19. Oktober 2026
Bewahrerin der siebenbürgisch-sächsischen Kultur: 120 Jahre Grete Lienert-Zultner
Grete Lienert-Zultners kulturelles Vermächtnis hat Generationen überdauert: Als sie 19 war, wurden ihre ersten Lieder gedruckt und von Chören gesungen; mit 20 wurde ihr erstes Theaterstück gedruckt; bereits zu Lebzeiten wurden ihre Lieder als Volkslieder gesungen, und ihre Bühnenstücke werden auch heute noch mit Erfolg aufgeführt. Gegenwärtig sind ihre Lieder ein Bindeglied zwischen früher – mit nostalgischer Note – und heute, und vereinen im Gesang die in der Diaspora verstreuten Landsleute in der alten und neuen Heimat.

Grete Lienert‑Zultner wurde am 28. Dezember 1906 in Malmkrog bei Schäßburg, damals zum Königreich Ungarn gehörend, geboren. Sie wuchs in einem Haus auf, in dem Bildung und Musik selbstverständlich waren und viel gesungen wurde. Ihr Vater Johann Zultner Schulrektor und Prediger, prägte als Leiter des Kirchenchors und der Adjuvantenkapelle das Gemeindeleben; ihre Mutter Susanne gehörte zu den ersten Kindergärtnerinnen, die die 1884 von Adele Zay in Kronstadt gegründete und geleitete Kindergärtnerinnen-Bildunganstalt A.B. absolviert hatte. Die Eltern förderten früh Gretchens – so wurde sie im Familien- und Freundeskreis genannt – musikalische Ausbildung; sie erhielt Klavier‑ und Geigenunterricht.
Bereits 1907 verließ die Familie Malmkrog. Nach Maldorf und Hondorf erhielt der Vater eine Rektorstelle in Schellenberg bei Hermannstadt, wo Gretchen die Volksschule besuchte. Sie bekam noch ein Schwesterchen und ein Brüderchen, dessen kurzes Leben bereits in den frühen Kinderjahren endete.
Mit zehn Jahren erlebte Gretchen die Schrecken des Ersten Weltkriegs, als 1916 rumänische Truppen bis in das Hermannstädter Gebiet vordrangen; „Hermannstadt wurde eingekreist, es kam aber nicht zur Besetzung“ (Dr. Michael Kroner, Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen, Bd. 1, S. 145). Zahlreiche Familien aus den umliegenden Dörfern suchten Schutz in der Flucht, so auch die Familie des Rektorlehrers Zultner.
Die Benennung zum Rektor in Malmkrog 1917, der schon bekannten Gemeinde fern vom Kriegsgeschehen, schien ein Lichtblick zu sein. Aber trotz harter Arbeit konnte sich die Familie wirtschaftlich kaum erholen. Auch nach dem Umzug der Eltern nach Malmkrog fühlte sich Gretchen Hermannstadt verbunden, wo sie die Bürgerschule besuchte, um bestens für das Lehrerinnenseminar in Schäßburg vorbereitet zu sein. Während der Schulzeit wohnte sie bei der Familie ihrer Freundin Tilli, die wiederum die Ferien mit Gretchen in Malmkrog verbringen durfte. Gretchen hegte schon als Kind den Wunsch, Lehrerin zu werden. Voller Begeisterung begann sie 1921 die Ausbildung an der Lehrerinnen-Bildungsanstalt („Sem“) in Schäßburg.

Bereits am „Sem“ entstanden erste Mundartgedichte. Von ihren Lehrern Hans Schlüter-Ungar und Heinz Brandsch (1889-1953) ermutigt, begann sie, eigene Texte selbst zu vertonen. Im Seminargarten erklangen bereits die Lieder „Da norr hiesch denj Kuckcher za“, „Der Kuckuck kreischt äm gräne Bäsch“, „Do derhiem blähn de Våltcher“, „Do färr, wo hängderm gräne Rej“. In den letzten beiden Liedern erinnert sich die junge Seminaristin mit Wehmut an ihr Heimatdorf Malmkrog, wo sie während der Seminarzeit die Ferien verbracht hatte und das ihr einst vertrauter Mittelpunkt gewesen war. Inzwischen waren auch ihre Mutter und Schwester ausgewandert; in Malmkrog wartete niemand mehr auf sie. Ihr Geburtsort blieb, solange sie lebte, ihr Sehnsuchtsort.
In ihrem letzten Seminarjahr 1925 erlebte Gretchen stolz, wie vier ihrer Lieder mit mehrstimmigen Sätzen von Hans Schlüter Ungar (Leiter des Schäßburger Musikvereins 1921-1929) vom großen Chor des Schäßburger Musikvereins uraufgeführt wurden und als op. 13 unter dem Titel „Sechs siebenbürgische Volkslieder für gemischten Chor“ (Schäßburg: Verlag F. Kamilli, 1925) in Druckform erschienen. (Wåt schinst ta mech, Me Riesken, Härwest und Färr hånderm Rech sowie zwei Lieder von H. Müller). Angespornt durch die positiven Erfahrungen während ihrer Seminarzeit in Schäßburg, blieb sie ihrem volkstümlichen Stil treu.
Nach ihrem Abschluss im Jahr 1925 stand Grete Zultner leider nur kurze Zeit in Waldhütten im Schuldienst (Lehrerinnenzölibat), denn bereits 1926 heiratete sie den dortigen Notar Michael Lienert. Bei Veröffentlichungen zeichnete sie fortan mit dem Doppelnamen Lienert-Zultner.

Die verschiedenen Wohnorte brachten ihr neue Menschen und Eindrücke nahe – eine stetige Inspirationsquelle, die ihr künstlerisches Arbeiten nachhaltig prägte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte auch Familie Lienert harte Zeiten: Die Deportation des Ehemanns im Januar 1945 zu Reparationsarbeiten in die Sowjetunion, von wo er körperlich und seelisch gezeichnet heimkehrte, Enteignung, Berufsverbot und Verhinderungen, die Kinder eine staatliche Hochschule besuchen zu lassen.
1963 ging Grete Lienert-Zultner in den Ruhestand, und Schäßburg wurde zum Zentrum ihres kulturellen Schaffens. In einer Zeit, in der das öffentliche sächsische Kulturleben unter den politischen Bedingungen des kommunistischen Rumäniens zunehmend eingeschränkt war, entwickelte sie sich zu einer wichtigen Vermittlerin kultureller Kontinuität. Als Leiterin der Volkslied-Singgruppe und als Organisatorin von Laienspielen schuf sie Räume, in denen siebenbürgisch-sächsische Traditionen gepflegt und weitergegeben werden konnten.
Der Musikpädagoge Paul Schuller (1900-1969) formte die Singgruppe zu dem Schäßburger Kammerchor, in dem die Pflege des sächsischen Mundartlieds weiterhin einen festen Platz behielt und der zwei Schallplatten (1967, 1968) mit insgesamt 26 Mundartliedern einspielte. Diese Aufnahmen hatten kulturhistorisches Gewicht: Sie dokumentierten ein Liedgut, das zuvor vor allem mündlich überliefert wurde, und machten es zugleich überregional zugänglich. Die Lieder beider Langspielplatten – „Siebenbürgisch-sächsische Lieder im volkstümlichen Stil“ mit vierzehn Liedern von Grete Lienert‑Zultner, und „Såchsesch Lieder – siebenbürgisch-sächsische Lieder“ mit zwölf bekannten Mundartliedern verschiedener Autoren – gehören bis heute zum festen Bestand vieler Chöre und markieren einen wichtigen Schritt in der Bewahrung sächsischer Musikkultur. Diese Aufnahmen und noch viele andere Lieder von Grete Lienert-Zultner können unter www.siebenbuerger.de/go/2L gehört und heruntergeladen werden.
Etwa ab Anfang der 1960er Jahre bildete sich in Mediasch eine sehr kreative und sangesfreudige Gesellschaft zum Austausch und gemeinsamen Singen in Mundart, zu der außer Grete Lienert-Zultner und Ehemann Michael – aus Schäßburg gab es gute Zugverbindungen in das 30 Kilometer entfernte Mediasch – auch etliche Lehrer und namhafte Sängerinnen der damaligen Musikszene gehörten, z.B. die beiden Solistinnen bei Mediascher Oratorien der Zwischenkriegszeit Mathilde (Tilli) Oberth (1895-1986), geb. Rampelt, und Johanna (Hanni) Rampelt (1893-1983), außerdem Mathilde (Tilli verw. Dr. Sieteanu) mit Tochter Eva, die bekannten Mundartdichter Schuster (Dutz) Gustav (1885-1968) mit Gattin und Otto Rampelt (1905-1973) mit Gattin Hedwig „Hedi“ geb. Bostner (1924-2019). Michael Botradi (1883-1974) hat die mit diesem „Kränzchen“ gesungenen Lieder (177) in sechs Liederheften mit Noten und Texten von Hand notiert, die auch als eine kostbare Fundgrube für die Erstellung der Liedersammlung „E Liedchen hälft ängden – Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“ (Hg. Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels, Verlag Haus der Heimat Nürnberg 2017, 2018, 2020) dienten.
Die Ausreise 1978 in die Bundesrepublik (ein Teil ihrer Familie hatte bereits 1974 Rumänien verlassen) fiel der Mundartautorin nicht leicht. Ihr Heimweh hat sie in mehreren Gedichten und Liedern ausgedrückt. Als Beispiel hier die letzte Strophe aus „Färr vun der Hiemet“: „Hä äm fremde Lånd ach, wä abekånt! / Jeder lift nor senje Wiech dervun. / Virem Haus ellin sätz'n ich af dem Stin, / nemest kit und ried mich frängdlich un - / wä äm Himetlånd, / äm Siwenberjerlånd, / wo menj saksesch Sproch vertrat erklängt, / wo de Wängert blähn, / wo der Bäsch si grän, / wo de Nuechteguel noch ängden sängt.“

Zu jener Zeit beschäftigte sie sich auch intensiv mit der Herausgabe ihrer Werke: 1983 veröffentlichte sie im GIMA-Musikverlag „De Astern uch ander Liedcher“ in drei- und vierstimmigen Sätzen von Norbert Petri, Horst Gehann und Erwin Barth; 1987 erschien im Selbstverlag die Sammlung „Der Owend kit erun uch ander Liedcher“, 1987 der Gedichtband „Wachsen, blühen, reifen“ sowie 1987 „Wat u menjem Wiëj gebläht“, Lieder und Gedichte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart.
Am 1. April 1989 erlag sie unerwartet einem Schlaganfall.
Grete Lienert-Zultners Leben und Werk sind eng mit dem Leben und dem Brauchtum in Siebenbürgen verbunden, das sich in ihren Gedichten, Liedern und volksnahen Bühnenstücken widerspiegelt. Sie griff Themen auf, die das Lebensgefühl ihrer Zeit prägten: Heimat, Natur, Gemeinschaft und die emotionalen Rhythmen des Jahres und des Alltags. Ihre Lieder spiegeln Freude, Freundschaft und Glauben ebenso wie die tiefen Wunden des 20. Jahrhunderts. Sie erinnern an die äußere und innere Not vieler Menschen sowie an die Tragik von Deportationen und Aussiedlung.
Lienert-Zultners Lieder im Volkston, verfasst in einem Wortschatz, der alle Landsleute anspricht, verbreiteten sich rasch in allen Gegenden Siebenbürgens und wurden dort in den jeweiligen Ortsmundarten gesungen und als „geistiges Gepäck“ mit umgesiedelt. Die Autorin selbst schrieb in einem leicht verständlichen „Seminaristensächsisch“, einer Mischung, die sich in der Lehrerbildungsanstalt – deren Schülerinnen und Schüler aus ganz unterschiedlichen Gegenden Siebenbürgens stammten – auf der Grundlage der Schäßburger Mundart entwickelte.

In allen Gemeinden, in denen Grete Lienert-Zultner wirkte, widmete sie sich nicht nur der Brauchtumspflege und dem Volksgesang, sondern schuf und inszenierte eigene Bühnenstücke in Mundart, in die sie meist eigene Lieder einfügte: 1925 „Äm Ihr uch Gläck“ (Um Ehre und Glück), das sie 1928 zusammen mit „Bauernliesel“ ihren Eltern nach Cleveland/Ohio zur Veröffentlichung geschickt hatte, 1931 das Singspiel „Bäm Brännchen“ (Beim Brünnlein). Ungedruckt blieben die oft gespielten „Wie drieht de Fånn hiemen?“ (Wer trägt die Pfanne heim?), 1970 „Fosnicht hu mer“ (Fastnacht haben wir), 1972 das Lustspiel „Das Salzfass“. Einen historischen Stoff aus sächsischer Vergangenheit griff sie 1936 in der dramatischen Dichtung „Die verbrannte Maid“ auf, die 1956 preisgekrönt wurde. Die Texte entfalten sich im Dialog, sind leicht aufzuführen und zugleich von einer genauen Menschenbeobachtung erschaffen.

Zu den Glücklichen gehörend, die Grete Lienert-Zultner persönlich kannten, denke ich mit Hochachtung an diese außergewöhnliche Frau, Lehrerin und Mundartdichterin. Obwohl sie die Härten zweier Weltkriege erlebt hat, blieb sie zuversichtlich, stets offenherzig und eine außerordentlich strebsame Mundartdichterin. Ihre Lieder haben in mir die Liebe zum und das Interesse am siebenbürgisch-sächsischen Liedgut geweckt. Mögen diese Melodien noch lange weiterklingen und das Wesen unserer Kultur über Generationen hinweg lebendig halten.
Angelika Meltzer
In der Rubrik „Hegt wird gesangen!“ wurden bereits mehrere Lieder von Grete Lienert-Zultner vorgestellt: Folge 4/2024, S. 8 (www.siebenbuerger.de/go/24772A); Folge 13/2024, S. 6, 2024 (www.siebenbuerger.de/go/25210A); Folge 14/2024, S. 12 (www.siebenbuerger.de/zeitung/go/25266A); Folge 15/2024, S. 12 www.siebenbuerger.de/go/25355A); Folge 6/2025, S. 6 (www.siebenbuerger.de/go/25983A); Folge 13/2025 S. 6, (www.siebenbuerger.de/go/26249A); Folge 4/2026 (www.siebenbuerger.de/go/26978A).
Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart
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