14. Mai 2021

Zum Gedenken an Dr. Heinz Heltmann: Ein Leben für die vielfältigen Facetten der Naturwissenschaften

Es gibt wohl kaum jemanden, der zwischen Schäßburg und der nahe gelegenen Gemeinde Schaas so häufig unterwegs war wie Heinz Heltmann. Neben der Nutzung der Schmalspurbahn Schäßburg – Agnetheln (genannt „die Wusch“) durch das Tal des Schaaser Bachs gab es doch die viel reizvollere Möglichkeit, als Nestflüchter den Weg allein über die Hügel durch Wald und Flur einzuschlagen, manches zu beobachten und die Natur zu erkunden. Dabei prägten sich ihm Bilder ein, die ihn bis an sein Lebensende begleiten sollten und ihn dazu bewogen, diese Jahre der unbeschwerten Kindheit und Jugend im Rückblick als die glücklichste Zeit seines Lebens zu bezeichnen. Es war die Bindung an seine heimatliche Umgebung, an sein Elternhaus, die seinen Erinnerungen ihren Wert verliehen.
Dr. Heinz Heltmann, 1999. Fotos: Familienarchiv ...
Dr. Heinz Heltmann, 1999. Fotos: Familienarchiv Heltmann
In der hügeligen Landschaft des mittleren Siebenbürgen wurde Heinz Heltmann am 5. März 1932 in Schaas bei Schäßburg geboren, wo sein Vater als Schulrektor tätig war. Bereits früh war er geprägt vom geistigen Umfeld seiner für Kultur, Musik, Gemeinschaft und Schönheiten der Natur offenen Familie. Mit seinem Vater, einem begeisterten Naturbeobachter und Jäger, durchstreifte er die engere und weitere Umgebung der Gemeinde und lernte auf diese Weise die siebenbürgische Hügellandschaft in ihrer Vielfalt kennen. Mit Eifer begann er Pflanzen zu sammeln, die er in seine erste, von seiner Großmutter als Geschenk erhaltene Pflanzenpresse einlegen und präparieren konnte. Nach dem Besuch der Grundschule in Schaas kam er elfjährig an das Bischof-Teutsch-Gymnasium (Bergschule) nach Schäßburg und in das Schülerinternat im Alberthaus am Stundturm, wo er auch die sozialen Aspekte des Lebens kennenlernte. Als das Internat 1944 aufgelöst wurde, wohnte er bei seiner Großmutter.

Seine Schuljahre fielen insgesamt in politisch bewegte Zeiten, die geprägt waren durch die wechselnde Trägerschaft der Schule und schließlich deren Verstaatlichung im Juni 1948. Das Gymnasium wurde aufgelöst und in eine „Deutsche Pädagogische Schule“ umgewandelt, in der Heinz Heltmann neben vielen anderen angehenden Lehrern in den Übungsschulklassen ersten Probeunterricht erteilte. 1951 beendete er die Schulausbildung mit einem Lehrerdiplom und erhielt eine Anstellung in der Gemeinde Trappold nahe Schäßburg.

Nun sollte man meinen, dass sein Leben in geregelteren Bahnen verlaufen würde, nachdem ihm eine Lehrerstelle zugeteilt wurde, die er gleich hätte antreten können. Doch der Hürdenlauf hörte nicht auf, da er andere Pläne hatte und die ihm zugeteilte Lehrerstelle nicht annehmen wollte. Es zog ihn an die Universität, wo das Studium der Biologie sein angestrebtes Ziel war. Es war ein Wunsch, der im Laufe seiner Gymnasial- und Lehrerausbildung gediehen und auch dem prägenden Einfluss seiner Naturkundelehrer Heinrich Höhr und Eckhard Hügel zu verdanken war.

Schließlich war er einen Monat lang Lehrer in Trappold, stieg dann aber aus. Eine neue Zuteilung („repartizare“), die damals fürs Studium erforderlich war, erhielt er aber nicht, da er nach Behördenmeinung bereits eine erhalten hatte. Also machte er sich auf eigene Verantwortung nach Klausenburg auf, um an der „Victor Babeș“-Universität das Studium der Biologie zu beginnen, wo man ihn formell vorerst nicht annehmen konnte. Das erste Semester verbrachte er demnach als inoffizieller Student, doch es lief alles gut, die Lehrer erkannten seinen Fleiß und sein Bestreben zu lernen und sich Wissen aneignen zu wollen. Er war anerkannt, auch unter den Kommilitonen, gewissenhaft und fleißig, so dass ihm das Amt des Studiengruppenleiters anvertraut wurde. Richtig anerkannt als offiziell angemeldeter Student wurde er erst in seinem zweiten Studienjahr. Er hatte das große Glück, Vorlesungen vieler namhafter Professoren der alten Schule, teils mit Auslandserfahrung und europäischer mehrsprachiger Bildung zu hören, wie unter anderen bei Emil Pop, Mitglied der Rumänischen Akademie, Ioan Ciobanu, Victor Pop, Vasile Radu, Eugen Ghişa. Im botanischen Institut konnte er insbesondere vom damaligen Dozenten Ioan Pop und Assistenten Gheorghe Szilaghi viel lernen. Sein Herbarium zählte damals bereits 350-400 Pflanzenbelege, wie es nur wenige seiner Kommilitonen hatten. 1955 schloss Heltmann sein Studium als Diplom-Biologe ab und wurde als Lehrer an die 7-Klassen Schule nach Wolkendorf bei Kronstadt zugeteilt.

Die Zeit als Lehrer in Wolkendorf sollte jedoch nicht lange dauern, denn kaum hatte das Schuljahr begonnen, konnte er die Stelle eines Kustos der botanischen Sammlungen an dem von Professor Iuliu Morariu geleiteten Lehrstuhl für Botanik des Kronstädter Forstinstituts antreten. Bald darauf heiratete er seine ehemalige Klassenkollegin aus der Pädagogischen Schule Erika Fröhlich, die als diplomierte Lehrerin tätig war. Mit seinem beruflichen Einstieg bei Professor Iuliu Morariu schien sich Heltmanns universitäre Laufbahn abzuzeichnen. Durch seine Sammel- und Forschungstätigkeit für das Institutsherbarium wurde er bald zu einem guten Kenner der Flora und Vegetation des Burzenlandes. Dank seiner Kenntnisse ernannte ihn die Naturschutzkommission der Rumänischen Akademie (im April 1958) zum ehrenamtlichen Kustos für Naturschutz. Der Beruf als Kustos sagte ihm zu und er wäre damit auch weiterhin zufrieden gewesen. Doch er konnte nicht ahnen, was ihn erwartete und welche Klimmzüge auf einer sich auftuenden Berufsleiter er noch machen musste. Seine Freude an diesem Beruf nahm rasch ein Ende, als er ungerechterweise und ohne angegebene Begründung im Zuge der „stalinistischen Säuberungen“ einer Verleumdung zum Opfer fiel und im September 1958 fristlos gekündigt wurde. Seine Initiativen, die er bereits als Herbarkustos begonnen hatte, wie die ­Beschäftigung mit den Naturschutzgebieten um Kronstadt und andere ­ehrenamtliche Naturschutzprojekte, mussten vorerst in den Hintergrund gerückt werden. Vor allem musste die Familie – zwei Söhne hatten sich inzwischen auch eingestellt – eine Zeit lang mit dem Lehrerinnengehalt seiner Frau auskommen. Als er wieder arbeiten durfte, waren die Aussichten düster. Schließlich konnte er am Honterus Gymnasium im Labor von Lehrerin Herta Lang als Laborant für Naturkunde- und Chemieunterricht arbeiten. Zunächst mit dem Unterricht am Abendgymnasium betraut und dann auch im Tageskurs, wurde er im Schuljahr 1959 als Naturkundelehrer am Honterusgymnasium angestellt. Allerdings musste er zwei Jahre lang neben seinen naturwissenschaftlichen Fächern auch politische Ökonomie unterrichten.

Als von den Schülern hochgeschätzter Gymnasiallehrer beendete er 1963 seine Lehrerlaufbahn. Dies geschah zugunsten einer Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Arzneipflanzenforschung – Heilpflanzenanbau und Heilpflanzenzüchtung – der Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt am Hangestein (Măgu­rele) bei Kronstadt. Hier konnte er Forschungen an verschiedenen Heilpflanzen durchführen, deren Ergebnisse durch mehrere Veröffentlichungen bekannt wurden. Sie waren auch die Grundlage für seine Doktorarbeit „Beiträge zur Untersuchung der Biologie der Tollkirsche (Atropa belladona) “, die er am 20. Dezember 1971 an der Universität Bukarest unter Professor Dr. Ion Tarnavschi verteidigte. Seine Heilpflanzenkulturen, unter anderen des geschützten Gelben Enzians, des Roten Fingerhuts, der Engelwurz und der Tollkirsche, der Pflanze mit dem Wirkstoff Atropin, wurden auch von ausländischen Fachleuten besucht und gewürdigt.

Die Anerkennung seiner Erfolge in der Heilpflanzenforschung hat auch dazu geführt, dass er dank seiner Leistungen nach seiner Ausreise im Jahr 1973 in Deutschland am Institut für Pharmazeutische Biologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 1974 eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Lehrauftrag erhielt. Davor hatte er auf Grund eines Angebotes einer pharmzeutischen Firma für diese den Heilpflanzenanbau in Mozambique begutachtet sowie entsprechende Aktivitäten auf Madagaskar in die Wege geleitet.
Heinz Heltmann bei einer Ungarnexkursion mit ...
Heinz Heltmann bei einer Ungarnexkursion mit Studenten aus Bonn, 1995
Bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 1996 hat er an diesem Institut vielseitig sowohl in der Lehre als auch in der Forschung gewirkt. Als Leiter praktischer Kurse war er an der Ausbildung der Pharmaziestudenten beteiligt, hat Diplomanden und Doktoranden bei deren Labor- und Geländearbeiten betreut sowie große pharmazeutisch-botanische Exkursionen ins In- und Ausland vorbereitet und durchgeführt. An Letzteren beteiligte er sich ehrenamtlich auch über seine aktive Dienstzeit hinaus, da seine umfangreichen botanischen Fachkenntnisse sehr gefragt waren. Hervorzuheben ist auch die vorbildliche Betreuung des institutseigenen Heilpflanzengartens und der Gewächshäuser. Die Ergebnisse seiner pharmazeutisch-botanischen Forschungen hat er auf einschlägigen Fachtagungen im In- und Ausland vorgestellt. Von den zahlreichen Studienfahrten mit Studenten in verschiedene Gebiete Deutschlands und andere europäische Länder, so Österreich, Frankreich, Schweiz, Italien, Tschechien, die Baltischen Länder, führten einige auch nach Rumänien. Diese Exkursionen hatten jeweils unterschiedliche Schwerpunkte – Siebenbürgen, Bukowina mit Moldauklöstern, Dobrudscha und Donaudelta. So konnte er seinen Studenten vieles von seinem auch kulturellen Wissen aus dem südosteuropäischen Raum vermitteln und auf länderübergreifende Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Vegetation, der Landschaft und ihrer Nutzung hinweisen.

Brücken zwischen Siebenbürgen und Deutschland wurden auch durch Heltmanns Tätigkeit im Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) geschlagen. 1975 war er die treibende Kraft für die Gründung der Sektion Naturwissenschaften, die während eines Treffens mit Dr. Ernst Wagner, Dr. Arnold Huttman, Dr. Alfred Barthmus in Bonn-Bad Godesberg aus der Taufe gehoben wurde. Von ihrer Gründung bis 1995 hatte Dr. Heltmann die Leitung der Sektion inne und war bis 2001 weiterhin daran beteiligt. Bald nach der Gründung wurden die heute zur Tradition gewordenen Märztagungen der Sektion initiiert sowie viele internationale Fachtagungen veranstaltet, bei denen Wissenschaftler aus Deutschland, Östrerreich, Ungarn und Rumänien zusammenkamen. Von letzteren sind insbesondere jene von Illmitz am Neusiedler See und von Linz und Umgebung hervorzuheben. Die Ergebnisse dieser Tagungen wurden von Dr. Heltmann unter Beteiligung der Mitorganisatoren als eigene sieben Bände unter dem Titel „Naturwissenschaftliche Forschungen über Siebenbürgen“ in den Reihen des AKSL im Böhlau Verlag veröffentlicht. Hinzu kommt die Herausgabe in drei Bänden der „Ornis Siebenbürgens“ von Hans Salmen (Bd. 1, 1980, Bd. 2, 1982, Bd 3, Ergänzungsband 1988), des „Reiseführer Siebenbürgen“ unter Mitarbeit von Gustav Servatius (1993), die Mitherausgabe des „Lexikons der Siebenbürger Sachsen“ (1993), des Bandes „Der siebenbürgische Karpatenverein“, der Ortsmonographien von Schäßburg und Schaas und weiterer von insgesamt 22 Büchern.

Sein naturschutzfachlich orientiertes Debüt-Buch „Seltene Pflanzen Rumäniens“ erschien 1968 im Jugendverlag Bukarest. Jedoch bereits 1958 war er mit unterschiedlichen populärwissenschaftlichen Fachbeiträgen an die Öffentlichkeit getreten. Sie standen am Beginn einer langen Reihe von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen, deren Liste etwa 400 Titel umfasst. Viele seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften betreffen seine Untersuchungen zum Arzneipflanzenanbau und -züchtung oder pflanzengeographisch und vegetationskundlich sowie wissenschaftsgeschichtlich orientierte Themen. Ihm sind viele Biographien siebenbürgischer Naturwissenschaftler zu verdanken. Die vielen Exkursionen im In- und Ausland finden ihren Niederschlag in Berichten und in seinem etwa 10000 Belege umfassenden Herbarium, das vorwiegend Pflanzen aus Siebenbürgen, aber auch anderen Landesteilen Rumäniens beinhaltet.

Mit seiner umfassenden publizistischen Tätigkeit hat Dr. Heltmann eine für die siebenbürgische Gemeinschaft über Generationen hinweg breitenwirksame Tätigkeit entfaltet und war stets bestrebt, ihr Kenntnisse über kulturelle, wissenschaftliche und gemeinschaftlich bedeutende Leistungen zu vermitteln. Darüber hinaus hat er an interessierten Nichtsiebenbürger Sachsen auf Exkursionen, in Vorträgen und Gesprächsrunden umfassende Kenntnisse über Siebenbürgens Land und Leute weitergegeben, zu Forschungen angeregt und dadurch zur Kenntnis und Verbreitung des Wissens über Siebenbürgen wesentlich beigetragen. Für seine Leistungen wurde ihm 2017 die höchste Ehrung der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen durch die Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises zuteil. Eine so umfassende Lebensleistung wäre jedoch ohne den Rückhalt in der eigenen Familie kaum möglich gewesen. Seiner Ehefrau Erika gebührt ein besonderer Dank und Respekt. Sie hat über die Jahre hinweg mit ihrer Energie und Tatkraft die häuslichen Probleme gemeistert und ihrem Mann dadurch Freiräume für seine Arbeit geschaffen. Die Ergebnisse von Dr. Heltmanns Forschungen sind über seinen Tod hinaus für die Gemeinschaft von bleibendem Wert und tragen dazu bei, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren.

Erika Schneider und Haino Uwe Kasper, Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde

Schlagwörter: Naturwissenschaften, Forschung, Nachruf, Heltmann, Kulturpreis, Schäßburg, AKSL, Kronstadt

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