13. Dezember 2008

Bedeutender Arzt und Naturwissenschaftler: Karl Ungar

Dr. Karl Ungar war einer der bedeutendsten siebenbürgisch-sächsischen Ärzte und Naturwis­senschaftler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Zeitgenosse und Kollege Dr. Viktor Weindel würdigte in ihm einen Mann, dem „seine vielseitigen und außerordentlichen Fähigkei­ten als Mensch und Arzt, als Naturwissenschaftler und Botaniker sowie seine musikalische Be­gabung einen ungewöhnlichen Weg vorgezeichnet“ hatten, dessen volle Erfüllung ihm jedoch durch die „rauhe Hand des Schicksals“ nicht gegeben war.
Karl Ungar kam am 9. September 1869 in Her­mannstadt als Sohn eines Webermeisters zur Welt. Nach dem Besuch des evangelischen Gym­nasiums in Hermannstadt, wo er sich unter anderem durch sein organisatorisches Wirken im Coetus auszeichnete, studierte er Medizin in Wien und Graz. Der Studienaufenthalt wurde, da der Va­ter verstorben und die Familie wenig bemittelt war, von seinem älteren Bruder Fried­rich finanziert. Sein großes Interesse galt schon in seinen frühen Jahren den exakten Wissen­schaften, zunächst primär der in seiner Zeit aufstrebenden modernen Medizin, neben der er aus Liebhaberei intensiven botanischen Studien nachging.

Karl Ungar in Wandermontur auf der Hohen Rinne in ...
Karl Ungar in Wandermontur auf der Hohen Rinne in den 1920er Jahren.
1895, kurz nach Erlangung der Doktorwürde, kehrte Ungar nach Hermannstadt zurück und begann seine berufliche Tätigkeit als Kranken­kassenarzt. Fünf Jahre später avancierte er zum Sekundararzt am damaligen Franz-Josef-Bür­gerspital. Gleichzeitig setzte 1895 mit der Mit­gliedschaft im Siebenbürgischen Verein für Naturwissenschaften seine ehrenamtliche Tätigkeit ein, wobei er vom Bibliothekar der Medizinischen Sektion (1903) zum Ausschussmitglied (1905), Schriftführer (1907), Kustos der botanischen Sammlungen (nach dem Ersten Weltkrieg), Vor­standsstellvertreter (1922) und schließlich als Vorstand (1925-1933) unterschiedliche Ämter bekleidete.

Ab 1909 ist er 20 Jahre lang Primararzt und gleichzeitig Leiter der Prosektur (Anatomische Pathologie) im Bürgerspital. Während des Ersten Weltkriegs leitete er die Chirurgische Abteilung am Garnisonsspital. In seinen letzten zwei Dienst­jahren war er Chefarzt der Abteilung Infektions­krankheiten am Hermannstädter Krankenhaus. 1928 trat er in den Ruhestand und leitete danach drei Jahre lang die im Frecker Sanatorium der ehemaligen Brukenthalschen Sommerresidenz eingerichtete Kaltwasserheilanstalt. Dr. Karl Ungar starb unerwartet am 23. November 1933 in Hermann­stadt.

Sein jahrzehntelanges erfolgreiches medizinisches Wirken kann heute, gebündelt, folgendermaßen dargestellt werden:

Karl Ungar – Mediziner und Forscher, zu entnehmen zunächst seinen Publikationen zur Kasuistik von Krankheitsfällen anhand eigener Untersuchungen, die immer gründlich und ge­nau und mit ausführlicher Quellenangabe versehen waren. Einige Arbeiten erschienen in den großen medizinischen deutschsprachigen Perio­dika in Wien und München. 1911, z.B. an von ihm diagnostizierten Fällen über Morbus Banti, ein Syndrom, das bislang als eine Form der Le­berzirrhose bekannt war. Ungar bewies, dass diese komplexe Krankheit nicht primär die Leber befällt, sondern von einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse ausgeht. Zahlreiche ähnliche wissenschaftliche Publikationen sind in den Hermannstädter „Verhandlungen und Mitteilun­gen des Siebenbürgischen Vereins für Naturwis­senschaften“ (VuM) zu finden, z.B. „Ein Fall von Acranie“, „Malaria tropica“ und „Spirochaeten­erkrankungen“.

Karl Ungar – Arzt für Volksgesundheit und Hygiene, der 40 Jahre lang einen bedeutsamen Anteil an der Bekämpfung von Seuchen wie Typhus und TBC in Hermannstadt und Sieben­bürgen hatte. 1911 veröffentlichte er in Wien eine Studie über die endemischen und epidemischen Typhuserkrankungen in Hermannstadt im Zeitraum 1894-1911, mit genauen Tabellen zur Mortalität, den Todesursachen sowie der Verbreitung der Epidemie auf Stadtteile und in Schulen und Kasernen. Zur TBC-Problematik schrieb er regelmäßig in der Tagespresse und in den VuM. Ein dreisprachig von Ungar verfasstes Informationsblatt mit den Titel „Die Soziale Bekämpfung der TBC“ wurde 1912 gedruckt.

Im Zeitraum 1913-1917 präsentierte er jähr­lich der Öffentlichkeit in den VuM eine „Über­sicht über die Sterbefälle in Hermannstadt“.

Karl Ungar – der Mikrobiologe und Bakterio­loge. Dr. Ungar führte schon vor der Jahrhun­dertwende die mikroskopischen und bakteriologischen Untersuchungen am Hermannstädter Bürgerspital ein. Als Erster wandte er den Was­sermann-Reaktionstest zum Nachweis der Syphilis an und regte die regelmäßigen Unter­su­chungen des Keimgehaltes im Trinkwasser an. Eine reiche Sammlung mikroskopischer Prä­parate, die auf Ungar zurückzuführen ist, wird heute noch im Naturhistorischen Museum Her­mannstadt aufbewahrt.

Karl Ungar – Initiator und Leiter der Kur­anstalten im Brukenthal-Sanatorium Freck und Förderer des Höhenkurortes Hohe Rinne. Als Mediziner und Mensch mit hohem Ethos waren Dr. Ungar auch große sozialpolitische Anliegen wichtig. Er schrieb über „Mäßigkeit und Enthaltsamkeit“ und „Die sittlichen Grund­lagen des sozialen Lebens“ und war im Jahre 1917, entgegen dem damaligen Trend, ein Vor­kämpfer für den Frieden. Ein nicht veröffentlichter Beitrag mit dem Titel „Die psychologischen Vorbedingungen des Völkerfriedens“ und der gedruckte Artikel „Krieg und Medizin“ sind Belege seines pazifistischen Weltbildes. In Letz­terem schrieb er: „Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass der Krieg an und für sich als Übel, als ein Unglück, als eine Krankheit zu halten ist, dessen Wurzeln und Ursachen auszurotten, des­sen Auftreten und Ausbreitung mit allen Mitteln zu verhindern der große Wunsch und die Auf­gabe jedes Menschenfreundes und die Pflicht je­des Arztes sind.“

Ungars naturwissenschaftliches Weltbild ist vom Darwinschen Evolutionsgedanken geprägt. 1907 schrieb er in den VuM einen Beitrag über die tierische Abstammung des Menschen. 1926, anlässlich einer Festrede des Vereins, sagte er sinngemäß: Die Wissenschaft soll eine Fackel der ethischen und geistigen Bildung sein, die das Menschengeschlecht heraushebt aus ihrer Dumpfheit und Stumpfheit.

Seine botanische Tätigkeit, der er neben seiner Arbeit als Arzt im Rahmen des Siebenbürgischen Vereins für Naturwissen­schaften nachging, lässt sich wie auch die medizinische in unterschiedliche Schaffensperioden gliedern. Sie offenbarte sich verstärkt ab seiner Wahl zum Schriftführer des Vereins (1904) und bald danach durch sein Amt als Kustos der botanischen Sammlungen.

Mit dem Aufblühen des 1880 gegründeten Sie­benbürgischen Karpatenvereins entstand bei Ungar der Wunsch, einen Beitrag zur besseren Kenntnis der Alpenflora zu leisten. So erschien 1913 Ungars „Alpenflora der Südkarpaten“, de­ren Herausgeber der Karpatenverein war. Die mit ansprechenden Farbtafeln versehene Publi­kation war nun für botanisch interessierte Berg­wanderer ein optimaler Wegbegleiter. In enger Zusammenarbeit des Siebenbürgischen Verein für Naturwissenschaften und des Siebenbürgi­schen Karpatenverein veranstaltete Dr. Ungar auch Vorträge zur Alpenflora, wobei der Erlös der Ausgestaltung des von ihm begründeten Alpengartens auf der „Hohen Rinne“ im Zibins­gebirge zugute kam. Zur Förderung der Kennt­nis der Gebirgsflora hatte Dr. Ungar für das Kur­haus auf der Hohen Rinne, dessen Entwicklung ihm sehr am Herzen lag, auch ein Herbarium in zehn Faszikeln angelegt, das der allgemeinen Information dienen sollte.

Sein Interesse galt jedoch nicht nur der Alpen­flora, sondern auch der siebenbürgischen Pflan­zenwelt insgesamt, die er mit besonderer Inten­sität nach dem Ersten Weltkrieg anging. Seinen Plan der Herausgabe eines Bestimmungsbuchs zur Flora Siebenbürgens verband er mit der Schaffung einer Siebenbürgischen Pflanzen­sammlung, die als Beleg zu seinem Buch gedacht war und deren Zusammenstellung er 1920 in Angriff nahm. Den Grundstock dieser Samm­lung bildete sein eigenes seit 1904 zusammengetragenes Herbarium, das er durch Sammelbelege „von fast allen siebenbürgischen und ausländischen Botanikern vom Ende des 18. Jahrhun­derts an bis zur Gegenwart“ ergänzte. Dabei sind wertvolle, alte Pflanzensammlungen, so jene von Peter Sigerus vom Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts in Ungars siebenbürgisches Herbarium integriert worden, wobei jedoch leider auf den Erhalt der Originaletiket­ten nicht geachtet wurde und dadurch wichtige historische Daten unwiederbringlich verloren gegangen sind.

Seine als Bestimmungsbuch, auch zum Ge­brauch an Schulen angelegte „Flora Siebenbür­gens“ erschien 1925 im Verlag Josef Drotleff in Hermannstadt mit einem vom Maler Hans Her­mann gestalteten Buchumschlag, der einen stilisierten Enzian zeigt.

Ungar war auch ein großer Förderer und Mann der Musik und des Theaters im Hermann­städter Kulturleben. Dank seiner guten Sing­stimme war er Mitglied und zeitweise Vor­sitzen­der des „Hermania-Männerchores“ und immer wieder ein mit hohem Applaus bedachter Solo­sänger in Operaufführungen wie „Der fliegende Holländer“, „Lohengrin“, „Tannhäuser“ „Fide­lio“ u.a.m.

Die Krönung seiner naturwissenschaftlichen Schriften war mit Sicherheit seine „Flora Sie­benbürgens“. Sie ist bis zum ausgehenden 20. Jahrhundert für botanisch Interessierte aus dem In- und Ausland ein wichtiger Begleiter gewesen und hat vielen Generationen Wissen vermittelt und Freude bereitet.

Erika Schneider und Hansgeorg v. Killyen

Schlagwörter: Naturwissenschaften, Arzt

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