28. September 2022

„Anders rauschen die Brunnen …“: Was Sie schon immer über die „Siebenbürgische Elegie“ von Adolf Meschendörfer wissen wollten

„Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit“ – als der Satz während einer Planungssitzung vor zwei Jahren als Kommentar fiel, war ich eine der wenigen, die nicht grinste. Ich kannte die Siebenbürgische Elegie von Adolf Meschendörfer (1877-1963) und ihre Bedeutung für die Siebenbürger Sachsen damals noch nicht, so ging auch die ironische Anspielung an mir vorbei. Seither ist mir der Text noch einige Male begegnet, also wollte ich mehr darüber wissen: Was ist das für ein Gedicht und warum wird es von unseren Landsleuten so gerne zitiert?
Diese wunderschöne Kalligraphie der Elegie hat ...
Diese wunderschöne Kalligraphie der Elegie hat Renate Mildner-Müller 2013 angefertigt.
„Literarisches Ereignis ersten Ranges“ (Hort Schuller Anger), „unseres poetischen Wunderglaubens liebstes Kind“ (Bernd Kolf), „das schönste Gedicht […] und wohl auch heute noch bekannteste der rumäniendeutschen Lyrik“ (Peter Motzan) – kein anderes siebenbürgisches Gedicht hat eine derartige Berühmtheit erlangt, wurde derart häufig rezipiert und von Fachleuten so intensiv besprochen wie die „Siebenbürgische Elegie“. Dies ist zum einen auf ihre herausragende Qualität, zum anderen auf ihren für mehrere Generationen bedeutsamen Inhalt zurückzuführen. Einige Aufsätze, die Dr. Stefan Sienerth und Georg Aescht mir dankenswerterweise empfohlen haben, haben mir dafür die Augen geöffnet.

Vorausgeschickt sei, dass nicht nur das Gedicht, sondern auch der Autor selbst für die siebenbürgisch-deutsche Literatur enorme Bedeutung hatte. Wie Hans Bergel es 1987 in der „Literaturgeschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ beschrieb, stieß der Kronstädter Lehrer und spätere Rektor des Honterusgymnasiums Adolf Meschendörfer mit seinem eigenen Werk und mit der von ihm 1907-1914 herausgegebenen Kulturzeitschrift Die Karpathen „die geistigen Türen Siebenbürgens nach Europa hin mit Vehemenz auf. Er legte radikal die europäischen Maßstäbe an die Bewertung der deutschen Literatur und Dichtung in Siebenbürgen und bereitete so den Boden für die nächste Schriftstellergeneration“. Oder mit Horst Schuller Angers Worten (1971): Als Herausgeber und Literaturkritiker räumte er mit einer „überholten, dilettantischen sächsischen Literaturbetrachtung“ auf. Als Autor nun verfasste er neben Romanen, Dramen, Novellen und weiteren Gedichten auch ein Gedicht mit „Katechismuscharakter“: die „Siebenbürgische Elegie“.

Am Wohnmobil angebracht regt der Satz zum ...
Am Wohnmobil angebracht regt der Satz zum Gespräch mit Fremden an. Foto: Heinz Hermann
Wenn auch der konkrete Anlass zum Verfassen der Elegie kein besonderer war, so war es doch immerhin der Ort: Adolf Meschendörfer ergriff während des Festgottesdienstes „für Königs Namenstag“ am 8. November 1927 in der Schwarzen Kirche die Gelegenheit, Gedanken zu Papier zu bringen, die nicht nur ihn damals beschäftigten. Bernd Kolf nimmt 1978 in einem Aufsatz an, dass Meschendörfer sich im Gottesdienst vermutlich gelangweilt hat, der Ort ihn mit seiner düsteren Atmosphäre aber auch zum Nachdenken angeregt hat. Bis die Elegie dann im Dezemberheft der Zeitschrift Klingsor erschien, fertigte er sieben Entwürfe und Fassungen an, die er allesamt nummeriert und aufgehoben hat.

Meschendörfer war 50 Jahre alt, als er in der Kirche zum Bleistift griff und die erste Variante des Gedichtes niederschrieb, welches er zunächst „Heimat“ nannte. Ab der sechsten Fassung lautete der Titel „Siebenbürgische Elegie“, wodurch nun unmissverständlich zum Ausdruck kam, dass es sich um ein Klagegedicht handelte – wenn auch nicht entsprechend der tradierten Strophenform, so doch immerhin was die Stimmung des Textes angeht.

Schon beim Reinkommen weiß der Besuch, dass hier ...
Schon beim Reinkommen weiß der Besuch, dass hier etwas anders ist. Foto: Dagmar Seck
Nun gibt es durchaus Fachleute, die in der Elegie keine „resignierende Stimme siebenbürgisch-sächsischen Weltuntergangs“ (Horst Schuller Anger) erkennen wollen, und es lassen sich freilich auch Elemente finden, die eher das Andauern der Kultur betonen – so führt Michael Markel 1997 in einem Aufsatz beispielsweise den aktiv und gegenwärtig arbeitenden, frommen Bauer an, der sät, Korn schneidet und keltert. Trotzdem kommt man nicht umhin, aus Grüften, Totenschrein, moderndem Vätergebein, schlagenden Uhren, bröckelndem Stein und verschwundenen Völkernamen die Vergänglichkeit herauszulesen. Nicht selten wurde die Elegie deshalb als „Abgesang auf achthundert Jahre deutscher Geschichte in Siebenbürgen“ verstanden. Auch Meschendörfers Roman „Die Stadt im Osten“ zeigt deutlich, wie sehr er sich um die Zukunft der isolierten Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen gesorgt hat: „Wir stehen hier bis an die Brust in einem reißenden Strom, der uns fortspülen will von unserer Insel. Der uns den Boden unter den Füßen wegschwemmt und manchmal über unsere Köpfe geht.“

Dass dieses Interpretationsangebot insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Widerhall bei den Siebenbürger Sachsen fand, liegt an den Zeitumständen und der zunehmenden Erfahrung von Entfremdung, Entheimatung und Exodus. Die Zweifel am Überdauern als Minderheit gab es zwar nicht erst seit dem Anschluss an den rumänischen Staat, doch in den 1920ern brach die Finis-Saxoniae-Stimmung besonders aus. In den 1970ern wurde die Heimatklage Meschendörfers dann zunehmend als eine sich erfüllende Vorhersage verstanden.

Neben der Endzeitklage gab es von Anfang an aber noch eine weitere Lesart der Elegie. Sie findet im ersten Wort deutlich Ausdruck: „Anders…“. Das Wort kommt im Gedicht fünfmal vor und gibt ihm an den betreffenden Stellen (anders… anders… hier) nicht nur einen markanten Schub, es drückt auch von Beginn an die Andersartigkeit siebenbürgischen Lebensgefühls aus.

Zum historischen Kontext ist zu sagen, dass die Veröffentlichung der „Siebenbürgischen Elegie“ in die Zeit der sogenannten „Transilvanismus“-Debatte fiel. In der Zwischenkriegszeit gab es eine Bewegung, die in allen drei Volksgruppen (Ungarn, Rumänen, Sachsen) Vertreter hatte, die über die Spezifik der „siebenbürgischen Seele“ diskutierte und siebenbürgische Eigenart zu definieren versuchte. Für die Völker Siebenbürgens wurde eine Ähnlichkeit im Lebensgefühl und in der Lebensart angenommen, was gleichzeitig bedeutete, dass etwa die Sachsen sich zwar durchaus als Deutsche verstanden, sie sich im Kontakt mit Deutschen aber als Siebenbürger und somit als als anders ansahen. Die Andersartigkeit war es auch, die angedeutet wurde, als ich den Satz vor zwei Jahren erstmals hörte. In der Sitzung ging es um ganz konkrete Maßnahmen bei der Umsetzung eines Projektes, sodass der Kommentar eher ironisierend bedeutete: In Siebenbürgen ticken die Uhren halt anders.

Bemerkenswert ist, welche Rolle die Elegie für manchen ausgewanderten Siebenbürger Sachsen heute hat: Sie scheint die Nostalgie bestens auszudrücken, mit der sie auf die alte Heimat zurückblicken. Das Gedicht wird oft zu Beginn einer Veranstaltung vorgetragen. Eindrücke von Vergänglichkeit schwingen bei den mitunter verklärten Erinnerungen an die zurückgelassenen Bauwerke und Gräber sowie die schönen Landschaften Siebenbürgens sicherlich auch mit.

Seit fast 100 Jahren lädt die „Siebenbürgische Elegie“ dazu ein, interpretiert und rezipiert zu werden, wobei kaum ein siebenbürgisches Gedicht die Gemüter derart angeregt und inspiriert hat: Michael Markel zählte bereits vor 25 Jahren rund zwei Dutzend Gedichte von 15 Autoren, die die Elegie aufgegriffen oder haben anklingen lassen, daneben vier ungarische und drei rumänische Übersetzungen, ferner mehrere Vertonungen und grafische Umsetzungen.

Die aktuellste Wiederaufnahme ist ein Wandtattoo, das der Verband der Siebenbürger Sachsen seit diesem Sommer verkauft. Mit der ersten Zeile des Gedichtes kann man nun alles dekorieren, was man will: Gegenstände, Möbel, Türen, Wände… Ein Verbandsmitglied hat den Spruch sogar auf sein Wohnmobil aufgeklebt. Seine Begründung: Damit kann er ausdrücken, dass er ein Sachse ist. Und wenn jemand nicht weiß, was der Satz bedeutet, dann hat er oder sie einen Grund nachzufragen.

Wo werden Sie den Schriftzug „Anders rauschen die Brunnen, anders rinnt hier die Zeit“ anbringen? Machen Sie ein Foto davon und schicken Sie es an kulturreferat[ät]siebenbuerger.de! Fügen Sie bitte auch eine Erklärung hinzu, was Sie mit dem Gedicht verbinden und warum das Tattoo dort gelandet ist, wo es gelandet ist. Die interessantesten Fotos veröffentlichen wir in einer späteren Folge der Siebenbürgischen Zeitung.

Dagmar Seck

Das Wandtattoo ist in zwei Varianten erhältlich:

Druckschrift: 6,7 x 29,8 cm ...
Druckschrift: 6,7 x 29,8 cm
Schreibschrift: 3,7 x 30,7 cm ...
Schreibschrift: 3,7 x 30,7 cm
Kosten jeweils: 7,00 Euro zzgl. 1,70 Euro Versand. Zu jedem Tattoo erhalten Sie eine Postkarte dazu, auf der die gesamte „Siebenbürgische Elegie“ zu lesen ist, das Design in schlichtem Schwarz-Weiß (siehe unten). Bestellung per Post: Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V., Karlstraße 100, 80335 München, per Mail: kulturreferat[ät]siebenbuerger.de, telefonisch: (089) 236609-0 oder im Web-Shop: www.siebenbuerger.de/shop/verband.html
Die „Siebenbürgische Elegie“ gibt es zu jedem ...
Die „Siebenbürgische Elegie“ gibt es zu jedem Wandtattoo als Postkarte dazu.

Schlagwörter: Siebenbürgische Elegie, Gedicht, Literaturgeschichte

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