7. April 2012

Bürokratie behindert Rückgabe

Die Rückgabe mobiler Kulturgüter an die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien erweist sich als ein sehr langwieriger Prozess. Die Restitution der Brukenthal-Sammlungen an die Hermannstädter Gemeinde ist ein besonders prägnantes Beispiel. Die Inventarisierung der Sammlungen soll in diesem Frühjahr abgeschlossen werden. Der Zeitpunkt der tatsächlichen Rückgabe bleibt jedoch unklar. Hauptproblem ist die Klassifizierungspflicht.
Eine seiner Hauptaufgaben sei es, die Restitution der mobilen Kulturgüter zu einem Ende zu bringen, erklärt Frank-Thomas Ziegler, seit 2009 Kustos der Gemeinde. Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, machen seine Ausführungen deutlich. Auf ca. 1,6 Millionen Exponate schätzt er den Bestand in den Einzelmuseen des Brukenthal-Museumskomplexes. Davon entfallen etwa 230000 Sammlungs- und Ausstattungstücke auf den restitutionsfähigen Bestand – allein diese Zahlen verdeutlichen den Umfang der Aufgabe. Wie viele restitutionsfähige Objekte die Sammlungen exakt beinhalten, wird man in diesem Frühjahr wissen, gibt sich Frank-Thomas Ziegler gewiss. Der Kustos der evangelischen Gemeinde glaubt, dass die Inventarisierung dann abgeschlossen sein wird.
Frank-Thomas Ziegler setzt sich für Restitution ...
Frank-Thomas Ziegler setzt sich für Restitution mobiler Kulturgüter ein. Foto: H. Wermke
Seit 2006 führen Vertreter der Gemeinde und des Museums in sogenannten Inventarisierungskommissionen (2006-2008, 2009-2012) eine Aufnahme des restitutionsfähigen mobilen Kulturgutes durch, sprich jenes Teils der heutigen Museumssammlungen, der einst der evangelischen Gemeinde gehörte und am 5. November 1948 nationalisiert worden ist. Die sogenannten Brukenthal-Sammlungen, die der Kirchengemeinde Hermannstadt laut einer Vereinbarung zwischen dem rumänischen Staat (Decizie 614) vom 21. November 2005 rückerstattet werden sollen, wurden laut Ziegler in zwei Sammlungsperioden zusammengetragen. Die erste, europäisch geprägte Sammlungsetappe datiert Ziegler in die Zeit zwischen der Rückkehr Samuel von Brukenthals aus Wien nach Hermannstadt als siebenbürgischer Gubernator 1777 und dessen Tod im Jahr 1803. „Das ist die berühmte Sammlung Brukenthal, die in der Wiener Periode zusammengetragen worden ist, wozu nicht nur die europäische Gemäldegalerie gehört, sondern auch die Bibliothek, die Grafiksammlung und die Sammlung von Münzen und Medaillen“, zählt der Kustos auf.

Die Eröffnung des Brukenthal-Museums im Jahr 1817 markiert den Beginn der zweiten, „siebenbürgisch-sächsischen“ Sammlungsetappe, die bis zur Nationalisierung 1948 andauert. „Es begann die Zeit, da das Museum nicht nur von der Kirchengemeinde Hermannstadt, sondern von sehr vielen, sagen wir, fast allen siebenbürgisch-sächsischen Gemeinden als Hort für ihre Kirchenschätze genutzt wurde.“ Besonders nachdem die Hermannstädter Gemeinde 1872 auch in den Besitz des Palais gelangte, begann eine „explosionsartig startende Sammlungstätigkeit“.

Erschwert wird die Restitution durch die Zerstreuung der Sammlungen. In kommunistischer Zeit wurde ein Teil in Bukarester Museen verbracht, darunter einige sehr wichtige siebenbürgisch-sächsische Kulturgüter, zum Beispiel der Hermannstädter Codex Altemberger aus dem 16. Jahrhundert, Brukenthals Siegelring oder Bockelnadeln und Hefteln sächsischer Trachten. Rund 3000 Objekte befinden sich im Besitz des Hermannstädter Astra-Museums. Dokumente aus dem Brukenthal-Museum sind im Bestand des Hermannstädter Nationalarchivs. Das Kulturministerium sträubt sich, die Gültigkeit des Restitutionsbeschlusses von 2005 auch für diese Objekte anzuerkennen. Ziegler stellt in Aussicht, dass man sich nach dem Abschluss der Inventarisierung dieses Themas stärker annehmen werde.

Nach Auffassung der Kirchengemeinde wäre mit der bald abgeschlossenen Inventarisierung im Brukenthal-Museum die gesetzliche Voraussetzung für die effektive Rückgabe der mobilen Kulturgüter erfüllt. Das Kulturministerium verlangt vor der Restitution jedoch die Klassierung der mobilen Kulturgüter. Hinter diesem Vorgang verbirgt sich ein bürokratisches Monster, das nicht nur die Gemeinde vor Probleme stellt. Die Museen in ganz Rumänien sind mit dieser Aufgabe überfordert. Die Nationale Denkmalkommission Cimec verzeichnet auf ihrer Internetseite aktuell 23600 klassierte Objekte in ganz Rumänien. Das Brukenthal-Museum, ein Vorreiter in dieser Hinsicht, hat bislang 1609 Objekte klassiert. Bleibt es bei diesem Tempo, dann erleben erst künftige Generationen die vollständige Restitution. Hoffnungsschimmer sind gelegentliche Rückgaben. Vertreter der Gemeinde und des Museums unterzeichneten Restitutions- und Nutzungsverträge für 595 Objekte. Bislang wurden der Gemeinde erst knapp 1000 Objekte zurückerstattet.

Holger Wermke

Schlagwörter: Restitution, Brukenthal, Museum

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