6. Dezember 2023

„Fürst und Lautenschläger“ neu aufgelegt: wortgewaltige Erzählung von Hans Bergel

Eine Neuerscheinung: Hans Bergel „Fürst und Lautenschläger“ im Berliner Verlagshaus Frank & Timme, Edition Noack & Block. Dazu die werbenden Worte des Verlages: „Hans Bergels Novelle vom freiheitsliebenden Sänger, der dem despotischen Fürsten die Stirn bietet, ist legendär“ und „Fürst und Lautenschläger war sein erstes und biografisch wohl folgenschweres Buch“. Das macht neugierig, zumal Stefan Sienerth, Germanist mit Forschungsschwerpunkt Geschichte der rumäniendeutschen Literatur, ein kundiges Vorwort beisteuert.
In Zeiten, in denen in Deutschland die Presse verzweifelt nach Antworten sucht angesichts der Tatsache, dass 2023 „im Mittelpunkt der letzten Documenta-Ausstellung nicht die Kunst“ stand und man vermehrt über Kunstfreiheit bis hinein in den Bundestag diskutiert, ist die Neuauflage einer Erzählung „aus dem Siebenbürgen des 17. Jahrhunderts“, so der Untertitel, denn doch eine unschuldige Sensation. Man denkt unwillkürlich an Friedrich Schiller. Er schrieb: „denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“. Man denkt dabei sicherlich, allein die Freiheit bietet Möglichkeiten, Kunst zu denken, zu schaffen. Doch war das immer so?

Der Verlag kündigt das besondere Schicksal dieses 1957 publizierten Büchleins an. Seit der Antike weiß man es: Habent sua fata libelli – Bücher haben ihre Schicksale. In den Fokus der größeren Öffentlichkeit wurde diese Erzählung wohl erst 1992 gerückt, als in Freiburg eine Tagung stattfand, wo sich das erste Mal nach ihrer Entlassung aus den kommunistischen Gefängnissen Rumäniens die fünf Schriftsteller Aichelburg, Bergel, Birkner, Scherg und Siegmund getroffen hatten. Bei einer Podiumsdiskussion wurden sie vom Moderator aufgefordert, über die Umstände, die zu ihrer Verhaftung geführt hatten, zu berichten. So erwähnte Hans Bergel, dass seine Erzählung „Fürst und Lautenschläger“ unmittelbar zu seiner Verhaftung geführt hatte. Im Allgemeinen war der Wissensstand bei den Beteiligten über den Schriftstellerprozess damals, 1992, sehr gering. Der Literaturhistoriker Gerhard Csejka, einer der Tagungsteilnehmer, brachte es auf den Punkt: „Wir wußten nichts, Herr Bergel, nicht, weil wir uns nicht informieren wollten, sondern weil bis heute Informationen zu diesem Thema doch sehr spärlich geflossen sind. [...] Ich erwartete und erwarte auch weiterhin, dass wir den Nachgeborenen sagen, was zwischen 1957 und 1959, dann 1964 passiert ist.“ Und so erwiderte Hans Bergel spontan, die „Schlüsselstelle der in jungem, überbordendem Freiheitsdrang geschriebenen Novelle ,Fürst und Lautenschläger‘ sei: Ich bin keine Hure und meine Kunst erst recht nicht.“.

1992 war möglicherweise eine Zäsur in der Betrachtung, in der Wahrnehmung dieser Erzählung durch die Leserschaft, aber auch durch den Autor selbst, der sich seit damals öfter über den „Lautenschläger“ geäußert hat.

In seinen „Notizen eines Ruhelosen“ notierte Bergel zu seiner Erzählung: „In der Novelle „Fürst und Lautenschläger“, im Winter 1945/46 geschrieben, 1957 in Bukarest veröffentlicht, 1959 in Kronstadt Anlass meiner Verurteilung zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit und Kerker, lautet der Schlüsselsatz: ,Ich bin keine Hure und meine Kunst erst recht nicht.‘“ Erst später erfolgte eine präzisere Äußerung Bergels über die Geschichte seiner Erzählung: Bereits 1955 bat ihn Hugo Hausl, Redakteur der Bukarester Tageszeitung Neuer Weg, um die Teilnahme an einem von seiner Zeitung landesweit ausgeschriebenen Literaturwettbewerb. Der Freund Hausl hat selbst aus Bergels Manuskripten die historische Novelle „Fürst und Lautenschläger“ ausgewählt, laut Bergel: eine stilistische Jugendsünde. Die Erzählung erhielt einen Preis, erschien in Zeitungsfortsetzungen und schließlich 1957 in Buchform, in einer doch riesigen Auflage von 4100 Exemplaren. Drei Jahre später wurde Bergel für seine Novelle vom Kronstädter Militärgericht verurteilt.

Eine seltene Äußerung Bergels lautet: „Ich habe während der Haftzeit oft an Hausl gedacht – und daran, wie einer zum Schicksal des anderen wird: ohne sein Drängen hätte ich mich an dem Preisausschreiben 1956 nicht beteiligt.“

Das Jahr 1957 scheint ein außergewöhnlich produktives Jahr gewesen zu sein, was die Verlegung von deutschen Büchern in Bukarest betrifft. Man hat den Eindruck, als ob ein Stau von Manuskripten in den Schubladen der deutschschreibenden Schriftsteller den Weg in die Redaktionen der zwei Bukarester Verlage – Jugendverlag und ESPLA, Staatsverlag für Kunst und Literatur – gefunden hatten. Gleich zwei Titel erschienen von Georg Scherg, der Roman „Da keiner Herr und keiner Knecht“ und „Die Erzählungen des Peter Merthes“. Von Andreas Birkner wird in der „Kleine(n) ESPLA Bücherei“ die Erzählung „Aurikeln“ verlegt. Und, das wird selten wahrgenommen: von Hans Bergel erschien im Jugendverlag im Januar 1957 „Fürst und Lautenschläger“, ein Monat später wird im gleichen Verlag der Erzählband „Die Straße der Verwegenen“ publiziert.

Da Hans Bergel sein Erstlingswerk lange Zeit als „pathetisch, maßlos“ angesehen hat, beschränkte er sich, ausschließlich über die Rolle der Erzählung in seinem Leben zu berichten, meistens in Verbindung mit dem berühmten Schlüsselsatz. Wenige haben das Büchlein gelesen oder besaßen es. Es ist das Schicksal, das manch ein berühmtes Buch erleidet: oft zitiert, aber wenig gelesen.

Allein Stefan Sienerths Verdienst ist es, dass dieser fulminante Bergel-Text jetzt endlich für alle Wissbegierigen zu lesen ist. Die Verbindung des Bergel-Textes in einem Band mit den Auswertungen seiner Securitate-Akte durch Stefan Sienerth, ist ein gut gelungenes Amalgam. In dem Vorwort zur Neuerscheinung berichtet Stefan Sienerth faszinierende und gleichzeitig abstoßende Tatsachen, die, verbunden mit dieser Erzählung, für Hans Bergel viele Jahre Kerker bedeuteten.

Stefan Sienerth, langjähriger Direktor des Münchner Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS), hat aus dem Studium der Securitate-Akten ein Projekt des IKGS generiert und hatte den Status „cercetător acreditat“, d.h. zugelassener Forscher, von der rumänischen Behörde erhalten. 2023 erschienen seine Studien und Aufsätze in einem Sammelband unter dem Titel „Bespitzelt und bedrängt – verhaftet und verstrickt. Rumäniendeutsche Schriftsteller und Geisteswissenschaftler im Blickfeld der Securitate“. Seine Recherchen Hans Bergel betreffend sind in der Neuauflage von „Fürst und Lautenschläger“ im Vorwort exzellent dokumentiert, in sieben kurzen Kapiteln zusammengefasst. Sienerth ist in Bewertung und Beurteilung von Personen sehr zurückhaltend, so dass er ausschließlich die dargelegten Fakten sprechen lässt. Die zitierten Passagen aus den Securitate-Akten werden sowohl in der Originalsprache, also rumänisch, als auch in deutscher Übersetzung dem Leser präsentiert. Dadurch schließt der Forscher falsche Deutungsmöglichkeiten a priori aus. Es wäre allerdings vom Verlag geschickt gewesen, die Forschungsergebnisse von Stefan Sienerth als Nach- und nicht als Vorwort zu publizieren. So hätte die geneigte Leserschaft unvoreingenommen den Text Bergels aufnehmen können. Es wäre ein großer Gewinn gewesen.

Das Cover der Neuauflage, einen Steinrötel auf einem Zweig darstellend, ein Singvogel, der möglicherweise auch im Karpatenbogen zu hören ist, symbolisiert das eherne Lied des namenlosen Lautenschlägers, der sich frei gefühlt hat, wenn er sang: „Es saß ein frei Wildvögelein / in einem grünen Walde ...“.

Josef Balazs


Hans Bergel: „Fürst und Lautenschläger“. Eine Erzählung aus dem Siebenbürgen des 17. Jahrhunderts. Mit einem Vorwort von Stefan Sienerth. Edition Noack & Block, Berlin, 2023, 134 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-86813-157-4

Siehe auch: Stefan Sienerth: „Bespitzelt und bedrängt – verhaftet und verstrickt. Rumäniendeutsche Schriftsteller und Geisteswissenschaftler im Blickfeld der Securitate“. Studien und Aufsätze. Frank & Timme Verlag, Berlin, 2023, 714 Seiten, 49,80 Euro, ISBN 978-3-7329-0873-8

Schlagwörter: Bergel, Erzählung, Literatur

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