2. November 2020

Entdecker des Methangasvorkommens in Siebenbürgen: Apotheker Georg Vette vor 375 Jahren geboren

Nachdem die vor 1494 gegründete Stadtapotheke in Hermannstadt aus Mangel an ausgebildeten Apothekern im Lande immer wieder geschlossen werden musste – und das oft über längere Zeiträume hinweg –, berief der Rat 1672 den Apotheker der Königlichen Apotheke aus Danzig Georg (Georgius) Vette in die Funktion des Stadtapothekers nach Hermannstadt. Seine Fachkompetenz und sein Bekanntheitsgrad müssen zu dem Zeitpunkt bereits so bedeutend gewesen sein, dass die Kunde über den hervorragenden Apotheker, Botaniker und wissenschaftlich Forschenden bis nach Hermannstadt gelangte und man auf ihn aufmerksam wurde. Aber wer war Georg Vette, der als 27-Jähriger bereits in eine so wichtige Funktion berufen wurde und die weite Reise in ein ihm unbekanntes Land antrat, das ihn nicht mehr loslassen sollte?
Titelblatt der Leopoldina-Zeitschrift ...
Titelblatt der Leopoldina-Zeitschrift Ephemerides, in der drei Beiträge von Georgius Vette 1676 (2), 1677 (1) erschienen sind.
Er stammte aus dem im Laufe der Geschichte öfters die Herrscher wechselnden Kulmer Land, einer historischen Landschaft Pommerns. Das kleine, am rechten Ufer der Weichsel gelegene Städtchen Graudenz (polnisch Grudziadz), etwa 100 km von Danzig entfernt, wurde Ende des 13. Jahrhunderts am Fuß der zu Beginn des Jahrhunderts errichteten Burg des Deutschen Ritterordens gegründet und hatte sich im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte zu einem Zentrum des Handwerks und des Handels entwickelt. Hier wurde Georg (Georgius) Vette am 30. Oktober 1645 geboren. Über seine Eltern und seinen Werdegang vor Beginn seiner Ausbildung ist kaum etwas bekannt. Diese bestand in einer mehrjährigen Apothekerlehre in Thorn, nach deren Abschluss er zuerst als Apotheker in Fraustadt (Wschowa) wirkte, um danach eine Stelle als Apotheker in der Königlichen Apotheke in Danzig anzunehmen. Die reiche, unabhängige Hansestadt, damals eine der größten Städte Nordeuropas, war zu der Zeit ein großer Anziehungspunkt für Wissenschaftler und Künstler. Hier hatte Georg Vette sich weitergebildet, Kontakte zu Wissenschaftlern angeknüpft, sein Wissen auf dem Gebiet der Botanik sowie anderen Zweigen der Naturwissenschaften bereichert und sich damit den Ruf eines großen Botanikers seiner Zeit erworben. Dass sein Ruf bis nach Siebenbürgen bekannt wurde, ist im Hinblick auf die damaligen Kommunikations- und Reisemöglichkeiten beachtlich. Die in Danzig entstandenen Freundschaften und fachlichen Verbindungen hat er zum Teil auch von Siebenbürgen aus über Briefwechsel weitergeführt. Vette folgte der Berufung zum Stadtapotheker nach Hermannstadt, die er bis zu seinem Tod im Alter von 59 Jahren betreute.

Nach seiner Ankunft in Hermannstadt wurde er gleich vor viele Herausforderungen gestellt. Neben dem Ausbau und der Leitung der Stadtapotheke war er für die Ausbildung von Lehrlingen zu Apothekern zuständig. Ein wichtiger Beleg für diese Tätigkeit ist ein Apothekerdiplom, das er für Paulus Kärstchen aus Schäßburg ausgestellt und unterschrieben hatte, nachdem dieser vier Jahre bei ihm in der Lehre gewesen war. Dieses Diplom hat eine besondere Bedeutung für die Apothekengeschichte Siebenbürgens, da es das erste in Siebenbürgen ausgestellte Apothekerdiplom – datiert vom 4. August 1687 – ist. Das Diplom befindet sich derzeit im Mediascher Museum, obwohl es nach Recherchen des Apothekers Dr. Ovidiu Maior (2014) nicht belegt werden kann, dass Kärstchen in Mediasch beruflich tätig war.

Außer seiner Tätigkeit als Apotheker und Lehrender mehrerer Apothekergenerationen war Vette auch wissenschaftlich tätig. Unter seinen Zeitgenossen wurde er als „ein großer Botaniker“ geschätzt. Seine leider wenigen bekannt gewordenen Schriften belegen, dass er die Beobachtungen auf Ausflügen und Reisen machte und die gewonnenen Erkenntnisse danach zusammenfasste. Vette gehörte zu den korrespondierenden Mitgliedern der ersten, 1652 gegründeten „Naturforschenden Gesellschaft“, die 1687 von Kaiser Leopold mit Rechten und Privilegien ausgestattet wurde und später von Kaiser Karl VI. 1712 und Karl VII. 1742 bestätigt wurde. Sie ist als Kaiserliche und dann Deutsche Akademie der Naturforscher „Leopoldina“ bekannt geworden. Seine ersten beiden Beobachtungen „Observatio“ sandte er zwecks Veröffentlichung an seinen Breslauer Freund Heinrich (Henricus) Vollgnad (1634-1684), Stadtarzt von Breslau und Mitglied der Naturforschenden Akademie Leopoldina. Dieser schrieb dazu erläuternde Kommentare und schickte sie an die Akademie zur Veröffentlichung in deren Zeitschrift Ephemerides. Allerdings erschienen Vettes Beobachtungen unter dem Namen Vollgnad, aber mit dem Vermerk, dass sie von Georgius Vette stammen. In der ersten Notiz/Observatio „De draconibus carpathicis et transsylvanicis“ 170 (1675, gedruckt 1676) handelt es sich, wie Akad. Emil Pop (1970) vermutete, um den Schädel eines Höhlenbären. Bemerkenswert ist vor allem die Beobachtung/Observatio 171 (1675, gedruckt 1676) „Über die brennenden Wasser/De aquis ardentibus“. Es ist die erste wissenschaftliche Notiz über das Vorkommen von Methangas in Siebenbürgen. Dabei handelte es sich um eine Ausströmung von Gas durch einen Quellgang, wobei sich das Gas zufällig angezündet und die Täuschung einer brennenden Quelle hervorgerufen hatte.
Holzschnitt „Der Apotheker“ aus Jost Amman: Das ...
Holzschnitt „Der Apotheker“ aus Jost Amman: Das Ständebuch 1567, aus einem Reprint, erschienen 1975 im Inselverlag Leipzig.
Die dritte für die Ephemerides eingereichte Notiz/Observatio 239 (1675) beinhaltet ein botanisches Thema ­betreffend Missbildungen von Arten mit zusammengewachsenen Stengeln und/oder Blüten, so genannte „Hahnenkammformen“ (Fasciation), die er bei der Türkenbundlilie („Martagon“), Frühlingsschlüsselblume („Primula veris“) und Hahnenfuß („Ranunculus“) festgestellt hat. Seinen Erläuterungen fügte er auch eigene Zeichnungen hinzu. Vettes Ausführungen sind wissenschaftlich von Bedeutung, da es sich um die ersten Beobachtungen zur Morphologie der Pflanzen Siebenbürgens und gleichzeitig auch um die ersten gedruckten Mitteilungen zur Flora Siebenbürgens handelt. Es ist anzunehmen, dass Georg Vette als bedeutender Botaniker und Wissenschaftler seiner Zeit auch weitere Schriften verfasst und sicherlich außer Kärstchen auch noch viele andere Apotheker ausgebildet hat, deren Diplome leider nicht auffindbar sind. Archivforschungen waren diesbezüglich nicht weiterführend. Georg Vette hat sein Wissen als praktisch ausübender Apotheker, aber auch als Wissenschaftler auf dem Gebiet des Apothekerwesens, der Heilkunde und der Botanik – soweit es unter den Lebensbedingungen und dem Kenntnisstand seiner Zeit möglich war – auf hohem Niveau weitervermittelt. Er starb am 11. November 1704 im Alter von nur 59 Jahren. Nach Vettes Tod ging die Stadtapotheke „Zum Schwarzen Adler“ in Privateigentum über und wurde 1704-1746 von seinem Sohn, dem Arzt Johann Georg Vette, weitergeführt. Daran wird deutlich, dass die Tätigkeiten von Ärzten und Apothekern oft noch gebündelt liefen und es damals noch keine deutliche Abgrenzung der beiden Berufe gab. Die Hermannstädter Stadtapotheke stand zu Georg Vettes Wirkungszeiten am Großen Ring auf dem Platz, auf dem heute der Turm der katholischen Kirche steht. Später wurde sie ins Blaue Stadthaus verlegt.

Sucht man heute Daten zur Geschichte von Graudenz, so stößt man auf eine Liste berühmter Söhne und Töchter der Stadt, Persönlichkeiten, die sich auf unterschiedliche Weise verdient gemacht haben und berühmt geworden sind. An dritter Stelle dieser langen, chronologisch geordneten Liste findet sich Georg Vette (1645-1704) mit dem Vermerk „Apotheker und Mitglied der Leopoldina“, ohne weitere Erklärungen. Dabei wird deutlich, dass Georg Vette vom korrespondierenden zum Vollmitglied der Leopoldina befördert wurde und als solcher in die Geschichte der Wissen- schaften eingegangen ist.

Erika Schneider

Schlagwörter: Botaniker, Apotheker, Vette, Geburtstag, Naturwissenschaften

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