29. November 2020

Ein Hermannstädter erzählt

In seinem Buch „Alte und neue Heimat. Stories aus dem Tage- und Nächtebuch eines Hermannstädters“ blickt der Autor Heinrich Heini – natürlich hat der Künstlername nicht zufällig große Ähnlichkeit mit einem berühmteren Schriftsteller – auf sein Leben zurück, das mittlerweile über sieben Jahrzehnte umfasst. Und die sind – wenn man dem Verfasser glauben darf – randvoll mit amüsanten und außergewöhnlichen Erlebnissen, die dem Leser oft ein Lächeln auf das Gesicht zaubern und Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wecken.
Auf 317 Seiten stellt sich Heini originell und lebenslustig vor, indem er Stilmittel der Satire wie etwa Überzeichnung und Persiflage der Sachverhalte verwendet. Die Persönlichkeit, die man zwischen den Buchdeckeln kennenlernt, erscheint als umtriebiger Hansdampf in allen Gassen, der immer wieder das Abenteuer sucht, keine Herausforderung scheut und in allen Lebenslagen seinen Humor behält. Ob es um die Jugendzeit in Siebenbürgen, das Eingewöhnen in Westdeutschland, die berufliche Karriere oder eine seiner vielen Reisen geht, man ist sofort mittendrin im Geschehen und entdeckt Altbekanntes wieder.

Heinrich Heini schreibt aufrichtig und offenherzig, wie es ihm ergangen ist. Der Spaß beim Lesen rührt auch von dem speziellen Sprachstil, der sich ergibt, wenn man Sprachen mischt, dem Sprachwitz, der entsteht, wenn Heini Begriffe aus dem Rumänischen wörtlich übersetzt.

Außerdem ist Heini gern unterwegs und somit ist die Ausreise aus dem kommunistischen Rumänien für ihn „eine Mischung aus einem 6er im Lotto, Flug zum Mond und Dauerurlaub auf den Malediven“. Seine Reiseerlebnisse beschreibt er so anschaulich, dass sich beim Lesen schnell ein richtiges Kopfkino abspielt: Die Bahnfahrten, die Segeltörns, die Großstädte und kleinen Dörfer ziehen wie in einem Film vor dem geistigen Auge vorbei.

In den folgenden Jahren kommt er weit herum, aber seine Touren führen ihn immer wieder zurück nach Siebenbürgen und ans Schwarze Meer. Wie der Titel schon verrät, ist er hin- und hergerissen zwischen der alten und der neuen Heimat. Dieses Zerrissen-Sein äußert sich in der humoristisch dargestellten Autobiographie mit Sprüngen zwischen Zeiten, Welten und Themen, die bunt zusammengewürfelt mal hier und mal da auftauchen, meistens unerwartet und manchmal ohne Bezug zu dem Vorherigen.

Der Autor führt häufig einen inneren Monolog, in dem er Gedanken und Gefühle zu Erlebtem, auch Konflikten (gelösten und ungelösten) verarbeitet. Er unterstreicht die Situationskomik mit eigenen Wortkreationen und nimmt sich die Freiheit, erzählende Prosa, Poesie und sonstige Textformen zu vermischen, was das Buch authentisch macht.

Auch wenn der belustigte Leser vordergründig die Ironie und den Schalk zwischen den Zeilen hervorblitzen sieht, regt das autobiographische Werk auch zum Nachdenken an. Heini stellt Fragen, deren Antworten offen bleiben und den Leser dazu animieren, eigenen Überlegungen nachzugehen, etwa über den Preis der Freiheit oder den Sinn des Lebens.

Die besondere Affinität zur (Rock-) Musik der 1960er und 1970er Jahre spiegelt sich verdeckt in der Zwischenbilanz „Ten Years After“ („Zehn Jahre danach“). Offen tritt sie in der selbstironischen Schilderung „Idolii“ als gescheiterte Rockerkarriere in Erscheinung.

Hat man den letzten Satz gelesen, schlägt man das Buch mit einem Schmunzeln zu. Einerseits weckt es Erinnerungen an die Zeit vor 1990, andererseits wirft der Autor auch aktuelle Themen in den Ring, so dass es durchaus kein Schnee von gestern ist.

„Alte und neue Heimat“ ist besonders für Kenner Siebenbürgens ein unterhaltsames und lesenswertes Buch, denn wie der Untertitel verspricht, spielt Hermannstadt eine Hauptrolle. Das Titelbild glänzt in der gleichen roten Farbe wie das Hermannstädter Wappen und zeigt die Wahrzeichen der Stadt am Zibin – die Lügenbrücke, umgeben vom Turm der Stadtpfarrkirche und den mittlerweile berühmten Häusern mit den Dachluken, die wie Augen über dem nächtlichen Panorama wachen. Auch der Autor Heinrich Heini macht hier regelmäßig halt, wenn er seine Heimatstadt besucht. Dann geht er seinen alten Schulweg ab – die Schule steht ganz in der Nähe, am Huetplatz. Und wie einen guten Kameraden möchte man ihn begleiten, über seine Scherze und Wortspiele lachen, ihn nach der letzten Seite ungern ziehen lassen. Denn wer hört nicht gern Geschichten aus seiner Heimatstadt? Und Heini hätte sicherlich noch viele zu erzählen.

Mit dem aktuellen Buch erscheint nach „Die verborgenen Seiten des Herrn Siegerius“ und „Die 100 Seiten des Herrn Siegerius“ das dritte Werk des siebenbürgischen Satirikers Heinrich Heini, der – in die Fußstapfen seines Großvaters, des österreichischen Schriftstellers Anton Maly, und seiner Mutter, der Schriftstellerin Irmgard Höchsmann-Maly, tretend – sich mittlerweile eine kleine, aber begeisterte Leserschaft erschrieben hat.

Bettina Ponschab


Heinrich Heini: „Alte und neue Heimat. Stories aus dem Tage- und Nächtebuch eines Hermannstädters“, Books on Demand, Norderstedt, 2020, 317 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-752896985, zu bestellen in jeder Buchhandlung oder – mit persönlicher Widmung – beim Autor unter E-Mail: heinrich.hoechsmann[ät]gmail.com.

Schlagwörter: Buch, Rezension, Hermannstadt, Satire, Erinnerungen

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