4. Dezember 2007

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Rumäniendeutsche Literatur lebt

Vom 2. bis 4. November fand in Friedrichroda bei Gotha die Herbsttagung der Exilautoren des internationalen P.E.N. Clubs statt. Anlässlich der Europäischen Kulturhauptstadt 2007 Her­mannstadt (gemeinsam mit Luxemburg) war die Tagung der rumäniendeutschen Literatur und der rumänischen Minderheitenpolitik gewidmet.
In seinem mit Lichtbildern illustrierten Vor­trag erinnerte Hellmut Seiler an Hermannstadts Beziehungen zu Nürnberg, Florenz, Bamberg, Thorn, Rom und Istanbul bis hin zu Luxemburg. Vorbereitungen und Veranstaltungen der Kultur­hauptstadt thematisierte ein Dokumentarfilm.

Horst Samson, ehemaliger Kulturredakteur der Literaturzeitschrift Neue Literatur, stellte 40 Jahre Literaturgeschichte dar, wie sie sich in der Zeitschrift Neue Literatur niedergeschlagen haben. Die zunächst in Temeswar, dann in Buka­rest erschienene, wichtigste deutschsprachige Zeitschrift im nichtdeutschsprachigen Raum überbot öfter das Literaturangebot ostdeutscher Publikationen, zumal da Rumänien zwischen 1965 bis 1971 eine liberale Phase erlebte. Auch im Zuge der „kleinen“ Kulturrevolution vom Juli 1971 blieb ihr ein gewisser Spielraum erhalten, da der einflussreiche Altkommunist Emmerich Stoffel wenig von literarischen Finessen verstand und vieles einfach durchgehen ließ. Es entwickelte sich eine eigenständige rumäniendeutsche Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus. Autoren, die in der seinerzeitigen DDR nicht mehr gedruckt wurden, wie Wolf Biermann, erschienen noch in der Neuen Literatur, die somit auch die „Bruder­literatur“ der DDR undogmatisch betreute.

Der Präsident der deutschen Sektion der Exilschriftsteller, Dr. Wolfgang Schlott, stellte in einem Referat als ein Ost-West-Phänomen das literarische Werk Dieter Schlesaks vor: Lyrik, Epik und Essayistik. Zur Sprache kamen sowohl die sehr intim wirkenden Gedichten als auch Schlesaks Romancollage über den Ausschwitz-Apotheker Viktor Capesius.

Im letzten Referat wies Ingmar Brantsch darauf hin, dass die rumäniendeutsche Literatur – trotz Massenexodus – nicht untergegangen sei, sondern in drei Generationen weiter existiere. Bedeutendster Vertreter der Seniorengenera­tion sei der inzwischen europaweit bekannte Eginald Schlattner, Autor des verfilmten Romans „Der geköpfte Hahn“. Neben einer mittleren Gene­ration gebe es auch eine junge Generation um den Literaturkreis die „Stafette“ in Te­meswar. Nicht zuletzt habe die rumäniendeutsche Lite­ra­tur bis heute überlebt, weil Ru­mänien auch nach 1989 deutsche Schulen fortbestehen lässt. Mitunter seien bis zu 80 Prozent der Schüler rumänischer Muttersprache an deutscher Spra­che und Kultur interessiert. Hier lernten junge Rumänen nicht nur deutsche Literatur, sie schrie­ben auch weiter mit an der rumäniendeutschen Literatur.

Am Samstagabend rundete eine Lesung, zu der Publikum und die Presse kamen, die Tagung ab. Für das Banat lasen Ilse Hehn und Erwin Uwe Engelmann, für Siebenbürgen Hellmut Seiler und Ingmar Brantsch. Mit einer regen Diskussion über die Chancen der „fünften deutschen Literatur“ endete die Herbsttagung.

Ingmar Brantsch

Schlagwörter: Literaturgeschichte

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