26. August 2026
Die siebenbürgische Serenissima bleibt auch im Erinnern Königsboden
Aus Hunderten Namen entsteht eine unvergessene Sehnsuchtsheimat: „Gesichter Hermannstadts. Lebensbilder aus Geschichte und Gegenwart“, herausgegeben von Dagmar Dusil

Am Ende des Buches findet sich – etwas unerwartet – der Generalschlüssel zu den Erzählungen und Schilderungen: das akribisch verfasste Namenregister, das rund fünfhundert Einträge auf wenigen Seiten (S. 492–499) versammelt – schlicht, schmucklos, nackte Faktizität auflistend, in seiner Wirkung fast wie sumerische Keilschrift. Auf den ersten Blick ist es nur ein editorischer Anhang. Bei näherer Betrachtung verdichtet sich hier tatsächlich, worauf der ganze Band hinausläuft: Hinter jedem Namen steht ein Mensch, hinter jedem Menschen ein Leben, hinter den Leben ein Stück Hermannstadt. Hinter allen Facetten wird ein kompakter Geschichtsstrang sichtbar. Erst in ihrer Gesamtheit entfalten diese Namen ihre eigentliche Kraft. Sie lassen aus den Menschen die Stadt wieder erstehen, die sie geprägt haben. Aus Hunderten Namen entsteht eine unvergessene Sehnsuchtsheimat.
Die schiere Spannweite der Einträge macht das greifbar. Unter „A“ folgen auf Theodor W. Adorno – der Hannenheim einst nach Budapest empfahl – und Gabriela Adameşteanu unmittelbar Dieter und Heinz Acker. Unter „H“ steht der Eintrag „Hitler, Adolf“ zwischen Nachbarn wie Paul Hindemith, Franz Hodjak, Hannes Höchsmann und Johannes Honterus. Herta Daniel, die Mutter, steht neben Ortrun Daniel, der Tochter: diese berichtet über ihren Großvater Nick Voik, den Maler, jene über den Politiker Bernd Fabritius. Beide Autorinnen teilen sich im Register die Nachbarschaft mit dem Schlagersänger Ricky Dandel und dem Maler und Bildhauer Árpád Deák. Die große Welt, die europäische Region und die kleine Stadtgeschichte teilen sich hier dieselben Spalten, ohne eine Hierarchie zwischen ihnen aufkommen zu lassen.
Die weitaus meisten der rund 500 Namen stehen in direktem, oft biographisch engem Bezug zu Hermannstadt. Das Register urteilt nicht, es ordnet nur nach dem Alphabet, nicht nach Rang – die knappste, völlig unsentimentale Zusammenfassung des ganzen Buches: geistige Topographie im Stil einer Liste, auf der jeder Name ein Ort ist, an dem man, schlägt man nur nach, eine Welt wiederfindet.
Dieses Register ist der Grund, warum sich für den ganzen Band das Bild des Königsbodens anbietet. Der Königsboden war das Selbstverwaltungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Als politische Realität ist er seit anderthalb Jahrhunderten Geschichte. Das Prinzip, das ihn trug – die selbstauferlegte Rechenschaftspflicht einer Gemeinschaft über sich selbst –, überlebt in diesem Buch: Hermannstadt bleibt, indem es erinnert wird, Königsboden – ein Rechtsraum des Gedächtnisses mit eigener Gerichtsbarkeit über das, was Bestand haben soll.
Man darf wohl anmerken, dass ausgerechnet Johannes Zabanius, Sachs von Harteneck – selbst in diesem Band mit einem lesenswerten Beitrag aus der Feder von Konrad Gündisch vertreten – an diesem Buchprojekt seine helle Freude gehabt hätte. Der Sachsengraf, der sein Amt und sein Leben der Verteidigung des Königsbodens widmete, würde hier ein Gemeinwesen wiedererkennen, das zwar zu seinem eigentlichen Territorium meist nur noch einen virtuellen, rein erinnerten Bezug hat – in der Intensität der Evokation aber nicht zu überbieten ist. Die alten Ämter kehren, verwandelt, wieder: An die Stelle des Sachsengrafen tritt heute die Heimatgemeinschaft der Hermannstädter e.V., jene Körperschaft, die die über den Globus verstreute Gemeinde dort zusammenhält, wo einst der Königsboden sie beheimatete. Die Regularien der Sächsischen Nation, einst von der Nationsuniversität gesetzt, bestimmt nun die Herausgeberin: Sie entscheidet, wer das Wort ergreift, in welchem Register, mit welcher Verbindlichkeit gegenüber Quelle und Beleg. Und die Artikel jenes alten Gewohnheitsrechts, einst Paragraph für Paragraph verhandelt, sind die knapp vierzig Beiträge des Buches – jeder ein kleiner, in sich abgeschlossener Rechtssatz über ein Leben, mit Zitaten, Bildern, Fußnoten und Seitenangaben so sorgfältig belegt, wie es einst eine Zunftordnung oder ein Gerichtsurteil verlangte. Der Königsboden ist verschwunden, doch seine Verfassung tagt weiter, nur eben zwischen zwei Buchdeckeln – nicht mehr als Gerichtsbarkeit über Grund und Boden, sondern als literarische Gerichtsbarkeit über Lebensläufe. In den biographischen Momentaufnahmen der Enkel, die von ihren Großvätern schreiben, in den literaturkritischen Nachrufen auf die Dichter, in den anekdotischen Porträts der Stadtoriginale, in den kunsthistorischen Würdigungen der Maler, in der nüchternen Bilanz der Rennfahrer und Handballer – und zuletzt, am knappsten und unerbittlichsten, im Namenregister selbst, das über jeden dieser vierzig Fälle das letzte Urteil spricht: Er/sie hat gelebt, es steht verzeichnet!
Das mit zehn Beiträgen umfangreichste Kapitel „Musik und Theater“ eröffnet das Buch. Gerhard Ongyerths Porträt seines Großvaters Gust Ongyerth, Intendant des Deutschen Landestheaters in Rumänien (1933–1944), montiert dessen eigene Erinnerungen zu einer Geschichte kultureller Selbstbehauptung: „Unser Landestheater war ein echtes Volkstheater" (S. 17). Heinz Acker hat zwei beeindruckende Beiträge beigesteuert. Sein Porträt des Komponisten Norbert von Hannenheim, „Schönbergs vergessener Meisterschüler“, rekonstruiert dessen Weg von der Berliner Meisterklasse – Schönberg über ihn: „er war unbedingt eine der interessantesten Begabungen“ (S. 24) – bis zur Ermordung im NS-„Euthanasie“-Programm, wo sein Name in den Sterbelisten der Heilstätte Obrawalde-Meseritz grotesk verunstaltet als „Hammerkein Robert“ erscheint (S. 29). Ackers zweiter Beitrag über den einarmigen Dirigenten Henry Selbing (geboren Ernő Schlesinger) verbindet eine anrührende jüdische Familiengeschichte mit einer stillen Richtigstellung kommunistischer Gründungsmythologie: Die „Gründung“ der Hermannstädter Staatsphilharmonie 1949 sei in Wahrheit nur die „Verstaatlichung des existierenden Orchesters“ gewesen, das seit 170 Jahren bestand (S. 36 f.). Ingrid Loews Porträt des Kirchenmusikers Franz Xaver Dressler pflegt einen biographisch-erbaulichen Ton und zeichnet dessen Weg von Aussig über Leipzig nach Hermannstadt nach, wo er ab 1943 das Philharmonische Orchester neu aufbaute. Jürgen Schlezacks Text über den Tenor Anton „Toni“ Schlezack, Kurt Thomas Zieglers Doppelporträt seiner musisch-ärztlichen Eltern sowie die kürzeren, populäreren Beiträge von Gudrun Spaan (Schlagersänger Wolfi Rauch, mit einer Konzertschilderung von 1969 in der „Schlagerparade“, S. 92), Hans Seiwerth (Sänger Ricky Dandel) und Hannes Höchsmann (Schauspieler Christian Maurer, der sein Vorsprechen 1956 selbstironisch beschreibt: „Der Junge ist Feuer und Flamme! Direkt von der Schulbank kommt der Schlaks“, S. 105) verleihen dem Kapitel Gewicht.
Ehrenamtliches oder berufliches gesellschaftliches Engagement ist jedem Sachsen quasi in die Wiege gelegt. Im Buch werden drei typische Biographien vorgestellt. Christel Ungars Porträt der Bürgermeisterin Astrid Fodor, Baumeisterin des Wandels in der rumänischen Boomtown Sibiu/Hermannstadt, bilanziert deren Wahlerfolg 2016 (S. 113) und zitiert im Titel das Motto der beherzten Vollblutpolitikerin: „Der wichtigste Tag ist immer der morgige“. Herta Daniels Beitrag über Bernd Fabritius, den langjährigen Ausnahmepolitiker und Volkstribun der Deutschen Rumäniens, arbeitet mit dessen eigenem Bekenntnis: „Ich habe meine Landsleute als meine erweiterte große Familie empfunden“ (S.121). Dagmar Zinks Porträt Werner Kloos’ öffnet mit der typischen Hermannstädter Erkennungsfrage „Wo hast du gewohnt?“ (S. 131) als Aufhänger für eine Geschichte doppelter Verwurzelung zwischen Siebenbürgen und Bayern.
„Menschen wie du und ich“ ist ein Herzstück des Buches. Hier zeigt sich die Erinnerungsarbeit von ihrer persönlichsten Seite. Antonia Gallotsiks Porträt des Metzgers Willi Herbert beginnt mit dem titelgebenden Kundenruf „Macht mir ¼ Kilo!“ und verdichtet die Intensität eines Lebens, das über Jahrzehnte vom Takt des Metzgerhandwerks und des erfüllten Familienlebens bestimmt wurde. Monika Irimias Text über den Selchwarenhändler Emil Ernst Kirscher, Gründer des legendären UNICUMʼs, ist reine Familiengeschichte mit dem erklärten Ziel, „ihm hier ein Denkmal zu setzen“ (S.49). Hanne Roths Erinnerung an ihren Großvater, den Lokomotivführer Georg Mehrbrodt, lebt von wörtlich zitierten Sprüchen wie „also ich ertrage es nicht, wenn du mit diesen Kindern schimpfst“ (S. 156). Gerhard Konnerths Porträt seiner Großmutter Katharina Henning ist der stillste und literarisch dichteste Text des Kapitels – eine Meditation über die Sprachlosigkeit einer von Zwangsarbeit und Armut gezeichneten Generation: „Was davon ist denn noch sagbar, und was ist wohl bis heute unsagbar geblieben?“ (S. 160). Gudrun Spaans zweiter Beitrag, über ihren Großvater, den Lederwarenhändler, Riemer und Sattler Michael Spaan, beschließt das Kapitel mit einer Handwerkergeschichte über Leidenschaft und Erfolg.
Der Historiker Konrad Gündisch bestreitet den Abschnitt „Historische Persönlichkeiten“ mit drei gewichtigen Essays. In seiner fundierten Darstellung des Johannes Zabanius, Sachs von Harteneck, montiert er ein Florilegium fremder Urteile, von Friedrich Teutschs Lob, er kenne „keinen Führer der sächsischen Nation“, der „tapferer und einsichtiger das Volk liebte“ (S. 189), bis zu zeitgenössischen rumänischen Ehrentiteln wie „legendärer Sachsengraf“ (S. 189). Der Essay über Samuel von Brukenthal würdigt den überragenden Staatsmann als „einen Erinnerungsort der Siebenbürger Sachsen“. Der dritte Text über „Drei Hermannstädter Raketenpioniere“ (Conrad Haas, Valentin Franck von Franckenstein, Hermann Oberth) spannt einen vierhundertjährigen Bogen siebenbürgischer Erfindertradition (S. 217 ff.), die den internationalen Vergleich nicht scheuen muss.
Das kürzeste Kapitel „Naturkundler und Naturheger“ widmet sich dem Thema Naturverbundenheit und Naturpflege: Ingmar Loews Text über Erika Schneider, die siebenbürgische Botanikerin von einzigartigem Format, und Klaus-Peter Zsivanovits’ Beitrag über den Forstrat Emil Witting, dessen jägerisches Ethos sich in seinem Credo verdichtet: „die schönsten Schüsse sind die, die im Lauf bleiben!“ (S. 243).
Mit dem Kapitel „Literatur“ wechselt das Buch in sein literaturkritisch anspruchsvollstes Register. Georg Aeschts Nachruf auf den im Juli 2025 verstorbenen Franz Hodjak montiert dessen eigene Gedichtzeilen zu einem Autoporträt – von der grimmig-komischen Aufforderung, anlässlich eines toten Kanarienvogels „eine gedenkminute lang / alle käfige der welt“ zu öffnen (S. 44), bis zur Schlusspointe „Zuerst denkst du, / Gott sei Dank, er hat mich / nicht erschlagen. Und dann?“ (S. 30). Kurt Thomas Zieglers Text über Wolf von Aichelburg zeichnet den Lebensweg des Autors nach und lässt dessen „eigenartige Widersprüchlichkeit“ (S. 272) zwischen Dichtung, Zwölftonmusik und Aquarellmalerei bestehen, statt sie zu glätten. Weitere Porträts werfen ein Schlaglicht auf das rege literarische Leben Hermannstadts: Joachim Wittstock, der letzte siebenbürgische Großschriftsteller, der weiterhin „ohne jede Grandeur Bericht abzufassen“ (S. 282) gedenkt; Dagmar Dusil, die „markante Frauenstimme“ der siebenbürgisch-deutschen Literatur, Seele des Erinnerungswerks der Heimatgemeinschaft der Hermannstädter; Peter Motzan, Literaturwissenschaftler und „Hüter des Gesprächs“, der Scout jener Anabasis, die die deutsche Lyrik Rumäniens triumphal ins Herz des rumänischen literarischen Diskurses führte; die Kinderbuchautorin Anne Junesch, über die wir gerne mehr erfahren hätten … Der Beitrag „Der Hermannstädter Narr und sein Dichter“ steigt von der Nahaufnahme eines überragenden, aber fast vergessenen Gedichts Günther Schulz’ zur Generaldeutung eines Gemeinschaftsverhängnisses auf. Das Stadtoriginal Müller wird zur Verdichtungsfigur des sächsisch-schwäbischen Schicksals. So wird der Essay selbst zur tastenden Selbstbefragung der Auswanderergeneration, die nach Jahrzehnten der Abwesenheit um Verständnis ringt.
Das Kapitel „Originale“ dokumentiert Komik und Schrulligkeit als Erinnerungsform. Wolfi Kleins Porträt des tanzenden Elektrikers Hans Klein – „Der Hermannstädter Fred Astaire“ – ist durchgehend im Modus komischer Übertreibung geschrieben. Die Klavierlehrerin Titz, der „Schubladendichter“ Willi Schuster und „Herr Müller auf der Stadtmauer“ – sie alle drehten kein großes Rad, waren aber markante Randnotizen, die das menschliche Antlitz Hermannstadts mitgeprägt haben.
Das Kapitel „Malerei“ versammelt persönliche Erinnerungstexte: Zeitzeugenschaft statt Kunstgeschichte. Samuel Beers Porträt des Kunsterziehers Horst Zay verknüpft Freundschaftserinnerung mit der Lebensgeschichte eines 1945 als Siebzehnjährigen zur Zwangsarbeit deportierten Mannes, der „eher Epigone“ als „Bahnbrecher“ blieb, dessen Arbeiten aber „einen hohen Grad an Eigenständigkeit“ aufwiesen (S. 358). Gerlinde Schullers Beitrag über Ernestine Konnerth-Kroner zeichnet den Weg einer Malerin nach, die sich gegen väterlichen Widerstand und trotz ihrer Mutterpflichten Studienreisen nach Wien und Berlin erkämpfte und deren Bild in einer zeitgenössischen Kritik Ähnlichkeit mit Cézanne attestiert wurde. Ortrun Daniels Porträt ihres Großvaters Karl Nikolaus Voik, dem „Baumpsychologen“, der ein Werk von über 1.800 Ölbildern und 2.600 Aquarellen hinterließ, ist die persönlichste und wärmste Hommage des Kapitels. Konrad Kleins Beitrag über den in Bessarabien verschollenen Dolf Hienz sprengt formal den Rahmen – eine akribisch recherchierte, quellensatte Spurensuche, die den 1944 verschollenen, „unseren wohl stärksten Zeichner nach Kimm“ (Harald Krasser), über eine erst jüngst aufgetauchte Postkarte an seine Familie zurückbindet.
„Namen und Köpfe“: Sechs Leben, ein gemeinsamer Nenner: das Bewahren siebenbürgisch-sächsischer Kultur unter schwierigen Bedingungen. Reimar-Alfred Ungar, der geniale Buchvertriebsstratege, der 1982 die Erstauflage von Herta Müllers „Niederungen“ in 2.000 Exemplaren vorbestellte und so den Druck ermöglichte – den Nobelpreis der Autorin erlebte er nicht mehr. Hermann Pitters, Theologe und Brückenbauer, dachte die Idee eines Dialogforums schon während der Revolution von 1989 und war überzeugt: „Es gibt ein Fortwirken über das Vergehen des Gewesenen hinaus“ (S. 414). Christoph Klein, der langjährige Bischof, wird hier fast andächtig gefeiert als ein Mann, dessen Leben ganz im Glauben gründete. Skurriler, aber anrührend: Herman Roth, literaturbesessener Fantast, der an seinem Großprojekt „Sächsische Selbstbesinnung“ scheiterte, sich aber als Übersetzer rumänischer Dichtung bleibende Verdienste erwarb. Michael Henter, gefürchtet-strenger Deutschlehrer, überstand sowjetische Zwangsarbeit und konnte selbst in ernster Stimmung noch scherzen: „Verzeih, dass ich auf der Welt bin!“ (S. 443), wie seine Tochter erinnert. Den Schluss macht Gerhard Konnerth selbst, gewürdigt als Germanist und Universitätsgestalter, bemüht um die Hermannstädter Kulturkontinuität über die Wende hinweg.
Drei Sportlerporträts, ein gemeinsamer Kern: Sport als Lebensform der Hermannstädter Sachsen. Rolf Schnäp, „Schnapsi“, die Handballlegende und Mannschaftskapitän, bringt es selbst auf den Punkt: „Zur Großfamilie der Hermannstädter Handballer zu gehören, war und ist für mich bis auf den heutigen Tag eine Quelle angenehmster Jugenderinnerungen“ (S. 466). Erwin Seiler, „der Schnee“, der verwegene Motocross-Fahrer und Publikumsliebling, wurde in der Presse gefeiert: „Seiler war wieder Seiler“ (S. 471) – bis er 1970 in den Westen ging und in München eine zweite Karriere im Skisport startete. Und Alexander Kindermann, „der Ali“, der beliebte Sportlehrer der Brukenthalschule, blieb allen als der Mann in Erinnerung, für den „der Sport (…) sein Leben war“ (S. 474).
Vierzig facettenreiche Gesichter, zehn systematische Kapitel– und doch trägt das Ganze eine erkennbare Verfassung: ein literarisch organisierter „Rechtsraum“ des Gedächtnisses. Enkel schreiben über Großväter, Töchter über Väter, Kollegen über Kollegen, Freunde über Freunde, Wissenschaftler über große Namen. Kapitel wie „Menschen wie du und ich", „Originale" oder auch „Namen und Köpfe" überhöhen den Wert des Erinnerungsprojekts – nicht allein die großen Namen, sondern auch Metzger, Lokomotivführer und Lederhändler, Klavierlehrerinnen und Stepptänzer, vergessene Dichter und Narren, deren Geschichten sonst nirgends aufgezeichnet worden wären.
Der Königsboden war immer auch die Selbstverpflichtung: das innere Gesetz einer kleinen, bedrängten Gemeinschaft, über sich selbst genau und mit rechtlicher Sorgfalt Buch zu führen, weil niemand sonst es tun würde. Das leistet dieses Buch. Auch im bloßen Erinnern, so lehrt es, bleibt Hermannstadt Königsboden.
Walter Fromm
Dagmar Dusil (Hrsg.): „Gesichter Hermannstadts. Lebensbilder aus Geschichte und Gegenwart“, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2026. 508 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-86356-445-2. Das Buch kann beim Hermannstädter Treffen, das vom 4. bis 6. September 2026 in Dinkelsbühl stattfindet, erworben werden. Später kann man es über die Heimatgemeinschaft der Hermannstädter e.V. (HdH) bestellen: Antonia Gallotsik, Rieslingstraße 15, 74193 Schwaigern, Telefon: (01 76) 24 72 46 97, E-Mail: toni.gallotsik@web.deSchlagwörter: Rezension, Anthologie, Hermannstadt
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