11. September 2009

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„Wir Siebenbürger sind nun mal Pioniere“

Am 14. Juli feierte der bekannte Hotelmanager Erich Haas in München seinen 90. Geburtstag. Ein willkommener Anlass, sich auch in dieser Zeitung der Lebensgeschichte eines siebenbürgischen Weltbürgers zu widmen.
Erich Haas wurde 1919 in Hermannstadt ge­boren, verbrachte dort eine behütete Jugend­zeit in Wohlstand. Bereits früh riss ihn der Krieg aus dem heimatlichen Umfeld. In der rumänischen Armee befand er sich 1941 im Herbst nur kurze Zeit bei der Belagerung von Odessa, in­dem er von dort als Dolmetscher für Rumänisch und Französisch an die Deutsche Gesandtschaft in Bukarest als „mobilizat pe loc“ delegiert worden ist.

In Deutschland verhalf der Jubilar dem ausge­bombten Hotel Bayerischer Hof in München nach dem Krieg zu erneutem Glanz (in zwölf Jahren von zehn auf 400 Zimmer), leitete aber auch Nobelherbergen in anderen Teilen der Welt. Darunter ein Hotel des griechischen Ree­ders Aristoteles Onassis auf Rhodos, der einmal sogar mit Winston Churchill zum Dinner vorbeikam. Haas arbeitete jahrelang auch an so exotischen Orten wie Lagos in Nigeria. Vor allem setzte er sich nie in ein gemachtes Nest.

„Mich hat die Aufgabe gereizt“, sagt er und verweist augenzwinkernd auf seine siebenbürgische Herkunft: „Wir Siebenbürger sind nun mal Pioniere.“

Die Hotelbranche zog Erich Haas als Arbeits­feld schon sehr früh an.

Durch Bekannte des Elternhauses hörte er von außergewöhnlichen Orten und Menschen, zum Beispiel Maharadschas. Reichtum habe ihn dabei nie gereizt, Reisen dagegen sehr. Im Lau­fe seines Lebens bereiste Haas 31 Länder in vier Erdteilen und arbeitete jahrelang im Ausland – vom Hermannstädter Anwaltssohn auf der Töp­fererde zum Münchner Weltbürger.

In seiner neuen Heimatstadt München war Haas ab 1965 20 Jahre am Aufbau der Arabella Ho­telgruppe beteiligt (in zehn Jahren acht Ho­tels). Darüber hinaus war er dort im Renten­al­ter weitere 17 Jahre lang auf finanziellem Ge­biet tätig. Davor hatte er bereits mit viel Energie ein Hotel der Steigen­berger Hotelgesellschaft in Duisburg saniert. Doch seine Mitarbeiter nahmen ihrem Vorge­setzten das strenge Regiment nie übel. „Er war ein scharfer Hund, aber wir haben ihn gemocht, weil er aus unserem Hotel et­was gemacht hat“, urteilte später eine Mit­ar­bei­terin über ihren ehemaligen Direktor. Weltbürger mit siebenbürgischem Hinter­grund: ...Weltbürger mit siebenbürgischem Hinter­grund: Erich Haas im Juli diesen Jahres in seiner Schwabinger Wohnung in München. Foto: Konrad Klein An Disziplin fehle es freilich der heutigen Ju­gend. Sie sei zu sehr abgelenkt durch Internet und Diskos und habe kaum noch Ideale. Fast nostalgisch verweist Haas auf seine Jugend, als er noch in Hermannstadt Tauben, Kaninchen oder Seidenraupen züchtete und auf väterlichen Wunsch drei Jahre lang Klavier­unterricht nahm – mit eher bescheidenem Er­folg, wie Haas lachend gesteht. „Meine Fähig­keiten lagen eindeutig mehr im praktischen Bereich.“

Zum Aufenthalt in siebenbürgischer Gesell­schaft blieb meist kaum Zeit, doch sei er immer gerne mit alten Freunden zusammen gewesen. Nach seiner Flucht gelang es ihm mühelos, sich in München einzuleben und zu integrieren. Vor allem die Weltoffenheit dieser Stadt wisse er im Vergleich zu den engen Verhältnissen in Her­mann­stadt zu schätzen.

Heimweh habe er nie gehabt: „Es waren ja alle Familienangehörigen hier.“ Doch die Beto­nung liegt auf „waren“. „Das Leben ist grausam“, stellt der Neunzigjährige fest, „meines war geprägt von zwei Dingen: Liebe und Not.“ Liebe, die er durch sein Elternhaus und gute Freunde erfuhr, und Not, die durch den erbarmungslosen Lauf des Lebens entstand. So verlor er bei seiner Ankunft auf deutschem Boden am 20. April 1945 während eines Bombardements durch die Briten sogar seinen letzten Koffer. Doch er nahm es wie so oft mit Humor: „Ich habe so viel verloren, warum nun um meine letz­te Unterhose weinen?“

Traurig sei hingegen gewesen, sich im Laufe der Zeit von so vielen lieben Menschen verabschieden zu müssen. Dennoch besitzt der Jubi­lar noch viele Freunde, die sich um ihn kümmern. Einige Freundschaften pflegt er bereits seit 50 Jahren, doch feiert er nicht gerne Ge­burts­tag, denn das sei stressig und Geschenke auszusuchen sei ebenfalls anstrengend. Denkt das Geburtstagskind allerdings an die 16 schriftlichen Gratulationen und 39 Anrufe, die es zu seinem 90sten erhielt, huscht freilich ein Lächeln der Dankbarkeit über sein Gesicht.

Das Geheimnis langer Freundschaften? „Für andere da sein, sich selbst bescheiden“, sagt er, „doch der Rückzug von Menschen, die belasten, ist ebenso notwendig. Freunde sind Menschen, auf die man sich verlassen kann.“

Und das Geheimnis des hohen Alters und seiner Vitalität? „Ich sorge für meine Gesundheit. Seit 21 esse ich jeden Tag Gesundes im Restau­rant, gehe täglich kilometerweit und benutze die öffentlichen Verkehrsmittel.“

Im Übrigen sei er zeitlebens von einer inneren Unruhe getrieben gewesen. Auch heute noch sei er stets bemüht, etwas zu bewegen und für andere da zu sein. Deshalb tue er immer mehrere Dinge gleichzeitig und halte sich durch tägliche Lektüre geistig fit. Post festum auch von uns die besten Glückwünsche fürs neue Lebens­jahrzehnt!

Yvonne Gross



Anmerkung der Redaktion – Nach Abschluss des Artikels erschienen die anrührenden, höchst lesenswerten Erinnerungen des Jubilars: „... eines Freundes Freund zu sein“. München 2009, ISBN 3-935227-14-0. Das Büchlein kann zum Preis von 12,- Euro in jeder Buchhandlung oder per E-Mail bestellt werden: info[ät]forummuenchen.org.

Schlagwörter: Geburtstag, Porträt, Hermannstadt

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