19. März 2010

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Der Denker, eine Gefahr für die Gesellschaft

Dr. Carol Neustädter, 1947 in Hermannstadt geboren, bringt in seinen philosophischen Publikationen „etwas ganz Neues, Originelles; eine hohe Linie des deutschen Denkens, die an Fichte und Schelling erinnert“ (Constantin Noica). Seine Erfahrungen mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate in den letzten Jahren der kommunistischen Diktatur hat Neustädter im folgenden Text zusammengefasst. Zudem gewährt der in Hermannstadt lebende Philosoph Einblick in sein Werk, das sich vornehmlich mit den Klassischen Idealismus auseinandersetzt.
„So einer betrachtet jeden jungen intelligenten Kopf instinktiv als eine Gefahr für seine morsche Würde“, klagte bereits Albert Einstein. Vor einer Gefahr muss man sich schützen. „Aus Gründen des Selbstschutzes“ wies eine deutsche Hochschule meinen Antrag auf einen Vortrag zurück.

In der Diktatur gab es hochqualifizierte Fachkräfte, darin ausgebildet, die Gesellschaft vor Denkern in Schutz zu nehmen. Der Prozess von Kafka ist ein Roman. Das, was ich fünf Jahre lang erleben musste, ist kein Roman. (Das Buch Der gefangene Schrei berichtet darüber.) Etwa ein Jahr vor der Revolution kamen auch zu mir zwei feine Herren: „Wir haben nichts gegen Sie, aber bei so vielen Reklamationen müssen wir unsere Pflicht tun“, meinten sie. Auch Pilatus hatte nichts gegen Jesus Christus, musste aber den vermeintlichen Volkswillen durchsetzen.

In den Tagen der Revolution war ich bei meinen Eltern in Hermannstadt. Nachher sagte mir meine Freundin, dass eine fremde Stimme ihr geantwortet habe, als sie mich in meiner Wohnung in Konstanza (Constanţa) angerufen habe. Die Securitate hatte sich durch ihren Informanten, der leider mein Freund war, einen Schlüssel meiner Wohnung besorgt. Das steht in den Akten.

Keines der von dem rumänischen Philosophen Constantin Noica geschriebenen Bücher lag mehr als einige Stunden in den Buchhandlungen und dies vielleicht deshalb, weil die unpolitische Philosophie eine Form des Widerstandes war. Frau Călina Mare, die den historischen und dialektischen Materialismus an der Universität in Klausenburg unterrichtete, versicherte mir Mitte der achtziger Jahre: „Ich bin überzeugt, dass Sie einen anderen Standpunkt als den unsrigen argumentieren können.“ Als ich meinte, dass auch in meiner Philosophie die Dialektik im Mittelpunkt stehe, genau wie im Marxismus, sagte sie: „Der Marxismus ist nicht Dialektik. Das Proletariat kann auch ohne Bourgeoisie leben.“ Als Erster im Staat war Nicolae Ceauşescu auch der Erste in der Philosophie. Es gab eine einzige Partei und Philosophie.

Wenn jemand so bekannt wie Constantin Noica war, konnte die Securitate ihn nicht einfach beseitigen, ohne dem Ansehen des Staates zu schaden und sich dadurch selber der staatsfeindlichen Handlung schuldig zu erweisen. So einer wie ich konnte problemlos weggeräumt werden. Wenn 1989 nicht die Revolution ausgebrochen wäre, hätte die Securitate vielleicht doch noch dem Volkswillen entsprochen und mich weggeräumt. Ich blieb am Leben, wurde aber nicht Nutznießer der Wiedergutmachung, sondern Opfer von Wiederschlechtmachungen.

Wissenschaft und Philosophie vereinigt

Heute habe ich keine Probleme mehr mit dem Marxismus, sondern mit dem klassischen Idealismus. Für den klassischen Idealismus ist das Erkennende mit dem Erkannten identisch. Seine Philosophie ist eine Identitätsphilosophie und sein Dichter ist Goethe: „Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft, / Wie könnten wir das Licht erblicken? / Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / Wie könnt uns Göttliches entzücken?“ Hat das erkennende Ich etwa auch räumliche Dimensionen und ein Gewicht wie das erkannte Objekt? Kann auch das Objekt erkennen?

Diese falschen Voraussetzungen führen zu Widersprüchen, unannehmbaren Schlussfolgerungen. Für Hegel gibt es nichts, was außerhalb und unabhängig vom Ich ist. Wie ist in einer Identitätsphilosophie, aus der die Unterschiede weggelassen werden, Dialektik überhaupt möglich? Für Kant ist der Raum bloß eine Vorstellung. (Reisen die Raumfahrer in ihren Vorstellungen?)

In meiner Philosophie ist das Erkennende mit dem Erkannten identisch und unmittelbar absolut verschieden von ihm. Das übersteigt die Alltagserfahrung. Zwei Münzen können nicht identisch und unmittelbar absolut verschieden voneinander sein. Aber das erkennende Ich ist keine Münze. Es besitzt keine räumlichen Dimensionen, genau wie die Zeit, und im Falle der Zeit kann man schon wissenschaftlich begründete Aussagen machen. Die Zeit von einer Stunde im Raumschiff kann der Zeit von zehn Stunden auf der Erde entsprechen.

Einstein hat gezeigt, dass die Lichtgeschwindigkeit eine andere Geschwindigkeit als alle anderen Geschwindigkeiten ist, und ich habe gezeigt, dass die Beziehung der Erkenntnis zu ihrem Objekt eine andere Beziehung als alle anderen Beziehungen ist. Sie ist nicht durch klassische Begriffe, die wir aufgrund von Erfahrung bilden, erfassbar. Der klassische Idealismus arbeitet mit klassischen Begriffen.

Der klassische Idealismus akzeptiert das Unbegreifbare nicht. Für Hegel ist auch das Absolute begreifbar. Nur seine eigene Philosophie bleibt unbegreifbar.

Das Ich wird vom klassischen Idealismus als das Absolute thematisiert. Aber das Absolute gibt es auch in der Quantenphysik. Die Konstante der Lichtgeschwindigkeit ist absolut, und in der Welt der Elementarteilchen gibt es keine Ursachen. Hier regiert das Unbedingte, und das Unbedingte ist das Absolute. Meine Theorie über das Absolute ist wie eine Münze mit zwei Seiten. Die eine Seite ist das Ich und die andere Seite die Quantenphysik. Meine Theorie über das Absolute hat Wissenschaft und Philosophie vereinigt. Hegels Theorie über das Absolute hat die Philosophie von der Wissenschaft getrennt.

2004 schickte ich Prof. Dr. Ludger Lütkehaus eine Kurzfassung meiner Philosophie auf einigen Seiten. Er schrieb damals von einem „respektablen Versuch, den Idealismus wissenschaftlich zu reformulieren und zu rehabilitieren“. Ich hoffe, dass mir das heute endlich gelungen ist.

Dr. Carol Neustädter

Carol Neustädters Bücher „Der klassische und der moderne Idealismus“ und „Schrei des Wassers“ (Gedichtband) sind zum Preis von je 4,00 Euro in der Schiller- und Erasmus-Buchhandlung in Hermannstadt, Telefonnummer in Deutschland: (02 28) 90 91 95 57, Internet: www.schiller.ro, erhältlich. Das Buch „Der gefangene Schrei“ (12,80 Euro) kann unter der ISBN 3-934869-33-5 ebenfalls dort und in jeder deutschen Buchhandlung bestellt werden.

Schlagwörter: Philosophie, Securitate, Hermannstadt

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