30. November 2006

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Von der Familiarität des Bösen

Der Dichter Dieter Schlesak geht den siebenbürgischen Weiterungen von Auschwitz nach und verzichtet auf das Dichten. Dafür lässt er die Menschen reden und mehr sagen, als sie selbst von sich wissen: Capesius, der Auschwitzapotheker. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 2006, 352 S., 29,90 Euro.
Jeder, der seinen Beruf ernst nimmt, hat es schwer, auch ein Dichter. Nur hat dieser neben der Herstellung und dem Verkauf seiner Produkte noch manche zusätzliche Schwierigkeit. Er hat nämlich ein ganz und gar eigenes Material, mit dem er arbeitet, die Sprache, und die ist immer auch die Sprache der anderen. Überdies er hat nicht nur seinen eigenen Kopf und seine eigenen Gedanken bei der Arbeit einzusetzen, sondern auch die Köpfe und Gedanken anderer, die er kennt, von denen er gehört oder gelesen hat. Hier ist ein Buch, bei dem man gut daran tut, sich all diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten vor Augen zu halten.

Denn der Dichter Dieter Schlesak ist mit dieser Arbeit, ohne sich zu schonen, an die Grenzen gegangen, an seine Grenzen als Dichter, als deutscher Dichter aus Siebenbürgen. Er hat jahrzehntealtes Wissen mit jahrzehntelangen dokumentarischen Recherchen unterfüttert, hat einen Berg von Material zu einem Buch zusammengetragen – und hat sich schließlich selbst aus dem Buch zurückgezogen, hat darauf verzichtet, die Sammlung ausdrücklich als die seine vorzustellen und zu kommentieren. Er hat sie einfach in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit mit Hilfe des Bonner Verlags J. H. W. Dietz Nachf. vor den Leser hingestellt. Das ist, wie die Dinge nun stehn, keine Nachlässigkeit und kein Versäumnis, es ist vielmehr ein Wagnis.

Der Schäßburger Dieter Schlesak ist der auch in siebenbürgischen Kreisen bekannten, wenngleich nicht oft und nicht gern erörterten Fama des Schäßburger Apothekers Victor Capesius nachgegangen, er hat dessen Tätigkeit im Konzentrationslager Auschwitz zu ergründen versucht und ist dabei auf siebenbürgische Weiterungen, auf ein Geflecht von Zusammenhängen bis in den engsten Bekanntenkreis gestoßen, das seinen literarischen Gestaltungswillen herausfordern musste. Wodurch sähe sich ein Schriftsteller des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts auch mehr gefordert als durch diese ungeheure, ungeheuerliche Episode der Menschheitsgeschichte. Dass aber die Ungeheuerlichkeit nicht nur mit seiner deutsch geprägten Identität und den damit verbundenen Fragen allgemein im Zusammenhang steht, dass er sich nicht nur als deutscher Schriftsteller damit auseinandersetzen muss, sondern bei dieser Auseinandersetzung auf Landsleute, ja Bekannte trifft, dass sein Leben mit dem Leben seiner „Personen“ in unmittelbarer Verbindung steht, das ist ihm und dem Leser, zumal dem siebenbürgischen, ein intimer Schrecken. Auch dieses „Heimat“ genannte Fleckchen Erde, auch die Menschen, die man seinerzeit „Onkel“ oder „unsere Sachsen“ zu nennen pflegte, auch diese entlegenen Winkel „jenseits der Wälder“ haben also schon vor der Russlanddeportation mitten in der fürchterlichen Zeitgeschichte gestanden? Allerdings.

Wie erzählt man von, wie erinnert man an Menschen, mit denen einen mehr verbindet als der Wille zum Erzählen? Diese Frage haben alle zu beantworten, die eine Lebenserinnerung schreiben. Sie bemühen sich bei der Darstellung ihrer Nächsten um Sachlichkeit, sie trachten umsichtig nach Objektivität und dem möglichen Maß an Gerechtigkeit, sie versuchen, alle Fragen erst einmal sich selbst zu stellen, um Selbstgerechtigkeit zu vermeiden. Nun schreibt ja aber Schlesak keine Lebenserinnerung, keine Selbstbiographie. Oder doch?

Schwerer noch, er arbeitet an, er arbeitet sich ab an der Selbstbiographie der Siebenbürger Sachsen. Darum auch hat er jahrzehntelang gesucht und versucht, darum stellt er alle Fragen erst einmal sich selbst, geht von sich aus und schont dabei sein Umfeld nicht. Das kann, das will er auch nicht, denn seine Mutter kennt „den Vik“, wie ihn jeder Schäßburger ihrer Generation gekannt hat und Schlesak ihn „kennenlernt“: „Ich war bei Capesius zu Hause gewesen, beim ‚Vik’, wie meine Mutter ihn nannte, in Göppingen war ich zu Besuch gewesen. Und er war froh, einen Landsmann getroffen zu haben.“ Und schon sind wir mitten in der siebenbürgische Fatalität.

Was Hannah Arendt als „Banalität des Bösen“ bezeichnet hat, hier wird’s zur transsilvanischen „Familiarität“ des Bösen. Dieser Doktor Capesius war eben „der Vik“, ein Schäßburger wie du und ich. Da gibt es auch noch den Zeidner Arzt Fritz Klein, sogar einen „Rolandonkel“ aus der eigenen Kindheit entdeckt Schlesak unter dem Auschwitzer Personal, besucht ihn in Innsbruck und dokumentiert seine grausame Selbstgefälligkeit. Überdies sind die Wachsoldaten der Waffen-SS zum Teil Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben gewesen. „Landsleute“ … Eines aber kommt hinzu: Viele Opfer sind es ebenfalls: „Landsleute“. Mit den massiven „Ungarntransporten“ treffen aus Nordsiebenbürgen, aus den Gegenden um Klausenburg, Großwardein, Bistritz und Neumarkt, Menschen im Lager ein, denen Capesius seinerzeit als Vertreter deutscher Pharma-Produkte (IG Farben) begegnet ist, die er besucht hat, denen der Ruch auch seiner Heimat anhaftet – und die an der „Rampe“ „selektiert“ und in den Tod geschickt werden, unter Umständen von Capesius oder Klein selbst.

Siebenbürgen ist nicht die begütigend hinterwäldlerische Provinz, taugt nicht mehr als Quell nostalgischer Empfindungen oder versonnener Überlegungen, durch Auschwitz wird es in den bösartigen, unmenschlichen Mittelpunkt des Weltgeschehens gerissen. Hier, wo der Abgrund sich auftut, erscheint der Begriff Heimat aufs grausamste pervertiert. Im Angesicht dieser Perversion zieht sich der Dichter Dieter Schlesak zurück, verzichtet weitgehend auf seine literarisch-sprachliche Kreativität, versagt sich die poetische Selbstaussage und genügt nur noch der selbstauferlegten Chronistenpflicht. Das Entsetzen ist nicht darstellbar, ist schriftstellerisch nicht fassbar, die literarische Sprache versagt. Die Beteiligten selbst müssen reden, und der Schriftsteller muss sich mit dem Verdienst begnügen, dass er sie zum Reden gebracht hat und so zitiert, dass ihre Sprache, ihre Art zu sprechen mehr über sie aussagt, als sie selbst von sich wissen.

Schlesak lässt sie reden, über andere, über sich. Man lese und fröstele. Etwa Capesius über seinen Chef Mengele: „Mengele war 174 cm groß, hatte eine kurze gerade Nase, Sommersprossen und einen stechenden Blick. Die Augen dunkelbraun, der Haarscheitel links. Mengele hatte eine mittlere Statur, drahtig, sportlich, und erinnerte wohl an seine Zigeunervorfahren aus der Zeit wahrscheinlich, als die Mengelewerke noch eine Schmiede waren. Mengele war ein Gerechtigkeitsfanatiker und sehr impulsiv.“ Oder „Rolandonkel“ über sich: „Einerseits bin ich sensibel, andererseits habe ich gerade dort festgestellt, dass ich robuster bin als die so genannten Robusten.“ Und über Fritz Klein: „Wenn du den Klein gekannt hättest, natürlich auch Siebenbürger. Bei dem war Mensch Mensch. Er hat sich hingesetzt mit den jüdischen Häftlingen und hat mit ihnen Kaffee getrunken. Arrest hat er dafür bekommen. Nicht wahr. Er war ein Mensch. Er war die Güte selber. Er hat nur helfen wollen.“ Diesen Klein wiederum zitiert Capesius mit dessen Interpretation des hippokratischen Eides: „Aus Achtung vor dem menschlichen Leben schneide ich einen vereiterten Blinddarm heraus, die Juden sind der vereiterte Blinddarm Europas.“ Hier ist sie, die „Banalität“, die trügerisch glatte Oberfläche bedenkenloser Unmenschlichkeit.

Selbst die schwächste Spur von moralischer Einsicht wird ordinär schnippisch verdrängt, wenn Capesius während seines Prozesses seinen Schwager, der ihn in einem Brief als vor den Menschen schuldig, aber vor Gott unschuldig bezeichnet hat, ermahnt, nichts dergleichen mehr zu schreiben, weil die „Censores“ „daraus entnehmen konnten, dass die nächsten Verwandten an meiner Unschuld vor den Menschen zweifeln, die Unschuld aber vor Gott ist bei den Gerichten höchst unwichtig. Ich bitte also … um nüchterne oder schwärmerische Briefe, die sich weder mit mir noch mit meiner Familie beschäftigen.“ Oder wenn Roland Menschlichkeit beschwört, die in Auschwitz auch stattgefunden habe, ja sogar erwägt, etwas darüber zu schreiben. Schließlich schreibt Dr. Wirths, zwar kein Sachse, aber ein Hauptakteur medizinisch kaschierter Verbrechen in Auschwitz, aus der Gefangenschaft vor seinem Gespräch mit englischen Behörden an seine Frau über seine Befürchtungen, ob denn jene seiner eigenen moralischen Größe gewachsen seien: „Trotz des besten Gewissens ist es halt doch ein schwerer Schritt, da sich kaum absehen lässt, wie weit die andere Seite Verständnis für die Schwere meiner Aufgabe aufbringen wird. Ob sie verstehen kann, wie schwer dieser harte Zwang dabei auf mir lastete.“

Es musste ein Dichter sein, der diese indirekten Offenbarungseide, diese selbstvernichtenden Aussagen dokumentiert. Ein Dichter nur vermag in einem Buch den Raum zu schaffen, in dem diese Aussagen so hallen, dass man auch ihren Widerhall vernimmt: Alles, was diese Menschen sagen, kann, muss gegen sie verwendet werden.

Das ist allerdings nur die eine, gewissermaßen anekdotische, siebenbürgische Dimension des Buches. Dieter Schlesak hat seine Aufgabe viel weiter gefasst, er hat aus der umfangreichen Materialsammlung ein Bild zusammengestellt, das den Abgrund Auschwitz zwar nicht erfasst, aber den mörderischen Wahns, der dort Wirklichkeit wurde, spüren lässt. Wieder ist es die Sprache, die Aus-Sage der Zeitzeugen, über die er zu vermitteln versteht, dass nicht zu sagen ist, was dort geschah. Man kann allerdings bei aller sprachlichen Ohnmacht eine Ahnung davon bekommen, wenn man den Sätzen nachhorcht, wenn man versucht zu ermessen, wieviel Ungesagtes darin mitklingt.

Schlesaks Kronzeuge Adam beispielsweise berichtet darüber, wie er und ein Leidensgenosse, die tagsüber Stubendienst hatten, abends die grausamen, doch mit befremdlicher Sachlichkeit referierten Geschehnisse des Tages von ihren Mithäftlingen erfuhren: „Shlomo und ich saßen meist zusammen, und wir redeten noch nachher darüber, konnten uns nicht beruhigen, denn es war erstaunlich, wie unsere Leidensgenossen das berichteten, sie wirkten müde und abgestumpft, ihre Stimme klang wie die von Automaten, wenn sie über Schreie, über Szenen, die niemand glauben konnte, der nicht dort gewesen war, berichteten …“ Die Häftlingsärztin Dr. Böhm formuliert das Unsagbare so: „Und das Leben ging weiter, immer weiter. Auch in Auschwitz. Und das war eben so, dass durch nichts auch nur im geringsten der Alltag gestört, gar eine Augenöffnung oder eine seelische Veränderung eintrat, obwohl die Geschehnisse so furchtbar waren, dass sie nicht zur normalen Wahrnehmung passen konnten.“

Die Zitate mögen täuschen. Das Buch besteht nicht aus nachgetragenen Nachdenklichkeiten, nicht aus Reflexion der Reflexion, sondern es ist gefüllt mit furchtbarer historischer Wirklichkeit, mit Berichten und Geschichten vom Leben zum Tode. Etwa über die Unterschiede zwischen dem schwarzen Rauch, der bei der Verbrennung der „Untoten“, der abgezehrten „Muselmänner“, aufstieg, und den „hellauf“ lodernden Flammen, in denen die „frischen ‚cugangi’ (Zugänge) mit ihrem frischen Fett“ aufgingen. Oder über die Kinder im Zigeunerlager, die jene Selektion nachspielten, die sie an der Rampe erlebt und einstweilen überlebt hatten. Oder über den abgründigen Zynismus, mit dem den mehr oder minder ahnungslosen Verdammten auf dem Weg in die Gaskammer eingeschärft wurde, sich die Nummern zu merken, unter der sie ihre Kleider abgegeben hatten, für nachher.

Sich selbst nimmt Schlesak nicht aus von der hochnotpeinlichen Befragung: „‚Gnade der späten Geburt’ und so nicht schuldig geworden, nur deshalb nicht schuldig geworden, weil ich acht Jahre jünger war als der jüngste Eingezogene??“ Damit bezieht er auch jeden Leser ein, der sich, ob siebenbürgisch oder nicht, zugehörig fühlt. Auch wer sich so nicht fühlt, wird nach der Lektüre dieses Buches etwas von der Zwangszugehörigkeit begreifen, die allen Über- und Nachlebenden auferlegt ist und die nicht aufgearbeitet, nicht bewältigt, nur gelebt werden kann.

Georg Aescht

Capesius, der Auschwitzapothek
Dieter Schlesak
Capesius, der Auschwitzapotheker

Dietz, J H
Gebundene Ausgabe
EUR 29,90
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Schlagwörter: Rezension, Nationalsozialismus

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