25. Oktober 2009

Sächsische Stimmen zum Literaturnobelpreis für Herta Müller

Lesen Sie im Folgenden zum Ereignis gesammelte prominente siebenbürgisch-sächsische Stimmen.
„Mein Bruder Oskar, als Ihr besonders guter Freund, wäre sicherlich ebenso stolz und erfreut über diese Ihnen verliehene große Ehrung. Mit der zusammen mit Oskar begonnenen ‚Atemschaukel‘ haben Sie ein außergewöhnliches Buch geschaffen, das mich persönlich sehr bewegt hat, da ich wohl der einzige Mensch bin, der die Deportation von Oskar, sein Wieder-nach-Hause-Kommen und die unmittelbare Zeit danach bewusst miterlebt und in Erinnerung habe. Die vielen persönlichen Einzelheiten über die Jugendzeit und die Familie des Protagonisten Auberg waren für mich natürlich sehr, sehr nahe Erinnerungen an unsere gemeinsame Kinderzeit mit Oskar. Ich darf Ihnen, sehr geehrte, liebe Frau Müller, nochmals für dieses so besondere Buch ganz herzlich danken“.

Dankesschreiben an Herta Müller von Peter Pastior, Bruder Oskar Pastiors


„Dass Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, ist für Rumänien eine Sensation und für die Rumäniendeutschen ein Glücksfall. Denn etwas von der großen Ehre, die der aus dem Banat stammenden und in Rumänien längst geschätzten und rezipierten Schriftstellerin widerfahren ist, fällt auch auf die Deutschen in Rumänien zurück: die Weltöffentlichkeit wird auf sie aufmerksam und erfährt damit erneut von ihrer hiesigen Existenz und ihrer kulturellen Tradition, die auf eine lange - bei den Siebenbürger Sachsen 850-jährige, bei den Banater Schwaben 300-jährige – Geschichte zurückgeht. Da die Deportation der Deutschen in die damalige Sowjetunion im Januar 1945 gemeinsames Schicksal der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen gewesen ist, hat Herta Müller mit ihrem Roman ‚Atemschaukel’ für alle und im Blick auf alle Deutschen Rumäniens geschrieben, die dieses Schicksal erlebt haben. Nachdem ursprünglich der Plan bestand, dieses Buch zusammen mit dem bekannten, 2006 verstorbenen Hermannstädter Dichter Oskar Pastior zu schreiben und herauszugeben, dürfen wir in diesem Werk eine Botschaft heraushören, die uns allen gilt, und durch die Herta Müller auch für uns Siebenbürger Sachsen spricht. Auch darum freue ich mich über diese einzigartige Auszeichnung und beglückwünsche unsere Nobelpreisträgerin, zugleich im Namen unserer Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Rumänien zu dieser hohen Ehrung.“

Bischof D. Dr. Christoph Klein


„Herta Müllers Bücher geben den Blick frei auf ein totalitäres System und beschreiben eindrucksvoll den Alltag. Einen Alltag, den auch meine Familie erlebt hat. Der Literaturnobelpreis rückt die kommunistischen Systeme in den Fokus der Öffentlichkeit, und ich glaube, dass diese Vergabe zum 20. Jahrestag des Zusammenbruchs einiger kommunistischer Systeme auch eine Mahnung ist. Ich freue mich, dass Herta Müller in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält und hoffe, dass durch diese Auszeichnung noch mehr Leser sich mit den politischen Zuständen in unseren Nachbarländern auseinandersetzen, insbesondere auch in meinem Geburtsland.“

Peter Maffay (Musiker)


„In Erinnerung und als Mahnung an erlebte und erlittene Drangsale in sowjetischen Arbeitslagern in und nach dem Zweiten Weltkrieg (Januar 1945 – Dezember 1949, und darüber hinaus) begrüßen letzte Zeitzeugen dieser gewaltsam verschleppten Deportierten das literarische Festhalten von Erlebnissen und Leiden betroffener Menschen in sowjetischer Deportation. Herta Müller schrieb als Mahnung, als Warnung und Aufruf gegen das Vergessen dieser Leiden und Leidenszeit ihren Roman ‚Atemschaukel’. Möge ihr Roman dazu beitragen, Erinnerungen an menschliches Versagen festzuhalten, möge sie auch weiter als Literaturnobelpreisträgerin sich für Liebe, Frieden und gegenseitige Achtung der Nationen einsetzen.“

Rose Schmidt (1922 in Schweischer geboren, Russlanddeportierte)


„Wir können stolz sein auf die Nobelpreisträgerin Herta Müller, die Banater Schwäbin, denn sie gehört zu uns. Als Deutsche sind wir ebenso stolz wie als Siebenbürger, denn sie hat auch „unsere“ Themen in die Weltliteratur eingebracht, Themen eines Lebens in der Minderheit und in der Identitätssuche. Und mit ‚Atemschaukel’ hat sie die Leiden unserer Eltern und Großeltern für die heutige Generation nachvollziehbar gemacht, ihnen ein unverwüstliches Denkmal gesetzt. Und Oskar Pastior ist dank dieses Romans wieder unter uns, spürbar nah. Wir haben zu danken!“

Hon.-Prof. Dr. Konrad Gündisch (Historiker)


„Ich freue mich, dass das künstlerische Genie, die Sprachmächtigkeit, die politische Gradlinigkeit und die ethische Haltung dieser Schriftstellerin mit der bedeutendsten literarischen Auszeichnung geehrt worden ist, die die Welt zu vergeben hat. Dieser Preis weist der im rumänischen Banat geborenen, in Temeswar vorwiegend durch die Freunde der „Aktionsgruppe“ sozialisierten Schriftstellerin einen der höchsten Ränge in der zeitgenössischen Weltliteratur zu. So etwas wird der deutschsprachigen Literatur in und aus Rumänien wohl nie wieder widerfahren. Es ist eine Sternstunde vor allem für diese Literatur. Herta Müller hat in ihren Büchern und Essays, nicht zuletzt in ihrem unlängst erschienenen und bislang besten Roman ‚Atemschaukel’, den in der kommunistischen Diktatur zermürbten und entmündigten Menschen eine unverwechselbare Stimme gegeben. Für die künftige Wahrnehmung des repressiven kommunistischen Systems und wohl auch für die jüngste Geschichte der Deutschen in und aus Südosteuropa wird dieses Ereignis weitreichende Folgen haben. “

Prof. h. c. Dr. Stefan Sienerth (Literaturwissenschaftler)


„Soeben brachte der Spiegel eine eindringliche Würdigung, die zeigt, dass ein in der Welt, erstaunlicherweise sogar in Deutschland zu wenig bekanntes Werk, nun seine verdiente Anerkennung erhalten hat. Es ist ein einsames Werk, dessen Sprachkunst für sich steht, zugleich Zeugnis und Widerstand, emblematisch für jede seelenvernichtende Diktatur. Dabei fällt von diesem Glanz auch ein Licht auf die rumäniendeutsche Literatur, und dieses sicher nicht unverdient. Der Nobelpreis ist in erster Reihe ein Preis für die wichtigste Autorin dieser Literatur, gilt einem großen und sprachlich außerordentlichen Werk, das Herta Müller geschaffen hat. Ihre äußerst subtile Sprache, die bei den meisten Autoren dieses „Dazwischen“ zu finden ist, kommt aus dem Minderheitenstatus einer besonderen Sprachbewusstheit, ebenso aus dem sprachlichen Überich einer gefahrvollen zensurüberwachten Diktatursphäre, bei der jedes Wort zum Verhör und zum Gefängnis führen konnte.“

Dieter Schlesak (Schriftsteller)


„Für mich ist die ‚Atemschaukel’ das aufregendste, beste Buch, das ich im letzten Jahrzehnt gelesen habe. Die in der Siebenbürgischen Zeitung veröffentlichte Rezension von Michael Markel ist eine sehr gute Hilfestellung zum Verständnis von Herta Müllers Bilderwelt. Wer weiß denn schon, was eine Atemschaukel ist? Ich lese das Buch jetzt zum zweiten Mal und bin noch mehr beeindruckt als beim ersten Lesen. Herzlichen Glückwunsch, liebe Herta Müller! Ich freue mich sehr, dass Sie den Nobelpreis bekommen haben.“

Karin Gündisch (Schriftstellerin)


„Ich finde, dass es eine erstaunliche, überraschende Entscheidung des Nobelpreiskomitees ist. Ich habe allerdings mehr von dem großartigen Philip Roth gelesen, als von der ebenso großartigen Herta Müller. Die Pressemeldung, dass sie den Nobelpreis zuerkannt bekommen hat, kam just während der festlichen Einweihung meines Holocaust-Memorials in Bukarest. Noch nie habe ich mit größerem Respekt und Anerkennung einem anderen Künstler den Vorrang in der internationalen Berichterstattung neidlos zuerkannt. Für alle Künstler aus Rumänien - seien es Schriftsteller oder bildende Künstler - bedeutet die Auszeichnung der literarischen Leistung Herta Müllers einen Gewinn. Gratulation!“

Prof. emerit. Peter Jacobi (Bildhauer)


„Was Literatur im Sinne von Sprach-Kunst leisten kann, erlebt man am Beispiel von Herta Müllers Büchern, ganz besonders an dem ihres jüngsten Romans ‚Atemschaukel’. Ihre große Sprachkunst setzt Menschen im wahrsten Wortsinne in Bewegung, löst mitunter heftige, auch überfällige gesellschaftspolitische und ethische Diskussionen aus, nicht nur hierzulande, sondern auch in Rumänien. Die Wahrheit des „Realen“, das oft genug das Schreckliche ist, erschließt sich uns nämlich über die künstlerische „Fantasie“ - so paradox das auch klingen mag - genauer als über statistische Daten und Fakten. Letztere können nicht unsere Vorstellungskraft und Empathie wecken, nicht unsere Herzen in Bewegung setzen. So legen wir denn Bücher über die Übel der Welt, über menschliches Leid und auch Niedertracht nicht resigniert beiseite, weil das Erlebte und Erforschte, über ästhetisches Vergnügen vermittelt, immer aufs Neue nur die antike Weisheit bestätigen: Res severa verum gaudium.“

Gudrun Schuster (Germanistin)


„Vereinnahmen wir Siebenbürger Sachsen Herta Müller zu Unrecht als ‚eine von uns’? Nein! Sie ist zwar keine Siebenbürger Sächsin und trotzdem „eine von uns“. Sie ist unter den gleichen Bedingungen eines totalitären Staates aufgewachsen, hat wie wir darunter gelitten und ihm den Rücken gekehrt, sobald das möglich war, und sie hat wohl ähnliche Erfahrungen gemacht in dem Prozess des sich Zurechtfindens in den neuen Umständen und Lebensbedingungen. Und das alles hat sie nicht nur sich, sondern auch uns von der Seele geschrieben und einer breiten Öffentlichkeit bekannt oder zumindest zugänglich gemacht. Wir haben also allen Grund, ihr zu der Nobelpreisverleihung nicht nur zu gratulieren, sondern ihr auch zu danken - dafür, dass sie den Fokus öffentlicher Wahrnehmung vom Zentrum auf den Rand, auf die Überschneidungs- und Verwerfungszone geleitet hat; aber auch dafür, dass sie uns mit ihrem Werk bewusst macht, dass im Schlechten (dem nationalkommunistischen Totalitarismus Ceauşescus) auch ein Gutes steckt; – oder wie erklärt man sonst diese Persönlichkeit und ihre Sprachmächtigkeit, die zu Recht mit dem höchsten Literaturpreis ausgezeichnet worden ist.“

Hans-Werner Schuster (Kulturreferent des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland)


„Für mich ist es wichtig, dass durch diese literarische Aufarbeitung der Deportation der Deutschen aus Rumänien in die Sowjetunion ein hier in der Öffentlichkeit wenig bekanntes Thema auf dem Wege der Literatur publik gemacht wird. Mein eigener Vater war ein Zwangsdeportierter. Er hat sich im Buch wiedergefunden und es hat ihn sehr angegriffen.“

Martin Rill (Historiker)


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Schlagwörter: Herta Müller, Oskar Pastior

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