänglicher Materialien ergaben (leicht einreißende Matrizen, falsche Papiersorten und schlechte Kohlentinktur) entstand ein von einem „idealistischen Schriftleiter“ vielseitig gestaltetes Blatt. Es gelang sogar, die BCB-Weihnachtszeitung als Sondernummer im Zweifarbendruck (schwarz und rot) herauszubringen.

Schulübergreifend wurden auch Artikel der Präfektin vom „Coetus Transilvania“, des Mädchen-Lyzeums, und vom Präfekten des „Coetus-Seminarii“, des Lehrerseminars, veröffentlicht. Der Schriftleiter Paul Schuster kommentierte den Sachverhalt „So ist das BCB in letzter Zeit zum Spiegel der Arbeit in unseren Coeten geworden, aus der Brukenthal-Coetus-Zeitung die Zeitung der gesamten sächsischen Schuljugend!“ Mit diesem Aufeinanderzugehen waren Bestrebungen wieder in Gang gesetzt worden, die sich die Coeten schon in den dreißiger Jahren zur Aufgabe gemacht hatten. Im Blatt Jahrgang II, Nr. 9 (Februar 1948), kündigte die Redaktion im Anschluss an den als „Unsere große Chronik“ bezeichneten Rückblick das Ende des Blattes an: „Mit dieser Nummer feiert der BCB sein einjähriges Jubiläum, stellt aber auch sein Erscheinen ein, weil es das, was es war, nicht mehr sein kann.“

Aktivitäten

Unter ungleichen Bedingungen und in verschiedenen Ausformungen begannen die Coeten gleich nach der Gründung im Schuljahr 1946/47 mit ihrer Arbeit. Sie erstreckte sich auf die kulturellen Bereiche Musik und Theater, auf die soziale Fürsorge, den Sport und auf verschiedene Interessensgebiete.

Musik: Blasmusik, Orchester, Chor und Jazz

Die Blasia des Coetus „Brukenthalia“ gab nach anstrengenden Proben unter Anleitung des Militärmusikers Gärtz schon am 16. und 23. März 1947 ein Konzert, bei dem etliche Musikanten aus Mangel an schuleigenen auf geborgten Instrumenten spielten. Die Blasiamitglieder traten unter der Leitung des Primus musicus Helmut Ernst im Flaus an und eröffneten das Konzert mit der Königshymne. Im Herbst 1947 fuhren Coetisten und Coetistinnen mit zwei Lastautos zu einem Gastspiel nach Girelsau, wo die Blasia mit Unterstützung des Mädchen-chores des Coetus Transylvania ein Konzert gab und die Theatergruppe das Lustspiel von Anna Schuller-Schullerus „Der Gänjzelroken“ aufführte.

Die Blasmusik des „Coetus Seminarii“ hatte in früheren Jahrzehnten einen guten Ruf. Daran wollten die Coetisten im Jahr 1946/47 anknüpfen. Ein Teil der Instrumente war dank der Aufmerksamkeit und des Engagements von Seminarprofessoren dem Zugriff des sowjetischen Militärs bei Nacht und Nebel entzogen worden. Bei der Aktion sollen Leintücher eine Rolle gespielt haben. Die regelmäßigen Blasmusikproben unter dem Primus musicus Michal Lösch, unterstützt von dem betagten Militärmusiker Gärtz, begannen in den letzten Wochen des Jahres 1946 im Unterrichtsraum der Übungsschule, das heißt im Keller der Kapelle auf dem alten evangelischen Friedhof. Nach gründlicher Vorbereitung lud die Blasmusik des Seminarcoetus im Frühjahr 1947 zu einem „Bunten Abend“ in die Aula des Brukenthal-Gymnasiums ein, der durch die Anwesenheit von Landesbischof Müller eine besondere Würdigung erfuhr. Im darauffolgenden Schuljahr gab die Seminar-Blasmusik am 7. Dezember 1947 unter neuer Regie ein Konzert im Stadttheater. Am Aschermittwoch spielte sie wieder auf und umrahmte die Vorstellung der Theatergruppe, die das Lustspiel von Otto Reich „Der Härr Lihrer kit“ aufführte. Dieser Coetus-Gemeinschaftsabend war die letzte Veranstaltung des Seminar-Coetus vor der Verstaatlichung der deutschen Schulen.

In Mediasch trat eine Musikkapelle von Schülern des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums unter der Leitung des Quintaners Stefan Bretz in den Räumen des früheren Internats ausschließlich vor Schülern und Eltern auf; darüber hinaus auch einmal in Meschen. Ein Aufenthalt in Neudorf war im Einvernehmen mit dem Pfarrer, dem Großvater des Schülers Weingärtner, für mehrere Tage zu intensiven Proben geplant. Er wurde aber sofort von der Ortsbehörde verboten. Um einer Festnahme zu entgehen, flüchteten die Mitglieder der Musikkapelle zu Fuß querfeldein nach Reichesdorf und spielten der dort versammelten sächsischen Jugend zum Tanz auf.

Die Blasia des „Coetus Mercurii“, die sich von 1926 an zu einer hervorragenden Blasmusikkapelle entwickelt hatte, trat nach 1945 nicht mehr auf. Gleiches gilt für die Blasia des Chlamydaten-Coetus. Der Stadtprediger Hermann Binder hatte die Instrumente der ehemaligen Schäßburger Blasia zwar kurz nach dem 23. August 1944 im Turm der Bergkirche versteckt: „Durch dieses Loch habe ich sie hineingelegt“, schreibt der Primus musicus eines früheren Jahrzehnts. Erst nach der Umwandlung der Schule im Jahre 1948 hielt er die Zeit für gekommen, die Instrumente herauszurücken.

Eine Feierstunde des Coetus Honteri fand am 15. Dezember 1946 in der Kronstädter Obervorstädter evangelischen Kirche statt. Das abwechslungsreiche Programm enthielt neben Gedichtvorträgen und Darbietungen des Coetuschores Beiträge klassischer Musik, dargeboten von Klavier- und Violinspielern als Solo, Duett und als Streichquartett. Den Vortrag über „Die sächsische Nationsuniversität als Ausdruck einer jahrhundertealten Demokratie“ hielt Präfekt Christian Markus. Im darauffolgenden Schuljahr beschränkte der Direktor aus Sicherheitsgründen die Aktivitäten des Coetus auf das Mindeste. Er befürchtete Nachteile für die Schule, die durch Auftritte in der Öffentlichkeit entstehen könnten. Dies berichtete der damalige Präfekt Heinz Gunesch.

Das mit „Lyra“ bezeichnete Schulorchester und Chor der Honterusschule wirkte weiter unter diesem Namen. Es trat unter der Leitung von Prof. Victor Bickerich z. B. mit einer Bachschen Ouvertüre in derselben Kirche unter Beteiligung des mehrstimmigen Chores auf. Der Chor des Hermannstädter Mädchenlyzeums gestaltete in der Vorweihnachtszeit der Jahre 1945 bis 1947 Weihnachtsfeiern auch in der Johanniskirche. Eine Abendveranstaltung mit dem Adventspiel der Coetistin Astrid Connerth bereicherte die Reihe dieser Veranstaltungen. Eine Jazz-Kapelle gründeten die Honterianer zusammen mit Schülern des rumänischen Şaguna-Lyzeums. Die Proben hielten sie in einem Raum der Tischlerei Hubbes ab. Ein von der Jugend vielbeachtetes und mit tosendem Beifall aufgenommenes Schlusskonzert fand in der Redoute statt.

Theater

„Und dann trat zum ersten Mal der Coetus unter der Maske auf“, bemerkte das BCB im Frühjahr 1947 zum Auftritt des jungen Brukenthalia-Ensembles mit Christian D. Grabbes Komödie „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. Sie wurde im Festsaal des Ursulinerklosters aufgeführt und vom Publikum mit enthusiastischem Beifall aufgenommen. Der Schlusssatz der konstruktiven BCB-Kritik lautete: „Dennoch aber war dieses Spiel der erste Schrei eines neugeborenen Kindes: der Theatergruppe.“

Seminaristen und Schülerinnen des Mädchenlyzeums studierten unter Anleitung von Frau Tobie das Mundartstück „Äm zwien Krezer“ ein und führten es am Pfingstmontag 1947 im Hermannstädter Stadttheater auf. Die anwesende Dichterin Anna Schuller-Schullerus richtete selbst ein Grußwort an das Publikum und erhielt ebensoviel Applaus wie die Akteure. Die musikalische Umrahmung der Aufführung besorgten die Blasmusik und der Chor des Seminarcoetus. Eine wegen starker Nachfrage angekündigte Wiederholung unterblieb - aus welchem Grund auch immer.

Viel Anerkennung erhielten die Transylvania-Coetistinnen bei der Aufführung des Theaterstückes „De Olden“ von Anna Schuller-Schullerus. Die Aufführungen einzelner Klassen, wie z. B. der Sexta am 16. November 1947 mit einer Bearbeitung von Storms „Regentrude“ und der Septima mit dem bunten Abend „Humor und Liebe“, wurden im BCB von der Präfektin kritisch beurteilt: „Der Coetus als Gemeinschaft ist für uns wichtiger, als die Klasse als Gemeinschaft.“

In Mediasch traten Schüler mit dem Lustspiel „Der eingebildete Kranke von Moliere“ mit kleineren Theaterstücken und mit Gedichtvorträgen vor die Schulgemeinde.

In Schäßburg fand im Dezember 1947 ein Coetus-Abend statt, zu dem etliche Coetisten im Flaus erschienen waren. Die Theatergruppe trat mit „Wallensteins Lager“ vor das Publikum. Das zum Abschluss der ersten Veranstaltung gesungene Lied „Wohl auf, Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd, ins Feld, in die Freiheit gezogen“ wurde als nicht zum Zeitgeist passend kritisiert. An Elternabenden wurden im Laufe des Schuljahres 1946/47 im Botanischen Garten zwei Vorstellungen geboten: „Schwan kleb an“ und „Rumpelstilzchen“. Das in der Aula aufgeführte „Krippenspiel“ umrahmte ein von drei Paaren getanztes Mozart-Menuett.

Alle Theateraufführungen und Konzerte der Coeten mussten der Nachfrage und des Andrangs wegen zwischen zwei- und sechsmal wiederholt werden. Den Coetusaufführungen voraus gingen die Proben. Sie mussten, wenn es sich um schulübergreifende Vorbereitungen handelte, des Unterrichts wegen auf die Abendstunden verlegt werden. Damit gingen die Schüler und Schülerinnen ein Risiko ein, weil verhängte Ausgehverbote und Sperrstunden genau zu beachten waren.

Soziale Fürsorge

Die Not in den Nachkriegsjahren war groß und hielt auch 1947/48 ununterbrochen an. Um ihr zu begegnen, veranstalteten verschiedene Klassen des Hermannstädter Mädchenlyzeums Theateraufführungen und kleine Ausstellungen. Sie wollten durch eigene Anstrengung die Mittel für Schulgeldpatenschaften und Weihnachtsbescherungen verdienen. So z. B. übergab die Sexta den Reingewinn eines Elternabends der Armenunterstützung, die Septima für die Armen der eigenen Schule. Die Armenpflege für bedürftige Schülerinnen wurde durch die tägliche Verteilung von Jausenbroten weiter ausgebaut.

Zur Linderung der Notlage der Stadtarmen fanden über längere Zeiträume hinweg Lebensmittelsammlungen statt. Coetistinnen betreuten arme sächsische Kinder, deren Väter aus dem Krieg und/oder deren Mütter von der Zwangsarbeit in der Sowjetunion noch nicht zurückgekehrt waren.

Sport

Ein herausragender Mannschaftssport an siebenbürgisch-sächsischen Schulen war seit den zwanziger Jahren das Handballspiel. Er blieb es auch in der Nachkriegszeit. Die Handballmannschaft des Coetus Brukenthalia trug Spiele gegen die Elf der Gremialhandelsschule, gegen die Junioren des Arsenal und gegen die des alten Rivalen, des Lehrerseminars, aus.

„Victoria“, eine dem Schäßburger Turn-Verein (STV) ähnliche Organisation, gab den Anstoß zur Gründung einer Handballmannschaft. Die Viktoria II rekrutierte sich aus Schülern und vertrat die Schäßburger Bergschule in den Jahren 1946-1948 nach außen hin. Gegner waren die Mannschaften des Seminarcoetus und der Stephan-Ludwig-Roth-Schule Mediasch. Ein Sportleiter betreute die Elf erst im Schuljahr 1947/48.

Die Handballmannschaft des Coetus Seminarii trug 1946/47 zwölf Spiele hauptsächlich gegen Hermannstädter Schulmannschaften, aber auch gegen auswärtige Equipen aus: eines in Schäßburg gegen Viktoria II und zwei in Heldsdorf. Den Seminaristen stellten sich eine aus Schülern des Honterus-Gymnasiums und des Handelslyzeums gebildete Mannschaft und eine Elf junger Männer aus Brenndorf und Heldsdorf. Im Schuljahr 1947/48 spielte das Seminar in einem Blitzturnier gegen Arsenal I, Arsenal II, die Brukenthalschule und gegen das rumänische Gymnasium Gheorghe Lazăr. Außer den Begegnungen mit den bekannten städtischen Mannschaften gab es an Pfingsten 1948 ein weiteres Spiel gegen Heldsdorf.

Verschiedene Arbeitskreise

Literaturkreise luden an nahezu allen Schulen zu regelmäßigen Literaturabenden ein. Der Coetus Mercurii richtete eine Fremdsprachengruppe unter der Leitung von Hans Dobnig ein.

Wandergruppen erkundeten die Umgebung der jeweiligen Schulstandorte. Eine Bergfahrtengruppe des Brukenthalia-Coetus unter der Leitung von H. Schuller besprach das Arbeitsprogramm. An Lehrabenden wurden die bergbegeisterten Coetisten „für das Hochgebirge wind- und wetterfest“ gemacht und auf das Holzfällen als eine dringende soziale Hilfe vorbereitet. Die Wintersportgruppe unter Bonfert bereitete sich auf Übungsfahrten in Răşinar und die erste Skifreizeit nach Weihnachten 1947 im Fogarascher Gebirge vor.

Die Fotogruppe der Brukenthalschule kam zustande, obwohl es nur wenige Fotoapparate gab, die Dunkelkammer und die erforderlichen Geräte nicht mehr existierten und nur geringe Reste des nötigen Materials vorhanden waren.

Einen Biologischen Kreis und einen Kreis Technisches Zeichnen betreuten Professoren des Bischof-Teutsch-Gymnasiums.

Es ist nicht ersichtlich, ob die Vorhaben des Coetus Honteri, wie im „Gaudeamus“ Nr. 1 vom 1. November 1946 aufgeführt, zustande gekommen sind: einen Schachverein im Rahmen des Coetus zu gründen sowie eine von Sextanern gewünschte Handball- oder Volleyballmannschaft aufzustellen. Im Coetusblatt stand für Skifahrer der Hinweis auf Gefahren im „Telefon“ (der Abfahrtspiste Telefonschlucht).

Ausblick

In den Städten mit mehreren Mittelschulen hatten die Schüler bald und in aller Konsequenz den Aufbau der Coeten und deren Arbeit in Angriff genommen. Hier hatte wohl der permanente Wettbewerb, unter dem die Coetisten in den Städten mit zwei oder mehr solcher Schulen von jeher standen, ohne Zweifel einen Ansporn gegeben. In Schäßburg und Mediasch mit nur je einer der genannten Schulformen unterblieb die Wiedereröffnung des Coetus - zumindest vorerst.

Die Namen der gewählten Coetus-Beamten sind hier aufgeführt. Sie erbringen den Nachweis für die Neugründung des Coetus und die tatsächlich erfolgten Wahlen. Eine Abgrenzung der Aktivitäten zwischen Schul- und Coetusveranstaltungen ist unterblieben, weil sie nicht voneinander unterschieden werden können.

Es ist erstaunlich, welche Leistungen mit großem Engagement und gutem Erfolg auf den verschiedenen Betätigungsfeldern von Coetistinnen und Coetisten trotz erdrückend nachteiliger Umstände erbracht worden sind. Die Auswahl der Themen für Vorstellungen, Aufführungen und Publikationen resultierten aus dem Fundus früherer Jahrzehnte. Damit wollte man Einsprüchen oder gar Verboten durch die kommunale Obrigkeit vorbeugen.

Die Frage, woher die Geldmittel stammten, die für die Abwicklung der Aktivitäten zweifellos erforderlich waren, ist berechtigt, zum Teil aber beantwortet worden. Die Coetistinnen kamen in ständigem selbstlosem Einsatz für Ausstellungen und Vorführungen über Eintrittsgelder und Verkaufserlöse zu den Mitteln, die sie brauchten, um die selbstgewählte Fürsorgepflicht für Arme erfüllen zu können. Als Beispiel für die Beschaffung kann auch, pars pro toto, die Kassenführung des Coetus Seminarii dienen.

Schüler, Lehrer und Eltern waren durch die äußeren Umstände in starkem Maße beansprucht. Vor diesem Hintergrund erscheinen die in der angesprochenen Zeit von den Coetusmitgliedern freiwillig erbrachten Tätigkeiten in den unterschiedlichen Wirkungskreisen beachtenswert. Die Bedeutung des Coetus an den weiterführenden deutschen Schulen in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg kann, für die Schüler wie für die sächsische Bevölkerung, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Coetusmitglieder konnten sich auf Gebieten und in Bereichen einbringen, die nicht unmittelbar zu den Aufgaben der Schulen gehörten, aber ihren Interessen entsprachen. Diese meist selbständigen Tätigkeiten mobilisierten Kräfte zu sinnvollem Tun in der Gemeinschaftsarbeit und führten die Menschen zusammen. Die deutsche Bevölkerung schöpfte Hoffnung und empfand das Handeln, Auftreten und Wirken der Schülerschaft als Zeichen des Beginns einer vielleicht besseren Zeit.

Hermann Schmidt, Mössingen

Schlagwörter: Schule, Bildung, Schulgeschichte, Brukenthalschule, Honterusschule

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