24. August 2009

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Werner Klemm: Schulmann, Naturschützer und Ornithologe

Professor Werner Klemm (1909-1990) gehört zu den bedeutenden siebenbürgischen Naturforschern und Ornithologen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sowohl als Biologielehrer als auch als ehrenamtlich tätiger Kustos für Naturschutz der Rumänischen Akademie der Wissenschaften hat sich Klemm vielfach verdient gemacht. Als Anerkennung für seine besonderen Leistungen als Schulmann und Naturschützer wurde ihm 1966 der Titel „Verdienter Professor“ verliehen.
Der Ornithologe Klemm hat sich vor allem für den Schutz der Greifvögel und des Weißstorchs eingesetzt. 1962 konnte er erstmals die Ohrenlerche als Brutvogel Rumäniens nachweisen. Als über Siebenbürgen und Rumänien hinausragende Leistung muss sein jahrelanges Mitwirken an der Herausgabe des von Hans Salmen nachgelassenen Werkes „Die Ornis Siebenbürgens“ (I/1980, II/1982) gewertet werden. Diesem Werk fügten Werner Klemm und Stefan Kohl einen von ihnen verfassten dritten Band hinzu, der dieses Werk vervollständigte und 1988 erschien.

Werner Friedrich Heinrich Klemm wurde vor hundert Jahren, am 24. Juli 1909, in Straßburg am Mieresch (Aiud) geboren als zweites Kind des Prokuristen und Holzhändlers Max Klemm (gebürtig in Thüringen) und dessen Ehefrau Selma, geb. Bechtholdt aus Mühlbach. 1919 übersiedelte die Familie Klemm nach Hermannstadt, wo Werner Klemm bis 1928 das Brukenthal-Gymnasium besuchte.

Werner Klemm (1909-1990) ...Werner Klemm (1909-1990)Entscheidend für seine Berufswahl war der prägende Einfluss seines Biologielehrers und Ornithologen Alfred Kamner. Ab 1928 studierte Klemm Naturwissenschaften in Jena und Klausenburg und erwarb hier 1935 das Lizenzdiplom für Naturwissenschaften. 1935/36 war er Gymnasiallehrer in Bistritz und 1936/37 studierte er noch Theologie in Berlin. Danach wirkte er als Privatlehrer in Buşteni (1937/38) und als Lehrer der evangelischen Kirchengemeinde in Piatra Neamţ (1938-1940). 1938 heiratete er die Lehrerin Helga Keintzel, Tochter des Heidendorfer Pfarrers und Dechanten des Bistritzer Kirchenbezirkes Dr. Georg Keintzel. Der Ehe entstammen zwei Söhne und zwei Töchter. 1940-1942 war Klemm Gymnasiallehrer in Kronstadt und 1942-1945 an der Brukenthalschule Hermannnstadt. 1945-1949 folgte die Zwangsdeportation in die Sowjetunion. Seit 1949 wirkte er als Lehrer in Hermannstadt, zunächst an der Staatsvolksschule Nr. 1 und dann als Gymnasiallehrer an der deutschen Abteilung der Pädagogischen Schule (1951/52). 1952-1954 war er Schulleiter der Deutschen Gemischten Pädagogischen Schule und von 1954 bis zu seiner Pensionierung 1969 unterrichtete er als Gymnasiallehrer am Mädchenlyzeum Nr. 2 (später Nr. 4). Für seine besonderen Verdienste als Lehrer und ehrenamtlicher Kustos der Naturschutzkommission der Rumänischen Akademie der Wissenschaften wurde ihm 1966 der Titel „Verdienter Professor“ verliehen. 1987 übersiedelte die Familie Klemm in die Bundesrepublik Deutschland, wo er in Marktoberdorf am 19. Dezember 1990 im Alter von 81 Jahren starb.

Der Schulmann und Naturschützer

Als begnadeter Lehrer hat Klemm viele Schülergenerationen entscheidend mitgeprägt und im Sinne der Ehrfurcht vor der Natur und des Umweltbewusstseins erzogen. Sowohl im Unterricht als auch besonders auf Beobachtungsgängen, Schulausflügen und Schulreisen gelang es ihm, seine diesbezüglichen Wertvorstellungen seinen Schülern zu vermitteln. Als ehrenamtlicher Kustos der Naturschutzkommission der Rumänischen Akademie der Wissenschaften hat er sich mit viel Nachdruck für den Schutz der gefährdeten Greifvogelarten, des Weißstorchs und für die Unterschutzstellung schutzwürdiger Gebiete eingesetzt. Leider waren seine diesbezüglichen Bemühungen nicht immer vom erwarteten Erfolg gekrönt oder blieben mitunter auch völlig aus, was ihn jedoch nicht entmutigte, sondern immer wieder veranlasste, sich auch weiterhin für diese lebenserhaltende Aufgabe des Naturschutzes einzusetzen. Als ich Klemm im Oktober 1975 die Gründung einer Sektion Naturwissenschaften des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde mitteilte und ihn nach seiner derzeitigen Tätigkeit und Mitarbeit befragte, schrieb er mir aus Hermannstadt am 18. Januar 1976 Folgendes: „Die Frage nach meinem eigenen Tun ist dahin zu beantworten, dass mich zwei aktuelle Themenkreise beschäftigen und zu Studien und Einsatz veranlassen: die kurz vor der endgültigen Ausrottung stehenden Greifvogelarten und die ebenso im Schwinden begriffenen Weißstorchbestände. Wie sagt man hierzulande ,o muncă în vid‘. Wieder ging ein dokumentarisches Memorandum über die gefährdete Lage von Seeadler und Würgfalke im Donaudelta an Prof. Botnariuc/Bukarest, mit der Aussicht, dass meinem Schreiben nicht einmal eine Empfangsbestätigung zuteil wird. Diese andauernde Vergeblichkeit des Tuns lastet auf vielen nicht produktionsgebundenen wissenschaftlichen Bestrebungen.“

In diesen Zeilen erfahren wir zwei Aufgabenbereiche, die Klemm besonders am Herzen lagen, aber auch seine Ohnmacht gegenüber den Behörden und tatenlosen Kollegen, auf die er bei der Durchführung seiner Vorhaben angewiesen war. Auf die Dringlichkeit der Einhaltung des Naturschutzes im Donaudelta hat er bei den hierfür zuständigen Stellen immer wieder hingewiesen. Sowohl das von ihm 1964 in der Pädagogischen Schule eingerichtete „Naturkundekabinett“ als auch die ab 1972 bei ihm zu Hause stattgefundenen „Zusammenkünfte“ mit Schülern dienten seinen Bestrebungen, biologisches Fachwissen und seine diesbezügliche Erfahrung an die interessierte junge Generation weiter zu geben. Die gleiche Absicht verfolgte er auch mit seinen zahlreichen Vorträgen, die er in Schulen und Volkshochschulen in Siebenbürgen gehalten hat.

Leidenschaftlicher Ornithologe

In seiner Forschungstätigkeit galt W. Klemms Hauptinteresse der Ornithologie. Der Titel seiner ersten Veröffentlichung (1939) ist „Der Vogelzug“ (Migraţiunea păsărilor). Auch die Liste seiner 164 Veröffentlichungen, von denen 97 ornithologische Beiträge sind, belegt dieses. Bemerkenswert ist weiterhin, dass er fast drei Viertel seiner Veröffentlichungen nach seiner Pensionierung verfasst hat. – Während einer Exkursion im Zibinsgebirge konnte Klemm auf der „Teufelsplatte“ eine Ohrenlerchenfamilie mit drei Jungen beobachten und somit erstmals diese Vogelart als Brutvogel Rumäniens nachweisen. Von 1963 bis 1987 leitete er die von ihm organisierten Zählungen und den Schutz der Weißstörche in Rumänien. 1974 beringte er während der Storchenzählung in Großau und Scorei auch Jungstörche. Während 28 Expeditionen in den Jahren 1978-1987 beringte er mit seinen Helfern insgesamt 164 Vögel. 1984-1988 hat er auch an den Synchronzählungen für Wasservögel an den Fischteichen bei Mândra teilgenommen.

Ein besonderes Anliegen waren seine wiederholt durchgeführten Forschungsfahrten in das Donaudelta, durch das er auch in- und ausländische Kollegen geführt hat. Für den Schutz des Donaudeltas hat er sich wiederholt eingesetzt.

Als 1977 der namhafte Ornithologe Prof. Dr. Ernst Schüz (Ludwigsburg) dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) empfahl, das vom Ornithologen Hans Salmen nachgelassene Werk „Die Ornis Siebenbürgens“ (1958) mit seiner Hilfe herauszugeben, war auch Klemm zur notwendigen Mitarbeit bereit. 1979 einigten sich Prof. Schüz und der AKSL (Dr. Ernst Wagner als Vorsitzender und H. Heltmann als Sektionsleiter), das nur unwesentlich gekürzte Typoskript von Salmen in zwei Studia Transylvanica-Bänden zu veröffentlichen. Noch im selben Jahr begannen die Herausgeber (H. Heltmann, W. Klemm, E. Schüz) mit der Erstellung der endgültigen Textform für die Druckvorlage. Die Herausgabe des Werkes beim Böhlau Verlag Köln wurde H. Heltmann übertragen. Für Klemm war die aktualisierte Herausgabe dieses Werkes eine gute Möglichkeit, sein reichhaltiges Wissen über die Vogelwelt Siebenbürgens hier einzubringen. 1980 erschien der erste und 1982 der zweite Band von „Die Ornis Siebenbürgens“ von Hans Salmen. Bereits 1981 führten gemeinsame Überlegungen der Beteiligten zum Beschluss, einen dritten ergänzenden Band dieses Werkes, verfasst von W. Klemm und Stefan Kohl, herauszugeben. Für Klemm zwar eine schwierige, aber zugleich auch einmalige Gelegenheit für die Gesamtdarstellung seiner eigenen Forschungsergebnisse. Das 1987 von Klemm, Kohl und den Mitherausgebern abgeschlossene Typoskript konnte schließlich 1988 ebenfalls im Böhlau Verlag erscheinen. Unter den damaligen Verhältnissen in Rumänien war Klemms Mitarbeit mit uns und der dafür notwendige Briefverkehr für ihn ein Wagnis. Immer wieder gingen Briefe von Klemm an Prof. Schüz verloren. – Zu den besonderen Leistungen von Klemm gehört auch seine Mitarbeit am englischen Sammelwerk „Birds of the Western Palearctic“.

Im Zeitraum von 1968-1989 hat W. Klemm an mehreren internationalen Tagungen und Kongressen teilgenommen. Zu diesen gehören: Kongress des Internationalen Rates für Vogelschutz, Mamaia 1972; Deutsche Ornithologen-Gesellschaft-Tagung in Garmisch-Partenkirchen 1978; Kongress der Weltarbeitsgruppe Störche-Ibisse-Löffler (IRV) 1985 in Walsrode, als Referent, u.a.

Durch zahlreiche Vorträge oder auf seinen Ausflügen mit Schülern und gemeinsamen Wanderungen mit Freunden und Bekannten war Klemm stets bemüht, umweltbewusstes Verhalten in der Natur und etwas von seinem reichen Wissen, seinen Erfahrungen und Überzeugungen zu vermitteln. Durch seine Ideale und sein Werk lebt und wirkt er in uns weiter.

Dr. Heinz Heltmann

Schlagwörter: Naturwissenschaften, Ornithologie

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