22. November 2023

Die bedeutende Schulgeschichte Siebenbürgens wird weiter dokumentiert

Am 21. und 22. Oktober fand im Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München die 21. Jahrestagung der Sektion Pädagogik und Schulgeschichte des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) statt. Die Veranstaltung wurde auch dieses Jahr vom Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen e.V. aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Wie bei früheren Tagungen standen Berichte und Mitteilungen auf dem Programm, die Aspekte der siebenbürgisch-sächsischen Schulvergangenheit aus verschiedenen Zeiträumen beleuchteten.
Schäßburg um 1852, Radierung von L. Rohbock ...
Schäßburg um 1852, Radierung von L. Rohbock
Bei der Veranstaltung, die von Dr. Erwin Jikeli, Leiter der Sektion Pädagogik und Schulgeschichte, vorbereitet und moderiert wurde, trugen sechs Referenten, die sich über Jahre mit der Schulgeschichte Siebenbürgens beschäftigten, ihre Arbeiten traditionsgemäß an zwei Tagen vor.

Den Auftakt bildete der Vortrag „Alte Schulen in Schäßburg – die Spitalsschule und die Schule am Siechhof“, in dem die Referentin Erika Schneider einen Überblick über das älteste Schulwesen in Schäßburg gab. Anhand der Stadtrechnungen zeigte sie, dass die Schulentwicklung nicht nur in der Oberstadt und auf dem Schulberg stattgefunden hatte, sondern auch die damals unbefestigte Unterstadt erreichte. So entstand auf dem Gelände des Siechhofs, der bis zum 12. Jahrhundert von den Ordensschwestern vom Heiligen Grabe genutzt wurde, eine Schule für Leprakranke. Im Bereich des Siechhofs wohnten auch Rumänen, deren Kinder die deutsche Schule besuchen durften, wenn ihre Eltern das Schulgeld zahlten. Die diesbezügliche Offenheit der Schule am Siechhof war für jene Zeit bemerkenswert!

Die Studentin Anna Rapp referierte über die „Rezeption Melanchthons in Siebenbürgen und deren Wirkung auf das Schulwesen“. Sie studiert derzeit an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Landau Sonderpädagogik im Master. Durch ihre Bachelorarbeit, die vom Dozenten Dr. Ulrich Wien betreut wurde, hatte sie die Chance, sich mit der Region Siebenbürgen und der Person Philipp Melanchthons zu beschäftigen. In einem übersichtlich gegliederten und spannend aufgebauten Vortrag bot Rapp einen detaillierter Exkurs in das Leben und Wirken Philipp Melanchthons (1497-1560) und widmete sich anschließend den Auswirkungen von Melanchthons Ideen auf Kirche, Religion und Schulwesen in Siebenbürgen. Die Referentin zeigte, dass die Reformation in Siebenbürgen nicht nur eine Neuordnung des kirchlichen Lebens verfolgte, sondern eng mit der grundlegenden Neuerung des Schulwesens verbunden war. Beispielsweise wurden mehrere Bücher Melanchthons gedruckt, die schulisch gesehen vor allem dazu dienen sollten, den Schülern die grundlegenden Begriffe der Theologie und der Philosophie beizubringen. Gleichermaßen verfolgte Honterus, ähnlich wie bei der kirchlichen Reformation, auch bei der Erneuerung des Schulwesens die gleichen Ziele wie Melanchthon. Dazu gehörte die Verbindung von Glaube und Wissen, die bei der Erneuerung der Wissenschaft. Auch wenn Melanchthons Einfluss nicht unmittelbar stattfand, sondern erst durch Gleichgesinnte wie Honterus oder Wagner möglich war, kam es durch seine Rezeption unbestritten zu theologischen, kirchenpolitischen und schulischen Umorientierungen in Siebenbürgen, stellte Rapp fest. In der anschließenden Diskussion wurde nicht nur der Inhalt des Vortags gewürdigt, sondern auch die Hoffnung ausgesprochen, dass die Referentin ihr Interesse an Siebenbürgen während ihres weiteren Bildungsweges beibehalten möge.

Das Schäßburger Stadtbuch von 1487 ...
Das Schäßburger Stadtbuch von 1487
Martin Krummel, der im September 1995 im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland als Bundesprogrammlehrer an der Hermann-Oberth-Schule in Mediasch seinen Dienst antrat, berichtete über „Die Renovierung der Hermann-Oberth-Schule in der Zeit von 1995 bis 2000“, an der er maßgeblich beteiligt war. Anhand umfangreichen Bildmaterials erläuterte er die einzelnen Phasen der Renovierung im Rahmen der sehr schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit. Von Anfang an war dem jungen Pädagogen die außerordentlich schwierige und uneffektive Unterrichtssituation in der Nachmittagsschicht, hervorgerufen durch den Mangel an Klassenräumen, aufgefallen. Zusammen mit der damaligen Schulleiterin Inge Jekeli versuchte er, Abhilfe zu schaffen. Obwohl er keine Wurzeln in Siebenbürgen hat, opferte Krummel seine Freizeit und nutzte seine zahlreichen Verbindungen in Deutschland, um die Renovierungsarbeiten voranzutreiben. Mit einem Zuschuss von 145 000 DM aus Mitteln des Bundesministeriums des Inneren, einer Spende vom Rotary Club Hofgeismar und vielen Spenden von Freunden und Bekannten aus Deutschland wurden die Renovierungsarbeiten erfolgreich abgeschlossen. Krummel schloss seinen Vortrag mit der Feststellung: „Es machte mir Spaß, solch historisch interessante Gebäude wie die der Mediascher Kirchenburg durch den kombinierten Einsatz von traditionellen und modernen Techniken effektiver nutzbar zu machen und somit auch zum Erhalt dieser Gebäude beizutragen.“

In seinem auf Quellen aufgebauten Vortrag „Vom ,Schulmeyster‘ Urbanus Petri zum Gustav-Gündisch-Lyzeum. Aus der Geschichte des Schulwesens in Heltau“ gab Konrad Gündisch einen detaillierten Überblick über die wechselvolle Entwicklung des Heltauer Schulwesens von der ersten Erwähnung eines Schulmeisters im Jahr 1428 bis zum Jahr 1999, als das Heltauer Lyzeum den Namen „Gustav Gündisch“ erhielt. Obwohl der erste Hinweis auf eine Schule in Heltau erst 1428 auftaucht, ist der Referent der Überzeugung, dass die hohe Zahl an Studierenden aus Heltau ab 1417 auf die Existenz einer sehr leistungsfähigen Schule hinweist, die bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorhanden war. Am Beispiel des Urbanus Petri, der in Hermannstadt als Notar wirkte, belegte Gündisch, dass die Absolventen der Heltauer Schule nach ihrem Studium im Ausland nicht nur wichtige Ämter in ihrem Heimatort, sondern auch in Hermannstadt und anderen Orten Siebenbürgens bekleideten.

Hans Gerhard Pauer untersuchte in seinem Vortrag „Die Gründung der Bergschule und ihre Entwicklung zu einem humanistischen Gymnasium (1607-1754)“ die im siebenbürgischen Vergleich verspätete Gründung eines humanistischen Gymnasiums in Schäßburg und erläuterte die politischen sowie wirtschaftlichen Gründe, die zur Verlegung der neuen Schule auf den Schulberg führten. Gestützt auf das Quellenmaterial aus dem Schäßburger Stadtarchiv, gab der Referent einen Überblick über die Struktur und Organisation des Unterrichts, die Qualifikation der Lehrer sowie die Stellung der Schüler und Lehrer in der Schäßburger sächsischen Gemeinschaft. Die Stadtrechnungen zeigten, dass die Lehrer noch immer in großer Armut lebten. Während im 17. Jahrhundert das städtische Gehalt für alle Lehrer 100 Gulden betrug, von denen der Rektor 60 Gulden erhielt, wurden dem Stadttrompeter 40 Gulden ausgezahlt.
Die „Naye Schul“ (Scola Seminarium Reipublicae ...
Die „Naye Schul“ (Scola Seminarium Reipublicae 1619) in Schäßburg
Die Tagung der Sektion Schulgeschichte wurde mit dem Vortrag „Das deutschsprachige Schulwesen in Rumänien – Standards und Kompetenzen im Laufe der Zeit“ von Erwin Jikeli abgeschlossen. Der Referent zeigte, dass das deutschsprachige Schulwesen im Laufe der Zeit von verschiedenen politischen Einrichtungen bestimmt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Kirche kaum noch in der Lage, ein modernes, leistungsstarkes deutsches Schulwesen zu unterhalten. Aufgrund der Agrarreform von 1921 verlor die Kirche einen großen Teil des Kirchengrundes und geriet dadurch als Schulträgerin der deutschen Schulen in finanzielle Schwierigkeiten. Entscheidend für den Fortbestand der deutschen Schulen war nach dem Ersten Weltkrieg und der Vereinigung Siebenbürgens sowie des Banats mit Rumänien die liberale Einstellung des rumänischen Staates den Minderheiten gegenüber. Auch während des Nationalkommunismus nach 1971 funktionierte in Rumänien ein deutsches Schulwesen, das trotz ideologischer Ausrichtung, vieler Einschränkungen und Mängeln von essenzieller Bedeutung für das Fortbestehen der deutschen Minderheit war. Um den Bildungsauftrag der Minderheit wahrzunehmen, standen die deutschen Lehrkräfte vor großen Herausforderungen und mussten in einer permanenten Gratwanderung ihre Aufgaben erfüllen.

Durch die Vorträge und die Abschlussdiskussion zur Tagung traten zusätzliche Aspekte und neue Fragen auf, die eine Weiterführung des Projektes als sinnvoll und notwendig erscheinen lassen. Alle Anwesenden waren sich darüber einig, dass die Arbeit der Sektion Schulgeschichte in den nächsten Jahren auf eine breitere und falls möglich auch auf eine jüngere Basis gestellt werden muss. Um die Dokumentationsarbeit der Sektion erfolgreich fortführen zu können, bitten wir alle, die sich mit diesem Thema befassen möchten, Kontakt mit Dr. Erwin Jikeli, Lindemanshof 6, 47179 Duisburg, Telefon: (0203) 496222, E-Mail: erwinjikeli [ät] gmx.de, aufzunehmen, damit auch für die zukünftigen Tagungen der Sektion eine ausreichende Zahl an Referenten und interessierten Zuhörern zur Verfügung steht.

Hans Gerhard Pauer

Schlagwörter: Schule, Schulgeschichte, AKSL, Tagung

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